Mythos Kennedy

Haben Aliens ihn ermordet? Eine absurde Frage, finden Sie. Im Zusammenhang mit JFK, seinem Werdegang und schließlich seinem frühen Tod gehören seltsame Theorien und Thesen jedoch dazu. In diesem Sinne wurde die Alien-These, was man soeben vielleicht erwarten würde, nicht von einem sensationsheischenden Boulevard-Blatt, sondern  in der Zeit-Online vom 22. November 2013 unter der Überschrift „Wer hat JFK wirklich erschossen?“ diskutiert und vorgestellt.

Was aber ist wirklich geschehen?

Als John Fitzgerald Kennedy, im Familienkreis Jack genannt, vor einhundert Jahren am 29. Mai 1917 in Brookline, Massachusetts, geboren wurde, da lag der für den Ausgang des 1. Weltkriegs so bedeutsame Kriegseintritt der USA noch keine zwei Monate zurück. Unruhige Zeiten also, in denen die Eltern Joseph Patrick, genannt Joe, und Rose ihr zweitältestes von insgesamt neun Kindern, ans Licht der Welt brachten. Sowohl die Kennedys, die Vorfahren von Vater Joe, als auch die Fitzgeralds, die Vorfahren von Mutter Rose, waren Einwanderer aus Irland, die in der Folge der katastrophalen Hungersnöte Mitte des 19. Jahrhunderts den Sprung über den Atlantik wagten, um in Boston ein neues, ein besseres Leben zu beginnen. Mit Ehrgeiz, Fleiß und harter Arbeit, gepaart mit Gottesfurcht und einem gehörigen Maß an Geschäftstüchtigkeit und Intelligenz, gelangte schon die zweite Einwanderergeneration, die Elterngeneration von Rose und Joe, zu nicht unbeträchtlichem Wohlstand. Der Vater von Rose schaffte es, sogar Kongreßabgeordneter und Bürgermeister von Boston zu werden. War es Jack Kennedy, dem römisch-katholischen Sproß wohlhabender Eltern, somit schon in die Wiege gelegt, was er einmal werden sollte, der 35. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika. Wohl kaum!

Mehrere Umzüge und die damit verbundenen Ortswechsel an der Ostküste fanden während Kindheit und Jugendzeit statt. Der Freund historischer Romane von Sir Walter Scott verbrachte die weiterführende Schulzeit im Internat Choate und begann sein Studium an der Universität Princeton. Verschiedene Kranheiten, die zum lebenslangen Begleiter werden sollten, führten zum Studienabbruch 1935/36. Währenddessen ist es dem Vater Joe, einem wichtigen Berater Präsident Franklin D. Roosevelts, gelungen in der Politik Fuß zu fassen, obwohl ihm zu seinem großen Bedauern das Amt des Finanzministers versagt bleiben sollte. Dafür ist er dann Anfang 1938 US-amerikanischer Botschafter in London geworden. In den Lebenserinnerungen „Alles hat seine Stunde“  der Mutter Rose Fitzgerald Kennedy aus dem Jahr 1974 heißt es auf Seite 225 über diese Zeit: „Jack setzte sein begonnenes Studium in Harvard fort und konnte, da er an Sonderkursen teilnahm, schon 1940 sein erstes Examen bestehen. In seiner Abschlußarbeit untersuchte er die Gründe, die die britischen Regierungen unter Stanley Baldwin und Neville Chamberlain dazu veranlaßt hatten, nicht genügend aufzurüsten, um gegen das immer stärker werdende militärische Potential Deutschlands ein Gegengewicht zu schaffen, und die damit das Münchner Abkommen notwendig gemacht hatten. Dieser Arbeit gab er den Titel „Appeasement in Munich“ (Beschwichtigung in München).“

Die Kriegszeit sah ihn dann als Marineoffizier im Pazifik seinen Dienst auf einem Patrouillenboot versehen, das von einem japanischen Schiff versenkt wurde, so dass Kennedy zu einer Insel schwimmend gerade noch mit dem Leben davonkam. Sein älterer Bruder Joe jr. sollte nicht so viel Glück haben, als er im Sommer 1944 durch Explosionen in seinem Flugzeug zu Tode kam. Hatten sich die Hoffnungen des Vaters stets auf den ältesten Sohn gerichtet, in der Politik eine erfolgreiche Karriere zu starten, so ging diese Erwartungshaltung auf den Zweitältesten über, der dann auch bereits 1946 Kongreßabgeordneter geworden ist.

Als er schließlich Präsident wurde, waren schon die Zeitgenossen fasziniert und der Prozeß der Überhöhung zu einer Gestalt fast mythischen Ursprungs nahm seinen Lauf. Was hat zur Bildung des Mythos beigetragen? Es ist eine Mischung aus individuellen Faktoren und gesellschaftlichen Erwartungshaltungen und Einschätzungen, die jedenfalls nach Meinung des Bloggers dafür kausal sind. Auf der individuellen Seite sind wichtige Pluspunkte auf der Habenseite die jugendliche Frische und blendende Ausstrahlung, welche JFK zu eigen waren. Beides darf nicht unerwähnt bleiben, und zwar nicht nur im Vergleich mit seinem republikanischen  Wahlkampfgegener Richard Nixon oder seinem Vorgänger als Präsident Dwight D. Eisenhower. Ein amerikanischer Romancier hat ihn als stets braungebrannt wie ein Skilehrer beschrieben. Dazu kommt die Begabung als Redner mit der Fähigkeit zu visionärer Betrachtung, wie sie beispielsweise beim Thema bemannte Weltraumfahrt sichtbar wird. Die Heirat mit der glamourösen Jacqueline, genannnt Jackie, und die professionelle mediale Präsentation des Familienlebens sind ebenso hinzuzählen wie der frühe, allzu frühe Tod durch die Schüsse eines Attentäters am 22. November 1963 in Dallas, Texas.

Geht man von den persönlichen Faktoren über zum gesellschaftlichen Rahmen, so fallen die Jahre von Kennedys Präsidentschaft in die Zeit der sich immer mehr formierenden Bürgerrechtsbewegung, es war die Zeit, in der sehr viele daran glaubten, sie könnten die Gesellschaft wirklich verbessern. Schon 1954 hatte der Oberste Gerichtshof (Supreme Court) die Rassentrennung in Schulen als Unrecht angesehen und ordnete deren Aufhebung an. Im August 1963 hat Martin Luther King beim Marsch auf Washington seine berühmte Rede („I have a dream…“) gehalten. Bis zur Unterzeichnung des wichtigsten Bürgerrechtsgesetzes der USA, des Civil Rights Act, sollte es schließlich bis zum Juli 1964 dauern. Es sollte also bis zur Präsidentschaft Lyndon B. Johnsons dauern bis ein Gesetz die im Süden de jure bestehende Rassentrennung in öffentlichen Einrichtungen wie Hotels, Bussen, Zügen oder sanitären Einrichtungen beseitigte (vgl. www.deutschlandfunk.de). Für viele der Hoffenden, Wünschenden und Träumenden gab JFK die Projektionsfläche, derer es bedurfte, um sich eine bessere Welt vorzustellen.

Weltweite Anerkennung erwarb er außenpolitisch, als es ihm im Oktober 1962 während der Kuba-Krise gelang, die atomare Bedrohung durch auf der Karibikinsel installierte Raketenbasen und Fluzeuge sowjetischer Provenienz abzuwenden. Doch warum hat es zu diesem Szenario kommen müssen? Es sei darauf hingewiesen, dass nach der Vertreibung von Diktator Batista im Januar 1959 und die Machtübernahme durch die kommunistische Bewegung unter Fidel Castro wohl auch andere Optionen bestanden hätten, als diejenige, die man als Reaktion auf Verstaatlichung und Enteigungen US-amerikanischer Vermögenswerte, gewählt hat. Die Invasion in der Schweinebucht im April 1961 war nicht nur wegen ihres Scheiterns eine dumme Idee, sondern sie trieb die Kubaner auch geradewegs den Sowjets in die Arme. Damit ist dann das politische Konfliktgebiet erfaßt, das die Welt zur Zeit des Kalten Krieges so sehr bestimmen sollte: die Auseinandersetzung westlich geprägter Demokratien mit den kommunistischen Ländern. Kennedy war von der Richtigkeit der Domino-Theorie überzeugt, nach der, sobald ein Land in einer Region auf Moskaus Seite überschwenkte, automatisch andere in der Nähe befindliche Länder folgen würden. Daher jetzt auch das beginnende Vietnam-Engagement der USA, wobei es Stimmen gibt, die dem gewieften Außenpolitiker Kennedy zugetraut hätten, das Desaster, in das Lyndon B. Johnson, der seine Vorzüge eher auf innenpolitischem Gebiet hatte, hineigestolpert ist, zu vermeiden.

Mors certa, hora incerta (dt. Übersetzung: Der Tod ist sicher, die Stunde ungewiss.)

Beschäftigt man sich mit jenem 22. November 1963, jenem Tag, der sich bald zum vierundfünfzigsten Mal jährt, so soll zunächst daran erinnert werden, dass die Warren-Kommission 1964 ihrer Überzeugung Ausdruck verliehen hat, Lee Harvey Oswald habe als Alleintäter gehandelt. Er selbst hat seine Täterschaft bestritten, wurde aber von dem Nachtclubbesitzer Jack Ruby erschossen, bevor die Strafverfolgungsbehörden sich genauere Aufschlüsse verschaffen konnten. Es sind diese merkwürdigen Umstände, die über die Jahrzehnte Spekulationen und Zweifel genährt haben, es könne alles ganz anders gewesen sein. Spekulationen und Annahmen sind allerdings keine gerichtsfesten Beweise. Die vielen Akten zum Fall, die noch immer unter Verschluss, am 26. Oktober 2017 ihrer gesetzlich vorgegebenen Freigabe und Veröffentlichung durch das National Archiv harrten, mögen jedoch geeignet sein, etwas mehr Licht ins Dunkel zu bringen. Nur wenige Tage nach erwähntem Datum bleibt festzuhalten, dass von Vollumfänglichkeit bei der Aktenfreigabe nicht die Rede sein kann.

In diesem Kontext scheint es nicht unpassend zu sein, an die Abschiedsrede von Kennedys Amtsvorgänger Eisenhower zu erinnern, der am 17. Januar 1961 vor dem militärisch-industriellen Komplex warnte: „Wir dürfen es nie zulassen, dass die Macht dieser Kombination unsere Freiheiten oder unsere demokratischen Prozesse gefährdet.“
Der Blick in die Gegenwart läßt diesbezügliche Fortschritte, so es denn solche überhaupt gibt, erstaunlich überschaubar erscheinen.

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