China: Heute Weltmacht, gestern Spielball von Kolonialmächten

Die 1949 gegründete Volksrepublik China nimmt heute wie selbstverständlich auf der weltpolitischen Bühne eine tragende Hauptrolle ein. Kaum jemand würde dies ernsthaft bestreiten wollen. Angesichts eines Staatsgebiets, das eine Fläche von fast 9,6 Millionen Quadratkilometern umfasst und damit 27mal so groß wie dasjenige Deutschlands ist und einer Bevölkerung, die annähernd 1,4 Milliarden Menschen zählt, ist es nicht weiter verwunderlich.

Der US-Politologe Graham Allison hat, indem er konkreten Bezug auf das Reich der Mitte nahm, vor gar nicht langer Zeit auf die Fallstricke der sogenannten Thukydides-Falle aufmerksam gemacht, in die die USA hineingeraten könnten. In Anlehnung an die antike Situation des 5. vorchristlichen Jahrhunderts als Sparta sich vom Aufstieg Athens herausgefordert sah, was schließlich im Peloponnesischen Krieg mündete, hat Allison Parallellen dazu in unserer Gegenwart ausmachen können. Im 2017 erschienenen „Destined for War: Can America and China Escape Thucydides´s Trap?“ können die entscheidenden Argumente und Thesen des Autors nachvollzogen werden.

Die Referenz, die damit gegenüber dem griechischen Historiker Thukydides erwiesen wird, dem ersten in einer langen Ahnenreihe, dessen Fähigkeiten, kausale Zusammenhänge in der Verzweigtheit der Geschichte aufzuzeigen und zu analysieren auch in der Gegenwart faszinieren, ist sicher verständlich. Ob allerdings zwei Stadtstaaten, von denen besagtes Athen sich 17 Jahre vor Kriegsbeginn zum Oberhaupt des Attischen Reiches aufgeschwungen hat, und zwar nach Verlegung der Bundeskasse von der Insel Delos in die sakrale Aura des heimischen Parthenon auf der Akropolis, ob also Athen und Sparta, die gerade einmal die Ägäis im Küstengebiet vollständig beherrscht haben, geeignet sind, eine zutreffende historische Analogie zu bilden, darf gewiss hinterfragt werden.

Denn schließlich sind es mit den USA und China zwei riesenhafte Territorialstaaten, denen nahegelegt wird, nicht in die Falle des Thukydides hineinzutappen. Allerdings schnappte die Falle in den vergangenen 500 Jahren in zwölf von Graham Allison untersuchten Fällen zu, nur viermal war ein friedlicher Ausgang beschieden.

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China, schematische Darstellung

Gleichermaßen bedenkenswert und bedenklich ist der Umstand, dass es sich hierbei keineswegs um eine Einzelmeinung handelt. Bereits vor mehr als zwanzig Jahren hat Samuel Huntington in seinem Clash of Civilizations folgendes Szenario beschrieben: „Wie könnte sich bei dieser amerikanischen Interessenlage ein Krieg zwischen den USA und China entwickeln? (…) Die Chinesen warnen die USA vor einer Einmischung. Japan und die anderen Nationen Asiens sind unschlüssig. Die USA erklären, dass sie die Eroberung Vietnams durch China nicht akzeptieren können, fordern Wirtschaftssanktionen gegen China und entsenden einen ihrer wenigen noch verbliebenen Flugzeugträger-Kampfverbände in das Südchinesische Meer. Die Chinesen verurteilen dies als Verletzung chinesischer Hoheitsgewässer und unternehmen Luftangriffe gegen den Kampfverband. (…) Da sowohl China als auch die USA über Raketen verfügen, die Kernwaffen in das Gebiet des Gegners tragen können, herrscht ein stillschweigendes Unentschieden, und in der Anfangsphase des Krieges werden diese Waffen nicht eingesetzt.“ (s. Samuel P. Huntington, Kampf der Kulturen, München, Wien 1998, S. 515f.)

In einem wichtigen Punkt hat die Wirklichkeit Huntingtons Szenario in der Gegenwart schon überholt. Wirtschaftssanktionen werden nicht nur gefordert, sondern sind in Form von Sonderzöllen auf verschiedenartige chinesische Produkte wie zum Beispiel Elektroroller, Motorräder, Eisenbahnwaggons, Halbleiter und aus Kunststoff bestehende Abflussrohre beim Import in die USA bereits verhängt worden. Worauf man in Fernost versucht hat, mit gleicher Münze zu reagieren. Und just beim Verfassen dieser Zeilen wird die Spirale der Eskalation weitergedreht.

Bemerkungen zur Ökonomie

Wer erinnert sich nicht an Fernsehbilder aus den frühen Tagen des Farbfilms, wo uniform in blaue Arbeitskluft gewandete Menschen den Aufgaben ihres Arbeitsalltags nachgekommen sind? Sie gehören mittlerweile einer sich immer weiter entfernenden Vergangenheit an. Ebenso wie die Zeiten des vom Staatsgründer Mao Zedong – dem nahezu allmächtigen Steuermann des von kommunistischen Ideen inspirierten Staatsschiffs – ins Leben gerufenen „Großen Sprung nach vorn“ mit dem Jahr 1961 als abgeschlossen betrachtet werden dürfen. Ein wichtiges Element damals waren Anlage und Bau von Staudämmen und Bewässerungsanlagen, um Produktionssteigerungen in der Landwirtschaft zu erreichen, was für die traditionell von den Segnungen des Ackerbaus lebende rurale Bevölkerung von enormer Wichtigkeit war. Allein, der Widerspruch zwischen Planerfüllungsziffern und einer funktionierenden Grundversorgung der Menschen sollte sich als zu groß erweisen. Wohl mehr als 30 Millionen von ihnen wurden Opfer katastrophaler Hungersnöte.

Als Deng Xiaoping in den frühen 1980er Jahren politisch maßgeblich war, sollte er sukzessive die Stellschrauben der Kollektivierung in der Landwirtschaft zurückdrehen. Eigener Landbesitz war zwar nach wie vor nicht möglich, aber immerhin Eigentum an den hergestellten Produkten. Die Einrichtung von Sonderwirtschaftszonen in der wichtigen südöstlichen Provinz Guangdong (Shenzhen, Zhuhai), Xiamen in der Provinz Fujian und der gesamten Provinz Hainan brachte für Investoren rechtliche und administrative Erleichterungen mit sich, durch die das Wirtschaftsleben befördert wurde. Der alten portugiesischen Kolonie Macau, heutzutage als Spielerparadies reüssierend, und dem ehemals britischen Hongkong sollte späterhin ein noch privilegierterer Status als Sonderverwaltungsregion zukommen.

Im Jahr 2001 war es dann soweit, dass China der Welthandelsorganisation (WTO) beitreten konnte. Vertraglich wurden die Wechselbeziehungen zwischen den Staaten festgelegt. Einerseits wurden die Märkte in aller Welt für chinesische Waren geöffnet, und andererseits wurde ausländischen Firmen der Markteintritt in China ermöglicht. Das im Vergleich zu westlichen Industrieländern geringe Lohnniveau erhob das Land in bis dato unbekannte Regionen, so dass man von der Werkbank der Welt zu sprechen begann. Chinas ausschließlich Überschüsse aufweisende Handelsbilanz für die Jahre von 2007 bis 2017 weist im Jahr 2011 mit 154 Milliarden Dollar den geringsten Zahlenwert auf und 2015 mit 593 Milliarden Dollar den höchsten, womit signifikante Hinweise auf eine boomende Exportwirtschaft gegeben sind. Unter anderem damit konnten ausweislich der Angaben der Zentralbank bis März 2018 Devisenreserven in Höhe von 3,4 Billionen Dollar (=3400 Milliarden Dollar) angehäuft werden. Da die USA nur über einen kaum 5 Prozent ausmachenden Bruchteil davon verfügen, nähern wir uns allmählich dem an, was den Strategen am Potomac die meisten Sorgen bereiten wird.

Kolonialzeitliches Dilemma

Im frühen 15. Jahrhundert zur Zeit der Ming-Dynastie bereiste ein chinesischer Seefahrer mit Namen Zheng He den Indischen Ozean bis zur ostafrikanischen Küste, grob gerechnet ein Dreivierteljahrhundert bevor Vasco da Gama zu seiner legendären Fahrt um das Kap der Guten Hoffnung nach Indien antrat. Doch während Vasco zuvorderst den Ruhm der portugiesischen Seefahrernation begründete, wurden seltsamerweise die Schiffe und Konstruktionszeichnungen von Zheng He, auch seine Reiseaufzeichnungen der Vernichtung anheimgegeben. Man vermutet, dass die um ihren vorherrschenden gesellschaftlichen Status fürchtenden Mandarine, die kaiserlichen Beamten und Bürokraten, auf keinen Fall wagemutigen und risikofreudigen Fernhändlern, Seefahrern und Kaufleuten ein sie selbst überragendes Maß an Bedeutung zukommen lassen wollten, das ihnen im Austausch und Verkehr mit fremden Völkern und Ländern wohl unschwer zugefallen wäre. Anstatt Aufbruch wählte man die Isolation. Das bis zu jenen Tagen technologisch mit großem Vorsprung ausgestattete kaiserzeitliche China gab ergo ohne Not an wissbegierige, erkenntnisfreudige Westeuropäer die Führungsposition ab. Deren rasante Fortschritte in Kartenkunde und Geographie, Konstruktion und Bau von nautischen Instrumenten und verbesserten hochseefähigen Schiffstypen sowie deren Ausstattung mit Geschützen, die global ihres gleichen nicht hatten, sollte sich schließlich im 19. Jahrhundert nachhaltig rächen.

Spätestens die sogenannten Opiumkriege um die Jahrhundertmitte herum dürften die aus dem Norden stammende seit der Mitte des 17. Jahrhunderts regierende Dynastie der Qing-Kaiser darauf aufmerksam gemacht haben, dass sich etwas verändert hat. Es waren die Briten, die über den Hafen von Kanton, das heutige Guangzhou, vor allem Tee, Porzellan und Seide bezogen, im Gegenzug aber kaum Begehrenswertes anzubieten hatten. Was in der Gegenwart mit die Hauptursache für den Handelskonflikt der USA mit China ist, das bedeutende zwischenstaatliche Handelsdefizit, war auch damals Ursache der Differenzen. London glaubte es am besten durch die Lieferung großer Mengen von Opium lösen zu können. Da die Chinesen es zusehends überdrüssig waren, weite Teile der eigenen Bevölkerung in den Niederungen der Drogenabhängigkeit versinken zu sehen, war irgendwann der casus belli gegeben. Er sollte für das Reich der Mitte mit einer krachenden Niederlage und überaus demütigenden Friedensverträgen enden. So musste etwa Hongkong an die Briten abgetreten werden, deren Kriegskosten zumal vollständig übernommen zu werden hatten.

Doch damit nicht genug. Das nunmehr eingeläutete Zeitalter der ungleichen Verträge zwischen China und den maßgeblichen westlichen Mächten wie Großbritannien, Frankreich, den USA, aber auch Russland und Japan rührte an die Grundfeste staatlichen Seins. Die Folge waren nämlich Einschränkungen der Souveränität bei der Ausgestaltung von Politik, Verwaltung und Gerichtsbarkeit. Die Öffnung von Häfen für Handelsaktivitäten und die Öffnung des Landes für die christliche Mission mussten zudem hingenommen werden. Bestrebungen der noch immer herrschenden Qing-Dynastie das Land nach dem Vorbild Japans, das es in der sogenannten Meiji-Revolution seit den späten 1860er Jahren geschafft hatte nach westlichem Beispiel zu industrialisieren, kamen zu spät, zu zaghaft. Als die kaiserliche Familie zum Zeitpunkt der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert in den Wirren des Boxeraufstands aus den Palastanlagen der Verbotenen Stadt in Peking vor den anrückenden Regimentern der westlichen Fremdmächte sich zur Flucht gezwungen sah, war der Tiefpunkt erreicht. Die Institution des Kaisertums sollte sich davon nicht mehr erholen. China wurde 1912 Republik.

Gegenwärtige Entwicklungen

Mit diesen geschichtlichen Erfahrungen als Ballast im Marschgepäck begegnet die chinesische Regierung aktuellen strategischen Herausforderungen wie sie sich quasi vor der eigenen Haustür im Süd- und Ostchinesischen Meer abzeichnen. Es sind die Spratly-, Paracel- und Senkaku-Inselgruppen, auf die ebenfalls andere Anrainerstaaten wie Japan, Vietnam oder die Philippinen Hoheitsrechte beanspruchen. Je nachdem, wer sich hier in überaus komplexen seerechtlichen Entscheidungsprozessen in einem völkerrechtlich verbindlichen Sinn durchsetzen wird, werden Wirtschaftszonen zur eigenen Nutzung abschließend definiert werden können. Dabei geht es unter anderem um reichhaltige Fischgründe und die Förderung von Erdöl.

In diesem Zusammenhang, China könnte sich ja im Verlauf eines weiter zuspitzenden Konflikts einer partiellen Sperrung lebensnotwendiger Schifffahrtswege wie dem Nadelöhr der Straße von Malakka ausgesetzt sehen, ist wohl die intensive Suche nach anderen landgestützten Alternativen zu sehen. Dem 2013 von Xi Jinping ins Leben gerufenen Projekt der Neuen Seidenstraße (One Belt, One Road = OBOR) kommt dabei entscheidende Bedeutung zu. Als Vehikel zur Finanzierung und gleichfalls als Gegenentwurf zum von Washington dominierten Internationalen Währungsfonds (IWF) und zur Weltbank ist dazu die Asiatische Infrastrukturinvestmentbank (AIIB) ins Leben gerufen worden. Deren Gründungsurkunde wurde am 29. Juni 2015 in Peking von 57 Ländern unterzeichnet, die USA, Kanada und Japan waren nicht dabei.

Die eingangs skizzierten sorgenvollen Konzeptionen von Allison und Huntington werden dadurch abgerundet, dass China schon heute in Zukunftsfeldern wie Informations- und Biotechnologie, E-Mobilität und vor allem auch Künstlicher Intelligenz (KI) sehr präsent, teilweise führend ist. Stefan Baron und Guangyan Yin-Baron haben dazu bemerkt: „Künstliche Intelligenz gilt allgemein als d i e Schlüsseltechnologie von morgen, nicht zuletzt auch für die Kriegführung der Zukunft. In ihrer Bedeutung wird sie von vielen Experten auf eine Stufe mit der Elektrizität gestellt. Während KI hierzulande bisher meist verbunden mit der Angst um den Verlust von Arbeitsplätzen diskutiert wird, glaubt China offensichtlich genau an das Gegenteil: einen neuen Markt, der viele neue Arbeitsplätze schaffen kann und für den, der dabei zuerst kommt, eine wirtschaftliche, politische und militärische Führungsrolle in der Welt bereithält.“ (s. Stefan Baron u. Guangyan Yin-Baron, Die Chinesen. Psychogramm einer Weltmacht, Berlin 2018, S. 267)

Wohin die Reise geht, wird sich erweisen!

Bildnachweis©derblogger

 

 

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