Buchbesprechung: „1870/71: Der Mythos von der deutschen Einheit“ von Tillmann Bendikowski

Nachdem sich der Hamburger Historiker Tillmann Bendikowski bereits vor einigen Jahren als Autor mit Friedrich dem Großen beschäftigt hat, liegt seit Mai 2020 seine neueste Arbeit zum Thema preußisch-deutscher Geschichte vor. Der Titel 1870/71″ verweist darauf, dass thematisch die Reichsgründung, die Erschaffung des von vielen Beobachtern als zeitlich überfällig wahrgenommenen Nationalstaats und die Kaiserproklamation im Spiegelsaal des Schlosses von Versailles im Mittelpunkt stehen. Ereignisse, die von Zeitgenossen so aufgenommen werden konnten, wie Heinrich August Winkler es im ersten Band von „Der lange Weg nach Westen“ vor zwanzig Jahren beschrieben hat: „Die Begeisterung derer, die jahrzehntelang auf die Einheit Deutschlands hingearbeitet hatten, kannte keine Grenzen. Am 27. Januar 1871 – dem Tag, an dem Sonderausgaben der Zeitungen die bevorstehende Kapitulation von Paris meldeten – bekannte sich der damals dreiundfünfzigjährige nationalliberale Bonner Historiker Heinrich von Sybel in einem Brief an den gleichgesinnten, in Karlsruhe lehrenden Historiker Hermann Baumgarten zu seinen Freudentränen. „Wodurch hat man die Gnade Gottes verdient, so große und mächtige Dinge erleben zu dürfen? Und wie wird man nachher leben? Was zwanzig Jahre der Inhalt alles Wünschens und Strebens gewesen, das ist nun in so unendlich herrlicher Weise erfüllt! Woher soll man in meinen Lebensjahren noch einen neuen Inhalt für das weitere Leben nehmen?“ (s. S. 212)

Vielleicht etwas überschwänglich und exaltiert möchte eine wohlmeinende Leserschaft attestieren, grundsätzlich aber durchaus verständlich! Bendikowski hingegen vertritt eine vollkommen gegensätzliche Position, die er auf 400 Seiten seines beim Bertelsmann Verlag erschienen Buches zu verdeutlichen versucht. Schon der Untertitel „Der Mythos von der deutschen Einheit“ lässt erahnen, dass es vor allem um diejenigen geht, die von Bismarcks und Preußens nationalstaatlichen Ambitionen überrollt und überfahren worden sind, sie womöglich gar nicht mitgetragen haben. Aus einem in weiten Teilen der Bevölkerung falsch verstandenen Gründungsmythos habe sich dann über die Jahre eine Hybris nationaler Unbesiegbarkeit entwickelt, die mitursächlich für den zweifach beschrittenen Weg in die Weltkriege des 20. Jahrhunderts gewesen sei.

Eine haltbare These?

Eine methodisch geschickte Anordnung des Stoffes will man dem Autor zunächst zugutehalten. Aufgespannt zwischen Vorwort und der als „In der Vitrine der Erinnerung“ übertitelten Nachbetrachtung nähert sich Bendikowski in jeweils chronologisch geordneten Tagesumfeldern dem historischen Geschehen. Das mit Datum 30. Juni 1866 versehene erste Kapitel heißt „Ein deutscher König auf der Flucht“, im Anschluss daran wird unter dem Datum 18. Mai 1868 die Frage „Ein Parlament für Deutschland?“ gestellt, bis es zuletzt im neunten Kapitel, dem 16. Juni 1871, um „Sieg, Frieden und wieder Krieg?“ geht.

Es beginnt also im Jahr des deutschen Bruderkriegs, 1866, dem Jahr, in dem sich nach Königgrätz die politische Landschaft weiter in Richtung einer kleindeutschen – gegen Österreich gerichteten – Klärung der nationalstaatlichen Frage zubewegt. Der aus dem altehrwürdigen Adelsgeschlecht der Welfen stammende König Georg V. von Hannover befindet sich auf der Flucht, um nicht in Gefangenschaft zu geraten. Vorausgegangen ist ein zweiwöchiger preußisch-hannoverscher Krieg, der vom Königreich Hannover am Ende des Tages nicht zu gewinnen war. Deshalb befindet sich Georg V. am 30. Juni 1866 in fast aussichtsloser Lage, die Tillmann Bendikowski zufolge ihre tieferen Ursachen hat: „Es ist Preußen, das Hannover in den Abgrund treibt. Der Nachbar, der im Osten und im Süden an das Königreich grenzt, ist auf Expansionskurs. Wieder einmal, sagen die Kritiker Preußens. Tatsächlich lässt sich behaupten, dass die Hohenzollern-Dynastie seit den Tagen Friedrichs des Großen versucht, durch Eroberungen permanent und rücksichtslos die eigene Macht zu erweitern. Was mehr als 100 Jahre zuvor im Ersten Schlesischen Krieg (1740-1742) mit der Einverleibung der österreichischen Provinz Schlesien begann, scheint sich bis jetzt fortzusetzen.“ (s. S. 19)

Gegen eine Kontinuität der Annexionspolitik seit den Tagen des „Alten Fritz“ bestehen allerdings erhebliche Einwände, wie der Blick allein auf das Geschehen des 19. Jahrhunderts verrät. Bekanntermaßen hatte Preußen infolge der verlorenen Doppelschlacht bei Jena und Auerstedt im Oktober 1806 nicht nur zeitweise die französische Besetzung Berlins zu erdulden, sondern ebenso erhebliche Kontributionen zu leisten. Die Flucht des Königspaares Friedrich Wilhelm III. und Luises ganz in den Nordosten des Königreiches gehören ebenso in diesen Kontext wie der im Frieden von Tilsit im Juli 1807 verankerte Verlust des kompletten westelbischen Territoriums, das bislang zu Preußen gehörte. Unter anderem daraus ist zeitgleich das von Napoleons Bruder Jérôme regierte Königreich Westphalen hervorgegangen, das aus Teilen der heutigen Bundesländer Nordrhein-Westfalen, Hessen, Niedersachsen, Thüringen, Sachsen-Anhalt, Bremen und Hamburg bestanden hat. Speziell das Kurfürstentum Hannover, das korrekterweise als Kurfürstentum Braunschweig-Lüneburg anzusprechen wäre, ist im Jahr 1810 ins Königreich Westphalen integriert worden. Das ist insofern nicht unwichtig, als im Rahmen der Völkerschlacht bei Leipzig im Oktober 1813 als alliierte, also auch als preußische Gegner auf französischer Seite stehende Soldaten aus dem Königreich Westphalen auszumachen sind. Annähernd 2000 Akteure sind in diesem Sinne gezählt worden. Sie haben gewissermaßen den Gegenpol zu den später bei Waterloo zu einiger Bekanntheit gelangten Angehörigen der King’s German Legion (KGL) aus ursprünglich kurhannoverschen Diensten gebildet. Doch das ist eine andere Geschichte, die hier nicht weiter erzählt werden kann.

Beim Wiener Kongress schließlich werden nach Beendigung des Napoleonischen Spuks die Weichen neu gestellt, auch in territorialer Hinsicht. Preußen erhält die Rheinprovinz und den gebietsmäßig nicht mit dem ehemals französischen Königreich Westphalen identischen, sondern eher dem heutigen westfälischen Teil des Bundeslandes entsprechenden westdeutschen Sprengel. Weiter nordöstlich davon konstituiert sich das Königreich Hannover. Die Probleme des Welfen König Georg V. sind bereits vorgestellt worden. Sie gehen nicht zuletzt auf den Umstand zurück, dass die ökonomisch bedeutende Rheinprovinz und Westfalen gemeinsam das Ruhrgebiet beheimaten, die Industrialisierung vor Ort zwischen 1814/15 und den 1860er Jahren gewaltige Fortschritte gemacht, inzwischen hat der in der Wirtschaftsgeschichte so bezeichnete „take-off“, ein beschleunigtes Abheben, stattgefunden, aber keine gesicherte Landverbindung zwischen den Westprovinzen und dem preußischen Kernland existiert. Bonn und Köln sind preußisch, Allenstein und Königsberg sind es ebenso wie Berlin, wo man sich an den Schalthebeln der Macht der ökonomischen Potenz an Rhein und Ruhr immer klarer wird, auch. Störender Faktor und Hindernis dazwischen ist das Königreich Hannover, das sich 1866 im Konflikt Preußens mit der habsburgischen Donaumonarchie auf die Seite Wiens begibt.

Das als System der Pentarchie bekannte Gleichgewicht der europäischen Großmächte sah für Preußen seit dem Ende des Krimkriegs 1856, in dem es sich neutral verhalten hat, eine insbesondere durch die Annäherung an Russland begünstigte und verbesserte Ausgangsposition vor. Sofern Frankreich und England sich still verhielten, war eine Veränderung der innerdeutschen Lage im Sinne Berlins möglich. Der mitentscheidende Politiker vor Ort, Ministerpräsident und Außenminister von Bismarck, hatte schon einige Jahre zuvor seine Gedanken in der Zweiten Kammer des Abgeordnetenhauses zum Ausdruck gebracht: „Die einzige gesunde Grundlage eines großen Staates, und dadurch unterscheidet er sich wesentlich von einem kleinen Staate, ist der staatliche Egoismus und nicht die Romantik.“

Hierin haben wir die in hohem Maße gegenwärtigen Gründe und Ursachen für die Annexion des Königreichs Hannover wie übrigens auch der Freien Stadt Frankfurt, des Herzogtums Nassau und des Kurfürstentums Hessen nach meinem Dafürhalten zu sehen und eben nicht in einer behaupteten Kontinuität und Handlungslogik, die uns zu Friedrich dem Großen und dem Ersten Schlesischen Krieg zurückführt.

Unter dynastischen Gesichtspunkten sind neben den Welfen vor allem die über das Königreich Bayern gebietenden Wittelsbacher, namentlich Ludwig II., in den späten 1860er und frühen 1870er Jahren von den heimischen politischen Entwicklungen betroffen gewesen. Viele Konflikte zwischen König, Beratern, Lokalpolitikern und ihren preußischen Pendants waren auch hier auszustehen, bis der „Kaiserbrief“, der einen Verzicht auf eigene Souveränitätsrechte zugunsten Wilhelm I. implizierte, unterzeichnet werden konnte. Vieles erfährt man beim Autor über die seinerzeitige Lage vor Ort in München und den enorme Geldsummen verschlingenden, royalen eskapistischen Neigungen dienenden Märchenschlössern, die finanziert sein wollten.

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Kaiser Wilhelm I., Reiterstandbild Düsseldorf.

Schlussfolgerungen

Noch während des Deutsch-Französischen Krieges, der erst mit dem in Frankfurt am Main am 10. Mai 1871 unterschriebenen Friedensvertrag beendet worden ist, ist es zur Gründung des zweiten deutschen Kaiserreiches und der Proklamation von Wilhelm I. zum Kaiser gekommen. Den meisten Leserinnen und Lesern wird das Bild von der Zeremonie am 18. Januar 1871 im Spiegelsaal von Versailles, gemalt von Anton von Werner, geläufig sein.

Tillmann Bendikowski möchte ich beipflichten, insofern er folgert, dass die nationale Einigung von 1871 nicht die Erfüllung eines historischen Erbes war. In den Worten des Autors heißt es: „Mit dem mittelalterlichen Kaiserreich hatte das neue Reich wenig gemein, da mochte sich Wilhelm I. noch so demonstrativ auf einen salischen Thron setzen und mochten seine Bewunderer behaupten, er habe mit dem militärischen Erfolg über Frankreich für sein Volk „dessen altehrwürdige Krone wieder errungen“. Die Hohenzollern etablierten eine Erbmonarchie, im mittelalterlichen Reich hingegen praktizierten die führenden Herrscher ein Wahlkönigtum. Dieses wird zu Unrecht im 19. Jahrhundert als eine der Ursachen der deutschen „Zerrissenheit“ denunziert – ein zentraler Teil vor allem preußischer Geschichtspropaganda.“ (s. S. 350)

Weit weniger zustimmen möchte man hingegen der These, dass die nationale Einigung von 1871 nicht alternativlos war (s. S. 349f.) Mit der Erfahrung der Okkupationspolitik Napoleons zu Beginn des 19. Jahrhunderts im Hintergrund ist die allgemeineuropäische Errichtung von Nationalstaaten nicht nur geradezu eine Modeerscheinung (Belgien, Griechenland, Italien) der Zeit gewesen, sondern vielerorts als eine Notwendigkeit erkannt worden. Kleinstaaterei und Partikularismus, so das Bewusstsein der im Deutschen Bund lebenden Menschen, hatten sich untauglich erwiesen, um weniger wohlgesonnenen Nachbarvölkern, die national und zentral organisiert waren, im Falle eines Falles Paroli bieten zu können.

Fazit

Bendikowskis Buch bietet viel Raum für kontroverse Diskussionen, was ja durchaus wünschenswert ist. Eine gewisse Einsträngigkeit der Argumentation, um auf Kosten mehrer Deutungsmöglichkeiten zu bündigen Ergebnissen zu gelangen, ist allerdings nicht zu übersehen. Bezüglich  der Person Otto von Bismarcks bezieht sich der Autor vorwiegend auf die biographischen Werke von Otto Pflanze und Christoph Nonn. Mir jedenfalls ist nicht aufgefallen, dass die Arbeiten von Lothar Gall, Fritz Stern oder Ernst Engelberg verwendet worden wären. In den Anmerkungen und im Literaturverzeichnis fehlt jedweder Hinweis darauf. Ebenso vermisse ich eine adäquate Auseinandersetzung mit dem Werk Michael Stürmers und Heinrich August Winklers. Sind sie etwa zu konservativ?

Bildnachweis©derblogger

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