Ein englischer Garten mitten in der Stadt: der Hofgarten in Düsseldorf

Einleitung

Wie so häufig in der deutschen Geschichte waren es die Verwüstungen und Verheerungen eines Krieges, die auch im vorliegenden Fall ein planerisches und gestalterisches Umdenken notwendig machten. Gemeint ist der bis 1763 andauernde Siebenjährige Krieg, in dem es dem britischen Empire auf den fernen Schauplätzen Indiens und Nordamerikas schließlich gelang, sich gegenüber dem europäischen Rivalen Frankreich durchzusetzen und Preußen unter Friedrich dem Großen imstande war, seine jüngst errungene Rolle als Großmacht auf dem Kontinent behaupten zu können.

Abseits derartiger Haupt- und Staatsaktionen von weltgeschichtlichem Ausmaß an der niederrheinischen Peripherie in Düsseldorf ging es dem hier als Statthalter der Herzogtümer Jülich und Berg residierenden Reichsgrafen Johann Ludwig Franz von Goltstein darum, die Situation in der von Zerstörungen heimgesuchten Stadt und Umgebung zu verbessern. So kam der lothringische Baumeister Nicolas de Pigage, der Schöpfer von Schloss und Park in Benrath, zu dem Auftrag, die außerhalb der mächtigen städtischen Befestigungsanlagen der heutigen nordrhein-westfälischen Landeshaupstadt brach liegenden älteren fürstlichen Gärten einer neuen Nutzung zuzuführen. Eine öffentliche Promenade zur Lust der Einwohnerschaft sollte entstehen, wie es im Sprachgebrauch der Zeit hieß. Der Idee nach war damit der erste Volksgarten Deutschlands, das seinerzeit noch als Heiliges Römisches Reich deutscher Nation bekannt war, geboren.

Ein Barockgarten entsteht

Zwar ist der weitaus größte Teil des knapp 28 Hektar Fläche umfassenden heutigen Hofgartens im Stil eines englischen Landschaftgartens gestaltet, doch seine ganz im Osten sichtbare Ursprungsform ist die eines französischen Barockgartens. Erstmals kurz nach der Mitte des 17. Jahrhunderts in Vaux-la-Vicomte von André Le Nôtre nahe bei Paris umgesetzt, war der Sonnenkönig Ludwig XIV. anlässlich eines dortigen Besuchs so beeindruckt von der innovativen Ästhetik, dass er die Gärten von Versailles nach den gleichen formalen Prinzipien gestalten ließ.  

Dazu gehören eine den barocken Garten bestimmende Hauptachse, zumeist konstruiert als verlängerte Mittelachse des dazugehörigen Schlosses und mit diesem eine künstlerische Einheit bildend. Wir sehen sie in Versailles, wir können sie auch heute noch im spätbarocken Teil des Düsseldorfer Hofgartens sehen, und zwar als schnurgerade, regelmäßig von Linden gesäumte Allee auf das einen Blickpunkt bildende Schloss Jägerhof zulaufend. Gegenwärtig beherbergt es das Goethe-Museum, damals fungierte es als Wohn- und Amtssitz des obersten Jägermeisters.

Der Soziologe Norbert Elias hat in seinem Klassiker „Die höfische Gesellschaft“ auf die Zusammenhänge zwischen dem ordentlichen Zuschnitt von Bäumen und Sträuchern, von Geometrie und Symmetrie als bestimmenden Elementen im französischen Barockgarten und dem strengen höfischen Zeremoniell im Zeitalter des Absolutismus hingewiesen. Jedwedes unkontrollierte Wachstum der Natur sollte so verhindert werden, ähnlich wie die gültige Etikette vom absoluten Monarchen dafür in Anspruch genommen wurde, Kontrolle auszuüben und Eigenmächtigkeiten beim in Diensten des Hofes stehenden Adel – in vollständiger Verkehrung seiner mittelalterlichen kriegerischen Funktionen – zu unterbinden.

Was für das stärker zentralisierte Frankreich jener Zeit galt, entfaltete tendenziell auch hierzulande im Zeichen territorialer Zersplitterung, aber nichtsdestoweniger vorhandener regionaler Vielfalt seine Wirkung. Dafür war die kulturelle Strahlkraft des Versailler Königshofs zu prägend, als dass man sich ihr entziehen konnte oder wollte. Der bereits eingangs erwähnte preußische König Friedrich II. mit seinen frankophilen Neigungen ist wohl eines der bekanntesten Beispiele dafür.

Weyhes Neugestaltung

An ihrem spätbarocken Hofgarten sollten die Bürgerinnen und Bürger der Stadt am Rhein jedenfalls nicht allzu lange ihre ungetrübte Freude haben, da es im Zuge des ersten Koalitionskrieges 1795 durch französische Truppen erneut zu umfassenden Zerstörungen in Stadt und Umgebung gekommen ist. Im Hofgarten wurden sogar Schanzen angelegt, Bäume und Hecken teilweise abgeholzt. Zu Beginn des neuen Jahrhunderts kam es daher zu umfangreichen Neugestaltungen, die eng mit dem Namen des Gartenarchitekten Maximilian Friedrich Weyhe verbunden sind. Eine wesentliche Voraussetzung für Weyhes Tätigkeit ergab sich aus der im Frieden von Lunéville vereinbarten Bestimmung, dass die Anlagen der Stadtbefestigung zu schleifen und nicht wieder herzurichten wären. 

Da der am Ideal des englischen Landschaftsgartens orientierte Weyhe zwar botanische Schriften, aber keine gartentheoretischen Überlegungen veröffentlicht hat, gebe ich hier einige Gedanken des hierzulande einflussreichen Gartentheoretikers der Aufklärung Christian Cay Lorenz Hirschfeld wider, die im ersten Band seiner fünfbändigen „Theorie der Gartenkunst“ 1779 publiziert worden sind: „Der am Hang liegende Garten hat eine Terrasse, von der man die umliegenden Landschaften besser übersieht, als man sie mit Worten beschreiben kann. An einem Ende steht ein ionischer Tempel, von dem man einen herrlichen Prospect hat, man sieht auf der linken Seite hohe Bäume bei dem Tempel, etwas mehr rechter Hand einen weiten Umfang von einer Landschaft. In der Tiefe krümmt sich ein Tal um einen Wald, der am Hügel ein Amphitheater bildet. An der anderen Seite der Terrasse liegt ein toscanischer Tempel mit einer Colonnade. Der gegenüber liegende Wald verbreitet sich über einen ansehnlichen Hügel, und stößt an das Ufer eines schönen Flusses, der sich durch das Tal krümmt, und in der Mitte desselben einen großen Wasserfall hat, über welchen die Bäume wild herüberhängen. Das Tal ist durch Hecken in verschiedene Wiesen abgeteilt. Die Krümmungen des Stroms sind schön, und werden durch einzeln stehende Bäume unterbrochen. Diesen Anblick, der alles darbietet, was man nur in einer abwechselnden Landschaft wünschen kann, behält man längs der ganzen Terrasse, bis zu dem toscanischen Tempel. Er stehet gleichsam auf der Spitze eines hohen Vorgebirges, von dem sich die Aussicht noch mehr erweitert; man entdeckt eine neue Terrasse, übersieht viele abwechselnde Szenen, die des besten Pinsels würdig sind.“   

Die letzte Formulierung „des Pinsels würdig“, die Hirschfeld konkret auf die Anlage von Duncombe-Park in Yorkshire bezogen hat, veranschaulicht gut, was den englischen Garten ursprünglich ausmacht. Es geht zum einen darum, „nature’s primitive state“ etwa durch unsymmetrisch verlaufende Schlängelpfade oder scheinbar zufällig herumliegende Felsbrocken hervorzurufen und dergestalt die Regelsysteme von Spätbarock und Rokoko hinter sich zu lassen. Es geht vor allem aber auch um eine Verbindung zwischen Garten und Malerei, wie sie in den Landschaftsgemälden von Claude Lorrain, Nicolas Poussin, Jacob van Ruisdael und anderen Künstlern zum Ausdruck kommt. Diese malerische Naturnähe ist als charakteristisch für Weyhes Gartenarchitektur bezeichnet worden, wobei es ihm beim Hofgarten gelungen ist, die älteren Elemente von de Pigage harmonisch in die Gesamtgestaltung einzubeziehen.

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Natürlich sind nach de Pigage und Weyhe noch viele andere Gartenarchitekten mit unterschiedlichen Kreativpotenzialen tätig geworden. Und die seit einer Reihe von Jahren stattfindenden Eingriffe in den Randbereichen der Anlage, die aktuell mit dem Projekt Kö-Bogen und seinen diversen Ablegern zu tun haben, verändern das Erscheinungsbild nicht unbeträchtlich. Die für ihn bis in die Gegenwart charakteristische und maßgebliche Gestaltung hat der Hofgarten jedoch in der ersten Hälfte des langen 19. Jahrhunderts während der Jahre 1769 bis 1846 erfahren.

Bildnachweis©derblogger

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