Beginn des Kalten Krieges

Als die Kriegsgegner nicht mehr da waren, gelangte eine ungewöhnliche Allianz, die sich angesichts der vorhandenen Bedrohung notgedrungen zusammengefunden hatte, rasch an ihr Ende. Ihre Existenz war ohnehin allein den gemeinsamen Feinden geschuldet: Nachdem Italien 1943 die Achse verlassen hatte, waren die bedingungslose Kapitulation des nationalsozialistischen Deutschlands und des japanischen Kaiserreichs das verabredete Ziel.

Die USA hatten ihre eindrucksvolle ökonomische Leistungsfähigkeit durch Hilfslieferungen von Waffen, Ausrüstung und Nahrungsmitteln im Rahmen des Land-Lease Act an die mit ihnen verbündeten Großmächte Großbritannien samt seinem Empire und die Sowjetunion hinreichend unter Beweis gestellt. Die technologische Überlegenheit schien durch die Abwürfe der Atombomben Little Boy und Fat Man und die von ihnen ausgelöste apokalyptische Zerstörung der japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki am 6. und 9. August 1945 auf lange Zeit unangefochten gesichert. Doch noch bevor der ehemalige Priesterseminarist und seinerzeitige Diktator Stalin seinen siebzigsten Geburtstag feierlich begehen konnte – der 21. Dezember 1949 war als Planungsziel ausgegeben worden – wurde die erste sowjetische Atombombe namens Tatjana am 29. August 1949 gezündet.

Atomares Wettrüsten und Gleichgewicht des Schreckens waren seitdem Themen, die für mehr als vier Jahrzehnte die Menschheit fast pausenlos in Atem hielten. Welche Vorstellungen und Ideen aber waren für die Anfangszeit dieses global ausgetragenen Konflikts maßgeblich, der überraschenderweise von dem US-Historiker John Lewis Gaddis in den späten 1980er Jahren als langer Frieden charakterisiert worden ist? Was waren die in eine bipolare Weltordnung zweier so verschiedener Systeme, beide von der unbedingten Richtigkeit des jeweils favorisierten Gesellschaftsmodells überzeugt, einmündenden Grundgedanken?

Wo Zweifel und Misstrauen gedeihen

Trotz empfangener Hilfslieferungen blickte Stalin schon während des in seiner Heimat noch heute so bezeichneten Großen Vaterländischen Krieges stets mit Misstrauen auf die kapitalistischen Bündnispartner im Westen. Schließlich hatte er seit 1941 immer wieder und nicht erst seit der Konferenz von Teheran im November/Dezember 1943 die Errichtung einer zweiten Front in Kontinentaleuropa zur Entlastung der Roten Armee gefordert. Die im Juli 1943 mit der Operation Husky in Sizilien eingeleitete Rückeroberung Italiens war sicherlich sehr willkommen, erschien Moskau aber nicht hinreichend zu sein. Letztlich musste man sich bis zum D-Day am 6. Juni 1944 gedulden. 

Ein Blick auf das Verhältnis der Opferzahlen – hinter jeder einzelnen verbirgt sich ein bedauernswertes menschliches Schicksal – gibt einen ernstzunehmenden Hinweis auf die Einstellung der Sowjets nach Kriegsende. Während Großbritannien und die USA jeweils mehr als 300.000 militärische und zivile Opfer zu beklagen hatten, waren es in der UdSSR bis zu neunzigmal mehr. Daraus resultierte die Vorstellung, dieser schier unvorstellbare Blutzoll müsse irgendwie kompensiert werden, und zwar durch Forderungen nach Reparationen, territorialen Verschiebungen nach Westen zugunsten der Sowjetunion und Erweiterung der eigenen Einflusssphäre in Osteuropa, einer Region der zugleich die Funktion eines Sicherheitsgürtels zukommen sollte.

Hier vor Ort sah der britische Premier Churchill in seiner berühmt gewordenen Metapher einen „eisernen Vorhang“ niedergehen, wie er in einem Telegramm an den gerade erst einen Monat im Amt befindlichen US-Präsidenten Harry S. Truman am 12. Mai 1945 mitteilte. Was hinter dem eisernen Vorhang vor sich gehe, wisse man nicht und es sei kaum zu bezweifeln, dass der gesamte Raum östlich der Linie Lübeck-Triest-Korfu bald völlig in sowjetischer Hand sein werde. Die Befürchtungen des alten konservativen Haudegens sollten sich bewahrheiten, wenn auch er selbst Downing Street zwei Monate später verlassen musste, um seinem Amtsnachfolger Clement Attlee von der Labour Party Platz zu machen. 

Internationale Konflikte wie der ab Juni 1950 ausgetragene Koreakrieg oder auch die ab Juni 1948 in die Wege geleitete Blockade von Berlin lagen da noch in der Zukunft, doch schon in den Jahren zuvor waren die globalen außenpolitischen Spannungen mit Händen zu greifen. Ihren sichtbarsten Ausdruck haben sie im seit März 1946 ausgefochtenen griechischen Bürgerkrieg, bei weitem keine nur innere Angelegenheit, und der seit Dezember 1945 ihrem Siedepunkt entgegenstrebenden Irankrise gefunden. Wie so oft im Nahen und Mittleren Osten ging es auch in diesem Fall um die im Erdinneren schlummernden Vorräte an Erdöl und die Sicherung entsprechender Zugriffsrechte.

George F. Kennans „langes Telegramm“

In dieser Situation erreicht den 1904 in Milwaukee, Wisconsin, geborenen Diplomaten George Frost Kennan, Mitarbeiter in der zivilen Abteilung der US-Botschaft in Moskau, eine Anfrage seines heimischen Finanzministeriums. Dort möchte man in Erfahrung bringen, warum die Sowjets offensichtlich nicht dazu bereit sind, der Weltbank und dem Internationalen Währungsfonds angehören zu wollen. Die Antwort des versierten Osteuropaexperten, der auch einige Zeit in Deutschland verbracht hat und hier mit dem literarischen Werk Goethes und der Geschichtsphilosophie Oswald Spenglers Vertrautheit erlangte, ist das „lange Telegramm“ vom 22. Februar 1946, eine rund 5500 Worte umfassende Ausarbeitung. Gegliedert in fünf Abschnitte geht es inhaltlich zunächst um die Grundzüge sowjetischen Verhaltens seit Kriegsende und die Voraussetzungen dafür. Der dritte und vierte Abschnitt beschäftigt sich mit der Umwandlung dieses Verhaltens in offizielle und inoffizielle Politik, bevor abschließend die Bedeutung all der Dinge für die amerikanische Politik erörtert wird. Um der damaligen Atmosphäre möglichst unverfälscht und authentisch nahe zu kommen, gebe ich „Part 5 (Practical deductions from Standpoint of US Policy)“ in meinem Beitrag auszugsweise in der Originalsprache wider.

„In summary, we have here a political force committed fanatically to the belief, that with US can be no permanent modus vivendi, that it is desirable and necessary, that the internal harmony of our society be disrupted, our traditional way of life be destroyed, the international authority of our state be broken, if Soviet power is to be secure. This political force has complete power of disposition over energies of one of world’s greatest peoples and resources of world’s richest national territory, and is borne along by deep and powerful currents of Russian nationalism. In addition, it has an elaborate and far-flung apparatus for exertion of its influence in other countries, an apparatus of amazing flexibility and versatility, managed by people whose experience and skill in underground methods are presumably without parallel in history. Finally, it is seemingly inaccessible to considerations of reality in its basic reactions. For it, the vast fund of objective fact about human society is not, as with us, the measure against which outlook is constantly being tested and re-formed, but a grab bag from which individual items are selected arbitrarily and tendenciously to bolster an outlook already preconceived. This is admittedly not a pleasant picture. Problem of how to cope with this force is undoubtedly greatest task our diplomacy has ever faced and probably greatest it will ever have to face. It should be point of departure from which our political general staff work at present juncture should proceed. It shoud be approached with same thoroughness and care as solution of major strategic problem in war and, if necessary, with no smaller outlay in planning effort. I cannot attempt to suggest all answers here. But I would like to record my conviction that problem is within our power to solve – and that without recourse to any military conflict. And in support of this conviction there are certain observations for a more encouraging nature I should like to make.“ (…)

Wenig später wird George Kennan zum Chef des im Washingtoner Außenministerium angesiedelten Planungsstabes ernannt. In dieser angesehenen Funktion ist er unter anderem mit dem auch als Marshallplan bekannten Plan zum Wiederaufbau Europas beschäftigt. Darüber hinaus wird er als Autor eines eminent wichtigen Artikels in der Juliausgabe 1947 der Zeitschrift „Foreign Affairs“ identifiziert, der unter dem Pseudonym „X“ veröffentlicht worden ist. „The Sources of Soviet Conduct“ oder kurz „X-Artikel“ genannt, gilt als ideologischer Meilenstein des Kalten Krieges, der wesentliche Aspekte der sich entwickelnden US-Strategie des „Containment“ (Eindämmung) zusammenfasst und einem breiteren Publikum aufzeigt. Wiederum im Original lesen wir hier: „This would of itself warrant the United States entering with reasonable confidence upon a policy of firm containment, designed to confront the Russians with unalterable counter-force at every point where they show signs of encroaching upon the interests of a peaceful and stable world.“

Truman-Doktrin

Ohne Übertreibung kann davon gesprochen werden, dass die Geburtsstunde der Containment-Politik und damit die Abkehr von isolationistischen Bestrebungen auf der Basis der Vorstellungen George Kennans stattgefunden hat. Am 12. März 1947 hat Präsident Truman in einer Rede vor beiden Häusern des Kongresses von einer Zweiteilung der Welt in eine freie und eine totalitäre Sphäre gesprochen und die Eindämmungsstrategie damit zum ersten Mal offiziell vorgestellt. Er wolle den freien Völkern beistehen und jedwede Art kommunistischer Expansion verhindern. 

„Zum gegenwärtigen Zeitpunkt der Weltgeschichte muss fast jede Nation zwischen alternativen Lebensformen wählen. Nur zu oft ist diese Wahl nicht frei. Die eine Lebensform gründet sich auf den Willen der Mehrheit und ist gekennzeichnet durch freie Institutionen, repräsentative Regierungsform, freie Wahlen, Garantien für die persönliche Freiheit, Rede- und Religionsfreiheit und Freiheit von politischer Unterdrückung. Die andere Lebensform gründet sich auf den Willen einer Minderheit, den diese der Mehrheit gewaltsam aufzwingt. Sie stützt sich auf Terror und Unterdrückung, auf die Zensur von Presse und Rundfunk, auf manipulierte Wahlen und auf den Entzug der persönlichen Freiheiten. Ich glaube, es muss die Politik der Vereinigten Staaten sein, freien Völkern beizustehen, die sich der angestrebten Unterwerfung durch bewaffnete Minderheiten oder durch äußeren Druck widersetzen. Ich glaube, wir müssen allen freien Völkern helfen, damit sie ihre Geschicke auf ihre Weise selbst bestimmen können. Unter einem solchen Beistand verstehe ich vor allem wirtschaftliche und finanzielle Hilfe, die die Grundlage für wirtschaftliche Stabilität und geordnete politische Verhältnisse bildet. Die Welt ist nicht statisch und der Status quo ist nicht heilig. Aber wir können keine Veränderungen des Status quo erlauben, die durch Zwangsmethoden oder Tricks wie die der politischen Infiltration unter Verletzung der Charta der Vereinten Nationen erfolgen. Wenn sie freien und unabhängigen Nationen helfen, ihre Freiheit zu bewahren, verwirklichen die Vereinigten Staaten die Prinzipien der Vereinten Nationen. Die freien Völker der Welt rechnen auf unsere Unterstützung in ihrem Kampf um die Freiheit. Wenn wir in unserer Führungsrolle zaudern, gefährden wir den Frieden der Welt – und wir schaden mit Sicherheit der Wohlfahrt unserer eigenen Nation.“ (…)

Gemeinsam mit der von dem republikanischen Außenpolitikexperten John Foster Dulles 1947 entwickelten und mehr offensiv ausgerichteten Liberation Policy waren die Grundpfeiler in der Auseinandersetzung mit dem Kommunismus errichtet. Sie sollten bis zum Ende des Kalten Krieges Bestand haben.

Andrei Schdanows Zwei-Lager-Theorie

Ein halbes Jahr nach Trumans Rede legte das Mitglied des Politbüros der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU) Andrei Alexandrowitsch Schdanow, ein enger Vertrauter Stalins, nach, um Moskaus Standpunkt zu verdeutlichen. Auf der Gründungsversammlung der Kominform, dem Kommunistischen Informationsbüro, das als Nachfolgeorganisation der 1943 aufgelösten Komintern ins Leben gerufen worden ist, hat Schdanow am 30. September 1947 seine Rede zur Zwei-Lager-Theorie gehalten. Darin wurden die USA und ihre Verbündeten als Imperialisten und Kriegstreiber gebrandmarkt und der ökonomische Hilfe nach Europa bringende Marshallplan als Ausdruck imperialistischer Expansion und Versklavung Europas gewertet. Darüber hinaus wurde von Schdanow festgestellt und anerkannt, dass die Welt in ein imperialistisches, antidemokratisches Lager und ein antiimperialistisches, demokratisches Lager zweigeteilt sei.

Wer wo zu verorten war, an der Beantwortung dieser Frage schieden sich für die kommenden vier Jahrzehnte die Geister!

PS: Mit diesem Beitrag möchte ich eine ganze Reihe von Texten ankündigen, die sich in der nächsten Zeit mit dem Thema „Kalter Krieg“ auseinandersetzen werden. 

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