In den frühen Tagen der D-Mark: Die Währungsreform 1948

Der Krieg lag gerade einmal drei Jahre zurück. Die ihn an Leib und Seele halbwegs unversehrt überlebt haben, konnten von Glück reden. Ein schützendes Dach über dem Kopf, das Regen und Schnee daran hinderte, nachts direkt auf die Schlafenden zu fallen, erschien vielen als bloße Träumerei. Der Einschätzung des Historikers Tony Judt zufolge waren rund 40 Prozent des Wohnraumbestandes hierzulande zerstört. Flüchtlinge aus den ehemaligen Ostgebieten wie Schlesien, Hinterpommern oder Ostpreußen hatten schon zu Kriegszeiten die Situation auf den Wohnungsmärkten der zerbombten Großstädte erheblich verschärft, mittlerweile kamen im Zuge territorialer Verschiebungen und ethnischer Säuberungen in Osteuropa deutschsprachige Bevölkerungsgruppen in Übereinstimmung mit den Regelungen des Potsdamer Abkommens als zwangsweise Vertriebene hinzu. Einquartierungen bei denjenigen, die zwar auch den Krieg nicht aber die Heimat verloren hatten, erschienen als probates Mittel, um vorübergehend entsprechende Not zu lindern. Nicht zu vergessen das traurige Los derjenigen als „Displaced Person“ (DP) orientierungslos in einem fremden Land Umherstreifenden. Rückkehr in die jeweilige Ursprungsheimat schien, wo Verfolgung drohte, nicht immer die passende Antwort zu sein.

Mangelernährung und Hunger waren weitere elementare Erfahrungen und Prüfungen auf die Millionen Betroffene gerne verzichtet hätten, sofern eine Alternative dazu bestanden hätte. Im literarischen Werk des im November 1947 früh verstorbenen Wolfgang Borchert wird der triste, trübe Alltag im Deutschland der Nachkriegszeit mit schonungslosem Realismus nachgezeichnet. Jenseits theoretischer Analysen oder abstrakter Statistiken vermittelt etwa die Kurzgeschichte „Das Brot“, wie es gewesen ist, nicht genug zu essen zu bekommen und um das wenige, was es gab, ein Katz-und-Maus Spiel zu veranstalten. Wer Jahre zuvor einem achtbaren und gesitteten Stadtbürgertum zugerechnet worden ist, sah sich nunmehr in die missliche Lage versetzt, Akteur bei riskanten Schwarzmarktgeschäften zu werden oder bei Fahrten aufs Land kostbaren Familienschmuck oder Kunstgegenstände gegen ein Stück Mettwurst oder einen Sack Kartoffeln einzutauschen. Wohl hatte die 1924 während der Weimarer Republik eingeführte Reichsmark immer noch den Status eines offiziellen Zahlungsmittels inne, doch war sie bereits seit 1943 auf dem internationalen Devisenmarkt nicht mehr konvertierbar, da sie weitgehend wertlos geworden war. Die allgegenwärtigen Zigaretten nahmen stattdessen die Rolle eines allgemein akzeptierten Zahlungsmittels ein, etliche Güter des täglichen Bedarfs waren nur rationiert auf Bezugsschein erhältlich. Da von einer funktionierenden Wirtschaft nicht die Rede sein konnte, schienen Veränderungen unumgänglich zu sein.

Besatzungsregime

In den drei Zonenprotokollen vom 12. September 1944, 14. November 1944 und 26. Juli 1945 ist die Aufteilung Deutschlands in vier Besatzungszonen seitens der alliierten Beraterkommission für Europa (European Advisory Commission) seinerzeit festgelegt worden. Während die Zusammenarbeit der Alliierten in Kriegszeiten – solange der gemeinsame Gegner vorhanden war – überwiegend funktioniert hatte, nahmen die Spannungen seit dem Sommer 1945 allmählich zu. Die ideologischen Gegensätze, die im Antagonismus Kapitalismus vs. Kommunismus und den jeweils favorisierten Gesellschaftsmodellen ihre nicht länger überbrückbare Zuspitzung erfuhren, waren am Ende des Tages zu ausgeprägt. Im Februar 1946 hat der US-amerikanische Diplomat George F. Kennan sein berühmt gewordenes „langes“ Telegramm aus der Moskauer Botschaft nach Washington gekabelt. Hier und in seinem späteren Beitrag „The sources of Soviet conduct“, veröffentlicht in der einflussreichen Zeitschrift „Foreign Affairs“, wird sowjetischen Expansionsbestrebungen gegenüber eine Politik der Eindämmung (containment policy) empfohlen. Kennans Handlungsempfehlungen bildeten schließlich die Grundlage der im März 1947 von Präsident Harry S. Truman vor dem Kongress verkündeten Truman-Doktrin. 

Man war mitten im Kalten Krieg angekommen, wovon die Situation in der sowjetischen. amerikanischen, britischen und französischen Besatzungszone Nachkriegsdeutschlands verständlicherweise nicht unberührt geblieben ist. Bereits einige Wochen vor Trumans wegweisender Rede sind zum Jahresanfang 1947 die amerikanische und britische Besatzungszone zum Vereinigten Wirtschaftsgebiet, zur Bizone, zusammengefasst worden. 

„Wir sind die Eingeborenen von Trizonesien“

Fast lässt der Titel es erahnen. Bei dem populären Schlager der „Eingeborenen von Trizonesien“ handelt es sich um ein Produkt aus der Kreativschmiede des rheinischen Karnevals, welches rasch über die einschlägigen Hotspots des kostümierten Narrendaseins hinaus überregionale Bedeutung in unfroher Zeit gewonnen, sogar den Status einer inoffiziellen Nationalhymne eingenommen hat. 

Es hat nun viel mit der Logik des Kalten Krieges – von Winston Churchill in seiner Metapher vom „eisernen Vorhang“, der sich östlich der Linie Lübeck-Triest-Korfu  über Europa niedergesenkt habe, früh erkannt – zu tun, dass die Deutschen, deren damaliger Wohn- und Aufenthaltsort die Sowjetische Besatzungszone (SBZ) bildete, nicht in den Genuss kamen, „Eingeborene von Trizonesien“ zu werden. „Trizonesier“ ist am 20. Juni 1948, dem Tag der Währungsreform, nur geworden, wer in den drei westlichen Besatzungszonen einschließlich West-Berlins lebte.

Dass die Sowjets mit dem Vorgehen der Westalliierten insgesamt unzufrieden und nicht einverstanden waren, äußerte sich zum einen im Austritt aus dem Alliierten Kontrollrat im März 1948 und zum anderen in der am 24. Juni 1948 nur vier Tage nach Beginn der Währungsreform durchgeführten Blockade der Land- und Wasserwege zwischen den Westzonen und den Westsektoren Berlins. Die Einführung einer eigenständigen ostdeutschen Währung gehört ebenfalls in diesen Zusammenhang und nimmt die Teilung des Landes in zwei selbständige Staaten im Folgejahr vorweg.

Kopfgeld

In vier Gesetzen zur Neuordnung des Geldwesens ist die Umsetzung der Währungsreform geregelt worden. Zuvor mussten natürlich die DM-Banknoten erst gedruckt werden, was ab September 1947 in New York durch die American Bank Note Company und in Washington durch das Bureau of Engraving and Printing besorgt wurde, bevor es im Rahmen einer geheimen Operation namens Bird Dog zum Transport per Schiff nach Bremerhaven gekommen ist.

Jeder Westdeutsche kam nun in den Genuss des Kopfgeldes in Höhe von DM 40, die er im Austausch gegen 40 Reichsmark erhielt, was zu langen Warteschlangen vor den dafür vorgesehenen Ausgabestellen führte.  Innerhalb der kommenden zwei Monate gab es noch einmal DM 20, wiederum im Austausch gegen 20 Reichsmark. Laufende Zahlungen wie Löhne, Mieten, Renten und Pensionen wurden im Verhältnis 1:1 umgestellt, wer Schulden in Höhe von 100 Reichsmark hatte, sah sich in die recht komfortable Situation versetzt, lediglich DM 10 zurückzahlen zu müssen. Wer allerdings über umfangreichere Spar- und Bargeldguthaben in Reichsmark verfügte, gehörte zu den Verlierern, da nach unterschiedlichen Schlüsseln massive Abwertungen, sogar Totalverluste bei nicht ordnungsgemäßer oder fristgerechter Anmeldung der Bestände in Kauf genommen werden mussten.

Am nächsten Tag, es war Montag, der 21. Juni 1948, waren die Schaufenster der Geschäfte wieder mit mehr oder weniger begehrenswerten Auslagen gefüllt. Freie Preisgestaltung war wieder möglich. Der Mangel über Nacht verschwunden, was insofern nicht verwundert, da in der Bevölkerung die Gerüchteküche schon länger brodelte. Der legendäre CSU-Politiker, Ökonom und spätere Bundeskanzler Ludwig Erhard hat die nun einsetzende Entwicklung ein Jahr später mit den Worten, „Das aber, was seit einem Jahr immerhin am Wiederaufbau unserer Wirtschaft und an Verbesserung der sozialen Lage unseres Volkes erreicht wurde, das hat allein der entschlossene Übergang von der Zwangswirtschaft zur Marktwirtschaft bewirkt“, kommentiert.

Erhard steht für die Einführung der sozialen Marktwirtschaft, in der die Freiheit des Marktes mit sozialem Ausgleich verbunden worden ist. Den Weg ins Wirtschaftswunder der kommenden Jahre haben gewiss noch andere Faktoren begleitet. Die Zahlung von gut 1,4 Milliarden Dollar bis 1952 seitens der USA im Rahmen der als Marshallplan bekannten Wiederaufbauhilfe für Europa gehören dazu, ebenso wie der Umstand, dass die kriegsbedingten Zerstörungen in der Industrie im Gegensatz zum Wohnraumbestand weitaus geringer ausgefallen sind als allgemein angenommen. Selbst im Ruhrgebiet waren im Mai 1945 nicht mehr als 20 Prozent aller Produktionsanlagen zerstört worden. Um ein anderes konkretes Beispiel zu geben: Im Volkswagenwerk hatten 91 Prozent des Maschinenparks Bombenangriffe und Nachkriegsplünderungen überstanden. Das Niveau, von dem aus trotz Demontagen und Reparationen gestartet werden konnte, war also nicht so gesunken, als dass ein Aufschwung unmöglich war. Die anders als ihre europäischen Nachbarwährungen italienische Lira und französischer Franc stets von einer Aura der Stabilität und Härte umgebene Deutsche Mark sollte im kommenden halben Jahrhundert ebenfalls ihren wirkungsvollen Beitrag dazu leisten. 

Bildnachweis©derblogger

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