Die Volksaufstände in der DDR 1953 und Ungarn 1956

Risse in der schönen neuen Welt des Arbeiter-und-Bauern-Staates

Was sich am 17. Juni 1953 in lautstarken Demonstrationen und Streiks Bahn brach, war nicht auf prominente Berliner locations wie Potsdamer Platz oder Stalinallee, die heutige Karl-Marx-Allee, beschränkt. Weit mehr als eine Million Menschen ist auch anderenorts in Magdeburg und Halle, in Cottbus oder Rostock, in Erfurt, Dresden, Leipzig und zahllosen weiteren kleineren Orten auf den Beinen unterwegs gewesen. An diesem Mittwoch, laut Wetterstation im feinen Dahlem einem wolkigen mit etwas Regen versehenen Tag, entluden sich auf den Berliner Straßen im Ostteil der Stadt und anderswo Unzufriedenheit und Wut auf ein politisches System, dessen Mantra stets glänzende, auf materielles Wohlergehen und Verbesserung der Lebensumstände gerichtete Zukunftshoffnungen der Werktätigen zu beschwören verstand. Allein: Für allzu viele von ihnen hielt die Realität des Alltags den vollmundigen Versprechungen nicht (mehr) stand, daher die an diesem Tag immer wieder erhobenen Forderungen nach dem Rücktritt der Regierung und freien Wahlen.   

Ein Jahr zuvor hatte Walter Ulbricht, der in seiner Funktion als Generalsekretär des Zentralkomitees (ZK) der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) die politisch dominierende Persönlichkeit und Moskaus eigentlicher Proconsul in der DDR war, auf der II. Parteikonferenz verkündet: „In Übereinstimmung mit den Vorschlägen aus der Arbeiterklasse (…) hat das Zentralkomitee der Sozialistischen Einheitspartei beschlossen, (…) dass in der Deutschen Demokratischen Republik der Sozialismus planmäßig aufgebaut wird.“ Was Ulbricht damit meinte, wird deutlicher, wenn man sich vergegenwärtigt, dass eine der Grundüberzeugungen der marxistischen Ideenlehre darauf basiert, dass kein politisches System verändert werden könne ohne vorher entsprechende Stellschrauben in der Wirtschaft bewegt zu haben. Einige wesentliche ökonomische Neujustierungen sind daher schon bald nach Kriegsende vorgenommen worden, wie beispielsweise die Enteignung von Großgrundbesitz gemäß dem Motto „Junkerland in Bauernhand“. Was als von vielen durchaus begrüßte Umverteilung begann, ist einige Zeit später zunächst von freiwilligen und dann ganz in Ulbrichts klassenkämpferischem Sinn zwangsweisen Kollektivierungen fortgesetzt worden. Private unternehmerische Initiative war den an Marx und Lenin geschulten Ideologen gleichfalls ein Dorn im Auge, so dass im Ergebnis ein Maßnahmenmix aus Repression und Verstaatlichung zum Tragen kam. Davon waren nicht nur Banken, Sparkassen und industrielle Großbetriebe, sondern ebenso Handwerkergeschäfte auch von bescheidenem Umfang und der mittelständische Einzelhandel betroffen. Da zudem der Fokus auf die Errichtung der Schwerindustrie ganz nach sowjetischem Vorbild gerichtet und die Lebensmittel- und Konsumgüterindustrie vernachlässigt wurden, war eine Versorgungskrise das Ergebnis. Der Wirtschaftshistoriker Christoph Buchheim hat 1990 dazu in den Vierteljahresheften für Zeitgeschichte festgestellt: „Noch gravierender als der Mangel an industriell hergestellten Verbrauchsgütern wirkte sich die Missernte des Jahres 1952 aus. Sie war eine Folge schlechter Witterungsbedingungen, aber auch der aus ideologischen Gründen betriebenen Sozialisierungskampagne in der Landwirtschaft, die viele Bauern zur Flucht veranlasst hatte. Zusätzlich verschärft wurde das Defizit an Lebensmitteln für die Bevölkerung noch durch die Anlage größerer Staatsreserven und die steigenden Anforderungen des Militärs. Jedenfalls brach 1953 in der DDR eine Ernährungskrise aus, die mit den Zuständen in der frühen Nachkriegszeit vergleichbar war.“    

Ungeschickterweise versuchte sich das der eigentlichen Regierung stets übergeordnete Zentralkomitee mit dem gelernten Möbeltischler Walter Ulbricht an der Spitze der bereits bestehenden Krisensituation zu entwinden, indem es die Arbeitsnormen erhöhte. Die für Lohn zu erbringende Arbeitsleistung sollte nämlich laut Beschluss vom 13. und 14. Mai 1953 um zehn Prozent erhöht werden, was de facto auf eine erhebliche Lohnsenkung hinausgelaufen wäre. Zwar wurde nach Rücksprache mit Moskau noch eine als „Neuer Kurs“ bezeichnete Korrektur einiger Maßnahmen kommuniziert, doch da war es zu spät. Das Kind war bereits in den Brunnen gefallen!  

Vor dem Hintergrund des Kalten Krieges

Die wohl entscheidende Frage während der Unruhen des 17. Juni und der Zeit danach war, wie sich die Sowjetunion positionieren würde. Noch am selben Tag wurde fast überall in der DDR der Ausnahmezustand verkündet, was der Verhängung des Kriegsrechts gleichzusetzen war. Wer die eigentliche Regierungsgewalt innehatte, wird daran deutlich, dass die entsprechenden Bekanntmachungen eben nicht von ostdeutschen Staatsorganen, sondern von Militärs wie Generalmajor Pjotr Dibrowa, dem Militärkommandanten des sowjetischen Sektors von Berlin vorgenommen worden sind. Schnell beherrschten T-34 Panzer, denen mit Steinwürfen nicht beizukommen war, die Szenerie der Straßen. Mehr als 50 Personen bezahlten ihr Engagement mit dem Leben, rund 1600 Menschen sind im Nachhinein von Strafgerichten verurteilt worden.  

Doch wo rührte die dominierende Position der Sowjetunion innerhalb des zu diesem Zeitpunkt vor mehr als dreieinhalb Jahren gegründeten ostdeutschen Staates her? In der Schlussphase des 2. Weltkriegs im Februar 1945 sind auf der Konferenz von Jalta entsprechende Weichenstellungen durch die beteiligten Hauptakteure vorgenommen worden: Franklin D. Roosevelt, Winston Churchill und Stalin kamen überein, dass das mittlere und südliche Osteuropa zukünftig, gemeint ist nach Kriegsende, einer sowjetischen Einflusssphäre zuzuschlagen wären. Die Alliierten waren also bereit, die enormen Anstrengungen und Leistungen sowie die unzähligen Opfer der Roten Armee und der Bevölkerung der Sowjetunion zu honorieren, indem sie einen Sicherheitskordon im westlichen Vorfeld des eurasischen Riesenreiches gewährten. Churchill hat die neuartige Situation wenige Tage nach Kriegsende am 12. Mai 1945 in der berühmt gewordenen Metapher vom „Eisernen Vorhang“, der sich östlich einer von Lübeck nach Triest verlaufenden Linie niedersenke, beschrieben. Was dahinter vor sich gehe, das wisse man nicht. Mit Harry S. Trumans Kongressrede im März 1947, in der er eine Strategie der Eindämmung (Containment) gegenüber kommunistischen Expansionsbestrebungen empfahl und der vielerorts als Replik empfundenen im September desselben Jahres von Andrei Schdanow, Moskaus Chefideologen, vorgetragenen Zwei-Lager-Theorie, hier ein „antiimperialistisches-demokratisches“ dort ein „imperialistisches-antidemokratisches“, verfestigten sich die Fronten. Man war im Kalten Krieg angekommen. Einer seiner Brennpunkte war von Anfang an das östliche Deutschland, das sich von der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) im Oktober 1949 zur Deutschen Demokratischen Republik (DDR) fortentwickelt hat. Nur vier Monate zuvor ist die Erstausgabe von George Orwells beklemmender Zukunftsvision „1984“ veröffentlicht worden.

Verschärftes Grenzregime an der innerdeutschen Grenze

Vor dem Hintergrund einer sich verschärfenden politischen Gemengelage, wirtschaftlich prekären Zuständen und den besseren Zukunftsaussichten im Westen, machten sich die Menschen in stetem Strom auf den Weg, um in der ebenfalls 1949 gegründeten Bundesrepublik Deutschland ihr Glück und ein höheres Maß an persönlicher Freiheit zu suchen. 1952 wurden 160.000 Flüchtlinge gezählt, allein in den ersten vier Monaten des Krisenjahres 1953 waren es weitere 120.000. Um einer absehbaren Entvölkerung Vorschub zu leisten, wurde die offiziell als Demarkationslinie bezeichnete innerdeutsche Grenze durch die „Verordnung über Maßnahmen an der Demarkationslinie zwischen der Deutschen Demokratischen Republik und den westlichen Besatzungszonen“ vom 26. Mai 1952 verstärkt abgeriegelt. Über die gesamte Grenzlänge wurde eine 5 km breite Sperrzone eingerichtet und streng überwacht, der grenznahe Verkehr mit Interzonenpässen wurde aufgehoben und der Grenzübertritt wurde nur noch mit Sondergenehmigung und Stempel im Personalausweis gestattet. Der ursprüngliche Grenzzaun der anfangs ein einfacher hüfthoher Stacheldrahtzaun war, wurde erst 1961 durch komplexere und schwieriger zu überwindende Anlagen ersetzt, die in ihren letzten Ausbaustufen in den 1980ern mit integrierten Selbstschussanlagen und Einsatz von Minenfeldern von Flüchtenden selbstmörderischen Einsatz verlangten. Den in den 1950ern getroffenen Maßnahmen war letztlich der Erfolg versagt, da in Berlin nach wie vor die Möglichkeit bestand, vom Ostteil in den Westen der Stadt zu gelangen. Daher dann der Mauerbau im August 1961. 

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Westlich des Metallgitterzauns! Grenzaufklärer der DDR-Grenztruppen im Jahr 1982.

Ungarn 1956

Der aus Teilen der Erbmasse des Habsburgerreiches 1918 entstandene ungarische Nationalstaat ist während des 2. Weltkrieges mit dem Deutschen Reich verbündet gewesen. Entsprechend rabiat und rücksichtslos sind die Angehörigen der Roten Armee mit denjenigen Angehörigen der einheimischen Bevölkerung umgegangen, die zu viele Widerworte gaben, eine zu bürgerliche Mentalität zur Schau stellten oder – ebenfalls ein häufiger Vorwurf – konterrevolutionärer Bestrebungen verdächtigt wurden. Die sowjetische Besatzungsmacht, die hier wie anderenorts in Osteuropa nach Kriegsende ihren Einfluss und ihre Position gemäß den Beschlüssen der Konferenz von Jalta auszubauen begann, exportierte sogar ihr heimisches System der als Gulag bekannten Arbeitslager hierher. In Lagern wie dem von 1950 bis Oktober 1953 bestehenden Recsk, von wo aus Zwangsarbeiter in einen nahe gelegenen Steinbruch zur Vollbringung ihres harten und schwierigen Tagewerks geschickt wurden, gab es viele Internierte, die als Opfer einer Verhaftungswelle ohne Gerichtsurteil hierher verbracht worden sind. Kontakte zur Außenwelt waren ihnen untersagt.  

Mit Stalins Tod im Frühmärz 1953 ebbten einige der schlimmsten gegen die eigene Bevölkerung und gegen die der Satellitenstaaten gerichteten Nachstellungen und Repressionen der staatlichen Geheimpolizeien allmählich ab und Hoffnung keimte auf. Stalins Nachfolger Nikita Chruschtschow hielt schließlich am 25. Februar 1956 auf dem 20. Parteitag der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU) eine Geheimrede mit dem Titel „Personenkult und seine Folgen“, in der es um eine Verurteilung der von seinem Vorgänger betriebenen Terrorherrschaft und den inszenierten Personenkult ging. Auf verschlungenen Pfaden gelangte der Text in die USA, wo er am 4. Juni 1956 in der New York Times abgedruckt wurde und nach und nach weitere Verbreitung fand.

In Ungarns parteipolitischer Landschaft ist ein ganz ähnliches Phänomen zu beobachten gewesen, wie es ebenso in der DDR stattgefunden hat, wo aus der Zwangsvereinigung von KPD und SPD die SED hervorgegangen ist. In Ungarn ist aus dem Zusammenschluss von Kommunistischer Partei mit den Sozialdemokraten am 12. Juni 1948 die Partei der Ungarischen Werktätigen (Magyar Dolgozók Pártja) entstanden. Ihr erster Generalsekretär, Mátyás Rákosi, betrieb in den kommenden Jahren die schrittweise Sowjetisierung des Landes mit autoritären Methoden und mit Hilfe geheimpolizeilicher Organisationen wie der ÁVO und ÁVH, die Tausende Regimegegner umbrachten. 

Eine sich wirtschaftlich massive verschlechternde Lage konnte dadurch natürlich nicht verhindert werden und es kam, angefeuert von Ereignissen in Polen zum Volksaufstand, dessen Beginn die Historikerin Anne Applebaum in „Der eiserne Vorhang. Die Unterdrückung Osteuropas 1944 – 1956“ beschrieben hat: „Durch diese Nachrichten inspiriert, drängten sich am 22. Oktober 5000 Studenten in einen Saal der Technischen Universität von Budapest, um aus dem Verband der Werktätigen Jugend auszutreten und ihre eigene Organisation zu gründen. Von drei Uhr nachmittags bis um Mitternacht schrieben sie ein Manifest, ein radikales Dokument, das als die 16 Punkte bekannt wurde. Unter anderem forderte es den Abzug der sowjetischen Truppen aus Ungarn, freie Wahlen, Versammlungsfreiheit, Wirtschaftsreformen – und die Wiedereinführung des 15. März, den Jahrestag von 1848 als Nationalfeiertag. (…) 24 Stunden später standen mindestens 25.000 Menschen auf dem Bem-Platz und noch Tausende mehr in den umliegenden Straßen. (…) Wie drei Jahre zuvor in Berlin verwüstete die Menge auf dem Weg eine russische Buchhandlung und zündete sie an. Eine Gruppe macht sich auf den Weg zum Radiosender, belagerte das Gebäude und forderte: „Wir wollen ein Radio, das dem Volk gehört.“ Als der Sender weiter fade Musik spielte, durchbrach sie mit einem Sendewagen den Eingang. Bei Einbruch der Nacht war die Menge auf den Heldenplatz weitergezogen, wo vier Jahre zuvor ein riesiges bronzenes Stalindenkmal aufgestellt worden war. Nach ein paar vergeblichen Versuchen, die Statue mit Stricken herunterzureißen, kam eine Arbeiterbrigade mit schwerem Gerät und Schweißbrennern an – die Kräne hatte sie von den städtischen Nahverkehrsbetrieben ausgeliehen. Sie machten sich ans Werk, die Menge johlte, und die Statue begann zu wackeln. Schließlich, genau um 21.37 Uhr, stürzte Stalin.“ (s. S. 523f.)

Über den Sender „Radio Free Europe“ wurde den Aufständischen militärische Hilfe aus dem Westen versprochen, die niemals gekommen ist. Mehr als 3.000 Tote waren schlussendlich zu beklagen, mehr als 200.000 Menschen gingen in die Emigration vorwiegend ins westliche Ausland.

Beide Volksaufstände – wie auch der Prager Frühling 1968 – haben ein überaus mutiges Zeichen gegen staatliche Unterdrückung als systemstabilisierende Faktoren innerhalb der Arbeiter-und-Bauern-Staaten gesetzt. Der Glaube an den Wert persönlicher Freiheit hat sich als stärker als die Furcht vor Nachstellungen und Repression erwiesen! 

Bildnachweis©derblogger

 

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