Wettlauf in den Weltraum

Unterhalb einer gedachten Linie in 100 Kilometer Höhe über dem Meeresspiegel spricht man von Luftfahrt, darüber von Raumfahrt. Das Flugverhalten von Objekten, die es bis in diese Region schaffen, verändert sich dort oben grundlegend, da ein nennenswerter dynamischer Auftrieb nicht mehr stattfindet. Zu Ehren des 1881 in Budapest geborenen Physikers Theodore von Kármán spricht man in diesem Zusammenhang daher von der Kármán-Linie, um den fließenden Übergang von der Erdatmosphäre zum Weltraum zu bezeichnen.

Sich weit entfernt von der Erde bewegen zu können, ist ein uralter Menschheitstraum. Der brillante Erfinder und Baumeister Dädalos, der gemeinsam mit seinem Sohn Ikaros von König Minos auf der Insel Kreta gefangen gehalten wurde, konstruierte eine flugfähige Apparatur aus Wachs und Federn, um auf dem Luftweg zu entkommen. Doch der übermütige Ikaros kam der Sonne zu nah, das Wachs schmolz und der Unglückliche stürzte ins Meer. So will es der griechische Mythos. Die Romane des technikbegeisterten Jules Verne wenden sich im 19. Jahrhundert einem der Erde näher gelegenen Himmelskörper zu. Mit „Von der Erde zum Mond“ und „Reise um den Mond“ avancierte Verne zu einem der Ahnherren der Science-Fiction-Literatur und übte eine nicht zu unterschätzende Fernwirkung aus. Doch wann wurde der Weltraum tatsächlich und nicht nur in der Phantasie erreicht?

Peenemünde an der Ostsee im Jahr 1944

Die Anfänge der Raumfahrt haben viel mit der durch den 2. Weltkrieg gegebenen militärischen Situation zu tun. Während aus hunderten von Flugzeugen bestehende alliierte Bomberflotten in der Lage waren, deutsche Großstädte bei Tag und Nacht zu bombardieren, fehlte der Luftwaffe ein in großen Stückzahlen produzierter Langstreckenbomber, der im Luftraum über den Britischen Inseln dazu fähig gewesen wäre, eine ähnlich zerstörerische Wirkung zu entfalten. Der viermotorige schwere Bomber Heinkel He 177, von 1942 bis 1944 wurden rund 1100 Flugzeuge dieses Typs produziert, war dazu jedenfalls nicht in der Lage. Eine umso größere Bedeutung kam deshalb den V-Waffen zu, wobei „V“ tatsächlich als Kürzel für Vergeltung zu verstehen ist.

In der im Norden der Insel Usedom gelegenen Heeresversuchsanstalt (HVA) Peenemünde wurde aus diesem Grund akribisch geforscht, konstruiert und getestet. Begleitet von öffentlichkeitswirksamer Propaganda aus dem von Joseph Goebbels geleiteten Ministerium wurde in Teilen der Bevölkerung der Glaube an die Wirksamkeit von Wunderwaffen mit Fernwirkung, die dazu imstande wären, das Kriegsglück noch einmal entscheidend zu deutschen Gunsten zu verändern, implementiert.

Während die V 1 ein unbemannter Lufttorpedo war, der ziemlich genau dem entspricht, was in der Gegenwart als Marschflugkörper (engl. cruise missile) bekannt ist, handelte es sich bei der auch als Aggregat 4 bezeichneten V 2 um eine ballistische Rakete. Rüstungsminister Albert Speer beschreibt in seinen 1969 erschienen „Erinnerungen“ einen der ersten Starts: „Mit dem Gebrüll eines ungezügelten Riesen hob sich die Rakete langsam von ihrem Untersatz, schien für den Bruchteil einer Sekunde auf ihrem Feuerstrahl zu stehen, um dann heulend in den niedrigen Wolken zu verschwinden. Wernher von Braun strahlte.“ Am 20. Juni 1944, genau zwei Wochen nach der alliierten Landung in der Normandie, hob eine V 2 mit der Typbezeichnung MW 18014 in Peenemünde ab, die eine Höhe von 175 Kilometer erreichte und somit das erste künstliche Objekt war, das in den Weltraum vorgedrungen ist. Die heimischen Raketenwissenschaftler hatten geschafft, was anderenorts noch niemandem gelungen war. Was würde mit ihnen nach Kriegsende geschehen?

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Im Kalten Krieg

Die Systemkonkurrenz zwischen der östlichen Supermacht Sowjetunion und ihrem westlichen Gegenüber USA verschärfte sich zusehends, so dass mit dem Jahr 1947 die mehr als vier Jahrzehnte andauernde Ära des Kalten Krieges einsetzte. Die USA hatten 1945 mit dem Einsatz von Atomwaffen in den japanischen Städten Hiroshima und Nagasaki nicht nur Tod und Zerstörung verbreitet, sondern waffentechnologisch ein gänzlich neues Kapitel aufgeschlagen. Die Sowjetunion zog bereits 1949 mit der ersten einsatzfähigen eigenen Atombombe nach. Wer nun über geeignete Trägerraketen verfügte, idealerweise in Form von Interkontinentalraketen, konnte – der immanenten Logik des Kalten Krieges folgend – Angst und Schrecken verbreiten, wie und wo es opportun erschien. 

Mitentscheidend bei allen Fragen rund um die Raketenentwicklung in Ost und West wurde das Know-how der deutschen Experten. Rund 120 von ihnen befanden sich schließlich in den USA nebst wissenschaftlichen Unterlagen, Plänen, Modellen und Konstruktionszeichnungen. Dabei waren auch Walter Dornberger, Generalmajor der Wehrmacht und Kommandeur der Heeresversuchsanstalt Peenemünde, und nicht zuletzt Wernher von Braun, der mit der weiterentwickelten V 2, der Redstone, zum Vater der amerikanischen Raketenprogramme wurde. Von Braun wurde im Juli 1960 erster Direktor der NASA-Einrichtung Marshall Space Flight Center in Huntsville, Alabama, was eine wirklich erstaunliche Karriere für einen mit dem Ritterkreuz des Kriegsverdienstkreuzes mit Schwertern hochdekorierten ehemaligen SS-Sturmbannführer bedeutete.

Auch die Sowjets wussten sich des neuartigen Wissens zu bemächtigen, wie der Historiker Bernd Stöver in „Der Kalte Krieg. Geschichte eines radikalen Zeitalters 1947 -1991“ berichtet: „Während der deutsche Beitrag zur sowjetischen Atombombe eher begrenzt blieb, sah dies in der Raketenproduktion völlig anders aus. Auch das war eine Parallele zu den USA. Nach dem Abzug der Amerikaner hatten sowjetische Wissenschaftler – unter ihnen der damals noch unter NKWD-Bewachung stehende spätere Staringenieur Sergej Koroljow – im Juni 1945 die verbliebenen deutschen Produktionsanlagen in Thüringen besichtigt. Die unzerstörten Werke der deutschen Flugzeug- und Raketentechnik in Nordhausen wurden zum Grundstock der zunächst dort belassenen sowjetischen Raketenproduktion, in der Koroljow die wissenschaftliche Leitung übernahm. Von deutscher Seite wurde hier Helmut Gröttrup, ein enger Mitarbeiter Wernher von Brauns aus Peenemünde, eingesetzt. Da man Probleme bei der Geheimhaltung, vor allem aber auch die Flucht der deutschen Spezialisten nach Westen fürchtete, entschieden sich die Sowjets allerdings nur wenige Monate später, alles in die UdSSR zu verlagern. Mit der minutiös vorbereiteten, wenn auch in der Praxis teilweise chaotisch durchgeführten Operation Osowjachim in der Nacht vom 21. auf den 22. Oktober 1946 wurde nicht nur das deutsche Personal abtransportiert. Kurz danach wurden auch alle Produktionsanlagen abgebaut und die Reste systematisch zerstört.“ (S. 65) 

In den 1950er und 1960er Jahren

Nach Stalins Tod im März 1953 konnte sich im Machtkampf mit Geheimdienstchef Lawrenti Beria schlussendlich Nikita Chruschtschow als neuer Herrscher im Kreml durchsetzen. Während des XX. Parteitages der KPdSU hat Chruschtschow am 25. Februar 1956 eine bemerkenswerte Geheimrede mit dem Titel „Über den Personenkult und seine Folgen“ gehalten, in der es um eine schonungslose Abrechnung mit den Verbrechen der Stalinzeit ging. Das damit einhergehende innen- und außenpolitische Tauwetter schien eine gewisse Entspannung anzukündigen, da auf demselben Parteitag ebenfalls die neue außenpolitische Leitlinie von der friedlichen Koexistenz zwischen Staaten mit verschiedenartiger Sozialstruktur gebilligt worden ist. Jahre später wurde noch einmal klargestellt, dass Frieden und friedliche Koexistenz mitnichten identische Zustände seien. Das klassenkämpferische Element, der Wettbewerb untereinander existierten demnach unverändert weiter. Vor diesem Hintergrund ist die Ansprache von US-Präsident John F. Kennedy vom 10. Juni 1963 zu verstehen, in der dieser freimütig bekannte: „Wir sind (…) willens und in der Lage mit jedem anderen System auf der Erde in einen friedlichen Wettstreit zu treten.“ 

Einstweilen hatten die Sowjets in puncto Raketen- und Weltraumtechnik die Nase vorn. Besonders deutlich wurde dies am 4. Oktober 1957 vor Augen geführt, als sie es mit Hilfe einer modifizierten Interkontinentalrakete vom Typ R-7 vom Weltraumbahnhof Baikonur aus schafften, den kugelförmigen künstlichen Satelliten Sputnik 1 in die Erdumlaufbahn zu befördern. Die darauf im Westen ausgelöste Reaktion wurde als Sputnikschock bekannt, das unangenehme Gefühl, dass selbst die USA von der Sowjetunion mit Atomwaffen befördernden Interkontinentalraketen erreichbar und damit keinesfalls sicher wären. Daraufhin wurde im Juli 1958 die NASA gegründet, denn zuvor hatten die Sowjets es auch hinbekommen, mit der dreijährigen Mischlingshündin Laika in Sputnik 2 am 3. November 1957 das erste Lebewesen in den Weltraum zu schicken. Vollends glaubte man in Moskau triumphieren zu können, als mit Juri Gagarin am 12. April 1961 im Zeichen von Hammer und Sichel und eben nicht stars and stripes der erste Mensch, der auch noch wohlbehalten und unversehrt zurück gelangte, mit dem Raumschiff Wostok ins All befördert werden konnte. Präsident Kennedy verlor dennoch nicht die Zuversicht und seine Ankündigung, noch vor Ende des Jahrzehnts den Mond vor den Russen zu betreten, ist am Ende des Tages genauso eingetreten. Am 20. Juli 1969 konnte mit Apollo 11 die erste Mondlandung erfolgreich durchgeführt werden. 

Als wissenschaftliche und technische Leistungen verdienen alle frühen Raumfahrtmissionen Anerkennung und Respekt, einerlei von wem sie initiiert wurden. Als Beleg und Maßstab für ein anderen gegenüber überlegenes Gesellschaftsmodell taugen sie jedoch nicht!

Bildnachweis©unsplash

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