Der Kalte Krieg in 5 Filmen

1. Der Dritte Mann

Uraufführung: August 1949; Regie: Carol Reed; Originaltitel: The Third Man; s/w.

Die Dreharbeiten an den Originalschauplätzen in Wien begannen im Oktober 1948, die letzten Kampfhandlungen des Weltkriegs lagen gerade einmal dreieinhalb Jahre zurück. Schon zu Jahresbeginn ist der als Drehbuchautor verpflichtete Schriftsteller Graham Greene zu Recherchezwecken vor Ort gewesen. Was er sah, war eine von mehr als 50 alliierten Luftangriffen heimgesuchte Stadt, teilweise noch immer ein Trümmerfeld.

Österreich war von den Alliierten in insgesamt vier Besatzungszonen aufgeteilt worden: eine sowjetische, eine US-amerikanische, eine britische und eine französische. Wien seit September 1945 ebenso. Im Unterschied zum damals gleichfalls aus vier Sektoren bestehenden Berlin war das Stadtzentrum Wiens, der 1. Bezirk, von dieser Regelung ausgenommen. Hier wechselte turnusmäßig jeden Monat die Besatzungsmacht und die interalliierte Militärpolizei patrouillierte, um die öffentliche Ordnung aufrechtzuerhalten. Ihre Angehörigen, die im Dritten Mann etwa bei der vorläufigen Festnahme von Anna Schmidt (Alida Valli) wegen gefälschter Ausweispapiere gezeigt werden, sind als die Vier im Jeep bekannt geworden, obwohl später auch andere Fahrzeugtypen wie Dodge oder Pobjeda, eine russische Marke, Verwendung fanden. Der Auftritt des Quartetts von Militärpolizisten erfolgt, ähnlich der Zusammenarbeit von Major Calloway (Trevor Howard) und seinem sowjetischen Gegenüber, dem Offizier Brodsky, vor dem Hintergrund sich in der realen Welt zunehmend verschärfender internationaler Spannungen, die ihr theoretisches Fundament in Präsident Trumans Kongressrede im März 1947 und Andrei Schdanows Zwei-Lager-Theorie im September 1947 erhalten haben. Die Sperrung der Zufahrtswege nach Berlin ab Juni 1948, die Berlin-Blockade, ist bald danach zum vorläufig sichtbarsten und spannungsreichsten Ausdruck einer mehr als vierzig Jahre andauernden Ära geworden, kurz und knapp mit dem Begriff Kalter Krieg bezeichnet.

Zu Beginn der Filmhandlung kommt der amerikanische Autor billiger Unterhaltungslektüre Holly Martins (Joseph Cotten) nach Wien, um hier seinen alten Jugendfreund Harry Lime (Orson Welles), der ihm ein vages Jobangebot unterbreitet hat, zu treffen. Doch Lime ist tot, so wird behauptet. Erste Nachforschungen von Holly ergeben Ungereimtheiten bei der Klärung der Frage, wie sein Freund zu Tode gekommen ist. Eine im Polizeibericht nicht erwähnte Person, ein dritter Mann, soll neben zwei anderen am Unfallgeschehen in der Wiener Innenstadt Beteiligten anwesend gewesen sein. Eines Abends, nachdem Holly die Wohnung von Anna Schmidt, der Freundin Harry Limes, verlassen hat, sieht er den Totgeglaubten auf der Straße in einem Hauseingang versteckt. Eine anschließende Exhumierung des Grabes kommt zu dem Ergebnis, dass ein anderer, ein gewisser Joseph Harbin, vermisster Mitarbeiter in einem Militärhospital, dort begraben wurde. Da Hollys offensichtlich quicklebendiger Jugendfreund durch Major Calloway erneut der Schieberei mit verunreinigtem Penicillin, was für die mit dieser teuflischen Mixtur Behandelten fürchterliche Folgen mit sich brachte, bezichtigt wird, beschließt er den Gesuchten zu treffen. Es kommt zur Begegnung im Riesenrad des Prater. 

Wien, Riesenrad im Prater.

Harrys ambivalenter Charakter offenbart sich in der Kabine hoch droben im Riesenrad, indem er gleichzeitig einen Anflug von Sympathie für den Jugendfreund erkennen lässt und andererseits auf die von ihm mitgeführte Pistole hinweist. Die Polizei würde bei einem Sturz aus dieser Höhe wohl kaum noch nach Schusswunden suchen. Einige fragwürdige Bemerkungen über Wert und Bedeutung des menschlichen Individuums schließt er mit der berühmten Kuckucksuhr-Rede ab: „In Italien, in den 30 Jahren unter den Borgias hat es nur Krieg gegeben, Terror, Mord und Blut. Aber dafür gab es Michelangelo, Leonardo da Vinci und die Renaissance. In der Schweiz herrschte brüderliche Liebe. 500 Jahre Demokratie und Frieden. Und was haben wir davon? Die Kuckucksuhr!“

Wenig später kommt es zur durch Verrat ausgelösten finalen Verfolgungsjagd, die ihr Ende in der Kanalisation der Stadt findet. Der wie ein wildes Tier gehetzte Harry stirbt durch einen Schuss aus der Waffe seines alten Freundes, der keine Loyalität mehr aufzubringen vermochte. Die Schlussszene spielt auf dem Zentralfriedhof. Anlass ist Harrys Beerdigung. Anna Schmidt geht die endlose Allee entlang und würdigt Holly Martins keines Blickes mehr. Über den Tod hinaus ist sie loyal geblieben.

Der Dritte Mann mit seinem durch schräge Kameraperspektiven und expressionistische Schattenwürfe bestimmten visuellen Stil entzieht sich einer eindeutigen Genrezuordnung. Mal wird er als Film noir, mal als Thriller oder als Kriminalfilm gedeutet. Klar positioniert hat sich dagegen das British Film Institute. 1999 wählte es den Dritten Mann zum größten britischen Film aller Zeiten. 

2. Apocalypse Now

Uraufführung: Mai 1979; Regie: Francis Ford Coppola; Originaltitel: Apocalypse Now; Farbe.

Der Schriftsteller Joseph Conrad war ein weitgereister Mann. Als Kapitän von Handelsschiffen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hat er die Ozeane befahren und viel von der Welt gesehen, insbesondere ist ihm Südostasien und Afrika nicht unbekannt geblieben. Als er seinen Brotberuf nicht mehr ausüben konnte, hat er sich dem Schreiben zugewendet und 1899 ist seine Erzählung „Das Herz der Finsternis“  (engl. „Heart of Darkness“) entstanden. Eine Schiffsreise auf dem Fluss Kongo wird hier unternommen, um den Leiter einer Handelsstation, einen gewissen Kurtz, aufzusuchen.

Im Film „Apocalypse Now“ steht ebenfalls eine Schiffsreise im Mittelpunkt des Geschehens und wieder wird ein gewisser Kurtz gesucht. Allerdings handelt es sich bei diesem Kurtz nicht um den Leiter einer afrikanischen Handelsstation, sondern um einen Colonel der US. Army. Walter E. Kurtz, als Green Beret Angehöriger der Special Forces, ist ins Fadenkreuz der Generalität geraten, weil die von ihm angewandten Methoden während des Vietnamkriegs im Jahr 1969 nicht mehr länger toleriert werden. Daher wird Captain Willard (Martin Sheen) damit beauftragt, ihn zu liquidieren. Die Reise auf dem Nung-Fluss beginnt Willard auf dem Patrouillenboot Street Gang, das ihn auf kambodschanischem Staatsgebiet irgendwo absetzen soll. Sofern man bis dahin gelangt. Denn das Unternehmen ist überaus gefährlich. Als Begleitschutz dienen die Hubschrauberbesatzungen der 1. Cavalry Division, die von dem extravaganten von Robert Duvall dargestellten Offizier Kilgore (Ich liebe den Geruch von Napalm am Morgen.“) angeführt werden. Während Willard das ihm mitgegebene Dossier über Kurtz (Marlon Brando) immer weiter studiert, kommen ihm angesichts des täglichen Grauens, das ihn umgibt, Zweifel am Sinn seiner Mission.

Vietnam, das seit der Genfer Indochinakonferenz 1954 entlang des 17. Breitengrades in einen nördlichen kommunistischen und einen südlichen eher an westlichen Vorstellungen orientierten Landesteil zergliedert worden ist, war davor Bestandteil des französischen Kolonialgebiets Indochina, zu dem auch Laos und Kambodscha gehörten. Im von 1946 bis 1954 erbittert geführten Kolonialkrieg konnten sich die Viet Minh mit sowjetischer und chinesischer Unterstützung gegen die französischen Kolonialtruppen durchsetzen. Entscheidend war deren Niederlage in der Schlacht bei Dien Bien Phu. Die ideologischen und militärischen Auseinandersetzungen zwischen Nord- und Südvietnam gingen jedoch im Grunde genommen unvermindert weiter. Solange die Großmächte nur logistische und materielle Unterstützung leisteten, kann dabei noch von einem Stellvertreterkrieg gesprochen werden. Dies ist seit 1964 mit dem Erlass der Tonkin-Resolution unter Präsident Johnson und der massiven Verstärkung US-amerikanischer Präsenz im Land jedoch nicht mehr der Fall gewesen. 1969, im Jahr von Captain Willards Reise auf dem Nung-Fluss, befinden sich schließlich rund 480.000 amerikanische Soldaten im Land. Sie sind hier, weil einerseits die von Präsident Truman 1947 erklärte Politik der Eindämmung (Containment) und die von seinem Nachfolger Eisenhower 1954 verkündete Domino-Theorie die entscheidenden handlungsleitenden theoretischen Maßstäbe jeder amtierenden US-Regierung bildeten, und zwar aller fünf am Vietnamkrieg beteiligten. Die Domino-Theorie ging dabei von der Vorstellung aus, dass allein die geographische Nähe eines kommunistischen Landes und die populistische Kraft der Ideologie dafür ausreichen würden, dass alle Länder in der Nähe wie bei einer Kette von Dominosteinen umfallen würden, um sich von der westlichen Welt abzuwenden.  

Deshalb waren die US-Soldaten in Vietnam. Um zu verhindern, dass die Domino-Theorie Realität würde. Deshalb war auch Captain Willard auf seinem Patrouillenboot unterwegs, um seinen Auftrag auszuführen. Neben „Die durch die Hölle gehen“ (The Deer Hunter, 1978) von Michael Cimino ist „Apocalypse Now“ zum Thema Vietnamkrieg nach wie vor die faszinierendste filmische Verarbeitung der Ereignisse. Besonders empfehlenswert ist die 2001 erschienene als „Apocalypse Now Redux“ veröffentlichte 50 Minuten längere Schnittversion des Regisseurs Coppola. 

3. Thirteen Days

Uraufführung: Januar 2001; Regie: Roger Donaldson; Originaltitel: Thirteen Days; Farbe und s/w.

Nachdem die Sowjets im Herbst 1957 als erste einen künstlichen Satelliten in den Weltraum befördert hatten, kam es zum sogenannten Sputnikschock, dem auch in den USA weit verbreiteten Gefühl nicht mehr völlig sicher zu sein, da aus der UdSSR gestartete und mit atomaren Sprengköpfen versehene Interkontinentalraketen nahezu überall ihr zerstörerisches Werk verrichten könnten. Als mit dem Kosmonauten Juri Gagarin im April 1961 der erste Mensch in den Weltraum geschickt wurde, triumphierte die Vormacht des Warschauer Paktes erneut. War man in puncto Weltraum- und Raketentechnik konkurrenzfähig genug, so wurde gefragt. Natürlich war man es, es gab weder eine „Bomber-“ noch eine „Raketenlücke“. Die USA befanden sich hinsichtlich ihres eigenen atomaren Abschreckungspotenzials sogar bei weitem im Vorteil. Zudem hatte man von 1959 an in der Nähe der türkischen Stadt Izmir 15 Mittelstreckenraketen vom Typ PGM-19 Jupiter mit Ziel Sowjetunion stationiert. Auf diesem Wege mochte es im Falle des Falles gelingen, die langen Vorwarnzeiten, die seinerzeit bei Interkontinentalraketen ungefähr eine halbe Stunde Zeit zum Ergreifen von Abwehrmaßnahmen ermöglichten, um ein Mehrfaches zu reduzieren. Wenige hundert Kilometer Flugphase waren gleichbedeutend mit nur noch fünf Minuten Vorwarnzeit. Wie würde Washington reagieren, wenn bekannt würde, dass auf das Gebiet der USA selbst derartige Waffensysteme gerichtet wären?

Genau hier setzt der fast gänzlich ohne Actionszenen realisierte Politthriller Thirteen Days an. Innerhalb der Zeitspanne von dreizehn Tagen im Oktober 1962 geriet die Welt in der Kubakrise ganz nah an den Abgrund eines mit atomaren Waffen geführten Krieges. Es begann damit, dass am 14. Oktober 1962 ein sich über der Karibikinsel Kuba befindliches amerikanisches Aufklärungsflugzeug Fotos gemacht hat, deren Auswertung zu der Erkenntnis führte, dass die Sowjets hier vor Ort dabei behilflich waren, Stellungen für Raketen mit Atomsprengköpfen zu errichten. Nur 170 Kilometer von Florida entfernt. Thirteen Days zeigt die sich darauf hin entwickelnde hektische Betriebsamkeit auf den Fluren und in den Amtszimmern des Weißen Hauses. Im Mittelpunkt des Geschehens stehen Präsident John F. Kennedy (Bruce Greenwood), sein Bruder, Justizminister Robert Kennedy, Verteidigungsminister Robert McNamara und die einflussreichen Berater Ted Sorensen, McGeorge Bundy und der von Kevin Costner gespielte Kenneth O´Donnell.

Was in der Kubakrise zu vermeiden war: die Explosion von Atomwaffen.

Was war zu tun und welche Maßnahmen müssten zum Schutz der Bevölkerung vor der wahrscheinlichen militärischen Aggression ergriffen werden? Um die adäquate Beantwortung dieser Fragen kreisen die messerscharfen Dialoge des Films. Die Militärs, insbesondere der Stabschef der Air Force, General Curtis LeMay, fordern rasches Eingreifen und die Zerstörung der Raketenstellungen auf Kuba. Doch sie können nicht garantieren, dass alle Gefahrenherde ausgeschaltet werden. Es besteht selbst nach einem erfolgreichen US-Angriff auf Kuba die Möglichkeit, dass einige Atomraketen amerikanisches Festland erreichen und ihr zerstörerisches Werk verrichten.

Während gezeigt wird wie Präsident Kennedy verschiedene Handlungsoptionen auslotet, verschärfen die militärischen Hardliner und ebenso eine kritische Öffentlichkeit den Druck zusehends. Die Idee einer Seeblockade nimmt schließlich Gestalt an. Kein sowjetisches Schiff, das militärische Ausrüstungsgegenstände an Bord hat, soll Kuba noch erreichen dürfen. Aus völkerrechtlichen Gründen muss die Blockade als Quarantäne „verkauft“ werden. Erste Schiffe drehen bei, doch andauernd besteht die Gefahr fort, dass die Situation eskaliert.

Am Ende sehen sowohl Nikita Chruschtschow in Moskau als auch sein Washingtoner Gegenüber ein, dass ein Kompromiss unumgänglich ist. Die Sowjets erklären ihre Bereitschaft, die Atomraketen aus Kuba abzuziehen, und die USA verzichten auf eine Invasion von Fidel Castros Insel. Dass mit etwas zeitlicher Verzögerung auch die US-Mittelstreckenraketen aus der Türkei abgezogen wurden, erfährt die Öffentlichkeit erst sechs Jahre später. Gesichtswahrung ist gleichermaßen im Kreml wie im Weißen Haus Trumpf.

In Thirteen Days dominiert die amerikanische Sicht der Dinge, nicht die sowjetische und schon gar nicht die kubanische. Die dramaturgisch hochspannende Verdichtung der komplexen Materie macht aus dem Film gleichwohl ein sehenswertes Lehrstück über die Mechanismen und Fallstricke internationaler Politik in Krisenzeiten.

4. Children of Glory

Uraufführung: Oktober 2006; Regie: Krisztina Goda; Originaltitel: Szabadság, szerelem; Farbe.

Budapest im Herbst 1956. Karcsi Szabó ist ein begabter Wasserballspieler Anfang zwanzig. Mit seinem Team bereitet er sich gerade auf die im November im australischen Melbourne beginnenden Olympischen Sommerspiele vor. Die Ziele sind hochgesteckt, die Erwartungen ebenfalls, immerhin ist Ungarn bereits vor vier Jahren in Helsinki Olympiasieger in dieser Sportart geworden und geht damit als amtierender Titelverteidiger ins Rennen. 

Eher zufällig gerät Karcsi auf eine Kundgebung in der Universität, wo er die etwa gleichaltrige Studentin Viki Falk kennenlernt. Am nächsten Tag, es ist der 23. Oktober 1956, begegnen sie sich bei einem friedlichen Protestmarsch durch die Straßen von Budapest wieder. Ein bereits Mitte des Monats vorgelegter Forderungskatalog, in dem die Unzufriedenheit der Studenten mit der moskauhörigen kommunistischen Regierung artikuliert wurde, zeigt worum es ihnen geht. Der Reformer Imre Nagy soll zum Ministerpräsidenten ernannt werden und den verhassten Ernö Gerö ablösen. Damit nicht genug. Verlangt werden freie Wahlen, ein Mehrparteiensystem, bürgerliche Freiheiten, die Wiederherstellung der nationalen Unabhängigkeit der Wirtschaft und die Wiedereinführung der ungarischen Nationalsymbole und -feiertage.   

Children of Glory befindet sich mit diesen Szenen am Anfang des Geschehens und der Ereignisse, die als Ungarnaufstand allgemeine Bedeutung erlangt haben. Als Akt des Aufbegehrens im Zeichen der Freiheit gegen staatliche Unterdrückung und Repression. Zu Beginn des Jahres 1956 hat der Kremlherrscher Nikita Chruschtschow auf dem XX. Parteitag der KPdSU eine bemerkenswerte Geheimrede mit dem Titel „Über den Personenkult und seine Folgen“ gehalten, eine schonungslose Abrechnung mit den verwerflichen und verbrecherischen Aktivitäten seines verstorbenen Amtsvorgängers Stalin. Auf verschlungenen Pfaden gelangte der geheime Redetext im Sommer desselben Jahres in die Hände der westlichen Presse, die bereitwillig druckte. Eine Phase des „Tauwetters“ schien eingeleitet zu sein, ein Eindruck der auch jenseits des Eisernen Vorhangs im östlichen Mitteleuropa weitere Verbreitung fand. In diesem Zusammenhang begehrten im Juni Arbeiter in Polen, vor allem in Posen, gegen Normerhöhungen und wirtschaftliche Probleme auf. Doch wie einige Jahre zuvor in der DDR schlug die Staatsmacht mit Waffengewalt zurück. 

Die beiden Hauptpersonen, Viki und Karcsi, beteiligen sich in den kommenden Tagen an dem schicksalhaften Auf und Ab aus aufkeimenden Hoffnungen auf Veränderung, ausgelöst durch vermeintlich nachhaltige Zugeständnisse der Regierung wie dem erklärten Austritt aus dem Warschauer Pakt, dem Bekenntnis zur Neutralität und dem vorübergehenden Abzug der zwischenzeitlich zu Hilfe geeilten russischen Panzer. Sie werden schließlich Zeugen, fast selbst Opfer, der Beschießung von friedlich Demonstrierenden durch die berüchtigte ungarische Geheimpolizei ÁVH. 

Und ihre Wege trennen sich wieder. Viki erlebt die nachfolgende Eskalation am eigenen Leib. Nachdem die russischen Panzer zurückgekehrt sind, um eine Entscheidung im Sinne Moskaus zu erzwingen, wendet sich nach schweren Straßenschlachten wieder das Bild. Trotz erbitterten Widerstands, trotz erfolgreichen Einsatzes von Molotow-Cocktails haben die ungarischen Straßenkämpfer, Viki oft an vorderster Front, gegen die geballte Macht der Roten Armee keine Chance. 

Der wieder zu seinem Wasserballteam zurückgekehrte Karcsi dagegen ist mittlerweile in Melbourne bei den Olympischen Spielen angekommen. Ungarns Gegner im Halbfinale ist die Sowjetunion. Im wohl unfairsten Spiel in der Geschichte dieser Sportart, bekannt und berüchtigt als Blutspiel von Melbourne, und unter dem frenetischen Jubel von das Stadion zum Bersten füllenden ungarisch stämmigen Australiern und anderen Sympathisanten setzt sich Karcsis Team mit 4:0 durch. Ein Sieg in der Niederlage!

Während der Westen tatenlos zugesehen hat, verloren mehr als 3000 Menschen im Aufstand ihr Leben. Children of Glory, wahrscheinlich die erfolgreichste Produktion des ungarischen Kinos überhaupt, setzt ihrem Widerstand gegen Unterdrückung ein filmisches Denkmal!  

5. Dame, König, As, Spion

Uraufführung: September 2011; Regie: Thomas Alfredson; Originaltitel: Tinker, Tailor, Soldier, Spy; Farbe.

Abseits der bei James Bond gepflegten Debatten um geschüttelte oder gerührte Martinis oder dem Glamour schneller und mit allerlei Sperenzchen ausgestatteter Sportwagen hat der kürzlich verstorbene Schriftsteller John Le Carré die Welt der Geheimdienste und die ihres Tagesgeschäfts von Spionage und Spionageabwehr sehr viel nüchterner beschrieben. Bereits in seinem Erstlingswerk „Schatten von gestern“ (engl. Originaltitel: Call for the dead, 1961) hat er die Figur des in schlecht sitzende Anzüge gekleideten, eine Art Anti-Held mit messerscharfem Verstand abgebenden George Smiley eingeführt. Im Auftaktband der Karla-Trilogie mit dem Titel „Dame, König, As, Spion“ von 1974, der Grundlage der gleichnamigen Verfilmung, erfährt Smiley, dass Geheimdienstmitarbeiter wie er nicht unersetzlich sind. Er ist entlassen worden. 

Das hat viel mit der Unruhe im Circus genannten britischen Geheimdienst zu tun, einer Unruhe, die seit dem Tod des alten Chefs, genannt Control (John Hurt), nicht geringer geworden ist. Controls Nachfolge hat Percy Alleline, ein aus Schottland stammender opportunistischer Karrierist, angetreten. Die Führungsspitze besteht zusätzlich aus Bill Haydon (Colin Firth), Roy Bland und Toby Esterhase. Sie arbeiten in dem Glauben zusammen, durch die Operation Witchcraft exzellentes und für westliche Geheimdienstarbeit sehr wertvolles Material aus der Sowjetunion erlangen zu können. Insbesondere Alleline glaubt, dadurch die Beziehungen zu den US-Amerikanern („Unsere Vettern“) stärken und verbessern zu können. Dass die Beziehungen überhaupt als verbesserungswürdig angesehen wurden, hat viel mit Störungen im transatlantischen Verhältnis zu tun, die es in der Realität damals tatsächlich gab. Zurückzuführen waren sie auf die endgültige Enttarnung des für Moskau auch in Washington und anderenorts in den USA spionierenden Kim Philby, zeitweise Träger des Order of the British Empire, im Jahr 1963. Die Schockwellen innerhalb des britischen Establishment, dass einer aus ihrem eigenen Kreis mit einem Examen aus Cambridge in Wirtschaftswissenschaften sie über mehrere Jahrzehnte verraten hatte, hallten noch jahrelang mit unverminderter Wucht nach. Von den bis in unsere Gegenwart berüchtigten Cambridge Five ist Kim Philby der wohl bedeutendste Doppelagent gewesen.    

Zurück zum Film: Inzwischen hat Oliver Lacon, ein dem Minister nahestehender Beamter der Außenministeriums, über den zeitweise verschwundenen Außenagenten Ricki Tarr (Tom Hardy) beunruhigende Nachrichten empfangen. Im Circus soll ein Maulwurf, ein Doppelagent, sein Unwesen treiben. George Smiley (Gary Oldman) wird deshalb gemeinsam mit Peter Guillam (Benedict Cumberbatch) einbestellt und reaktiviert, um den Wahrheitsgehalt der Informationen zu überprüfen. Bei einem gemeinsamen Besuch in Controls verlassener Wohnung stellen sie fest, dass der alte Chef denselben Verdacht gehegt hat. Spielfiguren sind mit Fotographien der gesamten Führungsclique des Geheimdienstes beklebt worden: Eben Dame, König, As, Spion.

Hier könnte man nun den Einwand erheben, dass professionelle Nachrichtendienstleute von Berufs wegen unter mehr oder weniger ausgeprägten Formen von Verfolgungswahn leiden, was vermutlich nicht so weit entfernt von der Wirklichkeit ist. Doch die weiteren Nachforschungen und Ermittlungen erhärten den Verdacht, dass etwas nicht stimmt. 

Die vorzugsweise unterschiedliche Schattierungen von Brauntönen aufweisende Verfilmung der Romanvorlage fängt die Atmosphäre der frühen 1970er Jahre mit ihren eigentümlichen Einrichtungsgegenständen, der vorherrschenden Mode und den seinerzeit üblichen Büroabläufen in der analogen Welt überzeugend ein. Als der Verräter schließlich überführt und gefasst wird, wird er von einem ehemaligen Kollegen und Freund aus der Distanz mit einem Scharfschützengewehr erschossen. 

Dame, König, As, Spion ist jedoch kein Geschichtsunterricht zum Thema, wie die Welt der Spione vor knapp fünfzig Jahren funktioniert hat. Vielmehr wird letztlich die Frage aufgeworfen, wem oder was gegenüber sich Menschen loyal oder illoyal verhalten. Ist es der Glaube an eine Religion oder Ideologie, ist es die Verbundenheit mit dem Heimatland, dem Staat oder der Firma, der Organisation gegenüber, für die man arbeitet? Sind es Freunde, Familie oder Verwandte? Damit berührt John Le Carré und mit ihm der Film eine der Grundfragen der menschlichen Existenz. Einfache Antworten darauf sind wohl nur schwer zu finden.

Zum Schluss

Zahllose Filme sind zum Hauptthema dieses Beitrags „Kalter Krieg“ gedreht worden. Allerdings erreichen nicht allzu viele von ihnen ein ähnliches Maß an ästhetisch-künstlerischer Qualität und inhaltlicher Tiefe wie die fünf hier vorgestellten. Auch wenn die Zeit des bipolaren Blockdenkens nunmehr seit dreißig Jahren selbst Geschichte ist, haben die Jahre von 1947 bis 1991 einige überzeitliche Botschaften für unsere Gegenwart bereitgestellt. 

  • Die bei allen Unterschieden vergleichbaren Volksaufstände in der DDR 1953, in Ungarn 1956 und der Prager Frühling in der Tschechoslowakei 1968 haben gezeigt, dass staatliche Unterdrückung und Repression nicht unbegrenzt und dauerhaft ertragen werden. Unabhängig von der Frage, ob alles in den richtigen Bahnen verlaufen ist, hat der Arabische Frühling 2011 gezeigt, dass autoritäre Obrigkeiten bei zunehmender digitaler Vernetzung von größeren Bevölkerungsgruppen in Schwierigkeiten geraten können. Am Ende bleibt vielleicht nur die Flucht ins Ausland, wie im Falle des tunesischen Autokraten Ben-Ali gesehen. Wo wird man in Zukunft die nächste Aufstandsbewegung erleben?
  • Die in Behördenapparaten institutionalisierte Arbeit von Geheimdiensten ist grundsätzlich erst nach dem 2. Weltkrieg entstanden. Die Existenz einige älterer Vorläuferorganisationen widerspricht dem nicht, wenn man sich die Gründungsdaten von CIA (1947), NSA (1952), BND (1956) anschaut. Während das Unterbringen von Maulwürfen in gegnerischen Diensten nach wie vor eine wichtige Rolle spielt, um einem Staat gegenüber einem anderen Vorteile zu verschaffen, ist ein weiteres Thema in den vergangenen dreißig Jahren immer wichtiger geworden. Gemeint sind die durch die Digitalisierung vorangetriebenen Möglichkeiten der Nachrichtendienste zur Datenspeicherung und Informationsgewinnung mit – wie seit Edward Snowden bekannt ist – unklaren und schwer kalkulierbaren Konsequenzen für die Gesamtheit unbescholtener Bürgerinnen und Bürger.   
  • Und schließlich: Die Möglichkeit eines atomar geführten Krieges ist in der Kubakrise 1962 erörtert und als nicht durchführbar erkannt worden. Es bleibt zu hoffen, dass nie der Tag eintritt, dass dies anders gesehen wird!

Bildnachweis©unsplash

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