Schauplatz Südostasien: Kolonialzeit und Indochinakriege

Der im August 1964 von nordvietnamesischen Schnellbooten mit Torpedos gegen Schiffe der US Navy im Golf von Tonkin vorgetragene Angriff hat stattgefunden, ohne dass es dabei zu Beschädigungen oder Zerstörungen gekommen wäre. Für den auf den ermordeten John F. Kennedy nachfolgenden neuen US-Präsidenten Lyndon B. Johnson war damit dennoch die Grundlage für ein über die Entsendung von Beratern hinausgehendes aktives militärisches Eingreifen seines Landes in die Geschicke der seit der Genfer Indochinakonferenz 1954 am 17. Breitengrad getrennten westpazifischen Anrainerstaaten Nord- und Südvietnam gegeben. Denn in den Fluren und Amtszimmern des Weißen Hauses wie auch anderenorts in Washington D.C. wurde gemäß der handlungsleitenden Domino-Theorie ernsthaft befürchtet, dass die Anziehungskraft der kommunistischen Ideologie ausreichend genug wäre, um schnell von einem Staat auf den nächsten überspringen zu können. Ein Dominostein würde für das Umfallen des nächsten sorgen. Das kommunistische Nordvietnam würde demnach das eher westlich orientierte Südvietnam zu Fall bringen. Daher gingen im März 1965 drei Bataillone US-Marineinfanteristen in Da Nang, unweit der alten Kaiserstadt Hue, an Land, womit erstmals reguläre Bodentruppen, denen viele weitere folgten, ins Geschehen vor Ort involviert waren. Ein erfolgreicher Eingriff der Supermacht USA mit ihren schier unermesslichen Waffenarsenalen und der vorhandenen technologischen Überlegenheit stand für die Weltöffentlichkeit außer Frage. Als jedoch zehn Jahre später im April 1975 die letzten Helikopter mit um ihr Leben fürchtenden, zur Flucht Entschlossenen an Bord vom Dach der Saigoner US-Botschaft und einem von der CIA genutzten Gebäudekomplex starteten, war das Unerwartete und jenseits allgemeiner Vorstellungskraft Liegende geschehen: Die spärlich ausgerüsteten und ausgemergelten Dschungelkrieger von Ho Chi Minh, des Begründers der Kommunistischen Partei Indochinas und Sohn eines konfuzianischen Gelehrten, hatten sich durchgesetzt. Das Ende des besser als Vietnamkrieg bekannten Zweiten Indochinakrieges schuf somit die Voraussetzung für eine kurz darauf erfolgende Wiedervereinigung der beiden geschundenen Landeshälften zu einem einzigen Staat.

Während des 2. Weltkriegs in der ersten Hälfte der 1940er Jahre hat sich die Situation in Vietnam noch vollkommen anders dargestellt. Die schon damals fremdbeherrschten und nach Unabhängigkeit strebenden Partisanen desselben Ho Chi Minh wurden vice versa von den USA im gemeinsamen Kampf gegen das japanische Kaiserreich, dessen in der Achse mit dem Deutschen Reich und Italien verbündete Militär Vietnam seinerzeit an strategisch bedeutsamen Orten besetzt hielt, mit Waffen und Ausrüstung unterstützt. Weil die Japaner sich ihrerseits noch bis ins Jahr 1945 hinein auf weitgehend funktionstüchtige Strukturen der etablierten französischen Kolonialverwaltung vor Ort stützen konnten, möchte ich zunächst der Frage nachgehen, was es mit der französischen Präsenz ursprünglich auf sich gehabt hat.

Frankreich in Indochina

Das französische Kaiserreich unter Napoleon III. begann ab 1858 seine kolonialen Positionen in Cochinchina, Annam und Tonkin, den drei Landesteilen Vietnams, auszubauen. Gemeinsam mit den heutigen Ländern Laos und Kambodscha wurde daraus ab 1887 die Union Indochinoise gebildet, die auch als Französisch-Indochina bekannte Perle französischen Kolonialbesitzes überhaupt. Inwieweit die europäischen Neuankömmlinge tatsächlich von dem teilweise behaupteten Gedanken einer zivilisatorischen Mission erfüllt waren, muss dahingestellt bleiben. Sofern dabei rhetorische Überhöhung im Spiel gewesen sein mag, unbestreitbar hielten französische Sprache und Kultur nebst dem Aufbau eines öffentlichen Schulsystems ihren Einzug an den Ufern des Mekong. Und nicht nur dort. Jürgen Osterhammel zufolge wurde das im Norden des Landes gelegene Hanoi zu einer der am verblüffendsten europäisch aussehenden Kolonialhauptstädte der Welt. In „Die Verwandlung der Welt“ führt der Historiker dazu aus: „Neben Regierungsbauten und einer ungewöhnlich protzigen und hässlichen Kathedrale entstanden ein Bahnhof, ein Opernhaus (eine verkleinerte Kopie der Pariser Garnier-Oper), ein Gymnasium (…), ein (weithin berüchtigtes) Gefängnis, eine technisch bemerkenswerte Brücke über den Roten Fluss, Klöster und Konvente, Kaufhäuser mit Glaskuppeln nach Pariser Art und zusätzlich zu den üblichen Villen der Topbürokraten und Großkaufleute – am Ende gab es zweihundert solcher individuell gestalteter Luxusresidenzen – auch standardisierte vorstädtische Wohnsiedlungen für das niedere französische Personal. Mit großer symbolischer Brutalität wurden die krassesten Monumente des Kolonialismus, der Gouverneurspalast und die Kathedrale, auf dem Gelände abgerissener Pagoden und konfuzianischer Examensgebäude errichtet. Während die Briten in Kalkutta die koloniale Neustadt neben der einheimischen Altstadt aufgebaut hatten, setzte sich die französische Kolonialmacht an deren Stelle. Die Straßen und Plätze wurden nach „Helden“ der französischen Eroberung Indochinas benannt und überhaupt nach großen Männern des historischen und gegenwärtigen Frankreich. Der Baustil der kolonialen Gründerzeit machte keine Zugeständnisse an asiatische Formsprache; in Saigon hatten sich die Colons sogar aus symbolpolitischen Gründen ganz offen gegen vietnamesische Bauzitate gestellt. Der Glanz Frankreichs sollte unverfälscht strahlen und seine zivilisierende Wirkung verbreiten. Korinthische Säulen, Neugotik und Frühbarock wurden bedenkenlos gemischt. (…) Erst nach der Jahrhundertwende regte sich in Vietnam und Paris Unbehagen gegenüber dem Bombast und Imponiergehabe der neunziger Jahre. Wissenschaftler entdeckten hinter der chinesisch-vietnamesischen Tradition das politisch weniger brisante „alte“ Indochina des Cham- und Angkorstils, und nach dem Ersten Weltkrieg wurden in Hanoi auch einige Art-deco-Designs realisiert.“ (S. 415)

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Während die Einheimischen Rechtsschutz genossen, waren ihnen politische Mitspracherechte vorenthalten. Von dieser offensichtlichen Benachteiligung betroffen waren um 1850 rund 10 Millionen Menschen, um 1900 rund 16 Millionen und um 1948 rund 27,5 Millionen, die in Indochina lebten. Ihnen gegenüber stieg die Bevölkerungszahl der Franzosen, von denen ungefähr die Hälfte Angestellte der Kolonialverwaltung waren, von rund 24.000 um 1900 auf rund 34.000 im Jahr 1940. Was zog sie hierher?

Ökonomie

Wer den Blick auf einige wirtschaftliche Kennziffern in der Gegenwart wirft, kommt nicht umhin, insbesondere der Landwirtschaft eine bemerkenswerte Leistungsfähigkeit zu attestieren. Im Jahr 2019 war Vietnam mit einem Volumen von fast 1,7 Millionen Tonnen weltweit hinter Brasilien und noch vor Kolumbien zweitgrößter Kaffeeproduzent, wobei die ersten Kaffeepflanzen 1857 von europäischen Siedlern ins Land gebracht worden sind. Im vor Ankunft der französischen Kolonialmacht nur dünn besiedelten Mekongdelta samt seinem Hinterland mit dem charakteristischen tropischen Klima entstand bereits im 19. Jahrhundert eine dynamische Reisexportwirtschaft. Weltweit war Vietnam 2019 fünftgrößter Produzent von Reis, während bei den Agrarprodukten Tee und Naturkautschuk jeweils die sechstgrößten Ernten eingefahren wurden. Speziell beim Naturkautschuk wirkte sich das 1839 von James Goodyear erfundene Verfahren der Vulkanisation aus, wodurch plastischer Naturkautschuk in elastisches Gummi umgewandelt werden konnte. Im Bemühen um Vollständigkeit darf allerdings auch die damalige Wichtigkeit des heutzutage illegalen Anbaus von Schlafmohn nicht unerwähnt bleiben. Das daraus gewonnene Opium erfreute sich als Schmerz-, Schlaf- und Betäubungsmittel allgemeiner Verbreitung, ließ aber viele Konsumenten als lebenslang Süchtige zurück. 

Die Kolonisten waren, soviel lässt sich sagen, sehr an der Gewinnung agrarischer Rohstoffe und deren Export interessiert. Für den Anbau bediente man sich großflächiger Plantagen, die durch den Dschungel geschlagene Pisten, systematisch angelegte Straßen und Eisenbahnlinien mit den notwendigen Infrastrukturen von Fluss- und Seehäfen verbunden waren. Natürlich ist es in Ermangelung aussagekräftiger Statistiken schwierig, das damalige Wohlstandgefälle zwischen Kolonie und Mutterland zu quantifizieren. Der britische Ökonom Angus Maddison hat zu diesem Thema gleichwohl allgemein anerkannte Berechnungen durchgeführt. Für die Jahre 1870 und 1913 hat Maddison das Bruttosozialprodukt pro Kopf für Vietnam mit 520 und 750 Dollar im Wert von 1990 und für Frankreich mit 1900 und 3600 Dollar im Wert von 1990 bemessen.    

In der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen des 20. Jahrhunderts gingen junge Vietnamesen gerne zu Ausbildungszwecken, sofern die finanziellen Möglichkeiten dazu bestanden, nach Westeuropa. Aufgrund der Sprache vorwiegend nach Frankreich. Einer von ihnen war der junge Ho Chi Minh, der 1919 erstmals nach Paris gelangte, wo er sich alsbald der Sozialistischen Partei Frankreichs anschloss. Seit US-Präsident Woodrow Wilson in seinem 14-Punkte Programm vom Selbstbestimmungsrecht der Völker gesprochen hat, fürchtete die damalige französische Regierung die Anti-Kolonialbewegung und ließ deren Umfeld durch die Sicherheitsbehörden beobachten. Inwieweit die von Ho gegründete Zeitung, die die Grausamkeiten des Kolonialismus anprangerte, in deren Fokus geriet, ist unklar. Jedenfalls kam es bei Ho zu einem Ortswechsel. Er ging nach Moskau, um an der Universität der Werktätigen des Ostens ein Studium aufzunehmen. Bekanntschaften mit Ernst Thälmann, Nikolai Bucharin, Zhou Enlai und anderen wurden gepflegt.

Der Zweite Indochinakrieg

Wie würden die an Marx und Lenin geschulten und kommunistisch indoktrinierten Revolutionäre und all die anderen mit Universitätsexamina Ausgestatteten, die nie über dritt- oder viertklassige Jobs für die Kolonialverwaltung hinausgelangen konnten, reagieren, als sie nach Ende des 2. Weltkriegs merkten, dass Frankreich die am 2. September 1945 in Hanoi proklamierte Unabhängigkeit ganz Vietnams so nicht akzeptieren wollte. Mehr noch: Bereits Ende 1945 und Anfang 1946 landeten französische Truppen vor Ort, um die Situation ganz in ihrem Sinne zu stabilisieren. Mit dabei war ein dem Commando Ponchardier angehörender junger Fallschirmjäger, der in späteren Jahren als Fernsehjournalist und Auslandskorrespondent weithin Bekanntheit erlangen sollte. Die Rede ist von Peter Scholl-Latour, einem der besten westlichen Kenner Indochinas.

Für europäische Kolonialmächte hatte sich die Zeit inzwischen grundlegend verändert, der Kolonialismus insgesamt war ein Auslaufmodell. Sowohl Großbritannien mitsamt seinem Empire als auch Frankreich mit seinem Kolonialreich hingen nach dem 2. Weltkrieg am finanziellen Tropf der US-Amerikaner. Der Traum von Britisch-Indien war nur noch eine Schimäre und der von Französisch-Indochina prinzipiell auch, nur zogen sich die Dinge länger hin als 1947.

Mit dem 1911 geborenen General Giáp, ehemals als Geschichtslehrer in Hanoi tätig, verfügte die Nordvietnamesische Volksarmee über einen Oberbefehlshaber der im strategischen Denken an Sunzi geschult war und erfolgreich Guerillataktiken in die militärischen Auseinandersetzungen einfließen ließ. Während westliches strategisches Denken – vereinfacht ausgedrückt – ganz im Sinne von Clausewitz am entscheidenden Punkt eines Konflikts überlegene Kraft sammeln will, um den Gegner dann vernichtend im Gravitationszentrum zu schlagen, verfolgt Sunzi einen umfassenderen, einen integrierten militärisch-politischen-psychologischen Ansatz. So hat der chinesische General des 6. Jahrhunderts Sunzi in seinen 36 Strategemen davon gesprochen, dass man im Osten lärmen solle, wenn man im Westen anzugreifen beabsichtige. Damit ist gemeint, dass die Aufmerksamkeit des Gegners vom eigentlichen Angriffsziel abzulenken ist. Als einer der ersten Europäer hat übrigens Napoleon Bonaparte eine Übersetzung Sunzis gelesen. Zurück zu General Giáp. Seine Truppen hat er gegen die Franzosen nur allzu ungern in die offene Feldschlacht geschickt und stattdessen lieber ganz gezielt Nadelstiche gesetzt.  

Das wurde im Sommer 1954 anders. Peter Scholl-Latour berichtet darüber in „Der Tod im Reisfeld“„Die Festung Dien Bien Phu war gefallen. Die französische Niederlage in Indochina war besiegelt. Oberbefehlshaber Navarre hatte gespielt und verloren. 60 000 Soldaten seiner Armee hatte er in diesem gottverlassenen Talkessel im Siedlungsgebiet der schwarzen Thai zusammengezogen. Das Dorf Dien Bien Phu, bis dahin nur als kümmerliche Durchgangsstation zwischen dem Hochland von Tonking und der laotischen Mekong-Ebene bekannt, war nun weltweit berühmt. Die Franzosen hatten sich dort mit der Absicht eingeigelt, den frontalen Angriff der Vietminh-Armee auf sich zu ziehen. Jahrelang hatten die Stäbe in Hanoi davon geträumt, dem Feind endlich in offener Feldschlacht zu begegnen und ihn zu vernichten. Das Expeditionskorps war den zermürbenden Partisanenkrieg so leid, daß es das immense Risiko der Isolierung in dieser entlegenen Talmulde auf sich nahm. General Navarre hatte den kleinen Geschichtslehrer Vo Nguyen Giap, der das Heer des Vietminh befehligte, und den Ameisenfleiß seiner Gegner sträflich unterschätzt. Alle Experten hätten geschworen, daß es unmöglich sein würde, Artillerie auf dem Landweg durch den Gebirgsdschungel nach Dien Bien Phu zu transportieren. Der Vietminh hatte es unter unvorstellbaren Strapazen geschafft, und schon unter den ersten Salven der Belagerer brachen die Verteidigungsanlagen der Franzosen, die allenfalls auf Granatwerferfeuer eingerichtet waren, zusammen. Die französische Generalität schien nachträglich den Satz Clemenceaus bestätigen zu wollen, wonach der Krieg eine zu ernste Sache sei, als daß man ihn den Militärs überlassen dürfe. Die bürgerliche Regierungskoalition in Paris trug mindestens ebenso schwere Verantwortung. Die Christlichen Volksrepublikaner, die früher einmal den fortschrittlichen Kräften Frankreichs zugerechnet worden waren, klammerten sich in seltsamer Verblendung an die Chimäre des kolonialen Erbes. In letzter Minute hatte Außenminister Georges Bidault sogar versucht, die Amerikaner zum Abwurf von taktischen Atombomben über den kommunistischen Stellungen von Dien Bien Phu zu bewegen. Doch Washington hatte erst vor einem Jahr dem Waffenstillstand in Korea zugestimmt. Zum ersten Mal hatten die Vereinigten Staaten einen Krieg nicht gewonnen, sondern mit Unentschieden auf der Basis des Status quo ante beendet. Selbst von John Foster Dulles war kein nukleares Eingreifen in Indochina mehr zu erwarten.“ (S. 83f.)

Das Ende von Französisch-Indochina war nahe. Auf der bereits erwähnten Genfer Indochinakonferenz wurde in der Schlusserklärung vom 21. Juli 1954 die Unabhängigkeit von Laos und Kambodscha sowie die Trennung Vietnams in einen Nord- und einen Südteil am 17. Breitengrad erklärt. Die Logik des Kalten Krieges veranlasste die Vereinigten Staaten von Amerika, sich von nun an stärker politisch und finanziell in Südostasien zu engagieren. Bis zu dem Tag, als im April 1975 die Helikopter Saigon verlassen haben.  

Bildnachweis©unsplash

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