Pop Art und Werbung, Kunst und Kommerz in den 1950ern und 1960ern

„Die Wahrheit ist, die Kunstgalerien werden überschwemmt von dem schwachköpfigen und nichtswürdigem Stil von Kaugummikauern, Backfischen und, schlimmer noch, von Straftätern. Ich kann weder darüber ins Schwärmen geraten noch sehe ich irgendeinen Grund, es reizvoll zu finden, so wenig, wie wenn ich eine Stunde lang Rock and Roll zuhören würde, in den ein paar Noten moderner Musik eingefügt wären.“

(Max Kozloff, Kunsthistoriker und -kritiker 1962 über Pop Art)

Im grauen Alltag der Nachkriegszeit

Europa 1945: Vielerorts ein tristes Trümmerfeld. Hunger und Mangelernährung waren für Millionen Menschen tagtägliche Begleiter. Viele von ihnen hatten noch nicht einmal ein Dach über dem Kopf. In Frankreich waren 20 Prozent des Wohnraumbestandes zerstört, während es in Großbritannien 30 und in Deutschland 40 Prozent waren. Ebenfalls stark in Mitleidenschaft gezogen war das aus Straßen und Eisenbahnstrecken bestehende Verkehrsnetz. Westliches und östliches Rheinufer waren nur noch durch eine einsame intakte Brücke miteinander verbunden. Die Devise für die kommenden Jahre konnte allein im zügigen Wiederaufbau nach Beseitigung der vorhandenen Trümmer liegen. Daneben genoss die Wiederingangsetzung des Wirtschaftskreislaufs höchste Priorität. Die Einführung der D-Mark anlässlich der Währungsreform im Juni 1948 in den drei westlichen Besatzungszonen führte sogleich zu einer Verbreiterung des Warenangebots und war damit ein erster Schritt in die ökonomische Normalisierung des Verbraucheralltags. Im Osten des Landes sah die Lage indessen im Zeichen von staatlichen Enteignungen und Kollektivierungsmaßnahmen anders und bei weitem ungünstiger aus.

Überhaupt nicht zu vergleichen und im starken Kontrast zur europäischen Situation war die Lage in Nordamerika, das ja während des Weltkrieges von Kampfhandlungen verschont geblieben war, wenn man vom japanischen Angriff auf das hawaiianische Pearl Harbour im Dezember 1941 einmal absieht. Anstatt der zivilisatorischen Brüche, die den alten Kontinent heimgesucht haben und in den Abgrund blicken ließen, standen in der Neuen Welt Kontinuität und ungebrochener Optimismus auf der Tagesordnung. Vor diesem Hintergrund nahm im August 1945, dem Monat des Atombombenabwurfs auf Hiroshima und Nagasaki, am Carnegie Institute of Technology in Pittsburgh, Pennsylvania, ein Siebzehnjähriger sein Studium der Gebrauchsgraphik (Pictorial Design) auf. Sein Name: Andy Warhol. Dem bleichen, als Kind oft kränklichen Sohn einer osteuropäischen Einwandererfamilie war der spätere künstlerische Erfolg von der Sozialisation in bescheidenem Umfeld her gewiss nicht in die Wiege gelegt. Einstweilen dominierte in den späten 1940er Jahren mit dem Abstrakten Expressionismus jedoch eine Kunstrichtung, deren hauptsächliche Strömungen vom Action Painting in der Art Jackson Pollocks und der Farbfeldmalerei im Stile Mark Rothkos charakterisiert wurden. Zahlreiche europäische Maler, die im Weltkrieg emigriert waren, wie Piet Mondrian, Marc Chagall, Max Ernst oder Marcel Duchamp, wirkten in diesem Sinne in der neuen amerikanischen Heimat anregend auf die dortigen Kreativen. Nachdem für die vergangenen 100 Jahre Paris der unbestrittene Mittelpunkt der Kunstwelt gewesen ist, übernahm nunmehr New York diese Rolle.

Fernsehen als neues Leitmedium der 1950er

Seit den späten 1920er Jahren war der Hörfunk, das Radio, das Massenmedium schlechthin, das es verstand, ganze Familien und Nachbarschaften zum gemeinsamen Hören von Sportberichten oder Musikübertragungen zu versammeln. Wohl galt dieser Befund ganz generell noch für die erste Hälfte der 1950er, doch der Durchbruch des Fernsehens kündigte Veränderungen an. In der Bundesrepublik gab es 1955 eine Gesamtzahl von 100.000 Fernsehgeräten und bereits zwei Jahre später 1 Million der damals heiß begehrten Prestigeobjekte. Als erste länderübergreifende siebenstündige Liveübertragung in Europa gilt die Krönungszeremonie von Elizabeth II. im Juni 1953, die allein in Großbritannien von 27 Millionen Zuschauern gespannt verfolgt worden ist. Bei diesem Anlass hat sich das Radio als nicht mehr wirklich konkurrenzfähig erwiesen. Während in den USA bereits im Juni 1951 von Columbia Broadcasting System (CBS) das erste – technisch unzureichende – Farbfernsehprogramm weltweit ausgestrahlt worden ist, das 1954 um die Einführung des NTSC-Systems als landesweiter Farbfernseh-Standard erweitert wurde, musste man in Deutschland und anderenorts in Westeuropa noch bis 1967 darauf warten. Qualitativ war das PAL-System dann allerdings auch besser.

Die existenzielle Frage danach, wie sich Radio- oder Fernsehsender eigentlich finanzieren, richtet sich nach deren öffentlich-rechtlicher bzw. kommerzieller Struktur. Bei ersteren werden als Faustregel Einnahmen aus Rundfunkgebühren überwiegen, bei letzteren Werbeeinnahmen. Bei den in den 1950ern immer mehr an Fahrt aufnehmenden Auflagenzahlen der Printmedien, vor allem Zeitungen und Zeitschriften, verhält es sich, wie vom ehemaligen Chefredakteur der Rheinischen Post Joachim Sobotta formuliert: „Richtig ist, daß privatwirtschaftlich geführte Zeitungsverlage insgesamt von Werbeeinnahmen abhängig sind, jedoch nicht von einzelnen Inserenten.“ Da in diesem Jahrzehnt – in den USA eher früher, im den American way of life nachahmenden Westeuropa etwas später – ein Wechsel vom Verkäufer- zum Käufermarkt stattfindet, gewinnt die Werbewirtschaft als solche ein immer größeres Maß an Bedeutung. Es gibt kein knappes Warenangebot mehr, um das eine große Anzahl von Interessenten konkurrieren, sondern eine stetig zunehmende Produktauswahl will ihre Käuferinnen und Käufer finden.

The golden age of advertising

In periodisch erscheinenden Publikumszeitschriften wie der im April 1948 mit einer Auflage von 110.000 Exemplaren startenden Illustrierten „Quick“ oder dem seit August 1948 erstmals erhältlichen und gleichfalls reich bebilderten Wochenmagazin „Stern“ wurde die Leserschaft mittels klein- oder großformatiger Anzeigenwerbung über die Vorzüge verschiedenster Konsumartikel aufgeklärt, informiert und ein bisher an ihnen möglicherweise überhaupt nicht bestehendes Interesse wurde vielleicht geschickterweise geweckt. Mit Hilfe von Slogans, als der einprägsamsten Form eine komplexe Wirklichkeit auf das Wesentliche reduziert herunterzubrechen, versuchten kreative Köpfe aus der Szene der Werbeagenturen den Verkaufserfolg ihrer Auftraggeber anzuheizen. Für so manchen Liebhaber von Weinbrand wurde die Auswahl der Marke gewiss leichter, als es 1952 etwa hieß: „Darauf einen Dujardin!“ oder zwei Jahre später, um eine wertvolle Hilfestellung im Haushalt oder bei der Heimarbeit zu gewähren: „… im Falle eines Falles klebt UHU wirklich alles!“ 

Auch im Bereich der Außenwerbung ging es weiter voran, nachdem einhundert Jahre zuvor Ernst Litfaß 1854 vom Berliner Polizeipräsidenten das Recht zum Aufstellen einer Werbesäule vertraglich eingeräumt bekommen hat. Mit James Rosenquist war einer der bekanntesten Pop Art Künstler überhaupt zuvor mehrere Jahre als Maler von Werbeplakaten unterwegs und verdiente so seinen Lebensunterhalt. Die Technik des Plakatmalens sollte Rosenquist später auf die von ihm geschaffenen großformatigen Bilder übertragen. Andy Warhol selbst hat sein Gespür für Farben und deren Wirkung auf die Betrachtenden und seine zeichnerischen Fähigkeiten während seiner Zeit als Graphikdesigner in der Werbung professionalisiert und erfolgreich weiterentwickelt.

1. Plakatwerbung für Autorennen auf dem Nürburgring 1961.

1. Plakatwerbung für Autorennen auf dem Nürburgring 1961.

2. Er läuft und läuft und läuft. Der VW-Käfer.

2. Er läuft und läuft und läuft. Der VW-Käfer.

Obschon einige Einwände dagegen erhoben worden sind, war es 1956 soweit, dass im Bayerischen Rundfunk der erste Werbespot im deutschen Fernsehen lief. Beworben wurde das Waschmittel Persil aus dem Henkel-Konzern von den beiden allseits beliebten Volksschauspielern Beppo Brem und Liesl Karlstadt beim Mittagessen in einem Lokal. Die Werbeeinnahmen des Fernsehens stiegen indessen von 200.000 DM brutto im Jahr 1956 auf 4,4 Milliarden Euro netto im Jahr 2015 an. Als erfolgreich wurden seinerzeit diejenigen Menschen angesehen, die mobil waren, ergo über ein Auto verfügten. Und das Auto der ersten Nachkriegsjahrzehnte schlechthin war der VW-Käfer, der erste globale Bestseller made in Wolfsburg. In der Düsseldorfer Dependance der 1949 gegründeten New Yorker Agentur Doyle, Dane und Bernbach (DDB) wurde 1962 der legendäre Slogan „Er läuft und läuft und läuft…“ erarbeitet, der mit den Jahren einen ähnlichen Kultstatus wie das von ihm beworbene Produkt erlangte. Nicht zuletzt deshalb gelang es, dass der Käfer mehr als 21,5 Millionen mal von den Produktionsbändern lief.

Pop Art

Pop Art, die in den 1960ern zu einer vorherrschenden künstlerischen Ausdrucksform in der Malerei und Skulptur wurde, entwickelte sich in der zweiten Hälfte der 1950er. Allgemein wird der 1922 geborene Brite Richard Hamilton, der diese Zuschreibung zeitlebens abgelehnt hat, als ihr Begründer angesehen. Die sich heute in der Kunsthalle Tübingen befindliche kleinformatige Collage Hamiltons von 1956 „Just what is it that makes today’s homes so different, so appealing?“, wird häufig als Geburtsstunde der Pop-Art angesehen. Ihre Motive sind oft der Alltagskultur, der neuartigen Welt des Konsums, den Massenmedien und der Werbung entnommen. Oder wie es Andy Warhol formuliert hat: „Die Pop-Künstler machten Bilder, die jeder, der den Broadway entlang ging, im Bruchteil einer Sekunde wiedererkennen konnte – Comics, Picknicktische, Männerhosen, Berühmtheiten, Duschvorhänge, Kühlschränke, Colaflaschen – all die großartigen modernen Dinge, die von den Abstrakten Expressionisten geflissentlich übersehen wurden.“

Zum bekanntesten Vertreter dieser Kunstrichtung neben Warhol avancierte der gebürtige New Yorker Roy Lichtenstein. Für viele seiner an Comics oder Zeitungsanzeigen erinnernden großformatigen und Primärfarben bevorzugende Werke entwickelte Lichtenstein eine spezielle Maltechnik weiter. Anstatt auf Farbflächen setzte er auf gleichmäßige Farbpunkte, die sogenannten „Benday Dots“, mit deren Hilfe es ihm gelang, sowohl die Künstlichkeit des Geschaffenen zu betonen als auch eine spezielle Ästhetik zu kreieren. Dem Life Magazine erschien das eindeutig zu avantgardistisch, weshalb ein Journalist bezüglich Lichtenstein im Januar 1964 die Frage gestellt hat: „Is he the worst artist in the US?“ Man fühlt sich dabei durchaus an die Art von Ablehnung erinnert, wie sie den französischen Impressionisten in den 1860er und 1870er Jahren entgegengeschlagen ist. 2015 hat man jedenfalls beim Auktionshaus Christie’s die vom Life Magazine gestellte Frage recht eindeutig beantwortet, indem man die Arbeit „Nurse“ aus dem Jahr 1964 für 95,4 Millionen Dollar versteigert hat.

3. „I…I’M SORRY“ von Roy Lichtenstein, 1966, Öl und Acryl auf Leinwand, 152 x 122 cm.

Während Roy Lichtenstein dem altbekannten Pointillismus seine eigene Signatur hinzugefügt hat, ist Andy Warhol für die Verwendung der Siebdrucktechnik und seine Serien und Wiederholungen als bildender Künstler bekannt geworden. Erste Aufmerksamkeit erweckte er mit seinen 32 Suppendosen der Firma Campbell’s. In vier Reihen zu je acht Dosen angeordnet, jeweils eine der im Angebot erhältlichen Geschmacksrichtungen repräsentierend, ließ der ehemalige Werbegraphiker 1962 weite Teile der Öffentlichkeit zunächst zweifeln, ob dies überhaupt Kunst sei. Sein ironischer Kommentar, „I used to have the same lunch every day, for twenty years, I guess, the same thing over and over again,“ trug jedenfalls nicht wirklich zur Aufklärung bei.

Warhols Bilderserie mit der Schauspielerin Marilyn Monroe liegt ein Pressefoto des Jahres 1953 des von Henry Hathaway inszenierten Films „Niagara“ zugrunde, das die aufstrebende Actrice an der Seite von Joseph Cotten als ruchlose Femme fatale zeigt. Eine Rolle, die das Kinopublikum ihr wohl nur allzu gerne abnahm und die ganz entscheidend mithalf, ihren Starruhm zu begründen.

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4. Marilyn Diptych, 1962, von Andy Warhol.

Abschließend lässt sich sagen, dass die Künstler der Pop Art der Welt in Zeiten des Kalten Krieges eine Art von farbiger, manchmal auch greller Buntheit hinterlassen haben, in der sich bei aller Konsumverehrung oder seltener auch -kritik eine Zukunftsfreude ausdrückt, die in unserer Gegenwart enorm bereichernd wirkt.

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