Der britische Geheimdienst MI 5 im Kalten Krieg

Als Vernon Kell im Mai 1940 von Premierminister Winston Churchill in den Ruhestand versetzt wurde, ging damit die berufliche Karriere des ersten leitenden Direktors des MI 5 nach fast 31 Jahren Dienstzeit zu Ende. Angefangen hatte der mehrere Fremdsprachen beherrschende Kell mit seiner nachrichtendienstlichen Tätigkeit im Oktober 1909 in einem kleinen Londoner Büro, das mit nur einem einzigen weiteren Kollegen besetzt und zu teilen war. Art und Umfang der vom deutschen Kaiserreich auf den Britischen Inseln betriebenen Spionageaktivitäten zu analysieren und welche Gefahren daraus erwuchsen richtig einzuschätzen, so lautete der an das Secret Service Bureau gerichtete Arbeitsauftrag der Regierung fünf Jahre vor Beginn des Ersten Weltkriegs.

Knappheit an finanziellen Ressourcen und materieller Ausstattung hinderten Kell und seinen Mitstreiter Mansfield Cumming nicht daran, sich in fortwährenden Auseinandersetzungen über Zuständigkeiten und Kompetenzen zu ergehen, so dass es bereits im Mai 1910 zu der Aufteilung kam, die heute noch immer gültig ist. Cumming erhielt den Zuschlag für die gesamte Auslandsspionage unter dem Dach des Secret Intelligence Service (SIS), besser bekannt als MI 6, dessen bloße Existenz von offizieller Seite erstmals 1992 zugegeben wurde. Kell hingegen bekam die Verantwortung für die nachrichtendienstlichen Aktivitäten innerhalb des Vereinigten Königreichs zugesprochen, womit der Security Service (MI 5) gegründet war. Außerhalb des Militärischen liegende und im zivilen und behördlichen Bereich fest verankerte geheimdienstliche Strukturen, die somit nunmehr geschaffen waren, bildeten ein Novum. Und im bezeichnenden Unterschied zu späteren diktatorischen Staaten wie dem nationalsozialistischen Deutschland mit seinem Reichssicherheitshauptamt (RSHA) oder zu autoritären Staaten wie der DDR mit ihrer Staatssicherheit sind weder beim MI 5 noch beim MI 6 zu irgendeinem Zeitpunkt geheimpolizeiliche, das heißt zur Bespitzelung und Einschüchterung der eigenen Bevölkerung dienende Kompetenzen geschaffen worden.

Während des Zweiten Weltkriegs waren die Angehörigen des MI 5, dessen Mitarbeiterzahl Anfang 1943 auf 1271 Personen angewachsen war, überaus erfolgreich darin, feindliche Aktivitäten wie Sabotage, Subversion und Spionage auf den Britischen Inseln im Lauf der Zeit weitgehend zu unterbinden. Mehr noch: Einige der für die deutsche Abwehr tätigen Auslandsagenten unterschiedlicher Nationalität wurden identifiziert und im Rahmen des Double-Cross-Systems als Doppelagenten gegen den ursprünglichen Auftraggeber eingesetzt. So war es möglich, zielgerichtete Desinformation etwa durch frisierte Funkmitteilungen zu betreiben. Auf diesem Wege gelang es unter anderem, Zeitpunkt und Ort der alliierten Landung, die ja tatsächlich am 6. Juni 1944, dem D-Day, in der Normandie erfolgte, geschickt zu verschleiern, so dass die deutsche politische und militärische Führung in Berlin noch Tage später davon überzeugt war, die eigentlichen amphibischen Haupthandlungen stünden am weiter nördlich gelegenen Pas de Calais bevor. Daher blieben nicht wenige Infanterie- und Panzerdivisionen der Wehrmacht örtlich dort gebunden, wo sie überhaupt nicht benötigt wurden und warteten auf einen Einsatz, der schließlich ausblieb.

Cold War

Das Ende des Zweiten Weltkriegs führte zu einem raschen Auseinanderfallen der alliierten Kriegsallianz. Auf der Grundlage der Überlegungen des Diplomaten George F. Kennan hat US-Präsident Harry S. Truman in einer Rede vor dem Kongress im März 1947 seine Politik der Eindämmung (Containment) sowjetischen Expansionsstrebens vorgestellt, worauf Moskaus Chefideologe Andrei Schdanow ein halbes Jahr später mit der Zwei-Lager-Theorie geantwortet hat. Man war mitten im Kalten Krieg angekommen, der Systemgegensatz zwischen westlichen liberalen Demokratien und osteuropäischen, der kommunistischen Ideologie verhafteten Zwangsstaaten hatte sich als vorläufig unüberbrückbar erwiesen.

library-of-congress-R2WAxzVBxxo-unsplash

US-Präsident Harry S. Truman, Amtsnachfolger von Franklin D. Roosevelt.

Auf die veränderte Weltlage, in der die vorherige nationalsozialistisch-faschistische Bedrohung von der kommunistisch-sozialistisch inspirierten Gefahr abgelöst worden war, reagierte man im Security Service (MI 5) mit dem Amtsantritt von Dick White als Generaldirektor 1953 mit umfassenden organisatorischen Veränderungen, die in der hier vorgestellten Form für die folgenden 15 Jahre Gültigkeit besitzen sollten. Der Bereich A „Allgemeines“ war von nun an für technische Unterstützung und Observierung zuständig, Bereich B für Personal und Organisation, Bereich C für Gefahrenabwehr, Bereich D für Spionageabwehr, Bereich E für Subversionsabwehr im Empire und im Commonwealth und Bereich F war für den Kampf gegen Unterwanderung auf britischem Boden verantwortlich. Die örtliche Zuständigkeit des Bereichs E für das gesamte Empire und den Commonwealth führte in der logischen Konsequenz dazu, dass der MI 5 nicht mehr  ausschließlich als Inlandsgeheimdienst anzusprechen war, ein Befund der bis in unsere Gegenwart gültig geblieben ist. 

Das Streben nach staatlicher Unabhängigkeit, das Abschütteln kolonialer Bindungen und der damit verbundenen Unmündigkeit waren Themen, die hauptsächlich von den 1940ern bis in die 1970er für Hunderte von Millionen Menschen verstreut über den ganzen Erdball von existenzieller Bedeutung waren. Für die europäischen Kolonialmächte andererseits, von denen das Vereinigte Königreich und Frankreich über die ausgedehntesten überseeischen Besitztümer verfügten, bedeutete dies, den Prozess der Dekolonisation möglichst organisiert und verantwortungsvoll auszugestalten und zu begleiten. Bei jeweils unterschiedlichen Anforderungen und Gegebenheiten lauerten die Fallstricke überall. Frankreich war in Französisch-Indochina, den heutigen Staaten Laos, Kambodscha und Vietnam, von 1946 bis 1954 und in Algerien von 1954 bis 1962 sogar in zwei kräftezehrende und verlustreiche Kolonialkriege, bei denen Zehntausende französischer Staatsangehöriger ihr Leben verloren, verstrickt. Während die grande nation in Indochina und Algerien auf Konfrontation setzte, verhielt sich die – nach den Worten Napoleons – nation of shopkeepers bei der Abwicklung und Überführung ihres Empire in den heute 54 Mitgliedstaaten umfassenden Commonwealth im allgemeinen geschmeidiger und geschickter, trotz der jahrelangen Ausnahmezustände in Malaya und Kenia. Stets an vorderster Front mit dabei der Security Service (MI 5), der durch das Stellen eines Verbindungsoffiziers, des sogenannten Security Liaison Officer (SLO), überall dort, wo es notwendig erschien, tätig geworden ist. In der 2009 zum einhundertjährigen Geburtstag des Dienstes erstmals erschienenen Geschichte des Historikers Christopher Andrew wird dazu der Leiter des Bereichs E von 1958 bis 1962 Alex Kellar zitiert: „Im Fall der afrikanischen Commonwealth-Staaten bin ich fest davon überzeugt, dass wir mit Recht stolz auf die Beiträge sein können, die wir mit unseren Ausbildungseinrichtungen, mit unserem Informationsdienst und mit den in gemeinsamen  Nachrichtendienstoperationen geknüpften engen Kontakten zur Sicherheit dieser Staaten leisten. (…) Wir haben in diesen neu entstehenden Staaten Kader einheimischer Beamter aufgebaut, die uns Bewunderung, Respekt und Vertrauen entgegenbringen und einen sehr vorteilhaften Einfluss auf ihre politischen Herren ausüben können. (…) Es wird uns vielleicht nie gelingen, ein afrikanisches Land an den Westen zu binden, aber unsere Unterstützung wird diesen Ländern wenigstens helfen, neutral zu bleiben und sich nicht der falschen Seite anzuschließen.“ (s. Christopher Andrew, MI 5. Die wahre Geschichte des britischen Geheimdienstes, 2011, S. 468)

Während heutzutage die Bekämpfung von religiös motiviertem Terrorismus wesentlich zum Aufgabenspektrum des Security Service (MI 5) dazu gehört, brachte es die bloße Ausdehnung des Empire mit sich, dass bereits in der Frühphase des Kalten Krieges Erfahrungen im Umgang damit im Nahen Osten gemacht wurden. Sicherheitsüberprüfungen von Mitarbeitern in sicherheitsrelevanten Arbeitsbereichen, das Verhindern von Atom- und Wissenschaftsspionage und die geheimdienstliche Auseinandersetzung mit dem ideologischen Gegenspieler Sowjetunion waren weitere wichtige Tätigkeitsfelder.   

Der Fall Kim Philby

Dass die Baupläne für die erste amerikanische Atombombe durch den zeitweise in Los Alamos in der Wüste von New Mexico tätigen Klaus Fuchs an den sowjetischen Geheimdienst verraten wurden, konnte indessen weder vom FBI noch von den britischen Kollegen vermieden werden.

eva-dang-EXdXLrZXS9Q-unsplash

London: Hauptsitz des Security Service (MI 5).

Mehr noch: Der für Auslandsspionage zuständige SIS (MI 6) war selbst von den Sowjets infiltriert worden. Und zwar an ganz entscheidender Stelle. Noch als Student in Cambridge ist im Jahr 1934 ein gewisser Kim Philby, Sohn des bekannten Orientalisten St. John Philby, in jugendlichem Überschwang für die gerechte Sache des Kommunismus und von den stalinistischen Gräueltaten nichts ahnend, von einem Anwerber engagiert worden. Gemeinsam mit Guy Burgess, Donald Maclean, Anthony Blunt und John Cairncross wird Philby zu den Cambridge Five gezählt, dem mutmaßlich erfolgreichsten Spionage-Quintett, das je existierte. Bemerkenswert ist zunächst der zeitliche Ansatz des Anwerbers, der von einer langfristigen Perspektive durchdrungen ist. Bei allen fünf Absolventen der Universität Cambridge, in den 1930ern noch mehr Kaderschmiede der upper-class als heute, wurde davon ausgegangen, dass sie irgendwann einmal in der Zukunft Spitzenämter in der Verwaltung einnehmen würden. So geschah es dann auch. Kim Philby stieg innerhalb des SIS zum Leiter der Sektion IX auf, deren Hauptaufgabe in der Abwehr sowjetischer und kommunistischer Spionage bestand. Wie sein Kollege Robert Cecil einräumte, war das die Gewähr dafür, dass „der Kreml über sämtliche Versuche, der kommunistischen Spionage nach dem Krieg zu begegnen, im Bilde war. In der Geschichte der Spionage gibt es wenige oder überhaupt keine vergleichbaren Geniestreiche.“ Der kürzlich verstorbene Romancier John Le Carré, in jungen Jahren selbst Angehöriger von MI 5 und MI 6 bevor ihm sein Welterfolg „Der Spion, der aus der Kälte kam“ genügend finanzielle Unabhängigkeit eingeräumt hat, um sich ganz der Schriftstellerei widmen zu können, ist im Vorwort von „Dame, König, As, Spion“ zu folgender Einschätzung gelangt: „Ich habe Blake und Philby nie kennengelernt, aber Philby war mir immer ganz besonders unsympathisch, während Blake mir fast schon unnatürlich sympathisch war. Die Gründe dafür, fürchte ich, haben viel mit dem verdrehten Snobismus meiner Klasse und Generation zu tun. Philby mochte ich nicht, weil er mir in manchen Dingen sehr ähnlich war. Er hatte eine Privatschule besucht, er war der Sohn eines launischen, tyrannischen Vaters – des Forschers und Abenteurers St. John Philby -, er konnte mühelos Menschen für sich gewinnen und seine Gefühle gut verbergen – insbesondere seinen heftigen Abscheu vor der Bigotterie und den Vorurteilen der herrschenden Schichten Englands. Ich fürchte, all dies traf irgendwann einmal auch auf mich zu. Daher glaubte ich ihn nur allzu gut zu verstehen, und auf seltsame Weise scheint er das gespürt zu haben, denn im letzten Interview vor seinem Tod hat er seinem Gesprächspartner Phil Knightley erzählt, er habe das Gefühl, mir sei etwas Diskreditierendes über ihn bekannt. Und in gewisser Weise hatte er Recht: Ich wusste ebenso wie er, wie es ist, unter dem so übergroßen Einfluss eines Mannes aufzuwachsen, dass man als sein Kind schlechthin gezwungen ist, zu Tricks und Täuschung zu greifen. Und ich wusste, oder glaubte zu wissen, wie leicht die dadurch geschürte Wut und Introvertiertheit sich zu einer Hassliebe gegenüber den Vaterbildern der Gesellschaft – und letztlich der Gesellschaft selbst – auswachsen konnte, so dass aus dem kindlichen Rächer ein erwachsenes Raubtier wird; ein Thema, das ich in meinem am stärksten autobiographisch geprägten Roman Ein blendender Spion angeschnitten habe. Ich ahnte, wenn man so will, dass Philby einen Weg eingeschlagen hatte, der auch mir gefährlich offenstand, auch wenn ich ihn nicht gewählt hatte, ahnte, dass er einen der – Gott sei Dank nicht realisierten – Entwürfe meines eigenen Lebens darstellte.“

Als man dem Maulwurf am Ende des Tages zu nahe kam, setzte er sich 1963 nach Moskau ab. Mit Ehrungen und Orden ausgezeichnet, blieb er bis zu seinem Tod 1988 dennoch ein Außenseiter. Denn man liebt wohl den Verrat, aber niemals den Verräter!

Bildnachweis©unsplash

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s