Das Ende der Sowjetunion, das Ende des Kalten Krieges

In seiner Rede zur Lage der Nation im April 2005 hat der russische Präsident Wladimir Putin wehmütig den Zerfall der Sowjetunion 1991 als die größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts bezeichnet. Nach sieben Dekaden Existenzdauer ist das auch als UdSSR bekannte Staatsgebilde vor inzwischen dreißig Jahren in seine Fragmente aufgelöst worden. Der Hauptgegner in der von US-Präsident Harry S. Truman 1947 entwickelten Doktrin war damit abhanden gekommen. Im März 1947 hatte Truman in einer Rede vor dem heimischen Kongress warnend die Hand gehoben und eine Politik der Eindämmung (containment policy) gegenüber kommunistischem Expansionsstreben zur Richtschnur eigenen Handelns erhoben. Damals hieß es: „At the present moment in world history nearly every nation must choose between alternative ways of life. The choice is too often not a free one. One way of life is based upon the will of the majority, and is distinguished by free institutions, representative government, free elections, guarantees of individual liberty, freedom of speech and religion, and freedom from political oppression. The second way of life is based upon the will of a minority forcibly imposed upon the majority. It relies upon terror and oppression, a controlled press and radio, fixed elections, and the suppression of personal freedoms.“ Ein halbes Jahr später hat Moskaus Chefideologe Andrei Schdanow geantwortet, indem er die vielbeachtete und lange gültige „Zwei-Lager-Theorie“ präsentierte. Einem demokratischen, antiimperialistischen Lager stehe eben ein imperialistisches und undemokratisches gegenüber. Die dazugehörige geographische Trennlinie hat Winston Churchill in seiner oft zitierten Metapher vom „Eisernen Vorhang“, der sich quer durch Europa von Lübeck im Norden bis Triest im Süden abgesenkt habe, verortet und bestimmt. Jeweils die eigenen Werte und Vorstellungen schützend, standen sich hier während des gesamten Kalten Krieges die beiden Militärbündnisse NATO und Warschauer Pakt argwöhnisch gegenüber. Stets einsatzbereit waren dabei die vorhandenen und permanent weiterentwickelten konventionellen und atomaren Waffensysteme, deren bloße Existenz für viele Millionen Menschen eine tagtägliche Bedrohung bedeutete.

Und auf einmal sollte alles vorbei sein. Wie konnte es dazu kommen?

Öl und Gas

Die aktuelle Diskussion um die in der Ostsee vom russischen Wyborg bis in die Nähe von Greifswald verlaufende Gaspipeline Nord Stream 2 macht deutlich, welch überragende Bedeutung der Export fossiler Rohstoffe für die russische Volkswirtschaft von heute nach wie vor besitzt. Das war zu Zeiten der Sowjetunion nicht anders. Zwischen 1975 mit einem Fördervolumen von 490,8 Millionen Tonnen und 1991 mit 515,9 Millionen Tonnen lag das Land weltweit ununterbrochen an der Spitze aller ölfördernden Staaten. Dabei profitierte man zunächst insofern von den Ölkrisen 1973 und 1979/80, als dass der Preis für ein knapp 159 Liter umfassendes Barrel Rohöl im Dezember 1979 bisher ungeahnte Höhen erklommen hat und auf 32,50 US-Dollar angestiegen ist. Anders ausgedrückt: Innerhalb von nur sechs Jahren ist es zu einer Verzehnfachung des Preises gekommen. Als Folge davon glitten etliche westliche Industriestaaten in eine Rezession ab, und der wirtschaftliche Boom der Jahrzehnte des Wiederaufbaus nach Kriegsende ist spätestens hier an sein Ende gelangt. Es wurde daher nicht mehr so viel Öl benötigt. Die Staaten, die auf Gewinne aus Energieexporten angewiesen waren einschließlich der Sowjetunion, die außer land- und forstwirtschaftlichen Produkten oder Waffen und Militärtechnologie ansonsten über international nachgefragte, wettbewerbsfähige Güter, mit denen sich Devisen zur Finanzierung von Importkrediten erwerben ließen, allenfalls in einer sehr überschaubaren Größenordnung verfügte, gerieten zunehmend in die Bredouille. Der norwegische Historiker Odd Arne Westad hat in diesem Kontext in „Der Kalte Krieg“ darauf verwiesen, dass die Gewinne aus den Energieexporten in guten Zeiten eben auch dafür verwendet wurden, um die heimische Produktion hochwertiger Konsumgüter über den Plan hinaus zu erweitern. Westad hat weiterhin gefolgert: „Dass 1981 die Ölpreise abstürzten, war für diese Bereiche der sowjetischen Wirtschaft ein schwerer Schaden, auch wenn die Planungsbürokratie das Phänomen als vorübergehenden Rückschlag zu verkaufen suchte. Die Sowjetbürger jedoch merkten insbesondere in den Städten, dass die Geschäfte noch schneller leer wurden und die Schlangen für Konsumgüter länger waren als in den Fünfziger Jahren.“ (S. 592) 

Das Wohlstandsgefälle zwischen westlichen, mehr oder weniger stark am „American way of life“ ausgerichteten Gesellschaften und den Osteuropäern nahm zu und eine sich stetig verbreiternde Medienlandschaft berichtete darüber. Weder KGB noch die Stasi waren imstande ein Geheimnis daraus zu machen und die Menschen hinters Licht zu führen. Jahre später hieß es in einer Kolumne in der New York Times vom 5. Dezember 2004: „Warum kollabierte die Sowjetunion? Warum kam es im Iran zu Reformen? Wann begann der Osloer Friedensprozess? Wann wurden Wirtschaftsreformen in den arabischen Ländern ein heißes Thema? In den späten 80er- und 90er-Jahren. Und was geschah damals? Die Ölpreise fielen in den Keller. (…) Jeder glaubt, Ronald Reagan hat die Sowjetunion in die Knie gezwungen. Das ist falsch. Es war der Kollaps ihrer Öleinkünfte.“

Perestroika und Glasnost

Umgestaltung und Transparenz, so die geläufige Übertragung der Begriffe Perestroika und Glasnost in die deutsche Sprache, waren die Schlagworte, denen im politischen Diskurs der zweiten Hälfte der 1980er Jahre enorme Bedeutung beigemessen wurde. Sie sind untrennbar mit der Person des Michail Sergejewitsch Gorbatschow, des seit März 1985 neu amtierenden Generalsekretärs des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU),  verbunden. Nach dem quälenden Stillstand unter seinen Vorgängern, den Gerontokraten Konstantin Tschernenko, Juri Andropow und dem späten Leonid Breschnew verkörperte der medienaffine, dynamische 54jährige einen neuen Politikertypus, und zwar einen der auch im Westen gut ankam. Die Probleme des Landes waren dem bis dato vorwiegend mit landwirtschaftlichen Fragestellungen vertrauten Nordkaukasier wohlbekannt und seine Mitstreiter im Geiste und er selbst machten sich daran, das Land politisch und wirtschaftlich grundlegend zu verändern. Dazu gehörte beispielsweise der ehemalige Botschafter in Kanada, Alexander Jakowlew, von Gorbatschow bereits im Oktober 1983 zum Direktor des Instituts für Weltwirtschaft und Internationale Beziehungen (IMEMO) berufen, einem der wichtigsten Thinktanks. Dazu gehörte anfänglich auch der spätere „Königsmörder“ Boris Jelzin. Ihr Ziel bestand allerdings nicht in der Abschaffung des Kommunismus, sondern dem Sozialismus sollte ein menschliches Antlitz verliehen werden. Ganz ähnlich wie es von Alexander Dubcek während des Prager Frühlings 1968 in der Tschechoslowakei propagiert worden ist. Damals sind die reformerischen Ansätze des sozialistischen Brudervolks von den Panzern der Roten Armee unerbittlich unterdrückt worden. Doch Gorbatschow selbst ist von der solche Interventionen legitimierenden Breschnew-Doktrin abgerückt, wie übrigens auch von Schdanows „Zwei-Lager-Theorie“, und in seinem Umfeld wichtiger Berater hielten sich einige auf, die zwanzig Jahre zuvor den Prager Frühling als jüngere Leute persönlich miterlebt hatten.   

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Der Kalte Krieg ist beendet. Roter Platz, Moskau.

In den wenigen Jahren an der Macht gelang es Gorbatschow und den mit ihm verbündeten Reformern jedoch nicht, einen ökonomischen Kurswechsel in der Form vorzunehmen, als dass sich die Lebensverhältnisse des überwiegenden Teils der Bevölkerung entscheidend verbessert hätten. Zudem verschlechterte sich der Zustand der Staatsfinanzen rasant. Anfang 1989 wurde über ein seit Beginn der Perestroika aufgelaufenes Defizit von 133 Milliarden Rubeln berichtet. Die hohe Popularität des Generalsekretärs begann zu schwinden, die Beharrungskräfte der auf ihre kleinen und großen Privilegien bedachten Parteigenossen – die Partei hatte in allen zur Entscheidung anstehenden Fragen das letzte Wort, nicht die einzelnen Fachministerien – in nachgeordneten Funktionen gewannen die Oberhand. Zu viele waren nicht gewillt mitzuziehen!

Erscheint es vor diesem Hintergrund gerechtfertigt, wenn Autoren wie Reinhard Lauterbach in „Das lange Sterben der Sowjetunion“ Gorbatschow einen „naiven Demokratieidealismusunterstellen? Das mag sein, aber ohne eine gehörige Portion Idealismus hätte dieser sich den gewaltigen Aufgaben, die auf ihn warteten, möglicherweise gar nicht erst gestellt.

Ende

Zwischen dem 11. März 1990 und dem 25. Dezember 1991 bildeten sich die 15 Nachfolgestaaten der Sowjetunion zu unabhängigen Republiken aus: Armenien, Aserbaidschan, Weißrussland, Estland, Georgien, Kasachstan, Kirgisistan, Lettland, Litauen, Moldawien, Tadschikistan, Turkmenistan, Ukraine, Usbekistan und dem die Rechtsnachfolge antretenden Russland. Am 8. Dezember 1991 wurde dem inzwischen als sowjetischer Präsident amtierenden Michail Gorbatschow telefonisch – darin drückt sich sein mittlerweile eingetretener realer Machtverlust am deutlichsten aus – mitgeteilt, dass der Vertrag zur Schaffung der UdSSR von 1922 außer Kraft gesetzt sei, die Sowjetunion war damit offiziell aufgelöst.

Die Zeit des Kalten Krieges war vorbei!

Bildnachweis©pixabay

 

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