Der Gründerkrach 1873: Ökonomische Verwerfungen im noch jungen deutschen Kaiserreich

„Glücklich ist, wer vergisst, was doch nicht zu ändern ist!“

So heißt es in der im April 1874 im Theater an der Wien uraufgeführten komischen Operette „Die Fledermaus“ von Johann Strauß, dem als Walzerkönig bekannten Komponisten. Wegen Beamtenbeleidigung ist es dem Rentier Gabriel von Eisenstein auferlegt worden, eine mehrtägige Haftstrafe anzutreten. Doch die allgemeine Hochstimmung, Champagnerlaune und eskapistische Neigungen obsiegen. Erst muss noch rasch ein rauschendes Fest beim Prinzen Orlofsky besucht und ausgiebig gefeiert werden. 

Dabei hatten die an der Börse der Donaumetropole aktiven Kapitalanleger und Spekulanten in Wirklichkeit gerade erst einen gehörigen Dämpfer erlitten. Als Schwarzer Freitag ist der 9. Mai 1873 mit 120 Insolvenzen an nur einem einzelnen Tag in die Geschichte der seit 1867 bestehenden kaiserlichen und königlichen Doppelmonarchie Österreich-Ungarn eingegangen. Die Kursverluste der Aktien waren derart drastisch, dass die Börse um 13.00 Uhr sogar von der Polizei geschlossen werden musste. Wenige Tage zuvor wurde das für so manchen schicksalhafte Geschehen in Gang gesetzt, als die Franco-Ungarische Bank eine Sonderdividende wohl zugesagt, aber dann nicht ausbezahlt hatte. Daraufhin setzten bereits einige Turbulenzen ein und ein immer weitere Kreise ziehender Vertrauensverlust in das reibungslose Funktionieren der Finanzmärkte war die Folge. Und dabei hatte man sich soviel vorgenommen. Die Anfang Mai 1873 im festlichen Rahmen von Kaiser Franz Joseph I. persönlich in Wien eröffnete Weltausstellung, die erste im deutschsprachigen Raum überhaupt, sollte das Publikum nicht zuletzt davon überzeugen, dass es in einem wohlgeordneten und fortschrittlichen Staatswesen leben würde oder im Fall von ausländischen Besuchern zu Gast sei. Die sieben Jahre zuvor bei Königgrätz gegen die Preußen erlittene Schmach hätte durch eine beeindruckende Präsentation und gelungene Selbstdarstellung getilgt, mindestens erheblich abgeschwächt werden können.

Stattdessen: ein Börsencrash. Der Gründerkrach und die sich daran anschließende sogenannte Gründerkrise waren bei weitem keine lokal beschränkten, die Wirtschaftsstimmung und -lage nachhaltig beeinträchtigenden Ereignisse. In Wien nahmen sie nur ihren Anfang. Vielmehr zeigte sich schon sehr bald eine internationale Dimension, wie sie im September 1873 auch in New York an den dortigen massiven Kursverlusten und am Zusammenbruch der vor allem den Eisenbahnbau finanzierenden Bank Jay Cooke & Company sichtbar geworden ist.

Im deutschen Kaiserreich

Die Erschaffung des deutschen Nationalstaats im Januar 1871 lag da noch keine drei Jahre zurück. Bekanntermaßen war es die Österreich ausschließende kleindeutsche Lösung mit einem übermächtigen, nahezu zwei Drittel des Reichsgebiets umfassenden Preußen als Zentrum, die sich als Ergebnis der drei Einigungskriege herausgeschält hat. Frankreich als Gegner des letzten und entscheidenden Waffengangs war mit dem Frieden von Frankfurt nicht nur zur Abtretung von Elsass und Lothringen, sondern ebenso zur Zahlung von Reparationen in Höhe von 5 Milliarden Francs verpflichtet worden. Zusätzliche Liquidität flutete die Kapitalmärkte.

Das ökonomische Geschehen in den frühen 1870ern war noch ganz von den sich in Richtung Freihandel bewegenden wirtschaftsliberalen Vorstellungen des 1834 zu Zeiten des Deutschen Bundes gegründeten Zollvereins bestimmt. Dazu passen die 1870 vorgenommene weitgehende Liberalisierung des Aktienrechts und die Abschaffung der Konzessionspflicht für Aktiengesellschaften. Großbanken mit Tausenden von Angestellten sind in der Zwischenzeit entstanden: Deutsche Bank, Dresdner Bank, Darmstädter Bank, Disconto-Gesellschaft, Berliner Handelsgesellschaft, um nur einige zu nennen. Die enormen Gewinnmöglichkeiten, die sich potentiell aus Börsengängen ergeben, wurden von den Herren des Geldes zielsicher erkannt. Auch die Risiken. Um die eigenen Risiken zu minimieren, verfiel man auf die Idee der Gründung von Makler- oder Aktienbanken. Sie entsprachen ziemlich genau den heute als Investmentbanken bekannten Instituten. Einer ihrer Hauptzwecke bestand darin, Unternehmen als Aktiengesellschaften an die Börse zu bringen. Und sie taten es. Zwischen 1871 und 1873 entstanden im Deutschen Reich 938 Aktiengesellschaften mit einem Nominalkapital von 2,75 Milliarden Mark. 

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3. Symbol des industriellen Fortschritts im 19. Jahrhundert: die Zeche Zollverein in Essen.

Wie gewaltig die Veränderungen damals – auch im Vergleich zu heute – gewesen sein müssen, wird augenfällig, wenn man sich vergegenwärtigt, was Golo Mann in seiner Deutschen Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts schon vor etlichen Jahren betont hat. Während es auf deutschem Territorium um 1830 vier Fünftel der Einwohner waren, die auf dem Lande und von der Landwirtschaft lebten, waren es 1860 drei Fünftel und 1882 lediglich noch zwei Fünftel. Landflucht der agrarisch geprägten Bevölkerung in die rasch anwachsenden urbanen Zentren der Industrialisierung, um hier vermeintlich bessere Arbeits- und Lebenschancen wahrzunehmen, war das große Thema der Zeit. Für die Hauptstadt Berlin bedeutete dies laut Daten der Volkszählungen im Jahr 1800 eine Einwohnerzahl von 172.000, im Jahr 1852 438.000 und für 1871 826.000, also fast eine Verfünffachung gegenüber dem Jahrhundertbeginn.

Man kann leicht erahnen, dass es – milde ausgedrückt – nicht spannungsfrei zugegangen sein kann. Der Historiker Fritz Stern hat in Gold und Eisen die damaligen Zustände plastisch beschrieben: „In dem Maß, wie das Geld nach Berlin floß, veränderte sich das Gesicht der Stadt, und auch dieses Gesicht wurde zum Spiegel der sozialen Widersprüche der neuen Ordnung. Verwirklichte Kapitalistenwünsche ließen Berlin aufschwellen, und es wurde eine Stadt der Extreme: die Reichen bauten sich im Westen ihre Paläste, die Armen hausten in den Mietskasernen des Proletariats. Geschmackloser Prunk kontrastierte hart zu armseliger Schönheit. In Neu-Berlin gab es keine Harmonie der Klassen und keine der Baustile.“ (S. 239) Einem anderen Historiker, Friedrich Meinecke, verdanken wir folgende Beschreibung der Zeit nach der Gründung des Deutschen Reichs: „Gröbere Züge materieller und egoistischer Art begannen das geistige und politische Leben der Nation seit 1870 zu verunstalten … Wir denken mit Beschämung heute zurück an den ordinären Rausch der Gründerzeit, an den ahnungslosen Uebermut, mit dem ein trivialer Liberalismus den Kulturkampf führte, an so mancherlei Kurzsichtigkeit und Hartherzigkeit, mit der man den freilich oft maßlos roh sich äußernden Ansprüchen des vierten Standes begegnete; und nicht in letzter Linie trauerten wir über den ästhetischen Stumpfsinn, mit dem man es ertrug, daß das alte, liebe, bescheiden-feine Deutschland unserer Jugendzeit, der stille Reiz unserer alten Städte, Gärten und Hausgeräte dem billigen Putze der Massenindustrie und des Massengeschmackes zum Opfer fielen.“ (in: Die deutsche Erhebung von 1914, S. 19f.) In jener Zeit erbaute, im Eigentum eines wohlsituierten Bürgertums befindliche mehrstöckige Stadthäuser, soweit sie denn die Verwüstungen des 2. Weltkriegs unbeschadet überstanden haben, spiegeln in ihrem architektonischen Aufbau wenigstens ausschnittsweise immer noch die damals gültige gesellschaftliche Hierarchie wider. Der großzügigste Wohnungszuschnitt einschließlich der höchsten Decken war dem 1. Stockwerk, der Beletage, vorbehalten. Je weiter es nach oben bis hin zu den bescheidenen, mit kleinen Fenstern versehenen Dachmansarden ging, desto weniger vornehm wurde es, hatte wer hier lebte, ein weniger gutes Los gezogen. Nicht nur, was das mühselige und beschwerliche Hochschleppen der Kohle im Winter zu Heizzwecken betraf.

Überhitzte Industrie, überhitzte Börsen

England ist das Mutterland der Industrialisierung. Hier hatte in den 1780er Jahren eine vor allem von der in den Midlands ansässigen Bekleidungsindustrie getragene Entwicklung eingesetzt, der mit einigen Jahrzehnten Verzögerung die industrielle Revolution in deutschen Landen nachfolgte. Zum Take-off, dem beschleunigten Abheben in der Terminologie des US-amerikanischen Ökonomen und Wirtschaftshistorikers Walt Rostow, ist es hier nach allgemeiner Auffassung erst in den 1840er Jahren gekommen, und zwar hauptsächlich in der Eisen- und Stahlindustrie, dem Steinkohlebergbau und dem Maschinenbau. Der Gründerkrach im Deutschen Reich hat seinen Anfang spätestens mit der Insolvenz der Quistorpschen Vereinsbank im Oktober 1873 genommen, die Aktienkurse in Berlin hatten ihre Höchststände bereits zuvor gen Süden verlassen und fielen weiter. Viele Kleinanleger wurden Opfer eines allzu leichtfertigen, allzu spekulativen Anlegerverhaltens. Dennoch ist die nunmehr einsetzende wirtschaftliche Abschwächung nicht nur auf eine Spekulationskrise an der Börse und auf den Immobilienmärkten zurückzuführen, sondern ebenso auf eine Überproduktionskrise des schwerindustriellen Führungssektors. Die sprunghafte Ausdehnung der Produktionskapazitäten führte hier zu Überproduktion, was wiederum die Preise etwa für Eisen und Kohle Ende 1873 einbrechen ließ. Tausende Fabrikarbeiter wurden infolgedessen entlassen, die soziale Lage verschärfte sich.

Es sollte mehrere Jahre bis 1879 dauern bevor sich die Lage wieder stabilisierte. Für Reichskanzler Bismarck bedeuteten die gemachten Erfahrungen eine Abkehr von den wirtschaftsliberalen Ideen des Freihandels zugunsten einer protektionistischen Schutzzollpolitik. An die Fabrikarbeiterschaft insgesamt wurde die schrittweise eingeführte Sozialgesetzgebung adressiert, schließlich konnte damit und mit den Sozialistengesetzen der Aufstieg der Sozialdemokratie vorerst unterbunden werden. Die damals eingeführten und noch in unserer Gegenwart einen wichtigen Baustein sozialer Sicherungssysteme abgebenden Unfall-, Alters- und Krankenversicherungen stehen für erfolgreiche staatliche Krisenintervention und uneingeschränkt positive Relikte einer sich zunehmend weiter entfernenden Epoche, der deutschen Kaiserzeit. 

Bildnachweis©1, 2, 4, 5 Pixabay. 3 unsplash.

 

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