In der Welt von Friedrich Nietzsche

„Gelobt sei, was hart macht. Ich lobe das Land nicht, wo Butter und Honig fließt.“

„Gott ist tot! Gott bleibt tot! Und wir haben ihn getötet!“

„Der christliche Entschluss, die Welt hässlich und schlecht zu finden, hat die Welt hässlich und schlecht gemacht.“

„Demokratie ist die Verfallsform des Staates!“

Um markige Worte war der Urheber dieser Zitate nicht verlegen. Zahlreiche weitere Beispiele könnten als Beleg für die Richtigkeit dieser Annahme hinzugefügt werden. Wer nur tief genug bei Friedrich Nietzsche, einem Meister des Aphorismus, definiert als geistreich-prägnanter eine Lebensweisheit oder eine Erkenntnis enthaltener Sinnspruch, gräbt, fördert gewiss allerlei Erstaunliches, bisweilen Befremdliches zu Tage. Doch was überwiegt? Handelt es sich um Äußerungen eines Hochbegabten, der er zweifelsohne war, der von seiner Umwelt nur unzureichend verstanden und in der Folge unzureichend geschätzt und gewürdigt worden ist, der sich daher einer besonders plakativen Sprache im Sinne moderner aufmerksamkeitsheischender Werbeslogans bedient hat? Oder doch um jemanden, der als geistiger Brandstifter für fehlgeleitete politische Bewegungen des ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wie die des Faschismus und des Nationalsozialismus in Anspruch genommen werden kann? 

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1. Nietzsche im Alter von knapp 38 Jahren. Aufnahme aus dem Jahr 1882.

Als Beleg für eine allenfalls randständige Bedeutung des Philosophen im weltanschaulichen Kosmos der Nationalsozialisten wird in der Literatur zum Thema mehrfach auf ungeklärte Finanzierungsfragen anlässlich der Errichtung der Nietzsche-Gedächtnishalle in Weimar verwiesen. Ein erster architektonischer Entwurf dafür ist im Frühjahr 1935 von Paul Schultze-Naumburg vorgelegt worden. Als es jedoch um finanzielle Unterstützung des Projektes ging, versagten sowohl Reichspropagandaministerium als auch Reichserziehungsministerium ihre Unterstützung und lehnten die beantragten Baukostenzuschüsse ab. War die Gedächtnishalle demnach einfach nicht wichtig genug? Oder wollte Joseph Goebbels vielmehr für den in Ungnade gefallenen Schultze-Naumburg mittlerweile ins Spiel gebrachten Lieblingsarchitekten des Führers Albert Speer ein weiteres erfolgreiches Engagement verhindern? Dann hätte es sich wohl eher um einen Akt des Neides und der Missgunst innerhalb der obersten Hierarchieebene des Staates gehandelt.

Der seinerzeit bekannte Schriftsteller Wilhelm Michel, 1925 immerhin mit dem Büchnerpreis für sein literarisches Schaffen geehrt, hat die Moral- und Religionskritik Nietzsches in der 1939 veröffentlichten Arbeit „Nietzsche in unserem Jahrhundert“ als marxistisches Gedankengut eingeordnet und allen Versuchen, ihn zum Philosophen des Dritten Reiches zu machen, eine Absage erteilt. Selbst Martin Heidegger konnte in Nietzsches Werk keine Begründung für die Ideologie des Nationalsozialismus erkennen und hat sich folgerichtig gegen eine Vereinnahmung in diesem Sinne ausgesprochen.

Derartige Einschätzungen und Argumente geben dennoch nur einen Ausschnitt der reichhaltigen Rezeption wieder. Ihre eigene Geschichte reicht einige Jahre weiter in die Vergangenheit zurück.

Faschismus

Im Sommer 1908 sitzt ein junger Mann von 25 Jahren im Haus seiner Eltern in Predappio in der Emilia Romagna. Den Militärdienst in einem Bersaglieri-Regiment hatte er schon vor einiger Zeit abgeleistet und als Lehrer bereits zwei Entlassungen aus dem Schuldienst hinter sich. Wie Hans Woller in seiner 2016 erschienen Biographie berichtet, saß der junge Mann, Benito Mussolini sein Name, frustriert ob der unsicheren eigenen Zukunft zu Hause und brütete monatelang über Friedrich Nietzsche, der zu diesem Zeitpunkt inzwischen seit acht Jahren tot war. Besondere Begeisterung haben dessen Kritik an den Pharisäern der bürgerlichen Gesellschaft wie die Vision vom neuen Menschen“ hervorgerufen. In der sich entwickelnden  faschistischen Ideologie wird daher nicht zufällig häufig von der Schaffung des „uomo novo“ die Rede sein. Bald darauf wird sich die einflussreiche avantgardistische Kunstbewegung des Futurismus in ihrem Gründungsmanifest ebenso ganz unverhohlen einiger Anleihen bedienen. So heißt es hier etwa, „Wir wollen die Liebe zur Gefahr besingen, die Vertrautheit mit Energie und Verwegenheit“, während es in der „Fröhlichen Wissenschaft“ Nietzsches gewissermaßen vorbereitend lautet: „Denn, glaubt es mir! das Geheimnis, um die größte Fruchtbarkeit und den größten Genuss vom Dasein einzuernten, heißt: gefährlich leben!“ Daran schließt sich konsequent ein Appell zum Städtebau am Vesuv an. Als ob es nie ein Pompeji gegeben hätte. Den spiritus rector des Futurismus, Filippo Tommaso Marinetti, erhob der Duce trotz zeitweiliger Differenzen 1924 in den Rang eines faschistischen Kultusministers. Als der Stern des sich gerne leutselig als einfachen Romagnolen gebenden Populisten schon arg am Verglühen war, im Jahr 1943, bekam er zum Geburtstag eine reich ausgestattete, 20 Bände umfassende Gesamtausgabe der Werke Nietzsches von Adolf Hitler als Zeichen alter Verbundenheit und in Kenntnis seiner Vorlieben als Präsent geschenkt.

Nationalsozialismus

Es verwundert kaum, dass das, was den historisch älteren italienischen Faschisten recht war, den deutschen Nationalsozialisten billig gewesen ist. Der Philosoph Karl Löwith hat seine Sicht der Dinge hinsichtlich der Wirkung Friedrich Nietzsches Jahre nach dem letzten Weltkrieg 1960 zusammenfassend dargelegt: „Er hat mit einer ungeheuren Härte und Rücksichtslosigkeit, zu der er in seinen persönlichen Lebensverhältnissen niemals fähig war, Maximen geprägt, die dann in das öffentliche Bewusstsein drangen, um zwölf Jahre hindurch praktiziert zu werden: die Maxime des Gefährlichlebens, die Verachtung des Mitleids und des Verlangens nach Glück und die Entschlossenheit zu einem entschiedenen Nihilismus der Tat, demzufolge man das, was fällt, auch noch stoßen soll.“ (…) „Nietzsches Schriften haben ein geistiges Klima geschaffen, in dem bestimmte Dinge möglich wurden, und die Aktualität ihrer Massenauflagen während des Dritten Reiches war kein bloßer Zufall.“ (…) „Der Versuch, Nietzsche von seiner geschichtlich wirksamen Schuld entlasten zu wollen, ist darum ebenso verfehlt wie der umgekehrte Versuch, ihm jeden untergeordneten Missbrauch seiner Schriften aufzubürden.“ 

Zu Beginn dieses Beitrags ist dafür der Begriff einer geistigen Brandstiftung angeführt worden. Doch liegen die Dinge wirklich so klar vor Augen, wie sie scheinen? Der renommierte Politologe und einer breiten Öffentlichkeit bekannte Herfried Münkler hat zuletzt in seinem 2021 erschienen Werk „Marx, Wagner, Nietzsche. Welt im Umbruch“ auf die in diesem Kontext wichtige Rolle der Schwester Elisabeth Förster-Nietzsche und ihre Zusammenarbeit mit dem Philosophen Alfred Baeumler und dem alten Freund ihres Bruders Heinrich Köselitz hingewiesen. Alle drei haben aus dem Nachlass Friedrich Nietzsches eifrig kompiliert, das heißt zusammengestellt und zusammengefasst, was nie zusammengehörig war und es auch nie sein sollte. So ist das angebliche Hauptwerk „Der Wille zur Macht“ entstanden, ein von Nietzsche zwar geplantes, dann aber ausdrücklich verworfenes Buchprojekt. So ist seine gesamte Philosophie seit 1878 in einem das Nationale betonenden, staatskonformen Sinne, soweit die drei Epigonen bzw. Kopisten Einfluss nehmen konnten, umgeformt und den eigenen geschäftstüchtigen Absichten entsprechend umgearbeitet worden. Das ändert zwar nichts daran, dass der Philosoph aus freien Stücken einen bellizistischen, markigen und für heutiges Empfinden zu Übertreibungen neigenden Sprachstil gepflegt hat, bestimmte Dinge hat er jedenfalls so nicht publiziert sehen wollen. Das haben dann andere, opportunistisch angepasst an die Gepflogenheiten ihrer Zeit erledigt. Sofern eine Frage nach diesbezüglicher Verantwortlichkeit oder auch Schuld unbedingt gestellt werden mag, ist sie in einem durchaus anderen Licht, weil mindestens geteilter Urheberschaft vorzunehmen.

Anfänge

Als erstgeborener Sohn einer lutherischen Pfarrersfamilie wurde Friedrich Nietzsche im Oktober 1844 in einem zum Königreich Preußen gelegenen kleinen Dorf, das heute zum Bundesland Sachsen-Anhalt gehört, geboren. Ganz in der Nähe befindet sich das geschichtsträchtige Lützen. Schwedenkönig Gustav II. Adolf verlor hier 1632 in einer entscheidenden Schlacht des Dreißigjährigen Krieges sein Leben, und 1813 wurde vor Ort mit der Schlacht von Großgörschen der Beginn der gegen die Herrschaft Napoleons gerichteten Befreiungskriege eingeläutet. Auch dem Vater des jungen Friedrich war kein langes Leben mehr beschieden. 1849 kam es deswegen zum Umzug der Restfamilie ins städtischere Naumburg, wo der mittlerweile unter Vormundschaft stehende gute Schüler, besonders seine musische und sprachliche Begabung fielen seinen Lehrern auf, ab 1854 das traditionsreiche Domgymnasium besucht hat. Nach dem Abitur ging es zum Studium der Klassischen Philologie (Altgriechisch, Latein) im Wintersemester 1864/65 an die Universität Bonn ins Rheinland, wo zunächst, möglicherweise um eine alte Familientradition aufrecht zu erhalten, ebenso evangelische Theologie zu den Studienfächern dazugehört hat. Gleich nach dem Abschluss, der schließlich an der Universität Leipzig erworben wurde, erfolgte 1869 der Ruf als außerordentlicher Professor an die Universität Basel. Das ist insofern bemerkenswert, als dass der aufstrebende Nachwuchswissenschaftler zu diesem Zeitpunkt noch keine Promotion abgelegt hatte, es also gleichermaßen darum ging, einen frei gewordenen Lehrstuhl rasch zu besetzen wie sein vorhandenes Talent für alte Sprachen zu würdigen. Tatsächlich ist Nietzsche eine Entdeckung zur Regelhaftigkeit von antiken Versmaßen, der Metrik, zu verdanken. Um es noch einmal unmissverständlich zu sagen: Der spätere Philosoph war also von Haus aus gar keiner, sondern ein begnadeter, manche sagen ein genialer Altphilologe.

Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik

Der Veröffentlichung des ersten wichtigen Werkes im Umfang von einhundert Buchseiten zu Jahresanfang 1872 ging ein Jahr zuvor als einschneidendes politisches Ereignis die Gründung des deutschen Kaiserreiches voraus. Bezüglich der später – eingangs dieses Beitrags beschriebenen – im 20. Jahrhundert erfolgenden Vereinnahmung Nietzsches durch extreme Nationalisten wie die italienischen Faschisten und deutschen Nationalsozialisten würde man deshalb eine dementsprechende Positionierung oder Kommentierung erwarten. Doch weit gefehlt! In den „Unzeitgemäßen Betrachtungen“ tritt der seit dem Ortwechsel nach Basel staatenlose Philosoph seiner Leserschaft als Mahner und Warner gegenüber: „Von allen schlimmen Folgen aber, die der letzte mit Frankreich geführte Krieg hinter sich drein zieht, ist vielleicht die schlimmste ein weitverbreiteter, ja allgemeiner Irrtum: der Irrtum der öffentlichen Meinung und aller öffentlich Meinenden, dass auch die deutsche Kultur in jenem Kampfe gesiegt habe und deshalb jetzt mit den Kränzen geschmückt werden müsse, die so außerordentlichen Begebnissen und Erfolgen gemäß seien. Dieser Wahn ist höchst verderblich: nicht etwa, weil er ein Wahn ist – denn es gibt die heilsamsten und segensreichsten Irrtümer – sondern weil er im Stande ist, unseren Sieg in eine völlige Niederlage zu verwandeln: in die Niederlage, ja Exstirpation des deutschen Geistes zu Gunsten des deutschen Reiches.“  

Hier äußert sich weniger ein politischer Scharfmacher als ein mutiger Außenseiter, wie er auch in der Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik“ hervortritt. Nietzsches Versuch, die Entstehung der attischen Tragödie des fünften vorchristlichen Jahrhunderts, mithin die Dramen eines Aischylos, Sophokles und Euripides, aus dem Zusammenwirken dionysischer und apollinischer Elemente, aus der Kunst des Bildners und der unbildlichen Kunst der Musik, zu erklären, erschien vielen zeitgenössischen Fachleuten dann doch zu spekulativ, zu phantastisch und zu sehr von der Intuition getragen. So wundert es nicht, dass ein international anerkannter, führender Gräzist wie Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff, Schwiegersohn von Theodor Mommsen, in einer ätzenden Kritik bestritten hat, dass Nietzsche überhaupt als wissenschaftlicher Forscher auftreten würde. Auf lange Sicht hat Friedrich Nietzsche dennoch mit der Bildung des gegensätzlichen, aber einander ergänzenden Begriffspaares apollinisch und dionysisch, das sich auch mit geistiger Klarheit und rauschhafter Begeisterung umschreiben lässt, unserer Vorstellung von der antiken griechischen Kultur eine wichtige Facette hinzugefügt. Die alleinige Vorherrschaft von Johann Joachim Winckelmanns Idee der „edlen Einfalt und stillen Größe“ des Hellenentums war dahin.

Gewidmet ist die Erstlingsschrift dem dreißig Jahre älteren Komponisten Richard Wagner. Dessen Versuche, unter Rückgriff auf altnordische und mittelalterliche Mythen die antike Tragödie zu erneuern, indem Sprachkunst und Tonkunst zu einem Gesamtkunstwerk verschmolzen werden, hat der Philosoph jahrelang wohlwollend begleitet, jedenfalls solange die gemeinsame Freundschaft währte.   

In Wagners Musik hat Nietzsche ein allmähliches Erwachen des dionysischen Geistes in unserer gegenwärtigen Welt erkennen wollen. Wie er es selbst ausgedrückt hat: „Glaube niemand, dass der deutsche Geist seine mythische Heimat auf ewig verloren habe, wenn er so deutlich noch die Vogelstimmen versteht, die von jener Heimat erzählen. Eines Tages wird er sich wach finden, in aller Morgenfrische eines ungeheuren Schlafes: dann wird er Drachen töten, die tückischen Zwerge vernichten und Brünnhilde erwecken – und Wotan´s Speer selbst wird seinen Weg nicht hemmen können!“ 

Krankheit

Krankheit, Schmerz und vielfältige gesundheitliche Probleme waren von Kindesbeinen an allgegenwärtige Begleiter Friedrich Nietzsches. Starke Kopf- und wahrscheinlich durch Kurzsichtigkeit oder Schielen hervorgerufene Augenschmerzen sowie Magenkrämpfe bedrückten bereits den Schüler. Der Student wurde zusätzlich von rheumatischen Schmerzen und einer chronischen Ader- und Regenbogenhautentzündung, wahrscheinlich hervorgerufen von einer syphilitischen Infektion, geplagt. Es wird angenommen, dass die deswegen regelmäßig durchgeführte Einnahme von Chloralhydrat, dem ersten synthetisch hergestellten Schlaf- und Beruhigungsmittel, zu einer schleichenden Vergiftung geführt hat. Mit Mitte dreißig ließ er sich vorzeitig pensionieren und verließ 1879 die Universität Basel, um fortan als freier Autor und Philosoph zu leben. Im Sommer hielt er sich für einige Jahre im Engadin in Sils-Maria mit seinem für Nietzsches Konstitution wohltuenden Klima und der zuträglichen Höhenluft auf. 

Am 3. Januar 1889 im Alter von 44 Jahren kam es zum Zusammenbruch in Turin. Diagnostiziert wurde eine progressive Paralyse mit psychotischen Symptomen. An Arbeit war nicht mehr zu denken. Es schloss sich bald darauf die Aufnahme in der Jenaer Grossherzoglichen Sächsischen Landes-Irren-Heilanstalt an, bevor 1897 die pflegerische Betreuung durch die Schwester Elisabeth Förster-Nietzsche in Weimar bis zum Tod am 25. August 1900 übernommen wurde.

Der Einfluss seines philosophischen Denkens wirkt bis in unsere Gegenwart nach!

Bildnachweis© 1, 2, 4 pixabay. 3, 5, 6, 7 unsplash.

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