Schwieriges Erbe der Kolonialzeit: Afrikanische Raubkunst in europäischen Museen

In zeitlich dichter Reihung ist die Gründung der ersten völkerkundlichen Museen hierzulande erfolgt. Den Anfang haben dabei die Königlich Ethnographische Sammlung in München 1862 und das Königliche Museum für Völkerkunde in Berlin 1873 gemacht. Entsprechende Institutionen in Leipzig, Dresden und Hamburg sind darauf in den Jahren von 1874 bis 1879 eingerichtet und eröffnet worden. Eine erhöhte Aufmerksamkeit und ein grundsätzliches Interesse gegenüber fernen Kontinenten, fremden Kulturen und exotischen Objekten dürfen daher sowohl bei den Ausstellungsmachern als auch beim damaligen Publikum angenommen und vorausgesetzt werden.

In europäischen Nachbarländern lassen sich durchaus vergleichbare Entwicklungen beobachten. Die Anfänge des renommierten niederländischen Museum Volkenkunde in Leiden mit zunächst fernöstlicher Ausrichtung können sogar bis ins Jahr 1837 zurückverfolgt werden, was es zu einer der ältesten Einrichtungen seiner Art überhaupt macht. Einen sehr direkten Bezug zur eigenen Kolonialgeschichte stellt das zeitlich jüngere in Tervuren bei Brüssel befindliche Königliche Museum für Zentral-Afrika her. Es ist auf Initiative von König Leopold II. von Belgien, dem als ein Ergebnis der Berliner Kongokonferenz 1884/85 das rohstoffreiche Kongobecken zu Zwecken der Nutzung und Ausbeutung als Privatbesitz der belgischen Krone übertragen worden ist, entstanden. Um seinerzeit bei kritischen Landsleuten mehr Verständnis für seine kostenintensiven Afrikapläne zu erreichen, hat der Monarch 1897 im Park von Tervuren kongolesische Dörfer nachbauen lassen und anlässlich der zeitgleich dort stattfindenden Weltausstellung dem zahlenden Publikum Menschen aus Afrika, von 267 Personen ist die Rede, als bestaunenswerte Attraktion präsentiert. Sogenannte Völkerschauen waren indessen im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts in Europa nicht ungewöhnlich, sie sind vielmehr als Ausdruck einer weit verbreiteten Geisteshaltung zu verstehen und erfreuten sich allgemeiner Beliebtheit.

Der 1861 als Königreich Italien nach langwierigen und schwierigen Auseinandersetzungen etablierte Nationalstaat auf der Appeninenhalbinsel hat sich recht bald nach seiner Entstehung der heimischen Vorgeschichte zugewendet, wohl nicht zuletzt um den Italienern eine Bekräftigung ihrer selbst durch historische Identifikationsmöglichkeiten an die Hand zu geben. Im Ergebnis ist die 1876 heute als Museo Nazionale Preistorico Etnografico „Luigi Pigorini“ bekannte stadtrömische Einrichtung ins Leben gerufen worden, dessen umfangreiche außereuropäische ethnographische Abteilung dem Publikum zugänglich gemacht wurde, als der öffentliche, auf den Erwerb von Kolonien gerichtete Ruf immer lauter wurde. Es ist dabei noch gar nicht so lange her, dass manche Historiker Italien und Deutschland als „verspätete Nationalstaaten“ etikettiert haben und daraus allerlei Folgenreiches fürs 20. Jahrhundert abzuleiten wussten. Richtig ist in jedem Fall: Sowohl das Königreich Italien als auch das Deutsche Reich traten als Kolonialmächte in Afrika sehr spät auf den Plan. Das als Schutzgebiet adressierte Deutsch-Südwestafrika 1884 und Italienisch-Somaliland 1888 waren die jeweils ersten Kolonien dieser beiden Länder in der dunkel lockenden Welt, um einen Ausdruck der dänischen Autorin Tania Blixen aufzugreifen.

Über die umfangreichsten Besitztümer aller Kolonialmächte auf dem afrikanischen Kontinent, wie das eindeutige Überwiegen der Farbe Britisch-Rot auf historischen Karten anschaulich zeigt, verfügte das British Empire. Der umtriebige Imperialist Cecil Rhodes träumte von einer durchgehenden Eisenbahnlinie im Osten, die Kapstadt mit Kairo verbinden sollte, um dergestalt einen wichtigen Beitrag zur Integration des britischen Herrschaftsgebiets zu leisten. Fast wären die Wunschvorstellungen des Namenspatrons von Rhodesien Realität geworden. Es verwundert vor diesem Hintergrund nicht sehr, dass das seit 1759 im Herzen von London befindliche British Museum über die weltweit größte – rund 200.000 Objekte umfassende – permanente Sammlung afrikanischer Kunst und Kultur verfügt. Die durch die innerhalb des Museums befindlichen Sainsbury African Galleries pilgernden Besucherscharen bekommen davon allerdings nur 0,3 Prozent zu sehen.

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Das historische Königreich Benin

In Westafrika auf dem Territorium Nigerias befand sich einst das nur dem Namen nach mit dem modernen Staatswesen identische historische Königreich Benin. Trotz mehrerer Jahrhunderte weiter zurückreichender Anfänge lässt sich seine Geschichte anhand von Königslisten bis etwa zum Jahr 1200 zurückverfolgen. Im Zeitraum vom 15. bis zum 19. Jahrhundert avancierte es zu einem der mächtigsten Reiche Westafrikas.

Unter der politischen und rituellen Oberherrschaft eines Oba genannten Königs, der nach Art eines absolutistischen Herrschers aufzutreten verstand, konnten sich in Benin City bemerkenswerte städtische Strukturen entfalten, deren Regelhaftigkeit in der zu diesem Thema spärlich vorhandenen Literatur bisweilen mit fraktalem Design verglichen wird. Rechtwinklig zueinander verlaufende Hauptstraßen, die über eine unterirdische Entwässerung verfügten, prägten das Erscheinungsbild rund um den im Zentrum der Stadtanlage befindlichen Königshof. Die in mehreren Ringen in der Form von Erdwerken als Gräben und holzverstärkte Dämme um die Stadt gelegten Mauern zählen zu den umfangreichsten, von Menschen weltweit geschaffenen Baustrukturen überhaupt. 

Als die Portugiesen auf Entdeckungsfahrt im 15. Jahrhundert im Golf von Guinea erschienen, kam es zu nachhaltigen  Handelsbeziehungen zwischen ihnen und den Einheimischen. Sklaven, Elfenbein und Gewürze wurden gegen Waffen eingetauscht, so dass das Königreich Benin seine Machtbasis vor Ort geographisch ausdehnen und vergrößern konnte. Eine eigenständige Kunstproduktion hat, soweit das überhaupt überblickt werden kann und die Vergänglichkeit verwendeter Materialien nicht auch andere frühere Datierungen wahrscheinlich macht, spätestens hier eingesetzt. Sie war dazu imstande, insbesondere auf dem Gebiet des Metallgusses nach dem Wachsausschmelzverfahren bedeutende Meisterwerke hervorzubringen. Die entweder als Reliefplatten oder Skulpturen entstandenen Benin-Bronzen sind hier zu nennen. Grundsätzlich nach den gleichen technisch-künstlerischen Prinzipien angefertigt wie etwa die auf 1015 datierte zweiflügelige Bernwardstür im Westportal des Doms zu Hildesheim oder andere bedeutende Bronzekunstwerke des frühen Mittelalters in Europa, bewahren die Benin-Bronzen noch in der Gegenwart die kulturelle Identität der Menschen Nigerias in sich.

Als 1897 eine britische Strafexpedition, angeführt vom Admiral Sir Harry Holdsworth Rawson, verwüstend, brandschatzend, plündernd und mordend über das Königreich Benin herfiel, um unbotmäßiges Verhalten abzustrafen und im Zeichen des Imperialismus dem britischen Protektorat Nigeria weiteres Territorium anzugliedern, wurden neben vielen anderen Dingen zwischen 3000 und 5000 der Benin-Bronzen außer Landes gebracht. Sie befinden sich heute in europäischen oder nordamerikanischen Museen (Boston, Chicago, Denver, New York, Philadelphia), ihrem Thema nach oft in spezialisierten ethnologischen Institutionen. Die meisten von ihnen, mehr als 900, im British Museum, London, oder im Ethnologischen Museum der Staatlichen Museen zu Berlin, mehr als 400, im 2021 neueröffneten Humboldt Forum im Berliner Schloss.

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7. Eines der weltweit bedeutendsten Museen mit kulturhistorischer Ausrichtung: Das British Museum in London.

 

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8. Im Inneren der 1759 erschaffenen Institution.

 

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9. Im milden Abendlicht leuchtet das Berliner Schloss.

 

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10. Im Humboldt Forum befindet sich das Ethnologische Museum der Staatlichen Museen zu Berlin.

Die Restitution afrikanischer Kunst: Eine emotionale Debatte

Scheinbar ist die Debatte darüber, ob und in welchem Umfang europäische Museen ihre in kolonialen Kontexten erworbenen Kunstgegenstände an die jeweiligen afrikanischen Herkunftsländer rückerstatten sollen, neu. Der französische Staatspräsident Emmanuel Macron hat jedenfalls 2017 anlässlich eines Staatsbesuchs in Burkina Faso angekündigt, dass sein Land innerhalb der kommenden fünf Jahre die Voraussetzungen dafür schaffen wolle, dass dies möglich sein werde und geschehen könne (Zitat: „Das wird eine meiner Prioritäten sein.“). Im November 2021 war dann der Augenblick für die Unterzeichnung eines Übergabevertrages zwischen Frankreich und dem afrikanischen Staat Benin gekommen, und infolgedessen konnten 26 zum Teil aus meterhohen Statuen und geschnitzten Thronen bestehende Kunstschätze aus dem historischen Königreich Dahomey rückerstattet werden. Das Pariser Musée du Quai Branly ist damit einen bemerkenswerten ersten Schritt gegangen. 

Doch die Debatte ist nicht wirklich neu, sie wird im Grunde genommen bereits seit vielen Jahrzehnten geführt, wie die Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy in ihrer Arbeit „Afrikas Kampf um seine Kunst“  nachdrücklich auseinandergesetzt hat. Die von afrikanischen Staaten als Gerechtigkeits- und Identitätsthema an ehemalige europäische Kolonialstaaten herangetragenen Rückgabeforderungen sind in der Vergangenheit jedoch auch von deutschen Museumsverantwortlichen abschlägig beschieden worden. Mit Verweis auf fehlende Inventarlisten bei den eigenen Sammlungen und verbunden mit der Weigerung solche anzufertigen, war es möglich, die Probleme viele Jahre auszusitzen, jedenfalls solange bis die öffentliche Meinung sich wieder neuen, anders gelagerten Themen zuzuwenden begann. Oder durch das Hervorheben der eigenen bloßen Verwaltungsfunktion, die es einem Museum verbiete eigentumsrechtliche Übertragungen vorzunehmen, die nur einem Staat zustehen würden. 

Doch inzwischen ist auch hierzulande Bewegung in die Angelegenheit geraten. Das Linden-Museum in Stuttgart hat jedenfalls einige Exponate eindeutiger Provenienz 2019 an Namibia rückübertragen. Dass es dabei „nur“ um die Bibel und die Peitsche eines Nama-Anführers ging, zeigt dennoch: Ein Anfang ist gemacht!

Wer demnächst ein ethnologisches Museum besucht, zum Beispiel dasjenige im gerade vor ein paar Monaten in Anwesenheit von viel politischer Prominenz eröffneten Humboldt Forum in Berlin, sollte sich bei Betrachten der Ausstellungsstücke schon einmal die Frage stellen, wo sie herkommen und auf welchem Weg sie hergelangt sein könnten!

Bildnachweis©1-10 pixabay.

 

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