Brot und Spiele
Mehr als 250 über das gesamte Imperium verteilte, vollständig von Zuschauerrängen umschlossene und dem Gladiatorenkampf sowie der Wildtierhetze (venatio) dienende ovale Arenen, die gemeinsam bautypologisch als Amphitheater angesprochen werden, sind uns aus römischer Zeit bekannt. Ungeachtet sonst bestehender Gemeinsamkeiten waren der griechischen Kultur mit ihrer durchaus vorhandenen allgemeinen Wertschätzung, der in schriftlichen und archäologischen Quellen deutlich greifbaren Beliebtheit von athletischen Wettbewerben, wie sie vorzugsweise im Gymnasion oder der Palästra ausgetragen wurden, derart blutige und grauenhafte Spektakel an eigens von Architekten dafür konstruierten Örtlichkeiten des Entsetzlichen, den Amphitheatern, wesensfremd und unbekannt. Was aber zog dann die durchschnittlichen Stadtrömer*innen oder Provinzbewohner*innen überhaupt dorthin? Die bei etlichen Besucher*innen zugrunde liegende Motivation wird wahrscheinlich um einiges klarer, wenn man sich die „Bekenntnisse“ des 354 in Nordafrika geborenen Kirchenmannes Augustinus vergegenwärtigt, in denen an die einschlägigen Erfahrungen des etwas jüngeren Freundes Alypius erinnert wird: „Nicht um den von den Eltern vorgezeichneten Weg zu verlassen, ging er vor mir nach Rom, um sich dort dem Studium der Rechte zu widmen. Dort wurde er von einer unglückseligen Leidenschaft für Gladiatorenspiele förmlich hingerissen. Anfänglich verabscheute er diese, doch als einige Freunde und Mitstudenten dem Widerstrebenden nach dem Essen begegneten, führten sie ihn unter allerlei Überredungskünsten und freundlichem Zwang am Tag der Spiele ins Amphitheater. Dabei sprach er zu ihnen: „Wenn Ihr auch meinen Körper an jenen Ort schleppt und festhaltet, könnt Ihr damit auch meinen Geist und meine Augen auf jenes Schauspiel lenken? So will ich abwesend anwesend sein und Euch und diese Spiele überwinden.“ Gleichwohl führten sie ihn mit sich fort, um in Erfahrung zu bringen, ob er das Gesagte wohl würde durchsetzen können. Als sie dort anlangten, nahmen sie ihre frei gebliebenen Plätze ein, und alles glühte in blutdürstiger Lust. Alypius schloss die Augen und verbot seiner Seele, sich dieser Sünde hinzugeben. Oh, hätte er doch auch seine Ohren verstopft. Denn als einer im Kampf zu Boden fiel und das tosende Gebrüll der Menge ihn überwältigte, erlag er doch der Neugierde und öffnete die Augen, dazu bereit jeden Anblick, möge er sein, wie er wolle, zu verachten und zu besiegen. Jedoch wurde er von einer schwerwiegenderen Wunde in der Seele getroffen, als in den Körper besagter Kämpfer, den er zu sehen wünschte und sank anschließend elender dahin als jener. (…) Denn als er das Blut sah, sog er den Blutdurst zugleich mit ein, wandte sich nicht mehr ab, heftete die Augen unverwandt darauf, unwissend die Geister der Wut in sich aufnehmend; sich ergötzend an den frevelhaften Kämpfen, berauschte er sich an dem blutigen Vergnügen. Nun war er nicht mehr derselbe, als der er gekommen, sondern einer aus der Menge, zu der er gelangt war und ein echter Kumpan derer, die ihn hergeführt hatten. Was ist da noch viel zu sagen? Er sah, er schrie mit, entbrannte und trug mit sich den wilden Wahnsinn, durch den er gereizt wurde, wieder und wieder hierher zu kommen; nicht nur mit denen, die ihn zuerst mit hingeschleppt hatten, sondern vor ihnen, andere nach sich ziehend.“ (Augustinus, Confessiones, Buch VI, Kap. VIII)
Dass es angesichts von Zuschauerzahlen von mehr als fünfzigtausend, wie sie in der Kaiserzeit im Kolosseum konservativen Schätzungen zufolge mit Leichtigkeit erreicht werden konnten, nicht so einfach war, sich den von Augustinus beschriebenen Mechanismen einer Massenhysterie zu entziehen, mag wohl einleuchten.
Dazu kommt, dass das in einem Akt patronaler Fürsorge gewährte „Zerstreuungsangebot“ an die Massen gänzlich kostenlos war. Mit anderen Worten: Der Eintritt erfolgte gratis. Als „Brot und Spiele“ (=„panem et circensis“) hat der zeitgenössische Satiriker Juvenal die Kombination von stark verbilligtem bzw. umsonst der Bevölkerung Roms zur Verfügung gestelltem Getreide und den Exzessen einer überbordenden Unterhaltungskultur treffsicher bezeichnet. Durch möglichst eindrucksvoll und spannungsgeladen inszenierte Spiele versicherten sich die machthabenden Kaiser einerseits der Zuneigung und des Wohlwollens der damit beglückten Untertanen. Andererseits wurden mögliche Hungeraufstände darbender Massen schon im Keim erstickt, da die Versorgung mit elementaren Lebensmitteln gewährleistet war.

Das Kolosseum
Der allgemeine Siegeszug des Amphitheaters hat dabei gar nicht im Zentrum der Macht, in der Metropole am Tiber, begonnen, nicht einmal im umliegenden Latium. Weiter südlich in der sonnenverwöhnten Landschaft Kampaniens ist in den Jahren nach 80 v. Chr. in Pompeji das älteste erhaltene Beispiel dieses Bautyps als innovative Neuschöpfung römischer Architektur entstanden. Also in der späten Republik nach Jahren der Wirren und inneren Konflikte, als sich der berüchtigte Lucius Cornelius Sulla 79 v. Chr. soeben ins Privatleben zurückgezogen hatte.
Das erste steinerne Amphitheater in Rom selbst ist 29 v. Chr. auf dem Marsfeld eingeweiht worden. Errichtet auf die Initiative von Statilius Taurus, eines Generals von Augustus, ist es jedoch beim großen Stadtbrand 64 während der Herrschaft Neros zerstört worden. Stattdessen ist vom ebenso bauwütigen wie unberechenbaren Princeps ebendort eine alternative Konstruktion in Holz beauftragt worden. Nachdem Nero wenige Jahre später verstarb und er der damnatio memoriae, der Verdamnis des Andenkens, anheimgefallen ist, war es für den neuen ersten Mann im Staat Vespasian kein allzu gewagter Schritt mehr, die zu der monumentalen Palastanlage am Südhang des Esquilin, der domus aurea, gehörigen großzügigen Gärten seines verruchten Vorgängers einem neuen, wesentlich durch Kriegsbeute aus dem Nahen Osten finanzierten Verwendungszweck zuzuführen. So ist es hier zum Ruhme und der Mehrung des Prestiges der flavischen Kaiserdynastie zum Bau des zunächst als Amphitheatrum Flavium bezeichneten und mit einer Außenwand aus Travertin, einem lokalen Kalkstein, versehenen Gebäudes (s. Abb.1) in den Jahren von 72 bis 80 gekommen. Inzwischen war der zweite Flavier an der Macht: Titus. Unter seiner Ägide fanden dem Historiker Cassius Dio zufolge nach der Fertigstellung einhunderttägige Spiele statt.
Die Wildtierhetze (venatio)
Mehr als 9000 Tiere sind während dieser Einweihungsfestivitäten als bereits seit langem etablierter Bestandteil der „Unterhaltungskultur“ in die Arena geschickt worden, so heißt es. Diese schier unglaubliche Zahl ist ein Vierteljahrhundert später anlässlich seines künstlerisch im Bildprogramm der Trajanssäule verewigten Sieges über die Daker von Trajan noch um mehrere Tausend übertroffen worden. Zwar ist dann unter Kaiser Konstantin 325 ein erstes Edikt gegen Tierhetzen erlassen worden. Die ursächliche Geisteshaltung blieb dennoch trotz der in der konstantinischen Wende vollzogenen Hinwendung zum Christentum, trotz sich allmählich verändernden ethischen Einstellungen und wachsenden moralischen Bedenken weiter virulent, wie der Auszug eines Briefes des in Antiochia in der syrischen Provinz geborenen berühmten Redners Libanios an den Hofbeamten Eusebios aus dem Jahr 360 belegt: „Denn er hat nicht nur sein eigenes Vermögen verbraucht, sondern auch von seinen vielen Freunden nicht Weniges hinzugefügt, um von überall her wilde Tiere herzuschaffen und Männer, die gegen sie kämpfen. (…) Soll er nun einladen und die übrigen Vorbereitungen treffen, dabei aber für die Bären beten und verbieten, sie auch nur mit der Gerte zu schlagen? Welchen Reiz hätte das? Würde das nicht allenthalben Gelächter hervorrufen? Was ist daran eines Kranzes wert? Wer kann das Pfeifen und Buhrufen ertragen? Und wenn sie verlangen, die Tiere zu verwunden, was soll er dann antworten? (…) Die wilden und besonders gefährlichen Tiere wurden ohnehin dem Kaiser zum Geschenk gemacht und ihrer warten die Geschosse der Edlen. Die übrigen jedoch, die seiner Blicke nicht würdig sind, könnten dem Volk zur Freude werden.“ (Libanios, ep. 218) Insofern lässt sich das zeitliche Ende dieser fragwürdigen Aktivitäten in Rom erst für das Jahr 523 bestimmen.
Die Liste der Tierarten, die dafür in Betracht gezogen worden sind, ist lang und wird gleichwohl die damalige Wirklichkeit nur unvollständig widerspiegeln: Löwen, Elefanten, Bären, Tiger, Hirsche, Kühe, Zebras, Strauße, Geier, Pferde, Nashörner, Antilopen, Gazellen, Giraffen, Adler, Falken, Wildziegen, Hunde, Wölfe, Hyänen, Leoparden, Krokodile, Wildschweine, Flusspferde und Kaninchen. Hunderttausende von ihnen, wenn nicht noch mehr, haben die Arena lebend nicht mehr verlassen.

Verschiedene Formen der Wildtierhetze und -jagd sind überliefert. Zum einen wurden Tiere zum Kampf auf andere Tiere losgelassen (s. Abb. 2), etwa Löwen auf Leoparden, je exotischer desto beliebter. Fehlende rechte Winkel in der oval angelegten Arena bedeuteten gleichzeitig, dass keinerlei Eckposition zur besseren Abwehr eines Angriffs eingenommen werden konnte, was grundsätzlich für jede Art von Konfrontation galt. Natürlich sind auch Menschen gegen Tiere vorgegangen. Schon unter dem weiter oben erwähnten Sulla wurden 100 Löwen in die Arena gelassen, nur um dort von Bogenschützen aus der Distanz erlegt zu werden. Unter Nero schließlich soll ein Kavallerieverband gegen Bären und Löwen vorgegangen sein. Anstatt diese bedenkliche Aufzählung immer weiter fortzusetzen, möchte ich die Aufmerksamkeit zunächst eher auf den Aspekt der vorhandenen technischen Möglichkeiten lenken. Unterhalb des mit einer obersten Schicht Sand auf Holzbohlen versehenen Arenabodens befanden sich beim Kolosseum ausgedehnte Kellerräume, die sowohl Platz für die notwendigen Tierkäfige als auch für Rampen, Hebebühnen, Falltüren und anderes mehr geboten haben. Mit Hilfe von Flaschenzügen und Winden konnte in Windeseile nach oben befördert werden, was das Programm vorsah oder die kochende Volksseele gerade begehrte.

Gladiatorenkämpfe (munera gladiatorum)
Waren die Vormittage im Amphitheater zumeist den Wildtierhetzen vorbehalten, so hatte die Mittagszeit vorzugsweise Dressureinlagen besonders abgerichteter Tiere und Hinrichtungen Verurteilter im Angebot, während die Nachmittage den Gladiatorenkämpfen gewidmet waren.
Wo die mit einem Arsenal von verschiedenen Waffen ausgetragenen Gladiatorenkämpfe ihren Ursprung haben, ist nicht letztgültig geklärt, aber römische Schriftquellen legen nahe, dass sie anfänglich im Umfeld etruskischer Totenfeiern ausgetragen wurden. In Rom selbst ist ihre öffentliche Präsenz von der Mitte des 3. vorchristlichen bis zur Mitte des 5. nachchristlichen Jahrhunderts über eine Zeitspanne von achthundert Jahren von der mittleren Republik bis zur Spätantike bezeugt. Augustus, der Begründer des Prinzipats, teilt in den zu seinem Lebensende hin verfassten „res gestae“, einer Art von Tatenbericht, mit: „Dreimal ließ ich in meinem eigenen Namen Gladiatorenspiele veranstalten und fünfmal in dem meiner Söhne oder Enkel. Bei diesen Spielen kämpften etwa zehntausend Menschen.“ Diese Angaben sind auf eine lange Regierungszeit von rund vierzig Jahren hochzurechnen. Rein privater Initiative waren in der Kaiserzeit zu diesem Zweck lediglich 19 Tage im Jahresverlauf reserviert, was bedeutet, dass das Abhalten derartiger Veranstaltungen nur bei 5% aller Tage erlaubt und zu 95% verboten war.

Ein Gladiatorenkampf musste nicht zwingend mit dem Tod eines der Kontrahenten enden. Ebenso war ein anderer Ausgang für die zumeist aus Sklaven, Kriegsgefangenen oder verurteilten Verbrechern formierten Protagonisten denkbar und durchaus üblich. Unter den wachsamen Augen zweier Schiedsrichter konnte ein Gefecht auch unentschieden ausgehen. Oder das Publikum begnadigte denjenigen Gladiator, der zuvor aufgegeben hatte. In jedem Fall war ultimative Ungewissheit ständiger Begleiter der mit variierenden Waffen und Ausrüstungsgegenständen versehenen Typen von Kämpfern. Ein Retiarius beispielsweise hatte ein Wurfnetz, einen Dreizack, eine Armschiene am linken Arm und einen Schulterschirm zur Verfügung, während er auf Helm und Schild verzichten musste. Ein Murmillo dagegen (s. Abb.4) glich mit seinem gewölbten Rechteckschild und dem als gladius bekannten Kurzschwert insoweit einem Legionsinfanteristen der römischen Armee. Das „Entertainment“, der Nervenkitzel der Massen von Zuschauern gründete hauptsächlich darauf, was denn passieren würde, wenn die in eigens eingerichteten Schulen mit exzellenter medizinischer Versorgung hervorragend ausgebildeten Gegensatzpaare aufeinandertrafen.
Die Schicksale von Individuen, die in diese unbarmherzigen Mühlen unfreiwillig hineingeraten sind, um sich ihrer Haut als kämpfende Gladiatoren erwehren zu müssen, sind übrigens Thema zweier der eindrucksvollsten Historienfilme überhaupt. Die Rede ist von Stanley Kubricks „Spartacus“ und Ridley Scotts „Gladiator“.
Mein nächster Beitrag wird sich mit dem römischen Germanien beschäftigen!
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