Einleitung
Eine naheliegende Frage, die sich beim durchwandernden Betrachten, dem unmittelbaren Erleben eines jahrhundertealten Gartens oder nicht eben neu angelegten Parks stellt, ist diejenige nach dem ursprünglichen Zustand. Was waren die anfänglichen Absichten, die frühen Arrangements der Garten- und Landschaftsbauer bzw. Architekten vor vielen Dekaden und was spätere, vermutlich erst dem Zeitalter des Barock oder der Mode des Englischen Landschaftsgartens, der Moderne oder Postmoderne angehörende Überformungen oder Verfremdungen des zunächst Gewollten? Noch konkreter gefragt: Haben wir mit Blick auf dem 15. und 16. Jahrhundert angehörende mitteleuropäische Grünanlagen tatsächlich – wie es diese Zeitstellung insbesondere für Italien kulturgeschichtlich eigentlich erwarten ließe – Renaissancegärten in Reinform vor uns?
Als sehr hilfreich bei diesbezüglichen Recherchen können sich alte Reiseberichte, wie derjenige zum Besuch der nach einem Entwurf von Bernardo Buontalenti mitsamt großzügigem Garten errichteten Medici-Villa von Pratolino (s. Abb. 1) des französischen Philosophen Michel de Montaigne, „Ans Wunderbare grenzt eine Grotte, die zahlreiche Einbuchtungen und Sitznischen aufweist; diese Anlage übertrifft nun alles, was wir je zu sehen bekamen. Sie ist mit einem Material völlig eingefasst und ausgekleidet, das, wie es heißt, von bestimmten Bergen eigens herbeigeschafft und so befestigt wurde, dass die Nägel unsichtbar bleiben. Indem man das Wasser der Grotte in Bewegung versetzt, erzeugt man nicht nur Musik und harmonische Klänge, sondern bewirkt auch, dass sich die vielen Statuen zu regen beginnen und alle erdenklichen Handlungen ausführen, während die ebenso zahlreichen künstlichen Tiere ihre Schnäbel und Schnauzen zum Trinken ins Nass tauchen – und dergleichen mehr. Um so die ganze Grotte zu fluten, bedarf es nur eines einzigen Griffs. Gleichzeitig wird den Gästen aus allen Sitzen Wasser in den Hintern gespritzt. Flieht man dann und flitzt die Treppen zum Schloß hinauf, wird man jede zweite Stufe erneut von tausend Wasserstrahlen besprüht, so dass man völlig eingeweicht im Zimmer oben ankommt – ein Vergnügen, das nicht jedermanns Sache ist.“, aus dem Jahr 1580 erweisen. Um den umherwandelnden Eigentümern und ihren Gästen ein hohes Maß an Abwechslung und Zerstreuung zu bieten, sind offensichtlich weder Kosten noch Mühen gescheut worden. Künstlich erschaffene Szenerien (Grotte), von Menschenhand gestaltete Skulpturen (viele Statuen und Tiere) einschließlich einer intensiven Nutzung des seinerzeit wassertechnisch Möglichen (s. o.) ergänzen das heutzutage landläufig von einem Garten Erwartbare beträchtlich. Die Kultur der Renaissance wartet mit den ihr eigenen reichhaltigen gestalterischen Ausdrucksformen auf.



Villa d’Este in Tivoli
Einem hohen Kirchenmann, gar einem Kardinal und Spross der lange Zeit als hinterlistige Giftmischerin verschrienen Lucrezia Borgia ist ab 1560 als Auftraggeber die Entstehung eines überaus großzügigen Palast- und Gartenkomplexes in Tivoli nahe Rom zu danken. Eben an genau jenem aus der römischen Kaiserzeit unter dem Namen Tibur bekannten Ort, wo der kunstsinnige, von 117 bis 138 regierende Kaiser Hadrian seine Villa samt opulentem umgebenden Garten auf einer mehr als 125 Hektar umfassenden Fläche anlegen ließ. Eine schier unerschöpfliche Quelle der Inspiration für Humanisten und andere kreative Geister der Renaissance seit den Tagen Flavio Biondos.



Was römischen Herrschern wie Hadrian zur Steigerung ihrer repräsentativen und privaten Daseins- und Sinnesfreuden recht erschienen ist: Der verschwenderische Gebrauch von Wasser bzw. die überreiche Ausstattung ihrer Anwesen mit Skulpturenschmuck griechischer Provenienz oder hervorragend gearbeiteten heimischen Kopien nach deren Vorbild – man fühlt sich in diesem Kontext an die vielsagenden Zeilen von Horaz „Graecia capta ferum victorem cepit“ („Das gefangene Griechenland, bezwang den wilden Sieger.“) erinnert – ist einem Renaissancefürsten aus der ersten Reihe wie dem erwähnten Kardinal Ippolito II. d’Este (s. o.) nur billig erschienen. Zwar konnte nicht mehr auf einen funktionsfähigen Aquädukt wie die Tivoli in der Antike mit lebenspendendem Nass versorgende Aqua Anio Novus zurückgegriffen werden, dafür wurde für die Villa d’Este das reichlich benötigte Wasser aus zum Teil unterirdisch verlaufenden Kanälen von den Flüssen Aniene und Rivella herangeführt.





Überlegungen Albertis: Von der Theorie zur Praxis
Was als jedwedem rein zufälligen Geschehen entgegengesetzte Voraussetzung für die in den Grünanlagen der Villa d’Este oder auch in anderen Beispielen der Epoche gegenwärtig noch immer erleb- und erfahrbare Gartenkunst der Renaissance gilt, ist die Tatsache einer wirksamen theoretischen Fundierung. Wie sie vor allem vom Architekten, Schriftsteller und Humanisten Leon Battista Alberti in seinem lehrbuchartigen, zwischen 1443 und 1452 entstandenen „De re aedificatoria“ („Über das Bauwesen“) angeregt und formuliert worden ist. Unter starker inhaltlicher Anlehnung an Plinius den Älteren und Plinius den Jüngeren wie formaler Bezugnahme auf Vitruvs im letzten Drittel des ersten vorchristlichen Jahrhunderts verfasstes „De architectura libri decem“. Schon dieser bedeutendste antike Architekturtheoretiker hat die Planung und Gestaltung von Gärten, insbesondere im Zusammenhang mit römischen Villen (s. Abb. 4) und öffentlichen Anlagen, wobei sowohl die ästhetischen als auch die funktionalen Aspekte der Gartengestaltung Berücksichtigung gefunden haben, beschrieben.
Die Relevanz Albertis hat indes vor 100 Jahren die Kunsthistorikerin Marie Luise Gothein in „Geschichte der Gartenkunst. Erster Band. Von Ägypten bis zur Renaissance in Italien, Spanien und Portugal“ betont. In Kapitel 7 heißt es: „Ein glücklicher Zufall hat uns die genaue Schilderung eines Gartens aufbewahrt, den man mit größter Wahrscheinlichkeit auf Alberti zurückführen darf. Es ist dies der Garten der Villa Quaracchi, dem Landhause Giovanni Rucellais (…). Alberti war der Freund und Baumeister des reichen florentinischen Kaufmanns. In seinem Auftrage entwarf er die Pläne für die Fassade der Kirche Santa Maria Novella in Florenz, den Stadtpalast in der via della Vigna, die sogenannte Loggia dei Rucellai gegenüber und »draußen vor Florenz, rechts vom Wege, welcher nach Pistoja führt, für einen großen Palast mit wasserreichen Gräben und sehr schönen Gärten« (…) Da Alberti seinem Grundsatz stets treu blieb, daß ein Architekt nur Zeichner, nicht Ausführer seiner Werke sein dürfe und daher immer nur die Pläne entworfen hat, so ist eine ganz gesicherte Bestimmung seiner Werke schwierig. Immerhin sind wir wohl berechtigt, diese Villa mit ihrem Garten als ein Kind seines Geistes anzusehen (…).
Nicht ganz leicht ist es, sich aus der Fülle dieser Aufzählungen ein Bild des Lageplanes zu machen. Den Haupteindruck bestimmen die Pergolen, von denen drei den Hauptgarten durchziehen, der hundert Ellen (braccia) lang ist. Sie verleihen den Wegen den nötigen Schatten, sind teils wie über der Hauptallee tonnenförmig aus immergrünen Eichen geschnitten, teils spitz aus Haselnuß; die offenen Wege sind zu beiden Seiten von Lattenwerk begleitet, an denen edler Wein sich emporrankt, dazwischen weiße Rosenstöcke, »die zur Zeit der Blüte so herrlich sind, daß die Feder die Befriedigung nie geben kann, die das Auge beim Schauen empfängt«. Die mittlere Hauptpergola geht vom Haupttor des Hauses aus, über dem eine kleine Loggia sich befindet (…). Una bella porta in sulla strada con una logetta in capo di detta pergola; daraus geht nicht ganz klar hervor, ob diese porta und logetta zum Hause gehört.; sie ist zu beiden Seiten von Nebenwegen begleitet, mit brusthohen breiten Spalieren von Buchs, über denen in Kranzform (festa) die Wappen der Familie und aller Verschwägerten als Schmuck angebracht sind. Am Ende dieser Pergola ist eine zweite Tür, die in einen mit einem Mäuerchen umschlossenen Garten führt, in dem sich eine kleine Wiese befindet; hier sind Terrakottavasen oder vielleicht auch Beete, mit Scherben umgeben, in denen Damaszenerveilchen und Majoran und Basilikum und viele wohlriechende Kräuter gepflanzt sind. Außerdem aber befinden sich hier Buchshecken in vielerlei Gestalt, von denen noch weiter die Rede sein soll, besonders ein runder, stufenförmiger Buchs, wie er der besondere Stolz der Gärten jener Zeit war. In der gleichen Achse der Hauptpergola führt auf der anderen Seite dieses »procinto« eine schnurgerade Allee von hohen Bäumen, zwischen denen sich wilder Wein rankte, 160 Ellen lang zum Arno hinab. Von dem Hauptsaale des Hauses herab konnte der Hausherr, wenn er bei Tische saß, die vorübergleitenden Barken sehen. Das Haus, dessen ebene und gesunde Lage hervorgehoben wird, musste also, wie der Theoretiker Alberti es wollte, eine sanft ansteigende erhöhte Lage haben. Der Hauptgarten aber war noch Fruchtgarten, er war von einer breiten Hecke umgeben, die aus Lorbeer, Prunus, Wacholder und anderen Sträuchern verschnitten war, und der entlang eine Menge Sitze einluden und ein schöner, immer sauberer Fußpfad lief. Diese Hecke umschloß eine Menge verschiedenartigster Obstbäume, auch ausländische, wenig bekannte Fruchtbäume, darunter eine Sykomore, auf die Rucellai besonders stolz ist, die er sich vielleicht von einer Expedition nach Palästina mitgebracht hatte (…). Innerhalb dieser Hecke sah man auch einen Rosengarten, weiter neben der Pergola ein Labyrinth aus Rosen und Geißblatt um einen runden Stein in der Mitte, eine Laube von Tannen und Lorbeer und eine andere von Geißblatt. Ein anderes notwendiges Stück eines italienischen Gartens, der Vogelherd, fehlte nicht. Auch ein Schneckenhügel, mit immergrünem Gehölz bestanden, dessen acht kreisrunde Umgänge spiralförmig zum Gipfel führten, wird erwähnt. In der Nähe des Hauses, wohl zur Seite gelegen, war ein großer, rings mit Balustraden umgebener Fischteich, von einem immergrünen Wäldchen beschattet.

Und alle diese Herrlichkeit gönnte der Besitzer auch dem Auge des Vorübergehenden. Zwischen Garten und Arno führte die Pistojeser Straße vorbei, und hier, wo sich vom Tore aus die große Allee zum Flusse hinunterzog, war ein Baumwäldchen (albereto) mit einem Ballspielhäuschen darin; dies diente, wie Rucellai besonders betont, in erster Linie den Passanten, die hier, vor der Sonnenglut geschützt, mit Muße die Schönheiten des Gartens überschauen und genießen konnten, nachdem sie womöglich noch in den Fluten eines Bächleins, dessen klare Wellen das Wäldchen von einer Seite begrenzten, sich hatten erfrischen können. Und die Einwohner von San Pier a Quaracchi wußten solche Liberalität auch zu schätzen, denn in feierlicher Kirchenversammlung im Jahre 1480 erklärten die Männer der kleinen Gemeinde, dass als Dank für die vielen Wohltaten, die das Haus der Rucellai ihnen gewährt habe, und weil die Schönheit und Vornehmheit dieses Gartens ihnen selbst zum Ruhme gereiche, zwei aus ihrer Mitte Erwählten die volle Autorität erteilt werden sollte, den Garten auf Kosten der Bevölkerung in seiner Schönheit und Vornehmheit zu erhalten (…) Dieser vornehme Geist der Frührenaissance hat die Jahrhunderte nicht überdauert, heute ist das Haus zu einer Fabrik geworden, die Gärten sind zerstört und zu Ackerland verwandt, das klare Flüßchen versumpft, die Tore zerfallen. Welch ein Zeugnis gesteigerter Kultur haben sich diese Florentiner Bauern damit gesetzt!
Noch hören wir in dieser Gartenschilderung wenig von Wasserkunst, das Haus ist in mittelalterlicher Weise von einem Graben umgeben, und hinter dem Hause liegt der fischreiche Weiher. Auch das wie »Ambra klare Bächlein« im Wäldchen vor dem Tore scheint den Hauptgarten gar nicht zu berühren, und der Arno ist nur als Aussicht benutzt. Auch schweigt der Bericht ganz von plastischem Schmuck, nur von Terrakottavasen ist die Rede. Um so größeren Nachdruck legt er auf den verschnittenen Buchs, der augenscheinlich hier, wie wahrscheinlich überall im Mittelalter, die Stelle der Statuen vertritt. Wir sehen ihn in allen erdenklichen Gestalten und Bildern auftreten. In dem Blumengarten, den der Beschauer von der Pistojeser Straße am besten übersehen konnte, bildete den Mittelpunkt der schon erwähnte, in fünf Stufen verschnittene Buchs, daneben werden Riesen und Zentauren genannt, Schiffe, Galeeren, Tempel, Pfeiler, Männer, Frauen, Päpste, Kardinäle, Drachen und Tiere aller Art, und vieles andere im bunten Durcheinander. Teils schneidet man sie aus den Hecken heraus, teils werden sie als Einzelgestalten gezogen. Alberti legt merkwürdigerweise als Theoretiker auf dieses opus topiarium gar keinen Wert, auch die anderen Schriftsteller der Frührenaissance beschäftigen sich kaum damit; der italienische Garten der Hochrenaissance aber rückt von diesem kleinlichen Schmuck mehr und mehr ab, da dieser mehr die Geschicklichkeit des Gärtners als ein ästhetisches Moment bezeichnet. Wir wissen, wie verbreitet der Baumverschnitt im späteren römischen Altertum war, doch gehört zu solchen Gebilden, wie sie in den Gärten von Quaracchi stehen, eine so ausgebildete Praxis, dass hier unmöglich nur an eine Anlehnung an Plinius und andere antike Schriftsteller zu denken ist, sondern an eine lange, im Mittelalter nicht vergessene Übung, wenn auch die Fäden nicht deutlich aufweisbar sind.“
Im Anschluss an die Leon Battista Alberti gewidmeten Überlegungen Marie Luise Gotheins noch ein Gedanke zur allgemeinen Einordnung des den privaten Sinnesfreuden einer vornehmen Patrizierfamilie dienenden Renaissancegartens. Wie der bedeutende Schweizer Historiker Jacob Burckhardt bereits 1860 in „Die Kultur der Renaissance in Italien“ geschrieben hat (S. 231), ist das Sammeln seltener Pflanzen in einem solchen Lustgarten eher eine Art willkommener Nebeneffekt gegenüber dem dieser Leidenschaft wie der Erforschung von Arzneipflanzen in der Hauptsache nachgehenden, in den 1540er Jahren gegründeten ersten Botanischen Gärten bzw. Parks (Pisa 1544, Padua 1545) gewesen. Insofern ist keine funktionale Vergleichbarkeit gegeben.
Gartengestaltung in der Frührenaissance: Die Medici Villa in Fiesole
Innerhalb dieses Beitrags ist die Entwicklung des Gartens in der Epoche der Renaissance mit ihren phantasievollen kreativen Schöpfungen vom Ende her (Medici Villa in Pratolino, Villa d’Este) thematisiert worden. Wie dagegen die Situation zu Beginn beschaffen war, lehrt ein Blick auf die älteste existierende Anlage der Frührenaissance: den in den Jahren 1455 bis 1461 gestalteten Garten der Villa Medici in Fiesole.



Da die Medicis offensichtlich über ausgedehnten Grund- und Immobilienbesitz verfügt haben, ist es eine lohnenswerte Aufgabe die Finanzen und den Wohlstand dieser Familie in den Fokus zu nehmen. Dementsprechend wird der kommende Beitrag „Medici – Die Herren des Geldes“ lauten.
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