Ein Sittengemälde der frühen römischen Kaiserzeit: „Das Gastmahl des Trimalchio“

Als Geschmackskritiker in Diensten Neros

Die Liste von Verfehlungen und schuldhaften Verstrickungen des letzten Kaisers der julisch-claudischen Dynastie ist umfangreich, soviel ist sicher. Neben dem an Agrippina der Jüngeren begangenen Muttermord sind durch gedungene Helfershelfer ebenso zahlreiche verdiente Senatoren Opfer schwerer Kapitalverbrechen im Auftrag Neros geworden. Wenn man auch die Rolle des ersten Mannes im Staate im Zusammenhang mit der Bekämpfung der durch den großen Brand von Rom im Juli 66 ausgelösten Verwüstungen heute etwas günstiger als in früheren Jahrzehnten beurteilt, nicht zuletzt wegen des zügigen Bereitstellens von Notquartieren für unerwartet obdachlos gewordene Stadtbewohner*innen, so lastet als weitere Hypothek im Urteil von Zeitgenossen wie der Nachwelt die Suche nach den für die Katastrophe vermeintlich Verantwortlichen nach wie vor bleiern auf den Schultern des sich als inspirierter Künstler von einigem Ehrgeiz Gebenden. Es waren schlussendlich die in zurückgezogener Bescheidenheit lebenden Angehörigen der zu dieser Zeit noch wenig umfangreichen christlichen Glaubensgemeinschaft, denen die Rolle des Sündenbocks zynisch zugewiesen wurde. In der Folge sind viele von ihnen gänzlich unschuldig ans Kreuz geschlagen worden oder dem Feuertod anheimgefallen.

Als weiteres unschuldiges Opfer der Nachstellungen Neros hat Titus Petronius, ein ehemaliger hoher Beamter, zu gelten. Bei Hofe hat er es als arbiter elegantiae, was man als Schiedsrichter des feinen Geschmacks übersetzen kann, in eine herausgehobene Position in unmittelbarer Nähe zum obersten Machthaber gebracht. Doch wie der Philosoph Seneca in Ungnade gefallen und sich trotz erworbener Verdienste um Erziehung und Bildung des mittlerweile achtundzwanzigjährigen Princeps zum Suizid gedrängt sah, wurde auch Petronius übel mitgespielt, so dass er als letzten Ausweg ebenfalls den Freitod wählte. Wie der Historiker Tacitus in den Annalen mitteilt, „er legte vielmehr die Schandtaten des Kaisers (…) und die besonderen Neuheiten jedes einzelnen Unzuchts-Aktes in einer Schrift detailliert dar und sandte diese versiegelt an Nero“, nicht ohne zuvor zahlreiche Fehlleistungen verschriftlicht zu haben. Und nicht ohne als literarisches Erbe mit dem fragmentarisch erhaltenen satirischen Roman Satyricon ein vor Ironie und Komik berstendes Sittengemälde der frühen römischen Kaiserzeit hinterlassen zu haben.

Im Haus von Trimalchio

Als bekannteste, umfangreichste Episode ist das Gastmahl des Trimalchio im Satyricon, einem Prosatext mit lyrischen Einschüben, enthalten. Zu Beginn werden dabei mehrere Freunde Encolpius, Giton und Ascyltos zu einem Festessen im Beisein eines gewissen Agamemnon eingeladen. Doch wohin eigentlich? Über den Ort der Handlung gibt es keine letztgültige Klarheit, am wahrscheinlichsten ist eine kampanische Küstenstadt im Großraum Neapel: Puteoli oder Cumae. Nachdem an der Haustür Trimalchios den Gästen problemlos Einlass gewährt wurde, nähern sich die Gefährten gemeinsam unter hilfreicher Assistenz mehrerer Sklaven dem Speisesaal, einem Raum, der wunschgemäß mit dem rechten Fuß voran betreten werden soll. 

Petronius verwendet dafür in den Unterkapiteln 30 und 31 den Begriff triclinium. Damit lässt sich die üblicherweise mit drei hölzernen oder steinernen Speisesofas ausgestattete Örtlichkeit als vom Lärm und Getriebe der Straße am weitesten entfernter Raum, seitlich versetzt zu der vom Eingang her verlaufenden Zentralachse des typisch römischen Atriumhauses bestimmen.  

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1. Typisch römisches Atriumhaus mit Lichthof und Impluvium. Es befindet sich in Region I von Pompeji und gehörte Publius Paquius Proculus. Die Bodenmosaiken datieren in die frühe Kaiserzeit.

In der Blickachse vom Eingang her befindet sich dagegen das tablinum, der Hauptwohnraum, in dem der Hausherr, der pater familias, seine Klienten empfangen hat. Davon ist das triclinium, wo man die Speisen im Liegen, nicht im Sitzen zu sich nahm, zu unterscheiden. Das hier abgebildete Atriumhaus aus Pompeji (s. Abb.1), das 79 infolge des Vesuvausbruchs verschüttet worden ist, wird der Residenz Trimalchios in Petrons Roman typologisch in groben Zügen, insbesondere der Anlage des Grundrisses nach, entsprechen.

Der spendable Gastgeber hat es in früheren Jahren aufgrund glücklicher Umstände und einem gehörigen Maß an Geschäftstüchtigkeit im Seehandel mit Wein, Speck, Bohnen, Parfüm und Sklaven und im Anschluss daran als Finanzfachmann zu einem beträchtlichen Vermögen gebracht, von 30 Millionen Sesterzen ist die Rede. Ein Sesterz entspricht dabei von der Kaufkraft her ungefähr einem heutigen Betrag von zehn bis zwanzig Euro. Insofern überrascht es nicht, dass die großzügigen Dimensionen seines Hauses mit einem einhundert Personen fassenden Gästetrakt, zwei Marmorkolonnaden, zwanzig Schlafräumen und gleich vier Esszimmern den vorhandenen Reichtum widerspiegeln.

Als Freigelassener hat Trimalchio trotz seiner finanziellen Möglichkeiten jedoch nicht den gesellschaftlichen Status eines Senators oder eines dem ordo equester angehörigen Ritters. Auf jedem Freigelassenen lastete immerfort das Stigma einmal Sklave gewesen und eben kein Freigeborener zu sein. Das schloss politische Rechte keineswegs aus, denn wer von einem römischen Bürger freigelassen worden ist, erlangte automatisch politische Rechte, war selbst vollgültiger römischer Bürger. Höhere politische oder militärische Ämter durften allerdings nicht ausgeübt werden. Erschwerend kamen andere Verpflichtungen hinzu, die sich nicht einfach abschütteln ließen: das sogenannte obsequium und die operae. Mit dem obsequium verband sich ein dem ehemaligen Herrn geschuldeter Respekt, der sich praktisch darin äußerte, dass das Beschreiten des Rechtswegs gegen ihn etwa wegen früherer Missetaten in Form von zivil- oder strafrechtlichen Schritten seitens des Freigelassenen untersagt war. Mit den operae dagegen verband sich eine weiter alljährlich bestehende Verpflichtung zur Ableistung einer gewissen Anzahl von Arbeitstagen, was an den aus Mittelalter und Neuzeit bekannten Frondienst erinnert, den halbfreie Bauern zum Nutzen ihres Gutsherrn zu verrichten hatten. Weitere Einschränkungen familien- und erbrechtlicher Natur kamen hinzu.

Vor dem beschriebenen Hintergrund lässt sich Trimalchios von permanenter Prahlerei und Angeberei gegenüber seinen Gästen bestimmtes Verhalten, dem eilfertige Bildungsbeflissenheit hinzuzurechnen wäre, besser verstehen. Exemplarisch dafür das folgende Tischgespräch: „Wenn der Wein nicht recht ist, lasse ich wechseln; ihr sollt ihn euch schmecken lassen. Gott sei dank muss ich nicht kaufen, sondern was euch jetzt das Wasser im Munde zusammenlaufen lässt, gedeiht alles auf dem Landgut von mir, das ich selber noch gar nicht kenne. Es soll an meine Besitzungen bei Tarracina und Tarent grenzen. Jetzt will ich Sizilien an meine Grundstückchen anschließen, um, falls ich einmal auf Afrika gehen möchte, durch eigenes Gebiet zu segeln. – Aber erzähl du mir Agamemnon: über was für ein Rechtsproblem hast du heute gelesen? Obschon ich vor Gericht nicht auftrete, habe ich trotzdem für den Hausgebrauch Wissenschaft gelernt. Und damit du nicht denkst, ich mache mir nichts aus Bildung: zwei Bibliotheken habe ich, eine griechisch, eine lateinisch. Sag also, sei so nett, das Sujet deiner Vorlesung!“ Als Agamemnon gesagt hatte: „Ein Armer und ein Reicher waren verfeindet“, sprach Trimalchio: „Was ist ein Armer?“

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2. Tauben trinken aus Bronzeschale. Mosaik aus dem 1. Jahrhundert nach berühmtem Vorbild. Heute im Archäologischen Nationalmuseum Neapel.

Was während eines Gastmahls an Speisen konsumiert wurde, darüber haben wir eine ziemlich genaue Vorstellung, denn der Autor hält mit nichts hinter dem Berg. Als Vorspeise werden weiße und schwarze Oliven, drapiert an einer Eselsstatuette aus korinthischer Bronze, gereicht. Siebenschläfer mit einem Überzug von Honig und Mohn, heiße gegrillte Würstchen und syrische Pflaumen mit Granatkernobst runden den ersten Gang ab. Sau mit Plunzenkranz, rundherum Blutwurstwürfel und Hühnerfrikassee, dazu rote Beete und Weizenschrotbrot bilden dazu eine geschätzte Alternative. Kalte Käsepastete, heißer mit spanischem Wein übergossener Honig, Erbsen, Bohnen, Haselnüsse, Äpfel und eine Portion Bärenfleisch bilden die gewöhnungsbedürftige Fortsetzung. Als Dessert: Käseauflauf mit Weinsoße, Schnecken, Kutteln und Leber in Pastetenform, garnierte Eier, Rüben, Senf und in einem Kübel eingemachter Kümmel. Nichts für Leute mit einem schwachen Magen also, möchte man resümieren. Und zwischendurch floss der Falerner-Wein natürlich reichlich.

Wenig überraschend, dass im Verlauf des Abends die Witze derber, die Gespräche intensiver und hitziger werden. Inzwischen mehr als nur angeheitert, verfällt Trimalchio auf die glänzende Idee, Hornisten zum Konzert zu animieren. Der die ganze Nachbarschaft verschreckende Krach alarmiert sogar die Feuerwehr, die irrtümlich glaubt, Trimalchios Haus stehe in Flammen.

Encolpius, Giton und Ascyltos nutzen den Trubel, um sich klammheimlich aus dem Staub zu machen…

Bildnachweis© 1 unsplash, 2 pixabay.

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