Die julisch-claudische Dynastie und das Vierkaiserjahr
Das römische Kaisertum in der von Augustus innovativ ersonnenen und 27 v. Chr. mit einem geschickten Schachzug institutionalisierten Form des Prinzipats wurde von Anfang an für die Dauer von fast einhundert Jahren exklusiv von der julisch-claudischen Dynastie getragen. Mit den seither zu höchsten herrscherlichen Ehren und Machtbefugnissen emporgestiegenen Juliern und Claudiern verband sich im pragmatischen Urteil der standes- und traditionsbewussten Römer*innen die Erinnerung an zwei altehrwürdige Patrizierfamilien, denen die politischen Geschicke der Stadt am Tiber schon seit vielen Generationen nachgewiesenermaßen am Herzen gelegen haben. Die mehrfache Übernahme wichtiger Staatsämter noch unter republikanischen Vorzeichen sprach dafür.
Angehörige der Familie der Julier, der gens Iulia, haben ihre Herkunft bis hin zu Iulus, dem Sohn des trojanischen Heroen Aeneas abgeleitet. Über dessen Mutter, die Göttin Venus, bewegte man sich gewissermaßen selbst im Dunstkreis göttlicher Abstammung. Der wohl berühmteste Spross dieser Familie, Gaius Iulius Caesar, hat bei jeder passenden Gelegenheit nachdrücklich genau darauf hingewiesen. Durch Adoption seines Großneffen Octavian, des späteren Augustus, hat Caesar schließlich nicht nur ein neues Familienmitglied hinzugewonnen, sondern damit unbeabsichtigt auf mittlere Sicht den de facto Wechsel der Staatsform von der Republik zur Monarchie nachhaltiger beeinflusst, als er es selbst mit der von ihm nur kurzzeitig ausgeübten Diktatur je vermocht hat.
Einen durchaus vergleichbaren gesellschaftlichen Status vermochten die Angehörigen der gens Claudia vorzuweisen. Von Augustus (27 v. Chr. – 14 n. Chr.) über Tiberius (14 – 37), Caligula (37 – 41) und Claudius (41 – 54) bis hin zu Nero (54 – 68) haben ausnahmslos alle Kaiser besagter julisch-claudischer Dynastie angehört. Im Augustusmausoleum habe sie ihre gemeinsame letzte Ruhestätte gefunden. Mit Ausnahme des 68 durch Suizid verschiedenen Nero. Aufgrund des überaus heterogenen Erscheinungsbildes ihrer Persönlichkeiten ist eine summarische Würdigung dieser fünf staatlichen Spitzenrepräsentanten kein ganz einfaches Unterfangen. Während Augustus und der zeitlebens kränkliche Claudius als erfolgreiche Herrscher angesehen werden, fällt die Beurteilung der Leistungen des misanthrop veranlagten Tiberius eher ambivalent aus. So soll eine beachtliche Menschenmenge bei seiner Beisetzung „Tiberium in Tiberim!“ („Werft Tiberius in den Tiber!“) ausgerufen haben. In jedem Fall hatte er ein veritables, nicht wegzudiskutierendes Kommunikationsproblem, durch das der bereits schon aus Legitimationsgründen erforderliche Dialog mit den Untertanen sehr erschwert wurde. Caligula und Nero hingegen sind sogar der Verdammung des Andenkens, der damnatio memoriae, anheimgefallen. So sehr hatte durch ihr aktives Zutun die Akzeptanz in der Bevölkerung gelitten.
Als sich zunehmende Unruhe im Imperium auszubreiten begann, insbesondere dort wo zahlenmäßig starke Heeresverbände an umkämpften Grenzabschnitten lagen, also an Rhein und Donau sowie im Orient, da lebte Nero noch. Vielerorts hatte man allerdings genug von seinen Ausschweifungen. Brenzlig wurde es, als der Statthalter der spanischen Provinz Tarraconensis, Servius Sulpicius Galba, sich am 2. April 68 dazu entschloss, die seinerzeit immer weitere Kreise ziehende Aufstandsbewegung in Gallien zu unterstützen. Galba beanspruchte bald darauf die eigentlich seit langem in festen Händen befindliche Kaiserwürde für sich, ein unerhörter Vorgang. Der römische Senat erkannte ihn, der kein Familienmitglied der julisch-claudischen Dynastie war, am 8. Juni 68 an. Nero war nun tot. In der Literatur, etwa der „Römischen Geschichte“ des Althistorikers Michael Sommer, wird die aristokratische Vernetzung des 73-jährigen Galba hervorgehoben und dass mit ihm der Prinzipat zu seinen Augusteischen Wurzeln zurückgekehrt sei.
Aber mit Marcus Salvius Otho stand der nächste Emporkömmling am 15. Januar 69 vor der Tür respektive auf dem Forum Romanum, wo er Beifallsbekundungen der Prätorianer empfing. Der zufällig im Rahmen einer Opferhandlung vorbeikommende aktuelle Princeps Galba wurde von den Prätorianern kurzerhand aus seiner Sänfte gezerrt und ermordet. Doch Otho sollte sich seines Herrscherglücks nicht allzu lange erfreuen können, da der vom Biographen Sueton als ausgemachter Trunkenbold beschriebene Aulus Vitellius, Otho am 14. April 69 bei Bedriacum eine schwere militärische Niederlage beizubringen vermochte. Damit war Vitellius der dritte Kaiser im schicksalsschweren Jahr 69, der den Zeitläuften seinen Stempel aufzuprägen versuchte. Der dritte Kaiser und trotzdem nicht der Letzte. Denn im Osten des Imperium begann sich in der Zwischenzeit etwas zusammen zu brauen. Ein überaus fähiger Feldherr fühlte sich ebenfalls zu Höherem berufen. Sein Name: Vespasian.
Vespasian
Der im Jahr der Varusschlacht 9 n. Chr. im ländlichen Latium geborene Titus Flavius Vespasianus gehörte dem Ritterstand und nicht der vornehmeren Senatsaristokratie an wie seine Vorgänger. Kaiser Claudius hatte ihn einst für seine Leistungen als Kommandant der legio II Augusta bei der Eroberung Britanniens mit den Triumphalinsignien ausgezeichnet. Seit dem Jahr 66 war er maßgeblich mit der Niederschlagung des jüdischen Aufstands beauftragt. Hier an der Peripherie des Imperium spielten sich weitere entscheidende Dinge ab, als der Präfekt Ägyptens seine Legionen am 1. Juli 69 auf den Namen Vespasian schwören ließ. Die Bewohner Alexandrias bereiteten ihm im Herbst 69 einen begeisterten Empfang. Vespasian blieb zunächst im Osten und verzichtete erst einmal darauf nach Rom aufzubrechen, um sich dort des Kaiserthrons zu bemächtigen. So waren es Gefolgsleute des Flaviers die am 24. Oktober 69 wiederum bei Bedriacum in der Nähe von Cremona die entscheidende Schlacht mit Vitellius suchten und siegreich bestanden. Bemerkenswert ist auf jeden Fall die darauf erfolgende Reaktion des Vitellius, wie sie uns von Tacitus in den Historien überliefert wird: „In der von ihm selbst einberufenen Volksversammlung, mitten unter seinen Soldaten, sogar vor den Augen der Frauen, sprach er wenige, der traurigen Gegenwart entsprechende Worte – er trete ab um des Friedens und des Staates willen, bewahren sollten sie nur die Erinnerung an ihn (…); schließlich, als Tränen seine Stimme erstickten, wollte er den vom Gürtel gelösten Dolch dem daneben stehenden Konsul (…) gleichsam als Symbol des Rechtes über Leben und Tod der Bürger übergeben. Als der Konsul das ablehnte und alle Versammlungsteilnehmer laut Einspruch erhoben, ging er weg, als wollte er im Tempel der Concordia die Zeichen der Herrschaft ablegen und das Haus seines Bruders aufsuchen. Da schwoll das Geschrei der Leute an, die ihn am Betreten eines Privathauses hinderten und ihm zuriefen: „Zurück in den Palast!“ Versperrt war ein anderer Weg, nur der eine, auf dem er zur Via Sacra gelangen konnte, stand offen; da kehrt er ratlos, wie er war, in den Palast zurück.“

Es dauerte noch einige Monate, bis Vespasian im Oktober 70 die Stadt am Tiber aufsuchte. In der Zwischenzeit wurde er vor Ort von seinem Sohn Domitian in der Funktion eines Stadtprätors mir konsularischer Gewalt vertreten. Das in Auszügen auf einer Bronzetafel erhaltene „Gesetz über die Herrschergewalt des Vespasian“ („Lex de imperio Vespasiani“) gibt in Paragraph 8 Auskunft darüber, „dass alle Entscheidungen, die vor diesem Gesetzesantrag erfolgten, ausgeführt, beschlossen oder anbefohlen wurden vom Imperator Caesar Vespasianus Augustus oder auf seinen Befehl oder in seinem Auftrag von irgend jemandem, dass diese rechtens und gültig sein sollen, wie wenn sie auf Befehl des Volkes und der Plebs erfolgt seien.“ Damit war allen denkbaren Vorwürfen der Amtsanmaßung oder Selbstherrlichkeit gegenüber in der Vergangenheit getroffenen Maßnahmen von vornherein der Wind aus den Segeln genommen.
Der große Triumphzug im Juni 71 zeigte den Begründer der flavischen Dynastie auf dem Höhepunkt seiner durch frühere militärische Erfolge begründeten Sieghaftigkeit. Die Bürgerkriegswirren des Vierkaiserjahres waren inzwischen Vergangenheit, die flavische Friedensideologie vermochte an die Pax Augusta anzuknüpfen. Die Tore des Janus-Tempels, die nur geschlossen werden durften, wenn im ganzen Reich Frieden herrschte, blieben zu. Was lange nicht geschehen war!
Zahlreiche von Vespasian in die Wege geleitete politische Aktionen haben die Gemüter der Zeitgenossen bewegt. Erhöhte Tributzahlungen der Provinzen und neue Steuern, um die seit dem bauwütigen Nero zerrütteten Staatsfinanzen wieder in den Griff zu bekommen, sind da zu nennen. Die personelle Aufstockung des Senats gehörte dazu wie auch die zunehmende Provinzialisierung des Heeres, das heißt immer mehr Legionäre wurden außerhalb Italiens ausgehoben. Im Rahmen der Baupolitik wurden zentrale Vorhaben realisiert, wodurch das Stadtbild in der Folge nachhaltig verändert worden ist. Dazu zählen die Errichtung des Tempels des Friedens (templum pacis), des Tempels des Staatsgottes Claudius (templum Divi Claudii) und natürlich des besser als Kolosseum bekannten amphitheatrum Flavium.
An Vespasian, dessen zehnjährige Herrschaft bis 79 währte, ist zugleich zu sehen, dass die eigentliche Machtgrundlage eines römischen Kaisers die Zustimmung des Heeres, der möglichst uneingeschränkte Applaus der Legionen war.
Titus
Der älteste Sohn Vespasians war der am 30. Dezember 39 in Rom geborene Titus Flavius Vespasianus. Gemeinsam mit Britannicus, dem Sohn von Kaiser Claudius, erhielt er eine höfische Erziehung. Laut Plinius versetzte ihn das in die Lage, selbst griechische Tragödien dichten zu können. Militärisch war er dennoch bereits als relativ junger Mann mit der Eroberung Jerusalems derart erfolgreich, dass ihn seine Legionäre zum Imperator Titus Caesar Vespasianus erhoben. Den Biographen Sueton verleitete die Ernennung dazu den Verdacht zu äußern, er habe von seinem Vater abfallen und sich zum König des Orients machen wollen. Kein Vorwurf, der leichthin vom Tisch zu fegen war, denn die Erinnerung an Marcus Antonius, der einhundert Jahre zuvor an der Seite der letzten ptolemäischen Königin Kleopatra VII gegen römische Interessen opponiert hatte, war auf der italischen Halbinsel immer präsent geblieben.
Damit nicht genug: Andere negative Nachrichten über Titus in der Rolle als designierter Thronfolger sind überliefert. So erfahren wir wiederum bei Sueton, was Titus sich in seiner Eigenschaft als Prätorianerpräfekt hat zu Schulden kommen lassen: „Er verfuhr in diesem Amt ziemlich tyrannisch und gewalttätig, indem er gerade die verdächtigsten Elemente ohne zu zögern verhaften ließ (…) Unter ihnen war der ehemalige Konsul Aulus Caecina. Den lud er zum Essen ein; kaum hatte er das Speisezimmer verlassen, da ließ er ihn erstechen (…) In dem Maße, wie er sich durch solche Maßnahmen genug um seine künftige Sicherheit sorgte, im gleichen Maße zog er sich für den Augenblick recht viel Hass zu, so dass kaum einer unter so lauten Buhrufen und mit größerem Widerwillen der Gesamtheit zum Kaiser avancierte.“ Zusammen mit seinem ausgeprägten Hang zum Luxusleben gab es für die Römer jedenfalls Grund genug zur Sorge, es könne ihnen ein neuer Nero bevorstehen.
Doch die Furcht erwies sich als unbegründet. Als Titus am 24. Juni 79 für die Dauer von nur zwei Jahren und zwei Monaten den Purpur des Kaisers anlegte, muss er eine grundlegende moralische Kehrtwende vollzogen haben. Einiges von dem, was ihm zuvor angelastet worden war, wird wohl auch deswegen geschehen sein, um seinen Vater vor einem allzu schlechten Image zu schützen, wenn dieser selbst aktiv tätig geworden wäre. Ein antikes Troubleshooting gewissermaßen.
Wie auch immer es sich genau abgespielt haben mag, die Einweihung des Kolosseums wurde erst jetzt nach mehrjähriger Bauzeit im Jahr 80 vom neuen Kaiser Titus mit einem 100-tägigen Fest vollzogen. Der für seine Epigramme berühmte zeitgenössische Dichter Martial feierte die damit verbundene Rückgabe Roms an das Volk durch Titus im „Buch der Schauspiele“:
Hier, wo der Sonnenkoloss zu den Sternen so nahe emporblickt
und in der Mitte des Wegs hoch das Gerüst sich erhebt,
strahlte vordem der verhasste Palast des grausamen Königs;
und auf dem Raume der Stadt gab’s nur ein einziges Haus.
Hier, wo die wuchtige Masse des herrlichen Amphitheaters
aufstrebt voll Majestät, hatte einst Nero den See.
Hier, wo wir jetzt die rasch erstandenen Bäder bewundern,
hatte ein prächtiger Park Armen entrissen ihr Heim.
Wo die Claudische Halle weithin ihre Schatten verbreitet,
dort erst schloss der Palast mit seinem äußersten Teil.
Rom ist sich wiedergeschenkt, und, Caesar, in deiner Regierung
dient zum Entzücken des Volks, was nur dem Herrn gedient.

2. Das Kolosseum wurde im Jahr 80 von Kaiser Titus eingeweiht.
Dem vorsichtigen Umgang von Titus mit dem Staatsschatz ist es zu verdanken, dass gleich drei schwere Katastrophen während seiner Regierungszeit angemessen und umsichtig bewältigt werden konnten. Die Rede ist vom Vesuvausbruch im August 79 und dem anschließenden Untergang von Pompeji und Herculaneum. Auch die Städte Oplontis und Stabiae waren von Beschädigungen betroffen. Ein großes Gebiet rund um den Vesuv blieb unbewohnbar zurück, zahlreiche Menschen waren obdachlos und ohne Versorgung. Titus hat daraufhin eine Kommission aus ehemaligen Konsuln zusammengestellt, die den Wiederaufbau der Region organisieren sollten. Im selben Jahr wurde Rom von einer Seuche heimgesucht, über deren Details wir allerdings nicht genau informiert sind. Bald danach wurde Rom von einer dreitägigen Brandkatastrophe erfasst, in deren Verlauf der Bereich zwischen Marsfeld und Kapitolshügel in Schutt und Asche gelegt wurde.
Nachdem Titus sich als Krisenmanager vorzüglich bewährt hatte, verstarb er 81 mit nur 41 Jahren an einer Krankheit. Der schlechte Thronfolger hatte sich zu einem guten Kaiser entwickelt. Alle waren voll des Lobes über den Verblichenen. Noch im 4. Jahrhundert schrieb der Historiker Aurelius Victor: „Sein Tod erfüllte ganz Rom und die Provinzen mit unbeschreiblichem Schmerz: Man nannte ihn (…) die Wonne der Menschheit und betrauerte die Welt, die in ihm gleichsam ihren Schützer für immer verloren hatte.“
Domitian
Widersprüchlichkeiten in der öffentlichen Wahrnehmung der römischen Kaiser mussten schon mehrfach festgestellt werden, sie sind ebenso charakteristisch für Domitian und die Beurteilung der von ihm ausgeübten Herrschaft. Ein namhafter Althistoriker der vergangenen Generation, der 1989 verstorbene Hermann Bengtson, ist in seiner 1979 veröffentlichten Arbeit über die Flavier zu der wenig schmeichelhaften Schlussfolgerung gelangt, dass „man in Domitian einen geistig gestörten Menschen sehen muss, der gewissermaßen von Jugend auf psychisch nicht in Ordnung gewesen ist.“
Wenn man genauer schaut, was Bengtson wie antike Autoren gegen den am 24. Oktober 51 in Rom geborenen Titus Flavius Domitianus, der als Nachfolger seines älteren Bruders Titus im September 81 als Imperator Caesar Domitianus Augustus als dritter Flavier die Kaiserwürde empfangen durfte, einzuwenden haben, so ist es ein ganzes Bündel an Vorwürfen, auf das man trifft. Laut Plinius habe es sich um einen „Schurken, der alle Guten beraubte und peinigte“, gehandelt. Sicher ist, dass Domitian die seit Augustus eingespielten Gepflogenheiten im Umgang mit dem Senat manchmal geradezu sträflich missachtet hat. Den bloßen Anschein der vermeintlich wiederhergestellten Republik, in der der Princeps lediglich als primus inter pares im Hinblick auf die Senatoren agierte, mochte Domitian nicht wahren. Statt dessen ist er lieber als selbstherrlicher absoluter Herrscher in der Nachfolge ptolemäisch-hellenistischer Könige des ostmediterranen Raumes aufgetreten. Die ihm eigene Fettleibigkeit hat das zusätzlich optisch unterstrichen. Domitians Auftreten anlässlich eines von ihm selbst kreierten Wettkampfgeschehens namens agon Capitolinus ist in diesem Sinne von Sueton vielsagend kommentiert worden: „Er leitete in Sandalen und in der purpurfarbenen Toga, wie sie die Griechen tragen, den Wettkampf; auf dem Haupt trug er den goldenen Kranz mit dem Bild Iuppiters, Iunos und Minervas. Neben ihm saßen der Priester des Iuppiter und das Kollegium der flavischen Priesterschaft im gleichen Aufzug, nur war auf ihrem Kranz auch noch sein Bildnis.“
Wer Unbotmäßiges gegen die verschärfte, mit Domitian Einzug haltende Sittengesetzgebung tat oder nur in Büchern verbreitete, musst mit heftigen Konsequenzen rechnen. So ist es dem Verfasser einer zu kritischen biographischen Schrift über Kaiser Vespasian, einem gewissen Helvidius Priscus, ergangen. Oder einem Arulenus Rusticus, der den Fehler beging, sich der Lebensbeschreibung eines einst von Nero Hingerichteten zu widmen. Allein darin wurde eine versteckte Kritik an der allgemeinen kaiserlichen Amtsführung verstanden. In der Folge wurden die Verdächtigten bald hingerichtet und ihre Bücher auf dem Forum verbrannt.
Andererseits hat Domitian, eine weitere Facette seines komplexen, komplizierten Charakters, in Gesetzgebung und Rechtsprechung im Sinne der einfachen Bevölkerung und der Provinzialen zu handeln gewusst. Ablesbar ist dies etwa am Schreiben an den Prokurator Claudius Athenodoros, in dem Domitian energisch darauf dringt, dass die Provinzialen nicht unter der Requirierung von Zugtieren und der Einquartierung von Fremden leiden dürften.
Nicht unerwähnt darf Domitians zeitweise Präsenz in Germanien bleiben. Unter seiner Ägide ist es zur Eroberung des Schwarzwaldgebiets gekommen, um die Grenzen im Rhein-Donau Gebiet zu verkürzen und somit sicherer zu machen. Neben der Okkupation von Taunus und Wetterau und erfolgreichen Feldzügen gegen die Chatten ist die erst jetzt 85 erfolgte Einrichtung der beiden Provinzen Ober- und Niedergermanien von erheblicher Bedeutung. Ist diese Umstrukturierung des ehemals zweigeteilten Militärbezirks dahingehend zu verstehen, das man auf weitere Eroberungen verzichten wollte? Der Beantwortung dieser Frage werde ich demnächst in einem weiteren Beitrag nachgehen.
Domitian hat es zeitlebens verstanden, viele gegen sich einzunehmen und aufzubringen. Im Jahr 96 setzte ein Meuchelmörder dem Leben des 44-jährigen ein gewaltsames Ende. Der Senat verhängte anschließend die Auslöschung der Erinnerung (damnatio memoriae) an ihn.
Wer mehr über die Zeit und das Leben der Flavier wissen will, diejenigen möchte ich auf die aktuell nur als e-book erhältliche Arbeit des Althistorikers Stefan Pfeiffer, Die Zeit der Flavier, verweisen. Ich habe ihr viele Anregungen für meinen Text zu verdanken.
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