Ein unvergleichlicher Ort
Was arglosen Menschen und Tieren an jenem denkwürdigen 24. August 79 an Beängstigendem widerfahren ist, was zu ihrem unausweichlichen Tod geführt hat, was schlussendlich der auf den vorausgegangenen Asche- und Bimssteinregen folgende, zugleich zerstörende und konservierende pyroklastische Strom für viele Jahrhunderte unter sich begraben hat, sollte sich für die Archäologie und andere Altertumswissenschaften als einmaliger Glücksfall erweisen. Bei allem gebotenen Respekt für die damals Verstorbenen. Zieht man das nur rund 15 Kilometer nordwestlich an der Küste gelegene Herculaneum, dem die vom Vesuv ausgehenden Naturgewalten ähnlich unbarmherzig zugesetzt haben, ebenso mit in die Betrachtung ein wie die gleichfalls verschütteten Orte Stabiae und Oplontis, berücksichtigt man die mit der bronzezeitlichen Avellino-Eruption einhergehende Verwüstung menschlicher Lebensräume in der Region vor über 3700 Jahren hinreichend genug, dann wäre es jedoch zutreffender von einem außergwöhnlichen als von einem einmaligen Glücksfall für die Nachwelt zu sprechen. Nirgendwo sonst, nicht in Rom oder Karthago, nicht in Köln oder Trier, nicht in Arles oder Nîmes ist es möglich, einen so umfassenden Einblick in die private Hausarchitektur, die bauliche Organisation einer antiken römischen Stadt einschließlich ihrer Infrastruktur, in den urbanen Lebensstil des Altertums schlechthin zu gewinnen. Das geht nirgendwo besser als in Pompeji!

1. Im Jahr 79 zeigte sich der Vesuv nicht wie hier von seiner friedlichen, sondern von seiner zerstörerischen Seite.
Mehrere Millionen Besucher*innen sind alljährlich vor Ort anwesend und überzeugen sich von den spektakulären Details durch Inaugenscheinnahme. Damit ist Pompeji im mit reichhaltigen Kunst- und Kulturschätzen wie kaum ein anderes Land gesegneten Italien neben dem in der Hauptstadt befindlichen Forum Romanum und dem als Kolosseum bekannten Amphitheatrum Flavium einer der meistfrequentierten antiken Publikumsmagneten der gastfreundlichen Appeninhalbinsel überhaupt.
Und dennoch: So hochwillkommen die Tourist*innen mit ihren Devisen für das von einer chronisch exorbitanten Staatsverschuldung geplagte Land sind, so zweischneidig erweisen sich die täglich aufs Neue anrückenden Besuchermassen für die als Freilichtmuseum dienende Vesuvstadt. Einerseits honorieren sie mit ihrer Anwesenheit die generationenübergreifenden Bemühungen zahlreicher Ausgrabungsteams nationaler oder internationaler Provenienz. Andererseits ist ihre Allgegenwart bisweilen dazu angetan, die vorhandene Bausubstanz in Mitleidenschaft zu ziehen, sie absichtlich oder unabsichtlich zu zerstören, etwa dadurch, dass Steine aus einem Mauerverband gelöst werden, um als wohlfeiles Mitbringsel zu dienen. Oder moderne Graffitikünstler tun ein Übriges in dem fehlgeleiteten Glauben, ihren antiken Vorläufern in puncto Kreativität in nichts zurückzubleiben.
Es kommt hinzu, dass Wind und Wetter wie die seit den Anfängen der Industrialisierung zunehmende Schadstoffbelastung in der Luft ebenfalls ihren Tribut einfordern. Eine besondere Herausforderung, die sich in zunehmenden Maße für die Restaurator*innen und Konservator*innen dort stellt, wo die antike Bausubstanz inzwischen weit mehr als 200 Jahre offen zu Tage liegt. Der dunkelviolette Bereich an der Südmauer (s. Abb. 2), im Westen begrenzt vom sogenannten Forum Triangolare und im Norden unter anderem vom legendenumwobenen Isis-Tempel ist bereits vor 275 Jahren ins Visier der Ausgräber geraten und wurde damals laienhaft freigelegt. Dilettantismus und Schatzgräberei vor Ort riefen seinerzeit den in römischen Kardinalsdiensten stehenden, aus Stendal in der Altmark stammenden Gelehrten Johann Joachim Winckelmann auf den Plan. Mit seinen 1762 publizierten „Sendschreiben aus Heculaneum“ schaffte er es als erster, weite Teile der gebildeten europäischen Öffentlichkeit für die aus wissenschaftlicher Sicht unbedingt notwendigen Belange der kampanischen Altertümer zu sensibilisieren. Dabei geizte Winckelmann nicht mit Kritik an den grassierenden Zuständen. So erfahren wir: „Die Aufsicht über diese unterirdische Arbeit wurde einem spanischen Feldmesser oder Ingenieur, Rocco Giachino Alcubierre, welcher dem Könige aus seinem Lande gefolgt war, aufgetragen; dieser ist itzo Obrister und das Haupt von dem Corps der Neapelschen Ingenieurs. Dieser Mann, der mit den Alterthümern so wenig zu tun gehabt hatte, als der Mond mit den Krebsen, nach dem Welschen Sprichworte, war durch seine Unerfahrenheit Schuld an vielem Schaden und an dem Verluste vieler schöner Sachen.“

Anfänge eine alten Stadt
Es ist nicht nur dieser eingefrorene Moment im August 79, in dem alles Leben in der Stadt und ihrer näheren Umgebung während der Regierungszeit des gerade einmal zwei Monate im Amt befindlichen Kaisers Titus aus der flavischen Dynastie plötzlich unwiderruflich zum Stillstand gekommen ist, über den uns Pompeji etwas mitzuteilen weiß. Denn die Geschichte der in der Antike im Gegensatz zu heute noch direkt an der Mündung des Sarno ins Tyrrhenische Meer gelegenen Küstenstadt reicht sehr viel weiter zurück und hält so manche unerwartete Überraschung bereit. Nur wenige hundert Meter südlich des Amphitheaters (rosa eingefärbt im äußersten Südosten s. Abb. 2) seit 2014 durchgeführte Ausgrabungen haben nämlich eine Fülle von Opfergaben in Form von Tongefäßen und aus weiteren dauerhaften Materialien aus dem 6. Jahrhundert v. Chr. ans Tageslicht gebracht. Etwa siebzig von ihnen weisen Besitzerangaben in etruskischer Schrift auf. Daran wird deutlich, dass enge Kontakte zwischen Etruskern und den ersten Generationen von Pompejanern geherrscht haben müssen, wenn sie nicht ohnehin direkte gemeinsame Nachbarn in der frühen Siedlung am Vesuv gewesen sind. Von einer regelrechten Stadt zu diesem frühen Zeitpunkt zu sprechen, erscheint allerdings allzu heikel angesichts der Tatsache, dass Rom selbst erst im späten 7. Jahrhundert v. Chr. begann eine wirkliche Stadt zu werden. Messbar an den dort erst jetzt in Erscheinung tretenden monumentalen öffentlichen Bauten, gepflasterten Straßen und solide errichteten Häusern. Gleichwohl passt alles zu dem seit langem gesicherten Wissen über die von den ursprünglich in der Toskana beheimateten Etruskern ebenso in Latium und Kampanien ausgeübte kulturelle und territoriale Hegemonie. In Rom endete die etruskische Vorherrschaft bekanntermaßen mit der Absetzung des letzten Königs Tarquinius Superbus um 509 v. Chr., in Kampanien mit der gegen die Flotten von Cumae und Syrakus verlorenen Seeschlacht von Cumae 474 v. Chr. An Orten wie Poseidonia, Neapolis, Cumae und Pithekoussai schon länger siedelnde, Kampanien gleichfalls ihren unverwechselbaren Stempel aufprägende Griechen, aus den Gebirgszügen des Appenin stammende Samniten und die der Stadt ihren Namen gebenden Osker übten danach ihren bestimmenden Einfluss über Pompeji aus.
Bis die Römer kamen. 80 v. Chr. wurde das vormals in mehreren Konflikten unbotmäßige Pompeji von Lucius Cornelius Sulla in eine römische Kolonie umgewandelt und hieß von nun an Colonia Cornelia Veneria Pompeianorum. Zahlreiche Veteranen aus den Legionen sind anschließend im fruchtbaren Umland und im Südwesten der Stadt angesiedelt worden, lautet eine verbreitete These in der historischen Forschung. Besagter noch keine regelmäßige Blockbebauung oder ein rechtwinkliges Straßensystem nach dem Hippodamischen Prinzip aufweisender Südwesten, gewissermaßen die Altstadt, mag in diesem Kontext eine besonders renitente Ursprungsbevölkerung aufgewiesen haben. Bei jahrzehntelang anhaltenden Spannungen zwischen alteingesessener Oberschicht und den neu angesiedelten Römern begann sich die Gestalt Pompejis allmählich zu verändern, zunehmend zu romanisieren, was am Amphitheater im Südosten der Stadt (s. Abb. 2), dem ältesten erhaltenen des gesamten Imperiums überhaupt, und den neu erbauten öffentlichen Thermen in der Nähe des Forums, sichtbar wird.
Kunst
Wiewohl es Tafelbilder und Gemälde auf Leinwand in der griechisch-römischen Antike gegeben hat, ist rein gar nichts davon überliefert. Dementsprechend beruht unsere Kenntnis der Malerei aus der Ära der römischen Republik und der frühen Kaiserzeit hauptsächlich auf den dank glücklicher Umstände erhalten gebliebenen Beispielen der Wandmalerei, häufig ausgeführt in der auch aus der Renaissance bekannten Freskotechnik. Die Farbe wurde dabei direkt auf den als Untergrund dienenden feuchten Putz aufgetragen, so dass eine dauerhafte, nicht mehr lösbare Verbindung hergestellt worden ist.
Pompeji nimmt durch die Vielzahl ursprünglich hervorragend erhaltener Wandmalereien wiederum eine Sonderstellung ein. Es war hier deshalb sogar möglich, eine plausible, allgemeingültige Abfolge von Kunststilen zu erarbeiten. Dem im späten 19. Jahrhundert als Bibliothekar am Deutschen Archäologischen Institut (DAI) in Rom tätigen gebürtigen Kieler August Mau war es jedenfalls möglich aufgrund seiner minutiösen Beobachtungsgabe und der damit einhergehenden umfassenden Kenntnis des einschlägigen Denkmälerbestandes. Maus 1882 veröffentlichte „Geschichte der decorativen Wandmalerei in Pompeji“ ist selbst 140 Jahre später immer noch der grundlegende Referenzpunkt für jeden, der sich mit den vier Stilen der römischen Wandmalerei beschäftigen möchte.

3. Zeichnung einer Wandmalerei von August Mau aus dem Jahr 1882. Dieses Beispiel für den ersten Stil stammt aus der Casa di Sallustio.
Der 1. Stil wird in die Zeit von 200 v. Chr. bis 80 v. Chr. datiert, was, obschon Pompeji seinerzeit noch autonom zu agieren vermochte, politisch bzw. staatsrechtlich chronologisch mit der mittleren und späten römische Republik korrespondiert. August Mau hat diesen 1. Stil als Mauerwerk- oder Inkrustationsstil benannt. Durch farbige Malerei (s. Abb. 3), Ritzungen oder plastische Gestaltung wurden dabei Aufbau und Aussehen von monumentalen Quadermauern imitiert. Die in der Casa di Sallustio vorhandenen gemalten Holztüren suggerieren den Betrachtenden, es gehe dahinter noch weiter. Der Raum und damit das Prestige des Hauseigentümers wären also größer, als es tatsächlich der Fall war.

4. Die illusionistische Architektur gehört dem zweiten Stil an. Sie stammt aus dem Cubiculum der Villa dei Misteri.
Der 2. Stil wird als Architektur- oder Illusionsstil bezeichnet und gehört der Zeit nach der weiter oben erwähnten Ansiedlung der sullanischen Veteranen von 80 v. Chr. bis 15 v. Chr. an. Die detailreiche Scheinarchitektur mit kannelierten Säulen und korinthischen Kapitellen sowie darüber vorgeblich vorspringendem Gebälk aus der Mysterienvilla (s. Abb. 4) bezieht ihre illusionistische Wirkung auch durch die Durchblicke in den drei den oberen Abschluss der Wandzone bildenden Archivolten. Die verwendeten Farben dunkelrot und gelb begegnen in der pompejanischen Wandmalerei immer wieder.

5. Die kunstvoll dekorative Ornamentik gehört dem dritten Stil an. Die Wandmalerei stammt aus dem Haus des Octavius Quartio.
Von 15 v. Chr. bis 50 n. Chr. schließt sich der ornamentale Stil an, wie er hier durch die Wandmalerei aus dem Haus des Octavius Quartio (s. Abb. 5) beispielhaft wiedergegeben wird. Gut sichtbar ist die Einteilung der Hauptzone der Wand in verschiedene, vollkommen flächige Felder. Der in Augusteischer Zeit wirkende Architekturtheoretiker Vitruv hatte für den damals neu in Mode gekommenen 3. Stil allerdings nichts übrig, wie aus seinem Kommentar deutlich wird: „An die Stelle von Säulen tritt kanneliertes Schilfrohr, an die Stelle von Giebeln Verzierungen aus gerollten Blättern und Laubwerk und Kandelaber, die Bilder kleiner Tempel tragen; aus ihren Giebeln wachsen Blumensträuße aus verschlungenen Wurzeln; dazwischen finden sich ohne Sinn und Verstand Figürchen und Stengel, die Halbfiguren tragen, die einen mit Tier-, die anderen mit Menschenköpfen. Das alles existiert nicht, kann nicht existieren und hat niemals existiert (…) Aber obwohl die Menschen diese Fehlgriffe sehen, tadeln sie sie nicht, sondern erfreuen sich daran (…) Es sollten nämlich keine Bilder akzeptiert werden, die nicht der Wirklichkeit entsprechen.“ Eine überaus puristische Einstellung, die Vitruv in diesem Punkt an den Tag gelegt hat.

6. Überbordend barock ist die Wirkung des vierten Stils aus dem Triclinium des Prinzen von Neapel.
Der 4. Stil trägt den Namen Phantasiestil und datiert in die Zeit von 50 bis ins Jahr des Untergangs von Pompeji 79. Durch stilistisch ähnliche Belege aus anderen Orten ist der 4. Stil bis ins Jahr 100, also bis in die Regierungszeit Trajans, bezeugt. Einen 5. Stil gibt es jedoch nicht.
Am hier gezeigten Beispiel aus dem Esszimmer (Triclinium) des Prinzen von Neapel (s. Abb. 6), benannt nach hochherrschaftlichen, an einer Ausgrabung teilnehmenden Besuchern des späten 19. Jahrhunderts, fällt vor allem die farblich dunklere Absetzung der Sockelzone vom hellen Wandmittelteil ins Auge. Geradezu klassisch ist die horizontale Dreiteilung der Gesamtfläche in Sockel, Mittelteil und oberem Abschluss mit seiner ornamentalen Vielfalt. Ganz und gar illusionistisch stellt der 4. Stil eine erdachte Welt der Wirklichkeit gegenüber.
Mythologische und figürliche Darstellungen runden das weit gefächerte künstlerische Repertoire der römischen Wandmalerei ab. Meterlange Figurenfriese schmücken bisweilen die Hauswände, wobei die Bilderwelten in den Häusern der ärmeren Bevölkerung naturgemäß weniger figürliche Szenen, weniger Extravaganzen im Design und kein teures Zinnober als Farbe aufgewiesen haben. Das hat, wie ich finde, überzeugend die britische Althistorikerin Mary Beard in ihrem sehr lesenswerten „Pompeji. Das Leben in einer römischen Stadt“, seit 2017 in deutscher Übersetzung vorliegend, argumentiert.

7. Frauenkopf aus der Villa dei Misteri.
Natürlich erschöpft sich der künstlerische Reichtum Pompejis nicht nur in den hervorragendsten Beispielen von Wandmalereien, die in der römischen Welt zu finden sind. Viele von ihnen sind übrigens vollständig von der rückwärtigen Mauer abgelöst und ins Archäologische Nationalmuseum Neapel transferiert worden. Dieses Schicksal ist auch etlichen Mosaiken, wie dem hier abgebildeten großformatigen, die Alexanderschlacht darstellenden aus dem Haus des Fauns widerfahren.

8. Das ursprünglich im Haus der Fauns befindliche Mosaik der Alexanderschlacht ist heute ein Highlight unter den Exponaten des Archäologischen Nationalmuseums Neapel.
Das 5,82m x 3,13m große Alexandermosaik weist mit seinen mehr als 18 Quadratmetern Fläche rund 1 Million farbige Steinchen (Tesserae) auf. Es wurde im Oktober 1831 bei Ausgrabungen in der Casa del Fauno in der Region VI entdeckt. Entstanden ist das Bodenmosaik zwischen 150 v. Chr. und 100 v. Chr. nach einem griechischen Vorbild, wobei die Frage, ob ein Import aus dem Osten oder lokale Produktion vorliegt, nach wie vor umstritten ist. Dargestellt ist in jedem Fall eine entscheidende Episode des zum Zeitpunkt der Fertigstellung mehr als 180 Jahre zurückliegenden Alexanderzuges. Entweder handelt es sich um die Schlacht von Issos 333 v. Chr. oder diejenige von Gaugamela zwei Jahre später. In der rechten Bildhälfte ist der auf Alexander panisch zurückblickende persische König Dareios III. auf seinem Streitwagen gut zu erkennen.
Alltag
Der Alltag der Pompejaner wird für uns deutlich sichtbar, wenn wir ihre sehr häufig mit einem Atrium, einer Art von innen liegendem Lichthof, versehenen Häuser betrachten, die zudem manchmal mit einem rückwärtigen als Garten dienenden, von Säulen umstandenen Peristyl versehen worden sind. Straßenseitig fallen die winzigen Fenster auf, die nur wenig zur Erhellung der inneren Räumlichkeiten beigetragen haben dürften. Nicht selten weist das Erdgeschoss jedoch ein kleines Ladenlokal auf, was zu der Frage führt, welchen Berufen hier wohl nachgegangen worden ist. Mitten im Ort sind laute und geruchsintensive Gewerbe ausgeübt worden. Schmiedewerkstätten, Walkereibetriebe, gewissermaßen antike Wäschereien, deren Aufgabe es unter anderem war, mit menschlichem Urin grobe Verschmutzungen von Stoffen zu beseitigen, Wirtshäuser und Imbissstuben gehörten in jedem Fall dazu. Zahlreiche dienstbare Geister, mit Mühsal beladene Sklavinnen und Sklaven, ständig damit beschäftigt, ihren Besitzern durch ihr Tun das Dasein zu erleichtern und angenehmer zu gestalten, werden zusätzlich im Straßenbild allgegenwärtig gewesen sind.
Eine Müllabfuhr, wie wir sie kennen, gab es jedoch nicht. Viele unerquickliche Abfälle aller nur erdenklichen Verursacher werden deswegen einfach – selbstredend ungetrennt – auf den Straßen gelandet sein. Das damit einhergehende Problem öffentlicher Verschmutzung wird von manchen Archäologen als Erklärung dafür herangezogen, warum zahlreiche erhöhte Trittsteine die Straßen queren. Denn Pompeji ist auf einem von Nordosten nach Südwesten stark abfallenden Gelände errichtet worden.

9. Trittsteine an der Straßenkreuzung Via dell‘ Abbondanza und Via di Nocera.
Bei starken Regenfällen sind die Straßen kanalartig derart geflutet, geradezu überschwemmt worden, dass diejenigen, die sie trotzdem während der Erledigung ihrer Tagesgeschäfte trockenen Fußes überschreiten wollten, auf die Trittsteine zurückgreifen mussten. Andererseits ist auf diesem Weg der vorhandene, zum Himmel stinkende Abfall ebenso kostengünstig wie umweltunverträglich aus dem Inneren der Stadt herausgespült worden.
Die allgemeine Wasserversorgung der Stadt war noch in voraugusteischer Zeit (vor 30 v. Chr.) auf das Sammeln von Regenwasser in Zisternen oder das Schöpfen aus sehr tief gegrabenen Brunnen angewiesen. Eine grundlegende Änderung und Verbesserung der Situation ist dann mit der Konstruktion des Serino-Aquädukts eingetreten, einer ca. 145 Kilometer langen ingenieurtechnischen Meisterleistung. Dadurch sind viele Städte am Golf von Neapel bis hin zum Flottenstützpunkt von Misenum mit köstlichem frischen Wasser versorgt worden. Ein Abzweiger dieser Leitung führte schließlich bis nach Pompeji. Ausgehend von einem Verteilergebäude, dem Wasserkastell, wurde über ein Leitungssystem sowohl für begüterte Privathaushalte, Thermen und öffentliche Laufbrunnen das lebensnotwendige Nass bereitgestellt.

10. Laufbrunnen an der Via delle Scuole am Übergang zum Forum. Der Wasserhahn ist eine neuzeitliche Ergänzung.
Wieviel Einwohner Pompeji im Jahr des Untergangs gehabt haben mag, darüber streiten die Experten. Sind es nur 15.000 Menschen gewesen, die hier lebten oder sogar 25.000 oder 30.000? Etwa noch mehr? Eine Tatsache, die erschwerend hinzukommt, um eine nachhaltig belastbare Einschätzung abzugeben, ist das Erdbeben, das 62 stattgefunden hat, also 17 Jahre vor dem Vesuvausbruch von 79. Wie groß die Zahl derjenigen war, die daraufhin die Stadt verlassen haben und nie mehr zurückgekehrt sind, wissen wir eben nicht. Was man jedoch mit Gewissheit sagen kann: Auffallend viele Gebäude der Stadt sind zum Zeitpunkt der finalen Katastrophe, deren Opferzahlen nicht seriös geschätzt werden können, gerade renoviert bzw. saniert worden. Nicht wenige Archäologen teilen die Auffassung selbst das wichtigste Heiligtum der Stadt, der am Nordrand des Forums gelegene und der Göttertrias aus Iuppiter, Iuno und Minerva geweihte Tempel, habe wegen des vorangegangenen Erdbebens von 62 nur noch als Werkstätte und Skulpturenlager gedient und nicht mehr seinem eigentlichen Bestimmungszweck. Der Wiederaufbau hat sich demnach aus unbekannten Gründen verzögert.

11. Das Forum: Frontal geradeaus in Richtung Norden mit Blick auf den Vesuv befinden sich die Relikte des Tempels des Iuppiter, der Iuno und der Minerva. Der Anlage nach ein typisch römischer Podiumstempel mit vorgelagerter Freitreppe. Doch wofür diente er 79?
Welche neuen Funde und Befunde, welche neuartigen Erkenntnisse Archäologen und Althistoriker in den nächsten Jahren zum Thema Pompeji veröffentlichen und kommunizieren, darauf darf man sehr gespannt sein. Ich jedenfalls bin es!
Bildnachweis©1 Ad Meskens, CC BY-SA 4.0, unverändert; 2 Christoph Scholz, CC BY-SA 3.0, unverändert; 3, 8, 11 gemeinfrei; 4, 7 Wolfgang Rieger – Marisa Ranieri Panetta; 5 AIMare, CC BY-SA 2.5, unverändert; 6 Peter Grunwald; 9 Thomas Möllmann CC BY-SA 3.0, unverändert; 10 Falk2, CC BY-SA 4.0, unverändert;