Die Grenze sichern: Der römische Limes in Germanien

Exkurs: In der Gegenwart

In der aktuellen politischen Debatte erfährt ein bislang allgemein als ehern wahrgenommenes Prinzip eine zunehmend kritischere Würdigung aus dem konservativen Milieu. Die Rede ist vom uneingeschränkten Recht auf Asyl all derjenigen, hierzulande Schutz vor Verfolgung zu genießen und nicht in ein Land zurückkehren zu müssen, sofern dort Folter oder andere schwere Menschenrechtsverletzungen drohen. So will es das deutsche Grundgesetz, so will es das EU-Recht, so will es die Europäische Menschenrechtskonvention. Doch haben die honorigen Persönlichkeiten, die 1949 als Mitglieder des Parlamentarischen Rats unsere Verfassung, das Grundgesetz, ausgearbeitet und verabschiedet haben, ein zeitgenössisches Phänomen wie das der ungezügelten Masseneinwanderung von überall her überhaupt vor ihrem geistigen Auge gehabt haben können? Wohl kaum, da die Lebenswirklichkeit in der Nachkriegszeit hierzulande gänzlich anders als in der Gegenwart aussah. Wer wäre denn eigentlich damals als in der Ursprungsheimat bedrängte(r) Ausländer*in ausgerechnet in einem Land mit weitgehend von alliierten Bombenteppichen zerstörten Innenstädten freiwillig als Asylsuchende(r) vorstellig geworden? So groß kann die Liebe zur seinerzeit soeben durch die zwölf Jahre des Dritten Reichs diskreditierten deutschen Kultur und Lebensart gar nicht gewesen sein.

Heute ist die Sachlage naturgemäß eine andere. Bei allem berechtigten Wehklagen über die komplizierte Bürokratie, eine zu hohe Steuerlast, Mängel in der Infrastruktur oder Defizite im Bildungsbereich: Noch immer ist Deutschland ein prosperierendes Land inmitten Europas. Daran ändert auch der nüchtern-kritische Blick auf die aktuellen Wachstumsziffern des Bruttoinlandsprodukts vom Grundsatz her gar nichts, da es sich um eine Momentaufnahme handelt. Doch die als Xenophobie bekannte Angst vor als fremd Wahrgenommenen, vor Überfremdung wächst. Zukünftig könnte der Zusammenhalt der noch vor wenigen Jahrzehnten weitaus homogeneren Bürgergesellschaft bröckeln. Kommunen jenseits der Belastungsgrenze, der Verzweiflung nahe Bürgermeister  geben einen ersten Vorgeschmack darauf ab, was kommen wird. Ja, der demokratische Konsens selbst könnte ins Wanken geraten. Parteien an den äußeren Rändern des politischen Spektrums profitieren, indem sie nicht zuletzt deshalb zunehmend mehr Wählerstimmen auf sich vereinigen, weil die amtierende Regierungskoalition aufgrund ihres linksliberalen Mindset sich mit problemlösungsorientierten Antworten auf die bestehenden Herausforderungen schwer tut.

In der öffentlichen Wahrnehmung werden bei vielen Migrant*innen, die auf der Suche nach politischem Asyl hierher gelangen, schlichtweg ökonomische Motive als handlungsleitend unterstellt, was man als unfair und vorurteilsbehaftet kritisieren mag. Die Statistik entlarvt jedoch, dass es sich dabei nicht nur um reine Stammtischparolen handeln kann. 190.816 Asylanträgen in Deutschland im Jahr 2021 stehen 244.132 derartige Anträge 2022 gegenüber, was einer Zunahme von 27,9 Prozent entspricht. Allein von Januar bis September 2023 ist die Gesamtzahl des Jahres 2022 mit 251.213 Asylanträgen bereits übertroffen worden. Laut Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) liegt die Anzahl positiver Bescheide für 2022 bei 56,2 Prozent, was bedeutet, dass weit mehr als 40 Prozent abgelehnt worden sind. Eine beachtliche Quote, die 2018, 2019 und 2021 auch schon bei mehr als 60 Prozent gelegen hat. Die vielen aus wirklicher Not und vor existentieller Bedrohung geflüchteten Menschen aus der Ukraine dabei nicht mitgezählt.

Alles nur Panikmache? Man machte es sich zu einfach, wollte man diesen für kommende Wahlen in den Ländern und im Bund mitentscheidenden Befund derart vom Tisch fegen. Aus diesem Grund soll hier im weiteren Verlauf der wichtigen Frage nachgegangen werden, was vor annähernd zweitausend Jahren von den zumeist pragmatisch agierenden Römern mitten in Europa eigentlich unternommen worden ist, um ihr Staatsgebiet, ihre Grenzen vor möglichen Bedrohungen und Gefahren von außen zu schützen. Trotz des auf der Hand liegenden großen zeitlichen Abstands bleibt festzuhalten, dass es die Römer waren, die durch den in unterschiedlicher Intensität sich vollziehenden Prozess der Romanisierung den von ihnen unterworfenen Provinzbevölkerungen, denen 212 durch die Constitutio Antoniniana in einem späten Akt der Gleichberechtigung das römische Bürgerrecht zugestanden wurde, ihre ureigenste Lebensart, Schrift, Sprache und Kultur nähergebracht haben. Nicht jenem Prozess so grundverschieden wie er 1957 mit den Römischen Verträgen in der Europäischen Union eingeleitet und bei allen fortbestehenden Unterschieden als allmähliche Angleichung der Lebensverhältnisse als anspruchsvolles Ziel, das mit dem milliardenschweren sogenannten Kohäsionsfonds verwirklicht werden soll, formuliert worden ist. 

Die Römer in Germanien

Die von 27 v. Chr. bis 14 n. Chr. währende Regierungszeit des Augustus wird von Historikern gern als Zeitalter des Friedens interpretiert. Die Schrecken der vorhergehenden Bürgerkriege seien mit Beginn des Prinzipats von der Pax Augusta oder Pax Romana abgelöst worden. Doch nördlich der Alpen waren die Römer sehr wohl expansiv unterwegs. Nachdem Caesar bekanntermaßen in den Jahren 58 bis 51 v. Chr. ganz Gallien erobert hatte, unternahmen die Stiefsöhne des Augustus, Drusus und Tiberius, ausgedehnte Feldzüge im Gebiet zwischen Rhein und Elbe, wobei mehrere Militärlager an der Lippe wie Holsterhausen, Haltern, Olfen, Beckinghausen, Oberaden und Anreppen zur logistischen Unterstützung des Vormarschs gedient haben. Das Ziel römischer Politik bestand explizit darin, hier in der unwirtlichen Germania magna eine neue Provinz einzurichten. Doch die als Schlacht im Teutoburger Wald bezeichnete Niederlage des Statthalters Publius Quinctilius Varus 9 n. Chr. bei der es zur Vernichtung von drei römischen Legionen kam, muss als Wendepunkt dieser ehrgeizigen Bestrebungen angesehen werden. Der bedeutende Althistoriker Theodor Mommsen hat in diesem Zusammenhang sogar von einem Wendepunkt der Weltgeschichte gesprochen. Trotz bisweilen anderslautender offizieller Propaganda, trotz der Feldzüge des Germanicus gegen rechtsrheinisch siedelnde germanische Stämme in den Jahren 14 bis 16 n. Chr. wurde von einer Okkupation des Landes bis zur Elbe de facto Abstand genommen, auf eine Integration ins Imperium Romanum schweren Herzens verzichtet. Der Rhein mitsamt den wie an einer Perlenkette aufgereihten Militäreinrichtungen am Westufer wie beispielsweise Vetera (Xanten) oder Novaesium (Neuss) bildete fortan die Grenze des niedergermanischen Heeresbezirks. Insofern sprechen wir berechtigterweise vom „nassen Limes“. Auf rund 400 Kilometern Länge von Remagen bis zum niederländischen Katwijk an Zee war das römische Gebiet, das von Domitian erst 85 als Provinz Germania inferior mit der Hauptstadt Colonia Claudia Ara Agrippinensium (Köln) eingerichtet worden ist, von einem ausgeklügelten, durch eine Straße verbundenen Grenzsicherungssystem geschützt, das 2021 als Niedergermanischer Limes zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt worden ist. Potentielle Eindringlinge aus den Wäldern Germaniens auf der Suche nach Beute sollten es so schwer wie möglich haben, ins prosperierende Hinterland mit seinen landwirtschaftlichen Gütern, den villae rusticae, und den sich gedeihlich entwickelnden Dörfern, den vici, vorzudringen. Südlichste Befestigung war das linksrheinische Kastell Rigomagus, das heutige Remagen, das seine Fortsetzung elf Kilometer weiter südlich mit dem Kleinkastell Rheinbrohl auf der anderen Flussseite gefunden hat, womit der Anfang des Obergermanisch-Raetischen Limes markiert war.

Der Obergermanisch-Raetische Limes

Der Obergermanisch-Raetische Limes (ORL) mit seinen rund 550 Kilometern Gesamtlänge von Rheinbrohl bis Eining an der Donau war, jedenfalls in seinen fortgeschrittenen Ausbaustufen, nur noch bedingt ein „nasser Limes“ im Unterschied zu seinem niedergermanischen Pendant. Daher können wir beide Grenzbefestigungssysteme als Beispiele für ein – je nach Lage der Dinge – differenziertes Herangehen der Römer an die Aufgabe der Absicherung der Provinzen nach außen deuten.

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1. Hinweistafel auf den Obergermanisch-Raetischen Limes bei Rheinbrohl.

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2. Karte Obergermanisch-Raetischer Limes.

Während die flavische Kaiserdynastie in Ablösung des julisch-claudischen Hauses ab dem Jahr 69 herrschte, ist es zu nachhaltigen territorialen Verschiebungen östlich des Rheins und nördlich der Donau gekommen. Was Vespasian begonnen hat, ist von seinem jüngsten Sohn Domitian fortgesetzt worden. Von Rheinbrohl über den Westerwald, Taunus, Wetterau, ein Stück weit den Main entlang, Odenwald, Neckar, die Provinzgrenze nach Raetien bei Lorch schneidend, von der Schwäbischen Alb bis Eining an der Donau ist es zur sukzessiven Vorverlagerung der Außengrenzen gekommen. In der ersten Ausbaustufe entstand nunmehr ein System von Sichtschneisen, Postenwegen, Holztürmen und im rückwärtigen Raum befindlichen Kastellen, von wo aus rasch Entsatz bei kritischen Lagen auf den Weg gebracht werden konnte. Durch optische und/oder akustische Kommunikation war die überlebensnotwendige Verbindung zueinander sichergestellt. Die archäologischen Befunde führen eindeutig zu diesen Schlussfolgerungen. Antike Autoren wie der Militärschriftsteller Sextus Julius Frontinus, ein Teilnehmer an den Feldzügen Domitians gegen die Chatten im heutigen Bundesland Hessen, hat die damalige Lage in den „Strategemata“ anschaulich kommentiert: „Als die Germanen nach ihrer Gewohnheit aus Waldschluchten und dunklen Verstecken heraus die Römer immer wieder überfielen und dabei einen sicheren Rückzug in die Tiefen des Waldes hatten, ließ Kaiser Domitian breite Schneisen 120 Meilen in den Wald vortreiben. Er bewirkte dadurch nicht nur eine Veränderung der Kriegsführung, sondern auch, dass die Feinde, deren Schlupfwinkel er bloßgelegt hatte, sich ihm unterwarfen.“

Ergänzend dazu ist es während der Regierungszeit von Kaiser Hadrian zur Errichtung einer durch-gehenden hölzernen Palisade an der äußeren Linie gekommen. Damit nicht genug! Um die Mitte des 2. Jahrhunderts herum sind die Wachtürme aus Holz durch robustere Steinkonstruktionen ersetzt worden. Als Hinweis auf immer unruhiger werdende Zeiten und ein gesteigertes Schutzbedürfnis wird man die letzte Ausbaustufe des Obergermanisch-Raetischen Limes zu Beginn des 3. Jahrhunderts zu verstehen haben. Hinter der Holzpalisade hadrianischer Zeit ist es zur Anlage eines 2 Meter tiefen und 6 bis 8 Meter breiten Grabens gekommen, wobei die Erde zur Aufschüttung eines rückwärtigen Walls als zusätzliches Hindernis verwendet worden ist. In Raetien hat man diese als notwendig erachteten Bau- und Grenzsicherungsaufgaben dabei anders bewältigt als in Obergermanien. Hier ist nämlich die Palisade durch eine 2 bis 3 Meter hohe Steinmauer ersetzt worden. Die Abbildungen 3 (obergermanisches Mainhardt in Baden-Württemberg) und 4 (rätisches Gunzenhausen in Bayern) verdeutlichen den differenzierten Ansatz.

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3. Rekonstruktion des Obergermanisch-Raetischen Limes in seiner letzten Ausbaustufe mit Holzpalisade, Graben und Wall. Mainhardt, Landkreis Schwäbisch Hall.

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4. Archäologisches Museum Gunzenhausen. Rekonstruktion einer Teilstrecke des ORL.

Die Wachtürme (s. Abb. 4 und 5), in denen eine vier- bis fünfköpfige Mannschaft aus Auxiliarverbänden ihren Dienst versehen hat, waren in Abständen von 200 Metern bis zu 1 Kilometer errichtet worden, so dass Provinzialrömische Archäologen und Althistoriker von einer Gesamtzahl von über 900 entlang des gesamten Streckenverlaufs des ORL ausgehen.

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5. Der 12 m hohe Wachturm von Vielbrunn im südhessischen Odenwaldkreis war Bestandteil des Neckar-Odenwald-Limes. Es handelt sich um eine Rekonstruktion aus Holz auf Steinsockel.

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6. Toranlage des Kastells Saalburg im Taunus.

So militarisiert die römische Provinzgrenze in der Rückschau auch erscheinen mag, ihrem Charakter nach hat es sich mitnichten darum gehandelt, eine hermetische Abriegelung, wie wir sie noch gut von der ehemaligen innerdeutschen Grenze her kennen, zu bezwecken. Um größere germanische Stammeskontingente am Überwinden des Limes zu hindern, fehlte es dann doch an Monumentalität. Das war den römischen Statthaltern ebenso bewusst wie dem Kaiser in Rom. Die Funktion des Limes bestand vielmehr darin, den Grenzverkehr an eigens eingerichteten Durchlässen, Checkpoints zu kanalisieren und zu kontrollieren. Welche Personen und Waren begehrten Einlass nach Obergermanien und Raetien? Welche Zölle konnte man erheben? Diese Themen standen im Vordergrund. Und natürlich konnte man germanische Horden, wenn sie denn auf Plünderungszügen in der römischen Provinz schwerbeladen mit Beute auf dem Rückzug in die Germania magna unterwegs waren, am Limes mit seinen Hindernissen stellen und die gemachte Beute wieder abjagen. Sofern die Übermittlung von Nachrichten, sofern die Kommunikation und Vorfeldaufklärung funktionierte.

Wenn auch viele Details aufgrund einer prekären schriftlichen Überlieferungslage unklar sind, wohl unklar bleiben, weisen um die Jahre 250/260 verstärkt auftretende archäologische Zerstörungshorizonte darauf hin, dass es in diesen Jahren zur Aufgabe des Limes gekommen ist. Man spricht vom Limesfall. Insbesondere die Alamannen – frühe Vorboten der gut einhundert Jahre später einsetzenden Völkerwanderung – haben die nach der Dynastie der Severer einsetzende missliche Reichskrise im Imperium Romanum für erfolgreiche eigene Eroberungszüge zu nutzen verstanden. Die Römer haben sich bald danach wieder in ihre Ausgangspositionen südlich der Donau und westlich des Rheins zurückgezogen und die ehemals okkupierten und vom ORL umschlossenen Gebiete, die auch als Dekumatland bezeichnet werden, ihrem Schicksal, respektive den Alamannen überlassen.

Bildnachweis© 1 FrDr, CC BY-SA 4.0, unverändert; 2 René Ployer, Marinus Polak, Ricarda Schmidt, CC BY 4.0, unverändert; 3 Pfedelbacher, CC BY-SA 3.0, unverändert; 4 Wolfgang Sauber, CC BY-SA 3.0, unverändert; 5 Vielbrunner, CC BY 3.0, unverändert; Carole Raddato, CC BY-SA 2.0, unverändert.

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