Warum wir (noch) nicht von byzantinischer Geschichte sprechen
Der von seinem Onkel Justin am 1. April 527 zum Augustus – zum Mitkaiser mit der baldigen Aussicht auf alleinige Regentschaft – erhobene Justinian genießt in unserer Gegenwart eher nicht den Bekanntheitsgrad wie beispielsweise der als Philosphenherrscher mit stoischen Neigungen populäre Marc Aurel oder der als Reisekaiser firmierende Hadrian, dem die sich über 118 Kilometer hinziehende Grenzbefestigungsanlage im Norden Englands zwischen Newcastle und dem Solway Firth ihren Namen verdankt. Doch neben dem endlich Akzeptanz für die christliche Religion bewirkenden, zugleich eine glanzvolle neue Hauptstadt für das Imperium im Osten errichtenden Konstantin, gilt Justinian in der historischen Forschung als prägendste, bedeutendste Herrscherpersönlichkeit der gesamten römischen Spätantike.

1. Justinian ist hier auf einem Mosaik in der als Zentralbau errichteten Kirche San Vitale in Ravenna dargestellt. Die kaiserliche Würde wird durch den den Kopf umgebenden kreisrunden Nimbus hervorgehoben. Der dunkle Feldherrenmantel (paludamentum) wird mittels einer kostbaren Scheibenfibel mit Edelsteinapplikationen zusammengehalten. Entstanden nach 540.
Als Justinian (s. Abb. 1) 482 nicht als Abkömmling eines Mitglieds der hauptstädtischen Elite Konstantinopels, sondern als Bauernsohn in Tauresium auf dem Balkan – nicht allzu weit von der heutigen nordmazedonischen Hauptstadt Skopje entfernt – geboren wurde, lag die Absetzung des de facto letzten weströmischen Kaisers Romulus Augustulus sechs Jahre zurück, die Ermordung des de jure denselben Titel beanspruchenden Julius Nepos gerade einmal zwei Jahre. In Italien übte seither der von Skiren oder Thüringern abstammende Germane Odoaker die Herrschaft aus, freilich nur so lange bis ihm diese vom ostgotischen König Theoderich 493 wieder entrissen worden ist.
Das 395 aus der faktischen Teilung des bis dahin eine Einheit verkörpernden Imperium Romanum hervorgegangene Weströmische Reich war damit Geschichte. Germanische Königreiche wie dasjenige der Vandalen in Nordafrika, der Westgoten in Spanien, der Franken am Niederrhein sowie in der belgischen und gallischen Provinz, der Burgunder im östlichen Gallien und der Ostgoten in Italien und auf dem Balkan hatten inzwischen die Nachfolge angetreten, indem sie das vorhandene machtpolitische Vakuum zu nutzen verstanden. Einigen der Neuschöpfungen war nur vorübergehende Dauer beschieden, während speziell das langlebige Frankenreich (s. Abb. 2) zunächst unter den Merowingern, später dann unter den Karolingern das eigene Territorium stetig vergrößerte, Macht und Einfluss zunehmend auszudehnen wusste.
Während die ehemaligen weströmischen Territorien bis auf Nordafrika, Spanien, Italien und das südliche Gallien – in der Terminologe Caesars die provincia nostra, woran heute immer noch die gebräuchliche geographische Bezeichnung Provence erinnert – weniger stark urbanisiert waren, galt für den weiterhin fortbestehenden oströmischen Reichsteil ein gegenteiliger Befund. Handelte es sich doch im Falle Kleinasiens, Teilen Mesopotamiens, Syriens, Palästinas und Ägyptens um bereits in den Eroberungszügen Alexanders achthundert Jahre zuvor in den Fokus geratene Regionen. Unter dem makedonischen König und den nachfolgenden Diadochen ist es schließlich seinerzeit im Sinne einer Nachahmung der griechischen Lebensweise vor Ort zu einem kulturellen Angleichungsprozess gekommen, den wir seit Johann Gustav Droysen mit dem Begriff Hellenismus belegen. Darunter ist die verstärkte Ausbreitung griechischer Kultur zu verstehen, wozu vor allem Sprache und Schrift, aber auch die Gründung von Städten (Alexandria, Pergamon und viele mehr) mit für den asiatischen und afrikanischen Kontinent bis dahin untypischen Einrichtungen wie Theatern, Gymnasien, Säulenhallen sowie der Agora als öffentlichem Platz zur Entfaltung wirtschaftlicher Aktivitäten im Zeichen einer zunehmenden großflächigen Urbanisierung gehört haben. Unabhängig davon haben bereits die noch weiter zurückliegenden erfolgreichen Kolonisationsversuche archaischer und klassischer Zeit wie die Genese der städtischen Zivilisation überhaupt in den Flusstälern von Euphrat, Tigris und Nil dem Phänomen Stadt als in vielerlei Hinsicht organisiertem menschlichen Lebensraum bereits Jahrtausende zuvor vor Ort zum Durchbruch verholfen. Eine lange, dem lateinischen Westen in dieser Form gänzlich unbekannte Traditionslinie begründet.
Griechisch hat sich jedenfalls seit den Tagen Alexanders im Osten zur allgemeinen Verkehrssprache entwickelt. Sie ist es nach der römischen Eroberung geblieben. Ein Befund der zur Zeit Justinians noch immer galt.
Strukturell lagen die Dinge im bevölkerungsreicheren, wohlhabenderen Oströmischen Reich eben anders, als es je im ehemaligen lateinischen Westteil der Fall gewesen war. Die vorhandene größere Wirtschaftskraft hat es zudem ermöglicht, höhere Steuereinnahmen zu generieren, was wiederum die Voraussetzung dafür war, schlagkräftige Heereseinheiten von Konstantinopel aus zu unterhalten.

2. Das Oströmische Reich im Zeitalter Justinians (blau eingefärbt). Die unter seiner Ägide dazu gekommenen Eroberungen (purpur eingefärbt) befinden sich westlich davon und markieren ehemaliges verloren gegangenes römisches Territorium.
Mit der Kirchengeschichte des Euagrios Scholastikos verfügen wir über einen Text, der uns viel über das Selbstverständnis der im Oströmischen Reich lebenden Menschen des 6. Jahrhunderts offenbart. Genauer gesagt handelt es sich hier um die Auszahlung des ihnen zustehenden Soldes fürchtende Soldaten in ihren syrischen Winterlagern, denen der Bischof von Antiochia, Gregor, auf Geheiß des in seinem Palast am Bosporus weilenden Kaisers ins Gewissen reden sollte: „Gebt mir also möglichst schnell nach, Römer, lassen wir den gegenwärtigen Moment nicht verstreichen, nicht dass er umsonst da ist und entgleitet. (…) Erweist euch als Erben des Gehorsams der Väter, sowie ihr sie in der Tapferkeit beerbt habt, damit ihr euch durch und durch als Römer zeigt, damit kein Tadel an euch hängenbleibt oder euch als unechte Kinder zeigt. Unter der Führung der Konsuln und Kaiser haben diejenigen, die euch gezeugt haben, durch Gehorsam und Tapferkeit die gesamte Oikumene erobert. Manlius Torquatus bekränzte seinen Sohn und ließ ihn töten, weil er ihn tapfer fand, aber ungehorsam. Klugheit der Führer und Gehorsam der Geführten bringen stets große Vorteile. Entbehrt das eine des anderen, hinkt es, es wird überlaufen und bricht ganz zusammen, da das beste Zweigespann voneinander gelöst ist. Zögert also nicht, gehorcht mir, denn das Priestertum vermittelt zwischen dem Kaisertum und der Armee.“
Bemerkenswert an den Ausführungen des Bischofs, eines in einem griechischen kulturellen Umfeld (s. o.) sozialisierten Kirchenmannes, der die vor ihm versammelten Soldaten als Römer mit Sicherheit auf Griechisch ansprach, – worauf der Würzburger Althistoriker Rene Pfeilschifter hingewiesen hat -, ist der Umstand, dass er zum Ende der Spätantike hin moralisierende Erzählungen aus der Vergangenheit unters Volk gebracht hat, die sich vor vielen Jahrhunderten zu Zeiten der römischen Republik zugetragen haben. Denn besagter Titus Manlius Torquatus ist 340 v. Chr. zum dritten Mal zum Konsul bestimmt worden. Die anwesenden Soldaten müssen diese Geschichte nebst den darin enthaltenen Anspielungen aber verstanden haben, ansonsten wäre ihr Inhalt in sinnfreier Weise verpufft.
Bis ins 7. Jahrhundert hinein ist dieses spezifische Bewusstsein präsent geblieben, danach verstummen die Quellen. Insofern sprechen wir ab dann bis zur Eroberung Konstantinopels durch die Osmanen 1453 von byzantinischer Geschichte. Bis dahin, bis zur großflächigen Eroberung oströmischer Territorien im Zuge der arabischen Expansion der 630er und 640er Jahre, haben wir es noch immer mit der römischen Spätantike zu tun. Der letzte Kaiser in Konstantinopel, dessen Muttersprache Latein war, ist indessen Justinian gewesen. Ihm war es um die Erneuerung des alten Glanzes, die Wiedererlangung verlorener, einst dem römischen Imperium zugehöriger Gebiete zu tun.
Außenpolitik
Eine zeitgenössische Beschreibung seines Aussehens (s. Abb. 1) bietet uns das Chronicon Paschale. Justinian sei „untersetzt, aber mit breitem Brustkorb, blass; mit dünnem Haar und einer Stirnglatze, einem runden, gutaussehenden Gesicht mit rötlichen Wangen, stets leicht lächelnd; mit graumeliertem Haar und einem nach römischer Sitte glattrasierten Kinn, einer wohlgeformten Nase und heller Haut“, gewesen. Der letzte bedeutende Historiker der Antike Prokop weiß in der Geheimgeschichte über ihn zu berichten: „Er gab sich leicht zugänglich und freundlich gegenüber denen, die mit ihm zusammentrafen. Kein Mensch wurde vom Zutritt zu ihm ausgeschlossen, er wurde nicht einmal mit denen jemals ärgerlich, die vor ihm standen, ohne das Zeremoniell einzuhalten.“ Dabei hätte die dem altpersischen Hofzeremoniell entlehnte Proskynese eigentlich nicht nur das Beugen des Knies als Geste der Ehrerbietung gegenüber dem Kaiser erforderlich gemacht, sondern ein zu Boden fallen des ganzen Körpers mit anschließendem Küssen der Füße von Justinian oder der Gemahlin Theodora wurde als angemessen erachtet. Wir bezeichnen einen derartige Demutsgeste als Prostration. Rufen wir uns in Erinnerung, dass Augustus den Prinzipat einst als Erster unter Gleichen (primus inter pares) mit Blick auf die ihn permanent umgebenden Senatoren begründet hat, dann sieht man gut, wie meilenweit sich das Kaisertum der Spätantike inzwischen von seinen Anfängen entfernt hat.
Ein Friedensschluss mit dem Sassaniden Chosroes I., dem herrschenden Repräsentanten des seit Jahrhunderten mit dem Imperium Romanum im Dauerclinch liegenden neupersischen Reiches, im Jahr 532 ermöglichte es Justinian indes gänzlich neue außenpolitische Akzente zu setzen. Es war daher beabsichtigt gegen die Absetzung des mit dem Oströmischen Reich in guten Beziehungen stehenden Hilderich, des vandalischen Königs in Nordafrika vorzugehen. Ein Verwandter namens Gelimer (s. Abb. 4) hatte Hilderich wenig zuvor 530 kurzerhand von der Führungsspitze verdrängt und sich selbst der Herrschaft bemächtigt. Im Juni 533 wurde der Feldherr Belisar daher mit 500 Schiffen und 15.000 Soldaten nach Westen entsandt, um den schmählich Geschassten zu unterstützen. Doch enorme Vorsicht war geboten, da eine Strafexpedition mit demselben Bestimmungsort einige Jahrzehnte zuvor gründlich gescheitert war. Die Vandalen waren nämlich der einzige germanische Stamm der über eine umfangreiche Flotte verfügte und diese auch effektiv einzusetzen verstanden. Ihr von Geiserich 429 erobertes Herrschaftsgebiet umfasste nicht nur das heutige Tunesien sowie den fruchtbaren Küstengürtel Algeriens und Libyens. Vielmehr gehörten die Balearen, Korsika und Sardinien ebenfalls dazu. Dorthin war die ahnungslose vandalische Flotte gerade unterwegs, als Belisars Einheiten in Nordafrika anlandeten.

3. So hat man sich um 1900 den Beginn der Eroberung Nordafrikas durch die Vandalen unter ihrem König Geiserich vorgestellt. Während der Belagerung seines Wohnortes Hippo Regius im östlichen Algerien durch Krieger dieses germanischen Stammes ist der Kirchenvater Augustinus 430 verstorben.

4. Um 530 in der Münzstätte Karthago geprägte Silbermünze. Dargestellt ist der vandalische König Gelimer.

5. Ein im 5./6. Jahrhundert im römischen Stil entstandenes Mosaik aus Karthago mit der „Lady of Carthage“. Wir können nicht mit Sicherheit sagen, ob es vor, während oder nach der vandalischen Okkupation des Landes erschaffen wurde. Der den Kopf umgebende Nimbus könnte allerdings dafür sprechen, dass Kaiserin Theodora dargestellt ist.
Die alte römische Provinz Africa hatte für Rom stets eine besondere Bedeutung, einen erhöhten Stellenwert innegehabt. Blühende Städte, eine florierende Landwirtschaft, vor Wohlstand überbordender Großgrundbesitz, ein beachtlicher Lebensstandard. Mit diesen Attributen lässt sich trefflich das antike Nordafrika beschreiben. Hier lag die Kornkammer des Imperiums. Mit Getreide vollbeladene Schiffe waren stets zu den Ufern des Tiber unterwegs, um die streckenweise kostenlose Versorgung der proletarischen hauptstädtischen Bevölkerung überhaupt erst zu ermöglichen („panem et circenses“). Das heutzutage sich als vornehmer Villenvorort von Tunis gebende Carthago ist immerhin die zweitgrößte Stadt des lateinischen Westens gewesen, und die dortselbst gegenwärtig im Musée national du Bardo befindliche Kollektion von farbenfrohen Mosaiken von höchster künstlerischer Qualität ist weltweit unübertroffen.
Überraschend leicht konnten Belisars Soldaten den sich ihnen bietenden Widerstand überwinden, so dass 534 in Vollziehung eines altrömischen Rituals ein Triumphzug in den Straßen Konstantinopels zur Freude der begeisterten Menge abgehalten werden konnte. Für die nächsten 170 Jahre haben sich die oströmischen Kaiser an der hinzugewonnenen afrikanischen Provinz erfreut. Ein unübersehbarer Ausweis gestiegenen Prestiges und gewiss der nachhaltigste Erfolg der von Justinian initiierten Rückeroberungspläne.
Erheblich komplizierter und langwieriger gestaltete sich das Vorhaben die italische Halbinsel aus den Händen der Ostgoten zu befreien und in den oströmischen Herrschaftsbereich zu integrieren. Die sich an den Tod Theoderichs 526 anschließenden Streitigkeiten einen geeigneten Nachfolger zu finden, schienen dabei zunächst eine günstige Gelegenheit zu bieten, eine erfolgversprechende Invasion zu wagen. Wiederum unter dem Kommando des Feldherrn Belisar. 537 aber gelang es dem zum neuen ostgotischen König erhobenen Witigis Belisar in Rom zu belagern, 539 passierte das genaue Gegenteil. Witigis wurde von Belisar bis zur Übergabe der Stadt in Ravenna eingeschlossen. Schreckliche Verwüstungen des ganzen Landes waren die Folge der erbitterten Kampfhandlungen. Raub und Plünderungen setzten unbarmherzig der darbenden Zivilbevölkerung zu. Die den Endpunkt der Völkerwanderung markierende Landnahme der germanischen Langobarden ab 568 veränderte zudem die gesamte fragile Herrschaftsstruktur der Appeninenhalbinsel. Im Ergebnis verblieben dem oströmischen Reich als Territorien nur die Dukate Rom, Neapel, Venetia, Istria, die Region Ligurien und bis 751 das Exarchat von Ravenna. Durch die pippinische Schenkung geriet das Exarchat von Ravenna 774 bald danach unter die weltliche Herrschaft der Päpste. Doch das ist eine andere Geschichte.

6. San Vitale in Ravenna. Noch unter ostgotischer Herrschaft begonnen, ist der Zentralbau 547 dem heiligen Vitalis geweiht worden.

7. Farbenprächtige Mosaiken im Kircheninneren von San Vitale.
Dass Mitte der 550er Jahre der küstennahe Bereich der südlichen spanischen Mittelmeerküste ebenfalls unter oströmische Kuratel geriet, mag als weiterer Ausweis der geographischen Weitgespanntheit der strategischen Pläne Justinians dienen. Doch Erfolg im Sinne einer Wahrung des Besitzstandes war auch hier lediglich für die nächsten achtzig Jahre beschieden. Dann hatten sich die vorhandenen Kräfte und Energien, die für derartiges imperiales Gehabe notwendigen finanziellen Mittel erschöpft.
Als wesentlich langlebiger mit Auswirkungen bis ins Jetzt und Heute gelten zwei Initiativen Justinians im Bereich der Baupolitik und der Rechtsschöpfung. Die Rede ist vom Neubau der Hagia Sophia, der seinerzeit größten Kirche der christlichen Glaubensgemeinschaft in Konstantinopel, und vom Codex Iustinianus, der umfassenden Kodifikation des römischen Rechts.
565 nach 38 Regierungsjahren ist Justinian verstorben.
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