Mit ihren Amphitheatern, Aquädukten, gepflasterten Fernstraßen, mit technisch ausgeklügelten Heizungsanlagen versehenen Thermen, Palästen, Theatern und das Prinzip der Frontalität betonenden Podiumstempeln haben uns die Römer ein beeindruckendes Spektrum an baulichen Einrichtungen hinterlassen. Um einen allgemeinen persönlichen Eindruck davon zu gewinnen, ist es nicht einmal notwendig nach Italien zu fahren, denn auch die ehedem römisch besetzten Gebiete, die Provinzen, künden vom kreativen Ideenreichtum, der Erfindungsgabe, dem praktischen Können antiker Künstler, Baumeister und Architekten. Heimische Orte wie Köln und Trier oder die in unmittelbarer Nachbarschaft zu Xanten gelegene Colonia Ulpia Traiana gewähren interessierten Besuchern aufschlussreiche, inspirierende Einblicke in eine längst vergangene Epoche. Einer Epoche von geradezu überbordendem kulturellen Reichtum.
Wer sich dagegen mit karolingischer Baukunst des 8. und 9. Jahrhunderts innerhalb eines uns immerhin um einiges näher liegenden Zeitraums beschäftigt, macht zunächst einmal die gegenteilige Erfahrung, dass nämlich die steinernen Zeugen dieser Phase des Frühmittelalters relativ rar gesät sind.
Die Pfalzen
Feste als ständiger Regierungssitz dienende, mehr oder weniger prunkvolle Hauptstädte, wie sie heutzutage als selbstverständliches Merkmal eines geordneten Staatswesens gelten, haben die fränkischen, aus den Familienverbänden der Merowinger und Karolinger stammenden Herrscher des Frühmittelalters nicht besessen. Stattdessen, was ein wenig überraschend vorkommen mag, zogen die Könige mit ihrem vielköpfigen Gefolge selbst durch die Lande. In der historischen Literatur ist daher bisweilen von einem regelrechten Reisekönigtum die Rede. Ein engmaschiges Netz von größeren und kleineren Gutshöfen, den Pfalzen und den Königshöfen, war so über das Reichsgebiet verteilt, dass im Regelfall nach Abschluss einer anstrengenden Tagesreise dort Station gemacht werden konnte. Auf diese Art und Weise wurden entfernt lebende, zur Treue gegenüber ihrem König verpflichtete hochrangige und auch weniger wichtige Vasallen wirkungsvoll kontrolliert, was in einer auf Gefolgschaftsbeziehungen basierenden Gesellschaft notwendig war, wollte man unerwünschtes, allzu eigenmächtiges Agieren von vornherein verhindern. Ins Positive gewendet: Es wurden moderne Kommunikationsmittel durch persönlichen Kontakt ersetzt.
a.) Aachen
Der bevorzugte temporäre Sitz Karls des Großen war eindeutig die ab 780 unter seiner Ägide errichtete Aachener Kaiserpfalz. Geostrategische Erwägungen werden für diese Ortswahl ausschlaggebend gewesen sein. Will man begrifflich ganz korrekt sein, dann wäre allerdings bis Weihnachten 800, also bis zu Kaiserkrönung Karls durch Papst Leo III. in Rom von einer Königspfalz zu sprechen. Die ausgedehnten Waldgebiete der nahe gelegenen Eifel kamen der intensiv gepflegten Leidenschaft für die Jagd entgegen, während die bis zu 75 Grad heißen Thermalquellen schon die römischen Legionäre dazu bewogen haben, entspannenden Badefreuden an dem in der Antike noch unter dem Namen Aquae Granni bekannten Ort nachzugehen. Diese alte, lokal verwurzelte Tradition wurde wieder aufgenommen (s. Abb. 1), ein dem persönlichen Wohlergehen so angenehmer Platz erschaffen, dass der fränkische Herrscher hier die weitaus längste Zeit von 795 bis zum Tod 814 verbracht hat.

1. Modellhafte Ansicht der Aachener Kaiserpfalz. Die mehrfache Verwendung von Apsiden ist eine Entlehnung aus der Formensprache der römischen Spätantike.
Regiert bzw. repräsentiert wurde von der Königshalle (Aula Regia) aus. Diesem langrechteckigen Bau mit Apsiden an Längs- und Schmalseite des Gebäudes dürfte die im 4. Jahrhundert errichtete spätantike Trierer Konstantinsbasilika konzeptionell als Vorbild gedient haben. Bis auf den heute noch immer das Aachener Stadtbild markant bereichernden Granusturm (s. Abb. 2). Über seine Funktion besteht keine letztgültige Klarheit. Früher war man eher geneigt, eine Verwendung als Wohnturm für die Herrscherfamilie anzunehmen. Da das Gebäude mit quadratischem Grundriss und einer jeweiligen Seitenlänge von knapp 9 Metern nicht beheizt werden konnte, geht man heute eher davon aus, es habe sich um ein Treppenhaus zur Erschließung des Obergeschosses der Aula Regia gehandelt. Arkaden ermöglichten den in der Reichsverwaltung tätigen Funktionsträgern trockenen Fußes zwischen Aula regia, Gerichtssaal und Pfalzkapelle hin und her zu pendeln.

2. Noch in der Gegenwart prägt der Granusturm, ein möglicherweise (?) frühmittelalterlicher Wohnturm, das Aachener Stadtbild. Er war ursprünglich baulich in die nicht mehr erhaltene Königshalle (Aula Regia) integriert (s. Abb. 1). Die obersten 14 Meter sind nicht mehr karolingischen Ursprungs, sondern spätmittelalterliche Ergänzung (14. Jahrhundert).

3. Thron Karls des Großen in der Aachener Pfalzkapelle.
b.) Ingelheim
Ingelheim am Rhein ist Luftlinie rund 15 Kilometer von Mainz entfernt, die dortige Umgebung seit dem 5. Jahrhundert von Franken besiedelt worden. Überregionale Bedeutung hat Ingelheim im Frühmittelalter freilich erst durch einen Beschluss Karls des Großen erlangt, hier eine Pfalz zu errichten, was ungefähr zwischen 780 und 800 geschehen ist. Aufgrund späterer Umbau- und Erweiterungsmaßnahmen in ottonischer und staufischer Zeit ist es zwar nicht ganz einfach die verschiedenen Bauphasen trennscharf zu unterscheiden, gleichwohl ist es möglich. In diesem Sinne können, obwohl eigentlich einen gemeinsamen architektonischen Gesamtzusammenhang bildend, die Saalkirche wie das Heidesheimer Tor nebst Wehrmauern (s. Abb. 6) außerhalb dieser Betrachtung verbleiben, da eben nicht mehr karolingisch.
Die Kaiserpfalz Ingelheim ist von dem frühmittelalterlichen Gelehrten und Biographen Einhard neben der Aachener Pfalzkapelle, der Mainzer Rheinbrücke und der Pfalz Nijmegen zu den bedeutendsten zeitgenössischen Baumaßnahmen gezählt worden. Häufiger ist es hier vor Ort zu bedeutenden Reichsversammlungen, Gesandtschaftsempfängen und Synoden gekommen. Unter dem 840 auf einer vorgelagerten Rheininsel ganz in der Nähe verstorbenen Ludwig dem Frommen noch mehr als unter seinem berühmteren Vater. Beispielsweise wurde in Ingelheim das berüchtigte Verfahren wegen vermeintlichen Hochverrats gegen den baierischen Herzog Tassilo III. aus der Dynastie der Agilolfinger durchgeführt. Im Ergebnis erfolgte nach vorheriger Begnadigung des bereits zum Tode Verurteilten die Verbannung Tassilos in ein Kloster.
Die hiesige Pfalz hat auch im Hoch- und Spätmittelalter kaum von ihrer Bedeutung eingebüßt und häufiger der obersten Führungsspitze des Reiches Unterkunft gewährt.

4. Digitale Rekonstruktion der Aula Regia der Kaiserpfalz Ingelheim. Bodenplatten aus Marmor und Porphyr sorgten neben den Wandmalereien für einen ästhetisch ansprechenden farblichen Kontrast im Inneren des einschiffigen Apsidensaals von 668 Quadratmetern Grundfläche.

5. Was gegenwärtig tatsächlich von der Aula Regia in Ingelheim zu sehen ist. Blick nach Süden in die halbkreisförmige Apsis. Ganz vorne befindet sich der Eingangsbereich an der Längsachse. Im bezeichnenden Unterschied zu den Aulae Regiae in Aachen und Paderborn, die Zutritt nur an der Querachse gestattet haben.

6. Rekonstruktion der einstigen Mauerverläufe der Kaiserpfalz Ingelheim (Grundriss).

7. Im Vordergrund: Rekonstruktion der Exedra (Halbkreisbau) in Ingelheim. Mit einem Durchmesser von 89 Metern hatte die außen mit sechs Rundtürmen, die an die 7 Kilometer lange Fernwasserleitung angeschlossen waren, (s. Abb. 6) versehene zweigeschossige Anlage vorwiegend repräsentative Funktion.
Sakralarchitektur
a.) Einhardsbasilika in Michelstadt-Steinbach im hessischen Odenwald
Der schon erwähnte Einhard ist für seine treuen Dienste von Ludwig dem Frommen mit der Mark Michelstadt belohnt und beschenkt worden. In den Jahren 824 bis 827 ließ er daraufhin dortselbst eine dreischiffige Basilika errichten. Neben dem kreisrunden oder oktogonalen Zentralbau fraglos seit der Spätantike der dominierende Gebäudetyp für der weltlichen Sphäre entzogene Sakralbauten.
Wir sind sogar noch weitergehend über die ursprünglich favorisierte Zweckbestimmung unterrichtet. Was viel mit Einhards unterdessen in Rom angelangtem Geheimschreiber Ratleik zu tun hatte. Dort entnahm dieser verbotenerweise entgegen päpstlicher Anordnung aus einem Märtyrergrab an der Via Labicana knöcherne Fragmente der während der Diokletianischen Verfolgung zu Tode gekommenen Märtyrer Marcellinus und Petrus Martyr. Im Herbst 827 erreichte Ratleik damit Michelstadt. Doch unter seiner Dienerschaft einsetzende böse Träume und andere als unheilvoll empfundene Erscheinungen bewogen Einhard zu der Erkenntnis, dass sich die Gebeine in Michelstadt nicht wohlfühlen würden. Kurz und gut: Sie wurden auf eine neue Reise geschickt, und zwar nach Seligenstadt, wo ihnen bald erneut eine Basilika als Heimstatt erbaut wurde. Für den Kirchenbau in Michelstadt hatte sich damit jedenfalls die ursprünglich angedachte Zweckbestimmung als Wallfahrtskirche erledigt. Insofern spricht einiges dafür, dass zwei an Grablegen römischer Katakomben erinnernde überwölbte Nischen, sogenannte Arkosolien, in der kreuzförmigen Krypta unterhalb der Kirche als Grablege für Einhard und seine Frau Imma gedacht waren.

8. Blick auf die Südseite der Einhardsbasilika von Michelstadt-Steinbach. Das gut zu erkennende, mit einem Pultdach versehene Seitenschiff ist erst 1972/73 wieder aufgebaut worden. Bei den Fenstern des Mittelschiffs handelt es sich bis auf diejenigen drei ganz links um karolingische Originale.

9. Im Inneren der Einhardsbasilika. Blick in die Apsis der Ostseite. Die zum Seitenschiff öffnenden Pfeilerstellungen aus Ziegelsteinen sind zugemauert worden, so dass aus der dreischiffigen Basilika ein einschiffiger Raum geworden ist. Was vermutlich im 13. Jahrhundert geschehen ist, als eine Umwandlung in ein benediktinisches Frauenkloster erfolgte.

10. Der Haupteingang im Westen.
Nach Einhards Tod 840 ging das Gebäude in den Besitz des Klosters Lorsch über.
b.) Michaelskirche in Fulda
Die in unmittelbarer Nachbarschaft zum Fuldaer Dom befindliche Michaelskirche, deren Bau auf die Jahre 820 bis 822 zurückgeht, ist sehr wahrscheinlich während eines Ungarneinfalls im späten 9. bzw. im 10. Jahrhundert zerstört worden. Doch wie wir durch Schriften des gelehrten Mönchs Brun Candidus wissen, wurde die zugrunde liegende architektonische Konzeption karolingischer Zeit bei der im 10. oder 11. Jahrhundert durchgeführten Erneuerung des Sakralbaus beibehalten. Die Ursprungsidee tritt uns damit weitestgehend unverfälscht vor Augen.

11. Außenansicht von St. Michael.

12. Im Inneren des Zentralbaus mit seinen acht Säulen. Man beachte die uneinheitlich gestalteten Kapitelle!
Laut Brun Candidus symbolisieren die acht Säulen diejenigen Menschen, die die acht Seligpreisungen der Bergpredigt erfüllt hätten und aus diesem Grund als Stützen der Kirche gelten können. Der kreisförmige Grundriss der Rotunde findet sich ebenfalls bei der ins 4. Jahrhundert datierenden Grabeskirche in Jerusalem oder bei Santa Costanza in Rom wieder, weshalb eine dementsprechende – zumindest plausibel erscheinende – Vorbildwirkung angenommen wird. Um eine originär fränkische Idee einer innovativen Grundrissgestaltung handelt es sich jedenfalls mitnichten.
- 13. Karolingische Krypta der Michaelskirche.
Tatsächlich hat die unterirdische weder über einen Altar noch über eine räumliche Verbindung zum Obergeschoss verfügende Krypta die Zerstörungen des Ungarneinfalls unbeschadet überstanden. Für das archaisch anmutende ionisierende Kapitell der Mittelsäule in der Krypta (s. Abb. 13) wird sekundäre Verwendung angenommen.
c.) St. Georg zu Oberzell auf der Reichenau
Im letzten Jahrzehnt des 9. Jahrhunderts ist in unmittelbarer Nähe zum Bodensee die dreischiffige Basilika St. Georg, deren schlichtes Äußeres von kubischen Formen geprägt ist, entstanden. Ebenfalls spätkarolingisch oder bereits ottonisch sind die gut erhaltenen Wandmalereien. Neben einer Klosteranlage im Schweizer Kanton Graubünden repräsentiert St. Georg den einzigen Fall in der Sakralarchitektur nördlich der Alpen der heutzutage einen nicht nur fragmentarischen, sondern großflächigen Eindruck von der Blüte dieser Kunstform im Frühmittelalter verschaffen kann.

14. Der Grundriss von St. Georg zeigt eine dreischiffige Basilika mit gegenüber den Seitenschiffen breiterem Mittelschiff.

15. Außenansicht von St. Georg.

16. Gemäß dem klassischen basilikalen Schema erfolgt der Lichteinfall im Mittelschiff durch die oben angeordneten Lichtgaden.

17. Detailaufnahme von Fresken auf der Nordseite des Mittelschiffs.
Eingefasst von zwei horizontal verlaufenden Ornamentbändern werden biblische Themen aus dem Leben von Jesus zur Darstellung gebracht. Je vier auf der Nord- und Südseite des Mittelschiffs. Im Zentrum (s. Abb. 17) ist die Beruhigung des Sturms auf dem See Genezareth zu sehen, rechts davon eines der vom Sohn Gottes bewirkten Wunder: die Heilung des blind Geborenen. Unterhalb von Bildzone und Ornamentband sind die Arkadenbögen mit Rundbildern (Tondi) von Äbten geschmückt. Rechts davon auf weißem Hintergrund ein Spottbild, welches mit dem von einem Teufel auf eine Kuhhaut geschriebenen Text einen unerwarteten Sinn für Komik verrät, allerdings auch erst dem Spätmittelalter angehört.
Der von der UNESCO verliehene Welterbestatus mitsamt der damit einhergehenden Attraktivität für zahlreiche Besucher*innen sah das Baden-Württembergische Landesamt für Denkmalpflege dazu veranlasst, das Problem der Feuchtigkeits- und Schimmelpilzbildung auf den kostbaren Oberflächen konservatorisch verstärkt in den Blick zu nehmen.
d.) Aachener Dom
Keine Frage: Der Aachener Dom ist eine architektonische Meisterleistung. Sie wird auch nicht durch die Beobachtung geschmälert, dass dem Erscheinungsbild der heutigen Bischofskirche etwas Uneinheitliches anhaftet (s. Abb. 23). Frühmittelalterlichen Ursprungs ist eigentlich nur das den spätantiken Zentralbau von San Vitale in Ravenna zum Vorbild nehmende Oktogon der Pfalzkapelle mitsamt umschließenden Sechzehneck sowie das Westwerk. Der Chor und der vorgelagerte Kapellenkranz gehören weitaus späteren Stilepochen, der Gotik und dem Barock, an, was ebenso für die Vorhalle des Westwerks gilt.
Gegründet hat der im Auftrag von Karl dem Großen tätige fränkische Baumeister Odo von Metz das Kernstück der Anlage, die Pfalzkapelle, auf eine einstmals genau hier vorhandene um das Jahr 120 herum von den Römern erbaute Therme. Während man davon ausgehen muss, dass die Wirren der Völkerwanderungszeit dem florierenden römischen Badebetrieb zum Ende des 4. Jahrhunderts den Garaus bereitet haben, legen andererseits Funde von Münzen, Keramik und Schmuck aus den nachfolgenden Jahrhunderten eine dauerhafte Siedlungskontinuität bzw. gleichzeitige Nutzung des Areals als Begräbnisstätte nahe. Damit muss spätestens 793 Schluss gewesen sein, denn mit einer naturwissenschaftlichen Methode, der Dendrochronologie, konnte für das Jahr 793 das Fälldatum der Gründungspfähle aus Eiche bestimmt werden. Dazu passt der Fund eines um 794 datierenden Silberdenars unterhalb des Fundaments des im Entstehen begriffenen Sakralbaus.
Eines 31 Meter hohen, mit einer Kuppel versehenen Sakralbaus, dessen inneres Oktogon von wuchtigen Pfeilerstellungen (s. Abb. 22) gebildet wird, über denen sich ein weiteres Geschoss erhebt, das Hochmünster. Die zum Teil aus kostbarem Porphyr bestehenden antiken Säulen sind 1794 von französischen Revolutionstruppen entfernt und in den Louvre verbracht worden, wo sich einige von ihnen immer noch befinden. Insofern handelt es sich bei den heute sichtbaren Säulen nur teils um antike Originale, teils um neuzeitliche Nachbildungen. Einen anschaulichen Eindruck von der hohen Qualität frühmittelalterlicher Bronzearbeiten und der fachkundigen Expertise im Metallhandwerk tätiger Handwerker vermitteln dagegen die davor befindlichen Gitter.

18. Grundriss des Aachener Doms. Karolingisch sind A, B und das Westwerk von C, nicht die Vorhalle.

19. Das Westwerk.
Beim Westwerk handelt es sich um einen zweigeschossigen frühmittelalterlichen, mit neogotischem Glockenturm nach oben abgeschlossenen und ebenerdig mit einer neuzeitlichen Vorhalle versehenen Bau. Deutlich sichtbar ist die nach innen gerichtete Wölbung mit oberem halbrunden Abschluss. Das Zentrum dieser Konche wird von einem Fenster eingenommen, das in vergrößerten Dimensionen den Platz seines karolingerzeitlichen Vorläufers eingenommen hat. Künstlerischer Urheber ist in den frühen 1950er Jahren der rheinländische Bildhauer Ewald Mataré gewesen, als Professor an der Düsseldorfer Kunstakademie der Lehrer von Joseph Beuys.
Während eine Verbindung von der Aula Regia zur Pfalzkapelle über einen am Westwerk einmündenden Arkadengang als gesichert angenommen werden darf, besteht über die Frage der Funktion des Obergeschosses nach wie vor Unklarheit. Einige Fachleute vermuten einen Zusammenhang mit der Taufzeremonie. Doch was es mit dem Westwerk allgemein für eine Bewandtnis haben kann, wird am nachfolgenden Beispiel Corvey vielleicht noch klarer.

20. Grauwacken mit karolingischem Mörtel am Westwerk. Es handelt sich bei der Grauwacke um einen hauptsächlich aus Quarz und Feldspat bestehenden Sandstein.

21. Das Oktogon der Pfalzkapelle innerhalb des umlaufenden gemauerten Sechzehnecks. Die Turmhaube ist barock, die Blendbogenreihe romanisch. Ansonsten ein schlicht anmutendes, auf Bauschmuck verzichtendes Äußeres

22. Im Inneren der Pfalzkapelle.

23. Gesamtansicht des Aachener Doms.
e.) Das Westwerk von Corvey
Corvey, auf lateinisch Corbeia nova, ist der Name einer ehemaligen reichsunmittelbaren Benediktinerabtei ganz in der Nähe des Westufers der Weser auf dem Gebiet der heutigen von malerischen Fachwerkbauten geprägten Stadt Höxter in Westfalen. Vor Ort wurde 822 mit dem Bau einer Klosterkirche begonnen, doch die Verwüstungen und Verheerungen des Dreißigjährigen Krieges führten zur irreversiblen Zerstörung des Kirchenbaus wie der ebenso vor Ort vorhandenen übrigen Klostergebäude. Was an Grundmauern noch übrig war, wurde 1665 und später abgerissen, um präsentableren Neubauten zu weichen. Was heute für Besucher*innen als Kirche mitsamt Klostergebäuden sichtbar ist: dabei handelt es sich um Neubauten aus der zweiten Hälfte des 17. bzw. dem 18. Jahrhundert.
Mit der einen Ausnahme des 885 geweihten Westwerks, dessen karolingische Ursprungssubstanz nach wie vor erhalten ist. Aus diesem Grund ist es 2014 auf der Welterbeliste der UNESCO erschienen. Die drei wichtigsten Auswahlkriterien für die Aufnahme von Denkmälern in diesen illustren Kreis sind deren Einzigartigkeit, Authentizität (historische Echtheit) und Integrität (Unversehrtheit).
Dem fachkundigen Urteil des Expertengremiums zufolge würde Corvey das älteste und einzige fast vollständig erhaltene karolingische Westwerk besitzen. Der zentrale, dreiseitig von Emporen umgebene Hauptraum im Obergeschoss greife in seiner Form und seiner ursprünglichen künstlerischen Ausstattung auf antike Vorbilder zurück. Die Ausstattung mit lebensgroßen Stuckfiguren, der farbigen Raumfassung mit architektonischen Gliederungen, ornamentalen Friesen und mythologischen Wandmalereien, die das einzig publike Beispiel von Wandmalereien in karolingischer Zeit darstellten, sei in wesentlichen Teilen erhalten. Damit kann das Westwerk von Corvey als eines der herausragenden Zeugnisse der karolingischen Renaissance gelten.

24. Das Westwerk von Corvey.

25. Modell des Westwerks in Corvey.

26. Im Inneren des Westwerks.

27. Säulen und Pfeiler im Gebäudeinneren.
Streng genommen gilt der Befund nur bis zur Höhe der vier zweiteiligen Bogenöffnungen der unteren Reihe, die sechs zweiteiligen Öffnungen darüber stammen aus dem 12. Jahrhundert und sind damaligen Umbaumaßnahmen geschuldet. Wir können bis zu dieser Höhe etwas dunkler gefärbtes Bruchsteinmauerwerk erkennen (s. Abb. 24) und dürfen daher darüber nicht mehr vom karolingerzeitlichen Westwerk sprechen.
Varia
a.) Torhalle von Lorsch
Im Fall der gegen 900 erbauten Torhalle des ehemaligen Klosters Lorsch sind sich die Fachleute uneins in der Beantwortung der Frage, welche Funktion diesem freistehenden Baukörper im Frühmittelalter zugekommen war. Vorgefundene malerische Spuren und Fragmente ließen immerhin den Schluss zu, der Torhalle sei eine weltliche Nutzung zuzuweisen. Doch welchem weltlichen Zweck? Hat es sich um eine Bibliothek oder einen Saal für Empfänge gehandelt? Ebenso wurde eine repräsentative Deutung als Ehrenbogen in der Manier eines römischen Triumphbogens vorgeschlagen. Neuerdings glauben einige Experten im ersten Obergeschoss den Ort eines Gerichts zu erkennen, in dem die Äbte des nahen Reichs- und Königsklosters Recht gesprochen hätten.

28. Gesamtansicht der Torhalle Lorsch von Westen.

29. Die antikisierenden Kompositkapitelle haben eine ästhetische, keine statisch notwendige Funktion.
Roter und weißer Sandstein bis zum Gesims in Dreiecken und Quadraten geformt, darüber in Drei- und Sechsecken beherrscht die Gestaltung der Fassade. Zehn Pilaster mit ionisierenden Kapitellen sorgen für eine ästhetisch gelungene vertikale Gliederung oberhalb der die Bogenreihe rahmenden Säulenstellungen.
Wie Corvey, wie die Reichenau und der Aachener Dom ist auch Lorsch mit dem Prädikat eines UNESCO-Welterbes versehen. Worin nicht zuletzt zum Ausdruck kommt, dass die wenigen Stätten karolingischer Baukunst, über die wir in der Gegenwart noch verfügen, unbedingt geschützt und erhalten werden müssen!

30. Nahansicht der Bogenöffnungen.
Der kommende Beitrag wird sich aus kulturgeschichtlicher Perspektive dem Phänomen des mittelalterlichen Klosters annähern.
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