Mittelalterliche Kunst: Der Teppich von Bayeux

Vor gut vierzig Jahren, zu Beginn der 1980er, hat der weltweit wohl berühmteste Wandteppich endlich eine neue, dauerhafte Heimat gefunden. Alljährlich unternehmen rund 400.000 Besucher*innen dorthin einen Abstecher ins Musée de la Tapisserie de Bayeux, Stadtmuseum, im Centre Guillaume de Conquérant, um neugierig-staunenden Blickes das mehr als 68 Meter lange Kunstobjekt aus dem Hochmittelalter quasi im Vorbeigehen vollends zu erfassen. Während eine gut gearbeitete Kopie im englischen Reading, Grafschaft Berkshire, aufbewahrt wird, befindet sich das Original also in der Normandie auf halbem Weg zwischen Omaha Beach und Caen.

Weder gewebt, getuftet, geknüpft noch gewirkt ist der Teppich von Bayeux im landläufigen Sinn eigentlich gar kein Teppich, sondern vielmehr eine mehrfarbige Stickarbeit auf insgesamt neun miteinander verbundenen Leinenbahnen. Was dem Status des um 1080 entstandenen Kunstwerks, einer gelungenen Kombination aus Text und Bild in insgesamt 58 Einzelszenen, keinerlei Abbruch tut. Gemeinsam mit 19 anderen Dokumenten, darunter die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte, ist der Teppich von Bayeux nicht erst seit gestern fester Bestandteil des französischen Beitrags zum Weltdokumentenerbe des von der UNESCO geführten Verzeichnisses.

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1. Ein eigenes Museum für das Kunstwerk: das Musée de la Tapisserie in Bayeux.


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2. Diesen visuellen Eindruck erhält man im Inneren des Museums.

Historischer Hintergrund

Zu Lebzeiten Karls des Großen hat das in den Wirren der Völkerwanderungszeit vom Merowinger Chlodwig 486 auf den Trümmern des Weströmischen Imperiums begründete Fränkische Reich an Umfang und Bedeutung enorm zugelegt. Den Zuwachs an Bedeutung können wir wohl am nachdrücklichsten mit dem Weihnachtstag 800 verknüpfen, dem Datum, das für die Krönung Karls zum Kaiser durch Papst Leo III. in Rom steht. Erstmals seit 324 Jahren, seit der Absetzung von Romulus Augustulus durch Odoaker, gab es im Abendland wieder einen Kaiser. Und dieser Kaiser gebot über einen einheitlichen Herrschaftsraum, der – in heutigen nationalstaatlichen Kategorien gedacht – Frankreich, die Niederlande, Belgien, Luxemburg, weite Teile Deutschlands, Österreichs und Norditaliens sowie die Spanische Mark im Großraum Barcelona umfasste. Doch bereits nach dem Tode Karls 814 geriet die sorgfältig austarierte Herrschaftsarchitektur und damit die Reichseinheit ins Wanken. 843 war es dann soweit. Im Vertrag von Verdun wurde die Aufteilung in ein Ostfränkisches, ein Westfränkisches und ein dem späteren Königreich Burgund und dem Herzogtum Lothringen entsprechendes Mittelreich beschlossen.

Als ob innere Zwistigkeiten nicht schon genug wären, drohte nunmehr verstärkt erhebliches Ungemach von außen, genauer gesagt aus dem hohen Norden. Mit hochseegängigen, extrem schnellen und beweglichen sogenannten Drachenbooten machten die aus Skandinavien stammenden Wikinger die mitteleuropäischen Küstenregionen unsicher. Über die Gründe für die mit hohem militärischen Aggressionspotenzial vorgetragenen Expeditionsfahrten besteht in der historischen Forschung keine letztgültige Klarheit. Der renommierte Mediävist Johannes Fried verweist in diesem Zusammenhang auf ein zwischen relativer Überbevölkerung in der Ursprungsheimat, bloßer Abenteuerlust und der Aussicht auf reiche Beute zurückzuführendes Bündel an Ursachen. Ein erstes Fanal bildete die Plünderung des englischen Klosters Lindisfarne 793. Rouen wurde 841 von ihnen überfallen, Paris 845. Selbst küstenfernere Regionen waren vor den Wikingern nicht sicher. Trier an der Mosel und das Kloster Prüm in der Eifel, das den Verlust von 90 Prozent des vorhandenen Handschriftenbestandes beim Niederbrennen seiner Bibliothek zu beklagen hatte, gerieten 882 und zehn Jahre später ein zweites Mal ins Visier der wilden skandinavischen Recken.

Im vergleichsweise besonders betroffenen Westfränkischen Reich (s. o.) verfiel man daher, nachdem die Zentralmacht 911 bei Chartres einen der seltenen Siege gegen die nordischen Invasoren erfochten hatte, auf eine neuartige Strategie: diejenige der Integration. König Karl III. und Rollo, der Anführer der Normannen – eine Bezeichnung die synonym für Wikinger verwendet wird – schlossen im Vertrag von Saint-Clair-sur-Epte eine Vereinbarung, wonach Rollo dasjenige Gebiet, das wir heute als Normandie bezeichnen, als Lehen erhielt. Im Gegenzug musste er Karl III. den Treueid leisten und zusichern, das Land gegen weitere Übergriffe von außen zu schützen und zu verteidigen. 

Eine allseits auskömmliche Allianz auf dem soliden, maßvolles Verhalten begünstigenden Fundament der christlichen Religion, deren Geboten nach und nach immer mehr Normannen Folge leisteten, war in die Wege geleitet. Baulichen Ausdruck hat die neu gewonnene Frömmigkeit im Bau von Kirchen erhalten, deren markantes Erscheinungsbild das vergangene Jahrtausend in unsere Gegenwart beinahe nahtlos zu überbrücken scheint.

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3. Ein Höhepunkt der normannischen Baukunst: Saint-Etienne in Caen. 1090 vollendet, wurde die Kirche von Wilhelm der Eroberer, der hier beigesetzt wurde, ab 1060 errichtet.

Thronstreitigkeiten

Nach dem Tod des vorletzten angelsächsischen Königs in England, Edward des Bekenners, im Jahr 1066, entbrannten erbitterte Streitigkeiten um die Nachfolge. Nimmt man es ganz genau, dann lassen sich insgesamt fünf verschiedene, einen Thronanspruch erhebende Personen ausmachen. Einer von ihnen war der norwegische König Harald III., genannt Hardråde. Mit 300 Schiffen landete er an der Küste von Yorkshire und konnte – verbündet mit einem weiteren Prätendenten namens Tostig Godwinson – in einem ersten Waffengang einen lokalen Erfolg verbuchen. Doch bald darauf erschien der letzte angelsächsische König, Tostigs Bruder, der nicht mit dem norwegischen König gleichen Namens zu verwechselnde Harald II., auf dem Plan. Es kam zur Entscheidungsschlacht von Stamford Bridge nordöstlich von York. Harald II. siegte und konnte sich seiner beiden Widersacher endgültig entledigen. In der Zwischenzeit, am 28. September 1066, war Wilhelm, Herzog der Normandie, an der südenglischen Küste in Pevensey gelandet. Angeblich habe Harald II. vor seiner Krönung einen Treueid auf ihn, den Normannen, abgelegt und auf den Königstitel verzichtet, lautete die Argumentation des auswärtigen Aggressors.

Dieses Motiv ist Gegenstand der erzählerischen Handlung des Teppichs von Bayeux.

Tapisserie de Bayeux - Scène 23 : Harold prête serment à Guillaume

4. Szene 23 des Teppichs von Bayeux: Harold Godwinson, später als Harald II. der letzte angelsächsische König Englands, schwört einen Eid auf Wilhelm, Herzog der Normandie, indem er mit der rechten und linken Hand jeweils einen Reliquienschrein berührt.

Aber hat es sich tatsächlich genau so zugetragen? Erhebliche Zweifel sind angebracht, da englische Quellen nichts darüber zu berichten wissen. Allerdings ist man gut darüber informiert, dass der Vorgänger Haralds II. auf dem englischen Königsthron, Edward der Bekenner, als Kind, Jugendlicher und junger Mann insgesamt 25 Jahre im Exil in der Normandie zugebracht hat und voller Bewunderung für die dort vorgelebte effiziente Herrschaftsstruktur bei seiner Rückkehr in die Heimat einige praktikabel erscheinende Elemente übernommen hat. Etwa die direkte königliche Einsetzung von gegenüber weltlichen Adeligen in aller Regel mit einem überlegenen Bildungshorizont ausgestatteten Klerikern auf höheren Verwaltungsposten. Diverse Querverbindungen zwischen England und der Normandie hat es also schon Jahrzehnte vor der Schlacht bei Hastings zweifelsfrei gegeben.

Um diese in Teilen der Gesellschaft neben strikter Ablehnung verbreitete Normannophilie wohl wissend, ließ der Herzog der Normandie, Wilhelm, ausgestattet mit dem päpstlichen Segen Alexanders II. eine mächtige Invasionsflotte bauen.

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4. Szene 38: Die Invasionsflotte ist unterwegs auf dem Ärmelkanal.

Hastings

Am Morgen des 14. Oktober 1066 war es soweit: Das gut siebentausend Soldaten umfassende Heer der Angelsachsen und das etwas weniger zahlreiche Aufgebot der Normannen standen sich bei Hastings im Süden Englands gegenüber. Die Angelsachsen König Haralds II. hatten einen mehrtägigen Gewaltmarsch von York aus, wo sie sich soeben in der Schlacht von Stamford Bridge siegreich bewährt hatten, in den Knochen. Demgegenüber waren die Normannen ausgeruht, verfügten zudem über eine schlagkräftige Kavallerie, was den Vorteil der besseren Positionierung der Truppen Haralds auf einem Hügel allemal wettzumachen schien. Doch die Kämpfe wogten hin und her. Bis Wilhelm – zwischenzeitlich hieß es fälschlicherweise schon, er sei gefallen – zur erfolgreichen Finte eines Rückzugmanövers griff. Die bis dahin unüberwindliche angelsächsische Ordnung löste sich beim unkoordinierten Verfolgen der nur scheinbar geschlagenen Feinde auf, deren Kehrtwendung das schlachtentscheidende Überraschungsmoment mit sich bringen sollte.

Von all diesen Dingen berichtet der Teppich von Bayeux. Vermutlich ist Bischof Odo von Bayeux, ein Halbbruder des Siegers Wilhelm des Eroberers, der Auftraggeber der Arbeit eines, vermutlich mehrerer Künstler gewesen. Die Beantwortung der Frage. ob der Teppich nun im Süden Englands oder im Norden Frankreichs entstanden ist, muss ebenfalls in der Schwebe bleiben.

Als Text- und Bilddokument eines entscheidenden Moments im Hochmittelalter, als eines der wenigen erhaltenen großformatigen Beispiele der Textilkunst dieser Epoche ist die kulturgeschichtliche Bedeutung des Teppichs von Bayeux unermesslich.

Bildnachweis © 1 Dennis G. Jarvis – France 000660 – Home of the Tapestry, CC BY-SA 2.0, unverändert; 2 Beat Ruest, CC BY-SA 4.0, unverändert; 3 Viault, CC BY-SA 3.0, unverändert; 4 Mairie de Bayeux, CC BY-SA 4.0, unverändert; 5 Myrabella, gemeinfrei;

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