Um ihn, den 1194 unweit der heutigen Stadt Ancona an der Adria Geborenen, zu charakterisieren, seiner facettenreichen Persönlichkeit und Herrschaftsausübung gleichermaßen gerecht zu werden, hat es an überschwänglichen Lobeshymnen wahrlich nicht gefehlt. Dabei sind ihm, dem Enkel Barbarossas, verschiedene Päpste mit dem Höchstmaß an denkbarer Ablehnung – sich gleich mehrfach im Akt der Exkommunikation äußernd – begegnet. Erschwerend kommt in diesem Zusammenhang hinzu, dass das Hochmittelalter ein zutiefst religiöses Zeitalter war. Wer derart abgestraft worden war, hätte demnach im Normalfall wenig in der Meinung der Mitmenschen zu lachen gehabt. Und dennoch war es ein Zeitgenosse wie der als Geschichtsschreiber in einem englischen Benediktinerstift tätige Mönch Matthäus Paris, der Friedrich II. im Todesjahr 1250 als „Staunen und wunderbaren Wandler der Welt“ (stupor mundi et immutator mirabilis) schwärmerisch seine Hochachtung erwies. Wer also war der schon früh als Vollwaise sein Dasein in Palermo unter fremder Vormundschaft fristende Sohn des Kaisers Heinrich VI. und Konstanzes von Sizilien?

1. Um 1280/90 wenige Jahrzehnte nach dem Tod entstandene Statue Kaiser Friedrich II. vom Schwarzen Turm der Steinernen Brücke in Regensburg.

2. Ab 1130 vom normannischen König Roger II. in Palermo erbaute Palastanlage. Hier verbrachte Friedrich einen Teil seiner Kindheit und frühen Jugend, nachdem sein Vater Kaiser Heinrich VI. im September 1197 in Messina verstorben war.
In Palermo
Sizilien ist seit alters her ein Schmelztiegel verschiedenartigster Kulturen. Die einheimische Urbevölkerung aus Sikulern, Sikanern und Elymern daher in ihrer freien Entfaltung teilweise eingeschränkt und auswärtigen Einflüssen unterworfen. Bereits im neunten und achten vorchristlichen Jahrhundert haben als Phönizier bekannte levantinische Kaufleute und Fernhändler im Westteil der Insel als Faktoreien bezeichnete Handelsstützpunkte angelegt. Mozia, Trapani und Panormos, das heutige Palermo, sind die Namen einiger dieser Niederlassungen, aus denen sich späterhin regelrechte Kolonien mit ansehnlichen Bevölkerungszahlen entwickelt haben. Bald darauf begannen auch die Griechen die Vorzüge der flächengrößten, ursprünglich vielfach von Wald bedeckten Mittelmeerinsel für sich zu entdecken. Erhöhter Bevölkerungsdruck im Mutterland und ein daraus vor Ort resultierendes knapperes Nahrungsmittelangebot werden in der althistorischen Forschung als mitentscheidende Ursachen dafür angesehen, dass man sich per Schiff auf den abenteuerlichen Weg gen Westen gemacht hat, um eine neue Heimat zu finden. Die Gründung von allseits bekannten Orten wie Syrakus, Zankle (Messina), Katane (Catania) oder Naxos ist als Ergebnis derartiger Aktivitäten zu verzeichnen. Seitdem Griechen hier sesshaft wurden, ist von ihnen der Anbau von Kulturpflanzen wie Olive und Weinrebe gepflegt worden.
Die naturgegebene geostrategisch günstige Lage Siziliens mit weniger als 150 Kilometern Entfernung zur nordafrikanischen Küste auf Höhe des heute zu Tunesien gehörigen Cap Bon blieb ferner auch den Römern nicht verborgen. Sie befanden sich im Verlauf des dritten vorchristlichen Jahrhunderts auf unaufhaltsamem Expansionskurs. Entschiedenster Widersacher im Ringen um die Vorherrschaft im Mittelmeerraum war Karthago. Die konfliktträchtigen Auseinandersetzungen mit der am Golf von Tunis gelegenen Handelsmetropole gipfelten vorerst im von 264 bis 241 v. Chr. andauernden Ersten Punischen Krieg. Ein Ergebnis der karthagischen Niederlage bestand darin, sämtliche Kolonien und Stützpunkte auf Sizilien räumen zu müssen. Die Insel erhielt bald darauf als erstes Gebiet überhaupt den Status einer römischen Provinz verliehen und entwickelte sich zusehends aufgrund eines seinerzeit für die Vegetation überaus günstigen Klimas zur Kornkammer des aufstrebenden Imperiums. Der wohl aus dem Emmer entstandene wärmeliebende und weniger als 500mm Jahresniederschlag benötigende Hartweizen (Triticum durum) ist die bevorzugte Getreidevariante gewesen.

3. Ausweis des Wohllebens auf Sizilien in der römischen Spätantike des vierten Jahrhunderts. Ist dem Mosaik zufolge mindestens für die grundbesitzende Elite der Villa von Piazza Armerina zu veranschlagen.
Die Jahrhunderte gingen dahin. Die Bevölkerung zahlreicher Provinzen des Imperium Romanum war schließlich während der Spätantike in unterschiedlich ausgeprägter Intensität den Heimsuchungen der sogenannten Völkerwanderungszeit ausgesetzt. Sizilien, wo bis 468 für kurze Zeit die Vandalen die Kontrolle ausübten, bildete da keine Ausnahme. Ab 493 übernahmen schließlich die Ostgoten die Herrschaft, was wiederum nur episodischen Charakter hatte, da der oströmische Kaiser Justinian sich anschickte die Insel zurückzuerobern und konzeptionell unter dem Stichwort einer Erneuerung (Renovatio Imperii) in den eigenen Machtbereich zu integrieren. Der General Belisar war 535 mit seiner diesbezüglichen Mission erfolgreich. Dreihundert Jahre kontinuierlicher Entwicklung weitgehend ohne Störfeuer von außen waren die Folge, bis die hochmobilen Araber auf ihrem scheinbar unaufhaltsamen Vormarsch in fremde Regionen ihre Fühler auch nach Sizilien ausstreckten. Was den Franken unter dem Kommando von Karl Martell einhundert Jahre zuvor 732 bei Tours und Poitiers noch gelungen war, nämlich deren Expansion nördlich der Pyrenäen nachhaltig zu stoppen, gelang ganz im Süden Europas nicht. Ab dem 9. Jahrhundert begann Sizilien sukzessive in arabische Hände zu fallen. Vielfach wurden im Zuge dessen vormalige christliche Kirchen in der islamischen Glaubenslehre dienende Moscheen umgewandelt. Neuartige Bewässerungstechniken machten zudem die Runde und bis dato vor Ort unbekannte Kulturpflanzen wie Dattelpalmen, Zitrusfrüchte, Melonen, Pistazien, Baumwolle und Maulbeerbäume bereicherten die insulare Flora. Kurzum: Die antike Kornkammer entwickelte sich zu einer der blühendsten und fruchtbarsten Agrarflächen des Mittelalters.
Hauptstadt der Emire von Sizilien war ab 831 Palermo, die alte phönizische Gründung (s. o.). Nicht nur politisches, sondern ebenso wirtschaftliches Zentrum. Eine Stadt mit näherungsweise bis zu 120.000 Einwohnern. Womit eine demographische Dimension erreicht war, die nördlich der Alpen nirgendwo, ansonsten in Europa allenfalls in Córdoba und Byzanz übertroffen worden ist. Dass damit anderenorts Begehrlichkeiten geweckt wurden, erscheint vor dem Hintergrund eines prosperierenden Seins und Wohlergehens plausibel. 1072 wurde Palermo von mit den Wikingern synonymen Normannen unter Roger I. erobert. Zuvor hatten sich die ursprünglich aus dem hohen Norden Europas stammenden kühnen Krieger schon in den Besitz weiter, vormals im Besitz von Langobarden und Byzantinern stehender Teile der südlichen Apenninenhalbinsel gebracht. Ein Vorgehen, das einschließlich der Eroberung von Sizilien sogar vom Papst persönlich 1059 im Konkordat von Melfi abgesegnet und gutgeheißen worden war. Als 130 Jahre später der letzte normannische König Wilhelm II. 1189 ohne leiblichen Erben verstarb, ging das ganz Süditalien umfassende Königreich Sizilien an die nächste Erbberechtigte, die Tante des Verstorbenen, Konstanze über. Und damit an die Staufer, denn Konstanze war mit dem römisch-deutschen Kaiser aus der Dynastie der Staufer, Heinrich VI., verheiratet. So kam es, dass der gemeinsame Sohn Konstanzes und Heinrichs, Friedrich, mitten in eine arabisch-byzantinisch-normannisch geprägte mediterrane Mischkultur hineingeboren wurde.

4. Das 1167 von Wilhelm II. fertiggestellte Schloss La Zisa im Westen Palermos. Es ist im zeittypischen arabisch-byzantinisch-normannischen Mischstil errichtet worden.

5. Karte des Heiligen Römischen Reiches um 1250 zur Zeit des Todes von Kaiser Friedrich II. Was einzig nicht dazu gehörte, ist der violett eingefärbte Bereich in Mittelitalien: das im Besitz des Papstes befindliche Patrimonium Petri.
Herrschaft
Der Sozialisation in der erwähnten Mischkultur wird es neben dem notwendigen Engagement einiger Lehrer und einem hohen Maß an Eigenmotivation zu einem Gutteil zu verdanken sein, dass der junge Friedrich Kenntnisse und Fertigkeiten in gleich mehreren Sprachen erworben hat. Griechisch, Latein, Hebräisch, Arabisch, Französisch, Provençalisch, das als Frühform des Italienischen geltende Volgare und Deutsch haben, soviel ist sicher, dazu gehört. Sicher ist auch, dass die Vormundschaft des Knaben, der im Alter von knapp vier Jahren Vater und Mutter verloren hatte, kein Geringerer als Papst Innozenz III. persönlich übernahm. Und zwar über einen Zeitraum von zehn Jahren bis zum Dezember 1208. Die sich darin ausdrückende besondere Beziehung zum am Tiber weilenden Erben des Apostelfürsten Petrus war keine einmalige Angelegenheit, sondern vielmehr ein früh geknüpftes Band. Welches unter veränderten Vorzeichen zum lebenslangen Begleiter und zum Strukturproblem von Friedrichs kaiserlicher Herrschaft werden sollte.
Was alle Päpste – auf Wahrung ihrer territorialen Interessen eifersüchtig bedachte Machtpolitiker, die sie neben der Ausübung ihres geistlichen Amtes eben auch waren – umgetrieben hat, war die verständliche Sorge, nicht von Norden und Süden zugleich in eine Art von Umklammerung zu geraten. Ihrem mittelitalischen Besitz, dem seit der Pippinischen Schenkung im 8. Jahrhundert beträchtlich erweiterten Patrimonium Petri (s. Abb. 5), ist mit der Krönung des Staufers Friedrich im Mai 1198 im Dom von Palermo zum König Siziliens und damit ganz Süditaliens und derjenigen zum römisch-deutschen Kaiser im November 1220 in Rom genau das widerfahren. Dass zuvor vom zum hochrangigsten Herrscher im Abendland frisch Gekrönten zahllose Widerstände insbesondere in Person des welfischen Gegenspielers Otto IV. zu überwinden waren, braucht hier nicht weiter erörtert werden.
Als Kaiser Friedrich II. im Juni 1228 von Brindisi aus zum Kreuzzug zur Befreiung wichtigster Stätten des christlichen Glaubens ins Heilige Land – wie schon sein Großvater väterlicherseits Barbarossa – aufbrach, tat er dies aufgrund eingetretener zeitlicher Verzögerungen als Exkommunizierter. So sehr war er bei Papst Gregor IX. verhasst. In Akkon an der Levanteküste angekommen, versagten ihm deswegen die Templer und Johanniter die Gefolgschaft. Ein Gelingen der Mission schien in weite Ferne gerückt. Einzig die Ritter des Deutschen Ordens hielten ihm unverbrüchlich die Treue. Das Unerwartete gelang dennoch zur Überraschung wohl aller. Auf dem Verhandlungsweg ohne den Einsatz militärischer Mittel konnte ein erheblicher Erfolg erzielt werden. Jerusalem und weitere Orte wurden vom Sultan abgetreten. Christliche Pilger hatten damit wieder Zugang zu den von ihnen verehrten Stätten.

6. Kaiser Friedrich II. (links) in zum Abschluss des Vertrages von Jaffa im Februar 1229 führenden Verhandlungen mit Sultan al-Kamil.
Illustrieren die Verhandlungen mit Sultan al-Kamil einen wichtigen Aspekt der vom Kaiser initiierten Außenpolitik, so steht die 1231 unter dem Titel „Konstitutionen von Melfi“ bekannt gewordene Sammlung von Gesetzen für den wegweisenden Umgang mit innenpolitischen Erfordernissen. Wie grundlegend dabei etliche Problemfelder im Königreich Sizilien erkannt und geklärt in rechtlich verbindliche Regelungen überführt worden sind, belegt allein schon die lange Geltungsdauer vom Hochmittelalter bis in napoleonische Zeit der allermeisten der 219 Einzelgesetze. Festgeschrieben wurde hier etwa das Verbot der gewaltsamen Selbsthilfe im Sinne der Selbstjustiz zugunsten eines allein der königlichen Justiz zustehenden Rechts zur Strafverfolgung. Das bis dahin selbstverständliche Gerichtswesen der Stände wurde ebenso eingeschränkt. Oder die Trennung der Berufe des Arztes und des Apothekers wurde in den „Konstitutionen von Melfi“ fixiert. Ärzte durften fortan keine Apotheke besitzen bzw. an einer beteiligt sein. Um Wucher zu verhindern, wurden Arzneimittelpreise festgeschrieben. Entsprechend ausgebildete und qualifizierte Mitarbeiter in der Staatsverwaltung wie an den Gerichten oder im Gesundheitswesen wurden daher benötigt. Seit 1224 konnte ein diesbezügliches Studium an der von Friedrich II. neu gegründeten Universität von Neapel – einer der ältesten überhaupt – oder in Salerno absolviert werden. Niemand musste zu diesem Zweck mehr ins kaiserfeindliche Bologna gehen.

7. Die bekannteste architektonische Hinterlassenschaft Kaiser Friedrich II.: Castel del Monte in Apulien.

8. Hat für die achteckige Grundrissfigur des von 1240 bis 1250 erbauten Schlosses die Pfalzkapelle Karls des Großen Pate gestanden?
Den persönlichen Ansatz, den Dingen mit wissenschaftlicher Akribie auf den Grund gehen zu wollen, können wir wohl am nachdrücklichsten beim Lieblingsthema der Falknerei beobachten. Friedrich II. tritt uns hier als Verfasser eines Buches mit dem Titel „Über die Kunst mit Vögeln zu jagen“ (De arte venandi cum avibus) entgegen. Im Vordergrund stehen Fragen des Fangs und der Zähmung von Falken. Des Weiteren werden über einhundert Vogelarten beschrieben, wodurch das Buch uns heute als eine der wichtigsten Quellen für die Zoologie im 13. Jahrhundert gilt.

9. Auch die Deutsche Bundespost hat der Jagdleidenschaft Kaiser Friedrich II. anlässlich seines 800sten Geburtstags ihre Referenz erwiesen.
In seinen letzten Lebensjahren erschwerte ihm wieder einmal der Papst das Sein. Ein im Juli 1245 von Innozenz IV. nach Lyon einberufenes Konzil erklärte Friedrich II. für abgesetzt. Eine mit Kritik nicht geizende Absetzungsbulle machte anschließend die Runde. Doch weder davon noch von einem auf ihn verübten Mordanschlag im März 1246 ließ sich der konflikterprobte Kaiser anfechten. Im Dezember 1250 ereilte ihn dann doch der Tod. Ob eine Blutvergiftung oder Typhus todesursächlich waren, wir wissen es nicht genau.
Der Mythos vom modernen Herrscher auf dem Kaiserthron lebt bis heute fort.
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