Architektur der Gotik

„Bei aufmerksamer Betrachtung stellen wir fest, dass viele der herausragenden Schöpfungen des 20. Jahrhunderts ein ganzes Bündel von Errungenschaften aufgreifen, bereichern und aktualisieren, die zwischen 1140 und 1350 im Nordwesten Europas gemacht worden sind. Ihnen haben Architekten wie Poelzig, Bruno Taut, Mies van der Rohe, Gropius, Niemeyer, Gaudí, aber auch Nervi, Gaudin oder Gehry einen großen Teil ihrer Baukunst zu verdanken. Die Architektur der Moderne hat sich durch ihre Befreiung vom klassischen Ideal zugleich die Möglichkeit verschafft, Inspirationen für das zu gewinnen, was dieses Ideal verhindert hat: die statische und ästhetische Neudefinition der Wand, die Einführung selbsttragender Konstruktionen, die Verwendung vorgefertigter, standardisierter Elemente und, sicher vor allem: eine klare, durch die Form vermittelte Lesbarkeit der Funktion.“

Roland Recht, frz. Kunsthistoriker, Antrittsvorlesung am Collège de France im März 2002

Einleitung

Bei allen Unterschieden, von denen die Rede sein wird, sein muss: Eine grundlegende Gemeinsamkeit eint die Architekturstile der Romanik und der Gotik dann doch. Bauhandwerklich wie künstlerisch-ästhetisch sind sie beide als gesamteuropäische Phänomene in Erscheinung getreten und dementsprechend zu würdigen. Des Weiteren haben sie der im christlichen Glauben wurzelnden geistig-mentalen Verfassung des Hoch- und Spätmittelalters gemäß im Sakralbau, sprich der Kirche, ihre noch heute weithin sichtbare Hauptaufgabe gefunden.

Wo hingegen bunte, mit farbenprächtigen Malereien versehene Glasfenster den aus statischen Gründen für bis dato als notwendig erachteten geschlossenen Wandaufbau durchbrechen, der Spitz- den Rundbogen verdrängt, ein aus Strebebögen und -pfeilern bestehendes Strebewerk in Erscheinung tritt, wo an den sich kreuzenden diagonalen Graten aus Steinen gemauerte Bögen, die Kreuzrippen, sich mit einem Schlussstein an deren Kreuzungspunkt zu einer Deckenkonstruktion namens Kreuzrippengewölbe symmetrisch zusammenfinden, da entfaltet allein der Architekturstil der Gotik seine Wirksamkeit.

Gotischer_Bogen

1. Konstruktionszeichnung eines gotischen Spitzbogens. Ein Architekturelement ursprünglich islamischen Ursprungs, dessen Adaption vielfältige Kulturkontakte zwischen Europäern und Arabern z. B. beim Kreuzzugsgeschehen bzw. beim Handel im mediterranen Raum widerspiegelt.

Catedral_de_Salisbury,_Salisbury,_Inglaterra,_2014-08-12,_DD_56

2. Westfassade der im Early English Style, dem insularen Ableger der kontinentaleuropäisch festländisch geprägten Gotik, von 1220 bis 1266 erbauten Kathedrale von Salisbury. Die dreischiffige Emporenbasilika mit zwei Querhäusern ist überreich mit Blendarkaden, Fenstern und Portalen in Spitzbogenform versehen.

Und dennoch warten manche Analysen der Kunstgeschichte bzw. der historischen Bauforschung mit gewissen folgenreichen Unschärfen auf. Anders formuliert: Während in der Fachliteratur Einmütigkeit darüber herrscht, den allgemeinen Ursprung der Gotik in Nordfrankreich, noch präziser im seinerzeit auch politisch aufstrebenden als Île-de-France bezeichneten Großraum Paris regional zu verorten, so können die Meinungen, die die grundsätzliche stilistische Zuordnung einzelner Bauwerke betreffen, durchaus voneinander abweichen.

Was damit konkret gemeint ist, wird sehr wahrscheinlich deutlicher bei aufmerksamer Betrachtung der Westfassade der als Grablege der allermeisten französischen Könige und Königinnen fungierenden Kathedrale von Saint-Denis, einer ehemaligen Abteikirche. Auf energische Initiative einer der bedeutenderen hochmittelalterlichen Persönlichkeiten, des Abtes Suger, ist hier vor Ort nördlich von Paris 1137 zunächst mit der Grundsteinlegung der Westfassade mit romanischen Stilelementen (s. Abb. 3) und danach drei Jahre später, 1140, an demselben Sakralbau mit der Konstruktion eines mit charakteristisch gotischem Kreuzrippengewölbe versehenen Chores begonnen worden. Am Ende des Tages haben unwillkommene Verzögerungen in der Bautätigkeit dazu geführt, dass das ebenfalls dazugehörige Langhaus nicht vor 1281 fertiggestellt werden konnte.

Saint-Denis,_Kathedrale,_Außenansicht_(1)

3. Kathedrale von Saint-Denis. Eingangsportale, Blendarkaden und Fenster sind noch immer im romanischen Rundbogen- und noch nicht im gotischen Spitzbogenstil wie z. B. in Salisbury (s. Abb. 2) gestaltet.

Es gibt demnach im Ergebnis also gute Gründe in Saint-Denis den ersten gotischen Kirchenbau überhaupt sehen zu wollen. Andererseits erkennen aufgrund der von mir erwähnten Unschärfen (s. o.) – im Sinne eines Stileklektizismus – einer konkurrierenden Betrachtungsweise zufolge, nicht wenige Fachleute in der Kathedrale Saint-Denis als Stein gewordenes Zeugnis der französischen Frühgotik nicht mehr als eine Vorstufe, ein Proömium, zur eigentlichen klassischen, in Frankreich als Gothique classique firmierenden Gotik. Die dieser Logik zufolge erst ein gutes halbes Jahrhundert später mit Chartres 1194 und danach Bourges 1195 einsetzt.

Die Kathedrale von Chartres

An der Stelle, an der sich heute die von 1194 bis 1260 errichtete Kathedrale von Chartres, die Cathédrale Notre-Dame de Chartres, befindet, hatte es zuvor schon einige Vorgängerbauten gegeben. Ob sie nun durch marodierende Westgoten oder Wikinger bzw. eine Feuersbrunst zerstört worden waren, die gegenwärtig kaum 40.000 Einwohner zählende Stadt Chartres hatte als Wallfahrtsort für Pilger schon immer eine immense Bedeutung inne. Was unmittelbar damit zu tun hat, dass sich hier der Aufbewahrungsort einer der wichtigsten Reliquien des christlichen Glaubens befindet. Konkret geht es um die sogenannte Sancta Camisia, womit dasjenige Hemd, ein ungefähr 30 x 30 cm großes Fragment einer Tunika, bezeichnet wird, das Maria bei der Verheißung der Geburt Jesu durch den Erzengel Gabriel getragen haben soll. Eine legendenhafte Überlieferung mithin, die indes für zahlreiche Gläubige den Ausgangspunkt für Marienwallfahrten bildete. Und für die Stadt Chartres aufgrund der um Kost und Logis nachsuchenden Besucher der bei weitem bestimmende ökonomische Faktor war.

Chartres_-_Cathédrale_1

4. Ein weithin sichtbares Meisterwerk der Gotik: die Kathedrale von Chartres.

 

Chartres_Cathédrale_Notre-Dame_de_Chartres_Innen_Langhaus_Gewölbe

5. Die Deckenkonstruktion des typisch gotischen Kreuzrippengewölbes als oberer Abschluss des Mittelschiffs der Kathedrale von Chartres. Die Gewölbehöhe beträgt 36,5 Meter.

 

Chartres_Cathédrale_Notre-Dame_de_Chartres_Innen_Nordenster

6. Nordrose von Chartres. Im Zentrum der Darstellung Madonna mit dem Kinde. Mit dem für seine Reinheit bekannten Chartres-Blau wurde im Hochmittelalter eine neue Glasfarbe geheimer Zusammensetzung entwickelt. Die eigentümliche Färbung des Glases beruht auf der Verwendung von aus dem sächsischen Erzgebirge stammenden Kobalt.

 

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7. Noch einmal Chartres. Weitgehend geschlossene Wandflächen konnten zugunsten großer, im vorliegenden Fall verglaster Fensterflächen aufgegeben werden. Die statisch wirksamen Lasten wurden durch ein ausgeklügeltes System von Strebebögen und -pfeilern nach außen abgeleitet.

 

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8, Ein Eingangsportal desselben Sakralbaus mit reichem Skulpturenschmuck.

Blick nach England

Neben der bereits erwähnten Kathedrale von Salisbury (s. Abb. 2) gilt diejenige von Wells in der Nähe von Bristol als eines der Haupt- und Meisterwerke der englischen Frühgotik, dem Early English Style. Während die Datierungen für den Early English Style in der einschlägigen Literatur durchaus schwanken können – 1170 bis 1240 wurde ebenso wie 1190 bis 1250 vorgeschlagen -, können die vorausgehenden (Norman Style) wie nachfolgenden (Decorated Style) Architekturstile präzise benannt werden. 

Als ein charakteristisches Element des Norman Style, der ja die angelsächsische Entmachtung und Eroberung Englands durch die Normannen als Ergebnis der Schlacht von Hastings 1066 voraussetzt, können wir die massiv wirkende und die Vertikale eindeutig betonende zweitürmige Westfassade im Kirchenbau bestimmen. Wir finden sie zunächst vollständig ausgebildet und durchgeformt im normannischen Stammland, der 911 als Gegenleistung für künftiges Wohlverhalten Rollo dem Wikinger als Lehen überlassenen Normandie. 

façade ouest, XIe

9. Doppeltürmige Westfassade (Höhe Nordturm: 82m, Höhe Südturm 80m) von St. Étienne in Caen. Von den Normannen noch im romanischen Stil ab 1060 erbaut und nach 1090 fertiggestellt. Mit weitreichenden Auswirkungen für den in England wirksamen Norman Style. Bei den Kirchturmspitzen handelt es sich um Hinzufügungen späterer Zeit.

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10. Die doppeltürmige Westfassade der ab 1093 im Norman Style erbauten Kathedrale von Durham im Nordosten Englands.

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11. Die Westfassade der im Early English Style errichteten Kathedrale von Wells betont mehr die Horizontale im Gegensatz zum Sakralbau im Norman Style.

Während im sowohl den Kirchenbau in England wie in Frankreich beeinflussenden Norman Style die Zweiturmfassade fraglos ihre Vorbildwirkung entfalten konnte, wusste man sich im nachfolgenden Early English Style durch bewusst eine Nachzeichnung des Raumquerschnitts verneinende vorgesetzte Schirmfassade wie in Wells (s. Abb. 11), in Salisbury (s. Abb. 2) oder nachträglich in Peterborough den diesbezüglichen baukünstlerischen  Einflüssen aus Frankreich wirkungsvoll zu entziehen.

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12. Vergleichende Grundrisspläne mittelalterlicher englischer Kathedralen. Bei derjenigen von Wells (J) ist zu sehen, dass das oktogonale, erst 1319 fertiggestellte Kapitelhaus (Chapter House) bereits dem Decorated Style zugeordnet wird.

 

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13. Die zur Verstärkung der Vierungspfeiler vermutlich erst in den 1350er Jahren eingezogenen Scherenbögen in Wells gehören ebenfalls dem Decorated Style an.

Backsteingotik

In früheren Jahrzehnten – insbesondere in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts – ist die Backsteingotik gern als norddeutsches Phänomen oder mit nationalistischer Konnotation als wesenskonformes bauliches Symbol von Organisationen wie der Hanse oder auch des Deutschen Ordens interpretiert worden. Trotz vieler, eine derartige Denkrichtung stützender Belege greift eine solche Verengung des Blicks gleichwohl zu kurz. Denn beim Betrachten einer Verbreitungskarte (s. Abb. 14) zeigt sich, dass mit Zentralspanien, Südfrankreich und dem nördlichen Italien Regionen Gebäude im Stil der Backsteingotik beherbergen, denen keine näheren Verflechtungen zur Hanse und zum Deutschen Orden nachgesagt werden können. Kurzum: Wo im Mittelalter in Ermangelung von Natursteinvorkommen zu Bauzwecken auf tonhaltigen Lehm zum Brennen von Ziegeln (=Backsteinen) zurückgegriffen werden musste, dort darf man – eigentlich wenig überraschend – Gebäude der Backsteingotik erwarten.

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14. Verbreitungskarte Backsteingotik.

Die Lübecker Marienkirche

Eines der Vorbilder, an denen sich die Baumeister der Lübecker Marienkirche orientiert haben, ist die Kathedrale von Reims gewesen (s. Abb. 15). Im gravierenden Unterschied dazu hat man in der norddeutschen aufstrebenden Hansestadt beim Bau der Marienkirche, ebenfalls einer dreischiffigen Basilika, anstatt auf dunkleren Granit oder helleren Kalkstein auf gebrannte Ziegel gesetzt (s. Abb. 16). Zwar will eine alte Sage davon wissen, der Teufel sei persönlich bei der von 1265 bis 1351 andauernden Errichtung des Sakralbaus in der Fehlannahme es handele sich um diejenige eine Wirtshauses beteiligt gewesen, doch wird die damalige Realität in einer anders gelagerten Begründung zu suchen sein. Die zu einigem Wohlstand gelangten erfolgreichen Kaufleute und Fernhändler der seit 1226 reichsfreien Stadt wollten ganz in der Nähe des Rathauses als Symbol des Bürgerstolzes einen ganz bewussten Gegenpol zur etwas älteren Bischofskirche von Lübeck, dem romanisch-gotischen Dom setzen. Was ihnen mit dem neuen Gotteshaus und seinen 125 Meter hohen Türmen zweifelsohne gelungen ist. Als ein mit der hier vor Ort gegebenen Konkurrenzsituation vergleichbares Phänomen lässt sich die Lage in einer anderen wichtigen Handelsstadt deuten. Von 1451 bis 1807 war nicht der Markusdom in Venedig, sondern San Pietro di Castello die Kathedralkirche des bedeutendsten lokalen Kirchenfürsten, des Patriarchen.

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15. Die Kathedrale von Reims wurde als dreischiffige Basilika in den Jahren von 1211 bis 1311 errichtet. Während weite Teile des Sakralbaus im als Gothique classique bezeichneten Stil (s. o.) gehalten sind, gilt dieser Befund für die hier abgebildete Westfassade mit ihren weitläufigen Fensterflächen nicht. Sie wird bereits der Gothique rayonnant zugerechnet. Unbedingt beachtenswert sind die qualitätvollen Steinmetzarbeiten des aus geometrischen Mustern bestehenden Maßwerks.

 

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16. Luftbild der Marienkirche in Lübeck. Gut zu erkennen ist das gemäß dem klassischen basilikalen Schema erhöhte Mittelschiff.

 

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17. Die vom Mittelschiff der Marienkirche ausgehenden Strebebögen und -pfeiler bilden gemeinsam das Strebewerk. Eine Innovation der Gotik.

 

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18. Blick vom Mittelschiff der Marienkirche hoch zum Triforium und den Licht spendenden Obergaden.

 

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19. Mit einer Höhe von 38,5 Metern ist die Marienkirche der Backsteinbau mit dem am höchsten gelegenen Kreuzrippengewölbe.

Damit hoffe ich, dass es mir gelungen ist einige erhellende Einsichten in die Formensprache gotischer Sakralbauten vermittelt zu haben. Profanbauten in diesem Stil werden an anderer Stelle von mir thematisiert werden. 

Im nächsten Beitrag wird es um die Merkmale der zukunftsweisenden Epoche des Spätmittelalters gehen.

Bildnachweis © 1 F. Broer, CC BY-SA 3.0, unverändert; 2 Diego Delso, CC BY-SA 4.0, unverändert; 3 Cmcmcm 1, CC BY-SA 4.0, unverändert; 4 Marianne Casamance, CC BY-SA 3.0, unverändert; 5 Zairon, CC BY-SA 4.0, unverändert; 6 Zairon, CC BY-SA 4.0, unverändert; 7 JopkeB, CC BY-SA 4.0, unverändert; 8 Fab5669, CC BY-SA 4.0, unverändert; 9 PMRMaeyaert, CC BY-SA 3.0, unverändert; 10 Bryan Pready, CC BY-SA 2.0, unverändert; 11 Diliff, CC BY-SA 3.0, unverändert; 12 Sir Banister Fletcher (1866-1953)Fletcher, Banister (1946) A History of Architecture on the Comparative Method (17th ed.), Category:New YorkCharles Scribner’s Sons ISBN: 0750622679, gemeinfrei; 13 Tilman2007, CC BY-SA 4.0, unverändert; 14 Ulamm (talk), CC BY-SA 4.0, unverändert; 15 Clelie Mascaret, CC BY-SA 4.0, unverändert; 16 Carsten Steger, CC BY-SA 4.0, unverändert; 17 Andreas Praefcke, CC BY 3.0, unverändert; 18 DerHHO, CC BY-SA 3.0, unverändert; 19 T meltzer, CC BY-SA 4.0, unverändert;

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