Das mittelalterliche Rathaus als baulicher Ausdruck eines breiten und zunehmend immer umfangreicheren Aufgabenspektrums der städtischen Selbstverwaltung

Nur allzu gerne möchte man zu Gast in einer aufwendig mit viel Liebe zum Detail restaurierten fast schon filmreifen Kulisse einer mittelalterlichen Stadt, ob nun hierzulande oder anderswo in Europa, im örtlichen Rathaus den Stein gewordenen Ausdruck des Bürgerstolzes, der Selbstbehauptung vieler zumeist namenloser längst verstorbener Einwohner gegen die obrigkeitlichen Ansprüche eines mehr oder weniger selbstherrlich agierenden weltlichen oder geistlichen Landesherrn sehen. Eine nicht zu hinterfragende Selbstverständlichkeit. Doch geht diese einfache Rechnung tatsächlich so auf?

Die Dinge lagen gewiss etwas komplizierter, als dass der historischen Wahrheit mit derart pauschalen Wertungen, mit holzschnittartigen groben Vereinfachungen nahe zu kommen wäre. Eine Episode aus Worms, neben Speyer und Mainz Standort eines der drei von der historischen Bauforschung stets von neuem ins Visier genommenen romanischen Kaiserdome, mag veranschaulichen, welche Faktoren ins Thema mit hineinspielen konnten. Seit alters her war es hier ganz in der Nähe des Doms St. Peter zu Worms üblich im Bischofspalast, auf dessen vorgelagerter Freitreppe Verkündigungen, Huldigungen, Eidesleistungen sowie weitere die Gemeinschaft betreffende kommunikative Akte in aller Öffentlichkeit vorgenommen wurden, zum Zweck von Verhandlungen und Vertragsabschlüssen zusammenzutreffen. Als der erst seit wenigen Jahrzehnten existente, von Kaiser Friedrich I. Barbarossa legitimierte Stadtrat um 1230 ein Haus in der räumlich vom Bischofshof abgetrennten Hagenstraße erwarb, es anschließend umbaute, damit es zukünftig für Beratungen anstelle des Bischofspalastes genutzt werden konnte, schritt der den teilweisen Verlust seiner umfangreichen Kompetenzen und eine Schmälerung der eigenen stadtherrlichen Position fürchtende Bischof ein. Eine kaiserliche Übertragung besagten Hauses an die Kirche konnte bereits zwei Jahre darauf erwirkt und ein folgenschwerer Abriss vorgenommen werden. Über dreißig Jahre vergingen – inzwischen war die in der historischen Rückschau nicht unwichtige zeitliche Schwelle vom Hoch- zum Spätmittelalter überschritten – bis zum nächsten Versuch des Rates die gemeindlichen Belange in Eigenregie und baulich getrennt vom klerikalen Zentrum zu übernehmen. Wiederum regte sich Widerstand. Zwar kam es zur dauerhaften Errichtung eines städtischen Gebäudes, doch der Bischof setzte durch, dass es nur als Zeughaus, das heißt als Aufbewahrungsort für Waffen, Rüstungen und sonstige militärische Ausrüstungsgegenstände, fungieren durfte. Erst für das Jahr 1495 erlangen wir dann glaubwürdige Kunde davon, dass das als Bürgerhof bekannte Zeughaus tatsächlich als Rathaus angesprochen worden ist, somit als solches nunmehr Geltung erlangt hat. Womit ein über 265 Jahre sich zäh wie Gummi arabicum hinziehender Prozess trotz aller Obstruktionen mit Zwischenschritten zu seinem wohlverdienten Abschluss gekommen ist.

Leider sind die erwähnten mittelalterlichen Bauwerke in der Nibelungen- und Lutherstadt allesamt im Zuge des Pfälzischen Erbfolgekrieges 1689 komplett zerstört worden. Einzig ein Kellergewölbe des Bischofshofes unter dem Heylsgarten hat die Verwüstungen überstanden. Anderenorts hingegen ist die Überlieferungslage günstiger.

Köln

Einzelne immer noch hervorragend sichtbare Bauglieder und Gebäudeteile des Rathauses in Köln (s. Abb. 1), dessen wohl bekanntester Hausherr im 20. Jahrhundert der von hier aus im März 1933 vor den Nachstelllungen eines nationalsozialistischen Mobs fliehende Oberbürgermeister und nachmalige Bundeskanzler Konrad Adenauer gewesen sein dürfte, reichen tatsächlich bis an den Beginn seiner Entstehungszeit zurück, so dass es im Allgemeinen als das älteste seiner Art hierzulande gilt.

Zwar ist in einem alten Dokument aus den 1130er Jahren bereits von einem Haus, in dem die Bürger zusammenkommen die Rede (domus in quam cives conveniunt), doch wird der eigentliche Baubeginn des gegenwärtig auch im Rahmen von öffentlichen Führungen zugänglichen Objektes in unmittelbarer Nachbarschaft zur antiken römischen Stadtmauer der Colonia Claudia Ara Agrippinensium um das Jahr 1310 herum datiert. Tatsächlich wissen wir über das Erdgeschoss, wo es schon im Verlauf des 16. Jahrhunderts zu massiven Umplanungen gekommen ist, weniger als über die grundlegende Gestalt des Obergeschosses. Was sich für die unten gelegenen Räume – im Gegensatz zu nicht wenigen anderen mittelalterlichen Rathäusern – wohl ausschließen lässt, ist die Funktion einer Markthalle. Vielmehr lassen die Schriftquellen auf die hier befindlichen Wohnungen sowohl des Burggrafen als auch des Stadtschreibers schließen. Des Weiteren könnten die Schöffenkammer, die Rentenkammer, die kleine Ratsstube und die Kammer des Ratsdieners als Räumlichkeiten im Parterre zu lokalisieren sein, während der Engere und Weitere Rat sowie die Vierundvierziger hier getagt haben. Paritätisch zusammengesetzt aus je zwei Vertretern der mit den traditionellen Zünften wie den Tuchscherern, Weißgerbern, Kürschnern, Bürstenbindern und anderen weitgehend kongruenten Gaffeln, waren die eine lokalpolitische Besonderheit konstituierenden Vierundvierziger zwingend vom Rat bei bedeutsamen Beschlüssen, wie denjenigen über Krieg und Frieden, hinzuzuziehen.

Äußerlich von ihren gewöhnlichen Mitbürgern unterschieden, war es für die Kölner Ratsherren seit 1478 Pflicht einen schwarzen Tappert als Amtsrobe zu tragen. Bei repräsentativen Anlässen führten sie zudem einen braunen Amtsstab mit sich, während die Bürgermeister seit dem Jahr 1400 nach ihrer Wahl zwei Zeremonienstäbe erhielten. Fast unweigerlich denkt man an die höhere Amtsträger der römischen Republik begleitenden Liktoren mit ihren Rutenbündeln, den fasces, wenn man sich vergegenwärtigt, dass auch die hiesigen vom Rat aus ihrer Mitte zu wählenden zwei Bürgermeister in der Öffentlichkeit von zwei Stabjungen mit besagten Zeremonienstäben flankiert worden sind. 

Rathausturm Koeln - Ansicht von Nordost

1. Der skulpturengeschmückte 61 Meter hohe fünfgeschossige Rathausturm in Köln wurde von 1407 bis 1414 erbaut. Unter anderem der Lagerung von Urkunden, Privilegien und Geldbriefen dienend, wird das in der Art eines Kirchturms in die Höhe strebende Bauwerk stilistisch der Brabanter Gotik zugerechnet.

Lakenhalle Cloth Hall and Belfry

2. Zum Vergleich: Mit dem Bau des 95 Meter hohen Belfrieds in Gent wurde 1314 begonnen. Speziell in Nordfrankreich und Belgien als Bautyp beliebt, kann der Belfried als bewusster Gegenentwurf zum kirchlichen Glockenturm, einem weithin sichtbaren Symbol geistlicher Macht, verstanden werden. Als Geheimarchiv Verwendung findend, ist er mit der benachbarten Tuchhalle, deren Baubeginn 1425 erfolgte, direkt verbunden.

Hansasaal, Rathaus Köln

3. Wieder zurück im Kölner Rathaus: Der Hansasaal aus dem 14. Jahrhundert war einst Tagungsort der Hanse, Gerichtssaal und diente dem Rat zu Repräsentationszwecken. Im letzten Weltkrieg ausgebrannt, ist er in seiner gotischen Ursprungsgestalt mit Maßwerksverblendungen an den Wänden und einer Grundfläche von über 200 Quadratmetern möglichst originalgetreu wiederhergestellt worden.

 

1938_Rathaus_Köln,_Hansasaal

4. Derselbe Hansasaal in einer Aufnahme aus dem Jahr 1938.

Bamberg

Was sich an innerstädtischen Konflikten in Worms beim lange vergeblichen Versuch der Bürger ein ihren Interessen und Angelegenheiten gewidmetes Gebäude zu errichten zugetragen hat (s. o.), scheint hinsichtlich der Entstehungsgeschichte des Bamberger Rathauses gewisse Parallelen zu finden. Eine alte Sage will davon wissen, ein hartherziger Bischof habe sich dem ihm von den Bürgern der Stadt vorgetragenen Ansinnen verweigert, etwas von seinem Grund und Boden für die Errichtung eines Rathauses herzugeben. Somit blieb den Bürgern keine andere Wahl als die Schaffung einer künstlichen Insel auf Pfählen in der den Ort durchfließenden Regnitz. Wie in Venedig. Im Zuge dieser Maßnahmen ist es um 1386 zur Verlegung des örtlichen Rathauses auf die Regnitzbrücke gekommen, wo sich bereits seit einigen Jahrzehnten ein Turm mit der Sturmglocke befunden haben soll. Gemäß der geographischen Situation Bambergs lässt sich begründet schlussfolgern, dass es damit zu einer Neumarkierung der alten Herrschaftsgrenze zwischen bischöflicher Berg- und bürgerlicher Inselstadt gekommen ist. Zuzüglich einer Neujustierung der wechselseitig gepflegten Beziehung.

Altes_Rathaus_(Bamberg)_(37984367316)

5. Das Alte Rathaus in Bamberg ist ab 1461 bis 1467 auf der Regnitzbrücke erbaut worden. Im Obergeschoss des Fachwerkbaus mit Dreiecksgiebel hat sich eine Räumlichkeit der Weinprüfer befunden.

 

Altes_Rathaus_Bamberg_Juni_2020_2

6. Die Luftaufnahme aus dem Jahr 2020 verdeutlicht die Dreiteilung des Gebäudekomplexes in einen kleineren Fachwerkbau im Norden, die daran anschließende Tordurchfahrt und das eigentliche Rathaus. Massive Umbaumaßnahmen des 18. Jahrhunderts ändern nichts an der Tatsache der im Kern gotischen Bausubstanz.

 

Geyerswoerth_Altes_Rathaus_Bamberg

7. Der historische Stadtplan Bambergs stammt zwar nicht aus dem Mittelalter, sondern aus dem 16./17. Jahrhundert. Er vermittelt nichtsdestoweniger einen vorzüglichen Eindruck davon, wie es hier früher ausgesehen hat.

Multifunktionalität

Dass das mittelalterliche Rathaus als Regierungsgebäude innerhalb des jeweils vorgegebenen Rahmens der territorialen Verhältnisse, wir würden heute von örtlicher Zuständigkeit sprechen, fungiert hat, ist naheliegend. Die Ratssitzungen, deren Termine und deren Ablauf im Normalfall nicht dem Zufall überlassen, sondern genau festgelegt waren, haben zwei- bis dreimal wöchentlich stattgefunden, wobei die Teilnehmenden unter lautem Glockengeläut zusammengerufen wurden.

Gerichtsverfahren haben hier jedoch ebenso in Ermangelung eigens der Göttin Iustitia gewidmeter  Gebäudekomplexe ihren Verlauf genommen. Wobei zwischen dem Niedergericht, das irgendwo unter freiem Himmel oder unter der Laube tagen konnte, und der im Falle eines Falles nachfolgenden Berufungsinstanz bzw. dem für schwerwiegende Kapitalverbrechen zuständigen Ober- oder Hochgericht, das im Gebäudeinneren des Rathauses bei geöffneten Türen prozessierte, zu unterscheiden ist. 

Das alte mehrgeschossige und mit einem Staffelgiebel versehene Rathaus in Dortmund (s. Abb. 8) verfügte in seinem Erdgeschoss über eine solche eingezogene kreuzrippengewölbte Laube (s. o.) zu Gerichtszwecken. Bestehend aus zwei Jochen, die sich zum Marktplatz hin in einer Doppelarkade und zu den Seiten jeweils in einem flacheren gotischen Spitzbogen geöffnet haben. Von der mittig gelegenen, ins Gebäudeinnere führenden Freitreppe aus wurden schließlich die Urteile der anhängigen Verfahren verkündet bzw. konnten andere die Allgemeinheit betreffende Bekanntgaben vorgenommen werden.

Die_Gartenlaube_(1899)_b_0644

8. Auf den ursprünglichen Zustand von 1240 führt die in den Jahren von 1897 bis 1899 vorgenommene Rekonstruktion des Dortmunder Rathauses zurück. Es musste Mitte der 1950er leider wegen der im Weltkrieg erlittenen Schäden abgerissen werden.

Davon einmal abgesehen konnte das Rathaus auch im Wirtschaftsgefüge einer mittelalterlichen Stadt eine prominente Position einnehmen. In diesem Kontext ist es zum besseren Verständnis der Sachlage notwendig ein paar Bemerkungen zum Thema Stapelrecht in die Runde zu werfen. Was sinngemäß in den Worten des Ökonomen Joseph Schumpeter bedeutet, dass die Städte selbst die durchziehenden Kaufleute gezwungen haben, ihre Waren vor Ort anzubieten, wobei sie den lokal variierenden, eher für die Einheimischen günstigen Bedingungen unterworfen waren. Dieses Stapelrecht hat sich vom 13. Jahrhundert an von Genua und Venedig ausgehend über ganz Europa bis nach England und Russland verbreitet. Für den deutschen Sprachraum galt das Stapelrecht z. B. für Hannoversch Münden, Köln, Mainz, Frankfurt am Main, Heilbronn, Neuss, Minden, Frankfurt an der Oder, Görlitz, Berlin, Magdeburg, Itzehoe, Erfurt, Wien, Lübeck, Hamburg, Rostock, Stade, Bremen, Bozen, Leipzig und Lüneburg. Kaufleute mussten hier vor Ort ihre Waren für einen bestimmten Zeitraum abladen und anbieten. Bisweilen war es möglich sich durch Entrichtung einer Gebühr, des Stapelgeldes, von der Stapelpflicht befreien zu lassen.

01_Stralsund_Rathaus_Marktplatz_003

9. Der Baubeginn des im Stil der norddeutschen Backsteingotik errichteten Rathauses in Stralsund wird in die Zeit um 1300/1310 datiert. Vom Markt aus wurden durch die Laube Waren wie Tuche und Wein mittels Rutschen in den Keller transferiert.

Stralsund,_Alter_Markt,_Zwischenbau_am_Rathaus_(2008-10-10)

10. Damit alles seine Richtigkeit hatte, musste gemessen und gewogen werden. Diesem Zweck diente die in einem Zwischenbau am Stralsunder Rathaus untergebrachte Stadtwaage.

Altstadt_Hannover_06

11. Im ab 1410 erbauten alten Rathaus von Hannover war der Verkauf von Tuchen im Erdgeschoss einheimischen Händlern vorbehalten, während auswärtige Kaufleute mit dem Obergeschoss vorlieb zu nehmen hatten.

Wer mehr über das in Städten beheimatete wirtschaftliche Gefüge im Mittelalter erfahren möchte, sei auf den hier recht bald erscheinenden Beitrag über die Hanse verwiesen.

Bildnachweis © 1 Raimond Spekking, CC BY-SA 4.0, unverändert; 2 Thomas Quine, CC BY 2.0, unverändert; 3 Raimond Spekking, CC BY-SA 4.0, unverändert; 4 Heinrich Bartmann, GFDL, unverändert; 5 salomon10 from Germany – A7R01079, CC BY 2.0, unverändert; 6 Kasa Fue, CC BY-SA 4.0, unverändert; 7 Georg Braun u. Franz Hogenberg, gemeinfrei; 8 Die Gartenlaube, gemeinfrei; 9 Tilman2007, CC BY-SA 3.0, unverändert; 10 Klugschnacker, CC BY-SA 3.0, unverändert; 11 Arabsalam, CC BY-SA 4.0, unverändert;

 

Hinterlasse einen Kommentar