Die Anfänge
Gleich in mehrfacher Hinsicht ist der bemerkenswerte, über nicht wenige Generationen andauernde wirtschaftliche Erfolg, den der Hanse zugehörige oder nahestehende Städte (s. Abb. 1, 2) für sich verbuchen konnten, in nuce auf einen einst freundschaftlich verbundenen, später dann in Ungnade gefallenen Vetter des Staufers Kaiser Friedrich I. Barbarossa zurückzuführen. Die Rede ist vom – dem Adelsgeschlecht der Welfen entstammenden – Herzog von Sachsen und Baiern: Heinrich dem Löwen. Seiner in diesem Fall an den Tag gelegten Weitsicht ist die Erstellung einer Urkunde mit dem Titel Artlenburger Privileg am 18. Oktober 1161 zu verdanken (s. Abb. 3). Wie im Hochmittelalter üblich auf Latein verfasst, ist das Artlenburger Privileg als Friedensvertrag zu deuten. Etwas im bis dahin überwiegend gedeihlichen Verhältnis der im Text adressierten deutschen Kaufleute und denjenigen von der Ostseeinsel Gotland, dem bis dahin für Waren aller Art bedeutendsten Umschlagplatz des nordischen Binnenmeeres, war aus dem Gleichgewicht geraten. Und harrte darauf wieder ins Lot gebracht zu werden. Zukünftig – so die Vertragsbestimmungen – sollten Gotländer im Machtbereich Heinrich des Löwen die gleichen Rechte und das gleiche Entgegenkommen genießen wie die hier vor Ort heimischen sächsischen Kaufleute und Händler. Unter der Voraussetzung, dass auf Gotland ebenso verfahren würde, das Prinzip der Wechselseitigkeit Bestand hätte. Und es funktionierte. Etwaige Unstimmigkeiten waren ausgeräumt, der Gedanke allseits gedeihlicher wirtschaftlicher Kooperation bestimmte die nähere Zukunft.
Dem zeitgenössischen Chronisten und Geistlichen Helmold von Bosau, Autor der Chronica Slavorum, zufolge spielte Heinrich der Löwe ebenfalls eine eminent wichtige Rolle bei der Wiederbesiedelung einer ungefähr 135 Hektar großen, nur von einer Stelle aus auf dem Landweg zugänglichen Halbinsel am Zusammenfluss von Trave und Wakenitz 1158/59. Helmold weiß davon zu berichten: “ (…) nahm der Herzog die Verhandlungen mir dem Grafen Adolf über Werder und Hafen von Lübeck nochmals auf und versprach viel, falls er seinem Wunsche nachgebe. Endlich gab der Graf nach, tat, wozu die Not ihn zwang, und trat ihm Burg und Werder ab. Alsbald kehrten auf Befehl des Herzogs die Kaufleute freudig zurück, (…) und begannen, Kirchen und Mauern der Stadt wieder aufzurichten. Der Herzog aber sandte Boten in die Hauptorte und Reiche des Nordens, Dänemark, Schweden, Norwegen und Russland und bot ihnen Frieden, dass sie Zugang zu freiem Handel in seine Stadt Lübeck hätten. Er verbriefte dort auch eine Münze, einen Zoll und höchst ansehnliche Stadtfreiheiten. Von der Zeit an gedieh das Leben in der Stadt, und die Zahl ihrer Bewohner vervielfachte sich.“



Warum Lübeck und nicht Schleswig?
Seit jeher gilt Lübeck als Königin der Hanse und weit über Norddeutschland hinaus sind mit diesem so vortrefflich schmückenden Beinamen durchweg positiv konnotierte Assoziationen verknüpft. Fast als unfreiwillige Karikatur der erheblichen Chancen und Möglichkeiten dieses unangefochtenen Handelszentrums der spätmittelalterlichen nordischen Welt mutet es dagegen an, wenn man an das gezwungenermaßen selbstgenügsame Verharren in prekärer Zonenrandlage zur Zeit des Kalten Krieges denkt. Wirft man dagegen einen kurzen Blick zurück auf die Namen der Städte, denen es von 1356 bis 1669 oblag den Hansetag auszurichten, so hatte während dieses 313 Jahre währenden Zeitraums Köln ein einziges Mal 1367 dieses Privileg inne, Bremen war sechsmal Tagungsort, Rostock vierzehnmal, Stralsund siebzehnmal. Doch in Lübeck an der Trave kam man sage und schreibe sechsundsiebzigmal zusammen. Das Jahr des ersten, vor allem der Erlangung der Kontrolle über das bislang unabhängige deutsche Kontor in Brügge gewidmeten Hansetages, 1356, ist dabei nicht als Gründungsdatum zu missdeuten, denn eine Gründung, wie wir sie verstehen, hat es nie gegeben. Vielmehr ist die Hanse aus lokalen Strukturen in zum Teil weit entfernt voneinander liegenden Regionen ganz allmählich zu einer gemeinsamen Handlungsmaximen verpflichteten Organisation angewachsen.

Als Lübeck in den Fokus Heinrichs des Löwen zu rücken begann (s. o.), hat mit dem 102 Kilometer Luftlinie weiter nördlich zu lokalisierenden Schleswig an der Schlei eine bereits seit längerem etablierte Alternative als Ostseehafen zur Verfügung gestanden. In unmittelbarer Nachbarschaft zu Haithabu. Haithabu selbst, ursprünglich um das Jahr 770 vermutlich von friesischen Händlern als Warenumschlagplatz gegründet, geriet ob seiner günstigen Lage nach einiger Zeit in die Hände der auf vermeintlich unaufhaltsamen Expansionskurs befindlichen Wikinger. Eine veritable, mit zweckmäßigen Hafenanlagen versehene Siedlung, zu deren Schutz mächtige Wallanlagen errichtet wurden, entstand. Am nördlichen Rand einer jahrhundertelang seit den Tagen Karls des Großen erbittert umkämpften, von der Eider bis zum Danewerk reichenden Grenzregion namens Dänische Mark oder Mark Schleswig.
Womit wir vollends auf die verschlungenen Pfade der schleswig-holsteinischen Landesgeschichte eingeschwenkt sind. Der in den 1850er und 1860er Jahren amtierende britische Premierminister Lord Palmerston hat sich angesichts ihrer Vertracktheit resignierend geäußert: „The Schleswig-Holstein question is so complicated, only three men in Europe have ever understood it. One was Prince Albert, who is dead. The second was a German professor who became mad. I am the third and I have forgotten all abput it.“ Zugegebenermaßen hat Lord Palmerston vor allem das 19. Jahrhundert in den Blick genommen, die Komplikationen haben davon einmal abgesehen tatsächlich im Frühmittelalter angefangen.
Was vorrangig mit den zahlreichen Versuchen unterschiedlichster Stämme bzw. Kulturen (Franken, Friesen, in Holsten, Stormarner und Dithmarschen aufgespaltene Sachsen, Slawen, Wikinger, Dänen) zu tun hatte, eigene Gebietsansprüche in jenem seit der Antike auch als Kimbrische Halbinsel bekannten, sich über rund 450 Kilometer von der Elbe bis zum äußersten Norden Jütlands am Skagerrak befindlichen meerumschlossenen Landstrich durchzusetzen. In diesem Sinne ist das Haithabu der Wikinger 1066 von Slawen zerstört worden. Schleswig, über dessen Status zu diesem Zeitpunkt manche historische Kontroversen ausgetragen werden, hingegen überstand die Wirren. Und bildete fortan stattdessen für Kaufleute von der niederländischen Küste oder vom Niederrhein den Endpunkt eines per Schiff von der Nordsee kommend auf Eider und Treene und dann ab Hollingstedt per Ochsenkarren für die verbleibenden 18 Kilometer befahrbaren und die Umsegelung der Nordspitze Jütlands vermeidenden Handelsweges. Praktischerweise an der schmalsten Stelle des heutigen Bundeslandes in Ost-West-Richtung. Mit direktem Anschluss per Schiff über die Schlei in die Ostsee.
Allein, die im Lauf der Geschichte überwiegende territoriale Zugehörigkeit zum dänisch geprägten Machtbereich hat sehr wahrscheinlich verhindert, dass Schleswig, welches nie Hansestadt geworden ist, in eine noch prominentere Rolle als Hafenstadt im Rahmen des sich im 10. Jahrhundert unter der Dynastie der Ottonen herausbildenden Heiligen Römischen Reiches – der präzisierende Zusatz „deutscher Nation“ findet offiziell erst seit dem 15. Jahrhundert Verwendung – eingerückt ist. Davon ist die Situation Lübecks zu unterscheiden, zumal nach dem von keinem Geringeren als Bernhard von Clairvaux unterstützten Wendenkreuzzug die Gefahr durch eine slawische Bedrohung, vor allem durch die Abodriten, an den Ufern von Trave und Wakenitz weitestgehend beseitigt war. Ein Weiteres für grundsätzlich zu allen Zeiten nach Rechtssicherheit strebende Kaufleute und Fernhändler kommt hinzu: In Lübeck war man dem auch anderenorts geltenden, wohlbekannten Reichsrecht (Kaiserrecht) unterworfen, was etwa ebenso für Flandern östlich der Schelde, dem sogenannten Reichsflandern, und von dort mit wertvollen, begehrten Tuchen Zugereiste galt, während man sich in Schleswig im Geltungsbereich des weniger vertrauten Jütischen bzw. dänischen Rechts befunden hat.
Die von Westeuropa in den Osten des Kontinents verschifften Güter sind hauptsächlich Tuche und Salz gewesen. Bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts, bevor das qualitativ nicht so hochwertige, aber billigere französische Baiensalz dem in der Lüneburger Saline gewonnenen Rohstoff den Rang ablief, dominierte das über die Alte Salzstraße (s. Abb. 6) und später über den Stecknitzkanal (s. Abb. 5) von Lüneburg nach Lübeck transportierte Travesalz die osteuropäischen Märkte. Was daran lag, dass der geringe Salzgehalt der Ostsee keine Salzgewinnung aus Meerwasser erlaubte, man in Königsberg, Danzig oder Reval auf dessen Import angewiesen war.



Das Kontor in Nowgorod
Den als Faktoreien mit nicht so vielen bedeutsamen Privilegien ausgestatteten auswärtigen hansischen Handelshöfen sind die vier zwar nicht gänzlich unabhängigen, aber doch mit einem hohen Maß an Eigenständigkeit versehenen Kontore gegenüberzustellen. Der Historiker Ernst Schubert hat in diesem Kontext Bergen als ertragsärmstes, London als gefährdetstes, Brügge als wichtigstes und das für den einzelnen Kaufmann an Erträgen reichste Kontor in Nowgorod als das fremdeste beschrieben.
Was hatte das rund 400 Kilometer Luftlinie von der Hansestadt Reval, dem heutigen estnischen Tallinn, und von dort aus wie auf anderen Pfaden von der Ostsee auf kombinierten Land- und Wasserwegen erreichbare Nowgorod nach Gewinnen aus Handelsgeschäften strebenden Fernhändlern, ob sie nun aus dem gotländischen Visby oder aus Lübeck kamen, zu bieten? Neben wie selbstverständlich mit der Weite des russischen Raumes in Verbindung gebrachten Naturprodukten wie Honig, Wachs zu Beleuchtungszwecken und Pelzen ist an eine von vor Ort bestehende Verbindung zum Nordrand des Schwarzen Meeres, Endpunkt der nördlichen Routen der Seidenstraße zu erinnern. Im Westen äußerst begehrte Luxusartikel aus Südostasien bzw. Fernost wie Seide, Weihrauch, Pfeffer und Muskat sind auf diesem Weg in Reichweite hansischer Kaufleute gelangt.
Wir sind über die Anlage des Peterhof genannten ab dem späten 13. Jahrhundert von Lübeck dominierten Kontor recht gut informiert. Von hölzernen Palisaden umgeben, verfügte es nur über ein einziges den Zugang gewährendes Tor, das zudem nachts verschlossen war. Der Geschäftsbetrieb zwischen der Hanse zugehörigen Kaufleuten und Einheimischen war nur innerhalb des Peterhofs zulässig und außerhalb verboten. Die im Kontext des Kontors befindliche Kirche St. Peter diente zugleich als Warenlager, als Versammlungsort, Standort der unverzichtbaren Waage und der Kasse sowie als Lager für Urkunden.

8. Nowgorod am Wolchow. Der zeitlich frühere Gotenhof und der Peterhof waren nicht weit voneinander entfernt.

9. Geschäftiges Treiben am Nowgoroder Peterhof.
Die Kaufleute – unterteilt in Sommer- und Winterfahrer, was den klimatisch bzw. naturräumlich anspruchsvollen Gegebenheiten vor Ort geschuldet war – lebten hier in hölzernen Wohnhäusern. Ihr Zusammenleben war von einer eigens entwickelten, ein gedeihliches Miteinander ermöglichenden Rechtsordnung, der in mehreren Versionen überlieferten Nowgoroder Schra, bestimmt. 1494 wurde das Kontor vom Zaren geschlossen, der Handel verlagerte sich an andere Zentren, die den Kauffahrern der Hanse mit mehr Wohlwollen begegnet sind.
Wer mehr über die Hanse erfahren möchte, sei auf „Die Hanse“ von Philippe Dollinger und die Arbeit von Gisela Graichen und Rolf Hammel-Kiesow „Die Deutsche Hanse. Eine heimliche Supermacht“ verwiesen.
Bildnachweis © 1 Droysen/Andrée – Plate 28 of Professor G. Droysens Allgemeiner Historischer Handatlas, published by R. Andrée, 1886, CC BY-SA 3.0, unverändert; 2 Olaf Simons, CCO, unverändert; 3 Unbekannter Fotograf, Stadtarchiv Lübeck, gemeinfrei; 4 Christian Wolf (www.c-w-design.de), CC BY-SA 3.0 de, unverändert; 5 Helgex, CC BY-SA 4.0, unverändert; 6 Gerd-HH, CC BY-SA 4.0, unverändert; 7 RRpublic, CC BY-SA 4.0, unverändert; 8 https://commons.wikimedia.org/w/index.php title=User: Loginname&action=edit&redlink=1, CC BY-SA 3.0, unverändert; 9 Unbekannter Autor, gemeinfrei, unverändert;