Von heute aus betrachtet, ist es einer höchst eigentümlichen historischen Wendung geschuldet, der zufolge eine ursprünglich zur Krankenpflege während eines Kreuzzuges in der Levante unter dem Druck der Ereignisse angetretene karitative Gemeinschaft sich bald danach zu erfolgreichen Staatsgründern im Raum der späterhin als West- und Ostpreußen bezeichneten Regionen bzw. im Baltikum gewandelt hat. Wie aus einer fürsorglicher Teilnahme am Los verwundeter Mitmenschen und der Linderung ihrer Schmerzen verpflichteten Gesinnung scheinbar bruchlos unerbittliche Härte gegen sich selbst, vor allem aber auch gegen als feindselig wahrgenommene Gruppierungen, darunter solche wie die widerständigen Pruzzen oder Prußen, die der Übernahme des christlichen Glaubens aufgrund ihres Heidentums vorerst die Anerkennung versagten, erwachsen konnte.
Kreuzzugsgeschehen
Es geschah im November 1095 anlässlich einer stark frequentierten Synode im französischen Clermont, als Papst Urban II. – verbunden mit den Worten „Deus lo vult!“ („Gott will es!“) – den weithin erhörten kultur- und glaubenskämpferischen Aufruf zum 1. Kreuzzug verkündete. Tatsächlich war man erfolgreich, sofern der entsetzliche Blutzoll, den gerade auch gänzlich Unbeteiligte zu entrichten hatten, nicht mit bilanziert wird. 1099 kam es zur Rückeroberung von Jerusalem aus moslemischen Händen durch Gottfried von Bouillon und seine wilden Mitstreiter, die Kreuzritter. Einige der für den christlichen Glauben heiligsten Stätten überhaupt wie die Grabeskirche waren damit wieder für Pilger aus dem Abendland frei zugänglich. Eine im ultrareligiösen Hochmittelalter an Symbolkraft wie an praktischer Bedeutung kaum zu überschätzende Tatsache.
Doch keine einhundert Jahre später musste Jerusalem im Herbst 1187 nach einer Belagerung durch die Truppen Saladins, des Begründers der Ayyubiden-Dynastie, erneut einen, wenn auch weitaus unblutigeren Wechsel der Herrschaft hinnehmen. Das Pendel hatte zurückgeschlagen, diesmal im Sinne des Islam. Womit der unmittelbare Anlass für den nunmehr 3. Kreuzzug (s. Abb. 1) gegeben war. Ein gewaltiger Heereszug – an seiner Spitze der aus dem Geschlecht der Staufer stammende Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Friedrich I. Barbarossa – wählte den Landweg über den Balkan und durch Kleinasien. Doch noch vor Erreichen des Heiligen Landes ertrank der charismatische Barbaossa im Juni 1190 im Fluss Saleph.
Eine andere maritime Herangehensweise wählten die Könige von Frankreich und England, indem sie sich zur Fahrt übers Mittelmeer gen Osten entschieden. Bevor jedoch an den Einsatz dieser als schlachtentscheidend gedachten beträchtlichen Truppenkontingente auch nur zu denken war, nahmen die Ereignisse vor Ort – im französischen Sprachgebrauch als Outremer (jenseits des Meeres, Übersee) bezeichnet – ihren Lauf. Im Mittelpunkt stand in diesem Zusammenhang die bei weitem wichtigste Hafenstadt der gesamten Region: Akkon. Hier hat der ehemalige, inzwischen seiner exponierten Stellung beraubte König von Jerusalem, Guido von Lusignan, bereits seit August 1189 versucht eine erfolgreiche Belagerung aufrechtzuerhalten. Mit dabei einige Kaufleute aus Bremen und Lübeck, denen es unter dem Druck der lastenden Verhältnisse gelang, mit Hilfe zweckentfremdeter Schiffssegel ein improvisiertes Feldlazarett zu errichten. Aus dem Feldlazarett wurde nach der Eroberung von Akkon (s. Abb. 2, 3) ein festes Hospital. Eines, dem Papst Clemens III. mitsamt der dazugehörigen Hospitalbruderschaft und allen Gütern am 3. Februar 1191 seinen Schutz gewährte. Darin ist die Keimzelle des Deutschen Ordens zu sehen, dessen Status als neuer Ritterorden von Papst Innozenz III. 1199 anerkannt worden ist. Rein äußerlich unterschieden sich die sowohl geistlichen als auch kämpferischen Idealen verpflichteten Angehörigen dieser Gemeinschaft von den einen weißen Mantel mit rotem Kreuz tragenden Templern und den ein weißes Kreuz auf schwarzem Grund tragenden Johannitern durch ihren weißen Mantel mit einem schwarzen Kreuz.





5. Der aus der gleichnamigen Oper Richard Wagners bekannte Tannhäuser im die Deutschordensritter kennzeichnenden weißen Mantel mit schwarzem Kreuz.
Bei den bereits erwähnten päpstlichen Anerkennungen bzw. Privilegierungen ist es nicht allein geblieben, eine besondere Verbindung und Nähe der Deutschordensritter zum Nachfolger des Apostelfürsten Petrus und Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche sollte vielmehr ein fortdauerndes Charakteristikum, ein Wesensmerkmal der Beziehungen sein.
Hermann von Salza
Nach Heinrich Walpot, Otto von Kerpen, Heinrich von Tunna ist der mutmaßlich um das Jahr 1162 herum oder auch erst etwas später geborene thüringische Landadelige Hermann von Salza (s. Abb. 6) 1210 zum vierten Hochmeister des Ordens bestimmt worden. Ein Führungsposten, der von ihm für die kommenden bald dreißig Jahre bekleidet und gewinnbringend ausgefüllt worden ist. Im erheblichen Spannungsverhältnis zwischen den Päpsten Honorius III. (1216 – 1227), Gregor IX. (1227 – 1241), Coelestin IV. (1241), Innozenz IV. (1243 – 1254) und dem die höchste weltliche Würde beanspruchenden Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, Friedrich II. (1220 -1250), verstand Hermann von Salza es, eine führende Vermittlerrolle einzunehmen und dafür Sorge zu tragen, dass der ob seiner Fragilität stets brüchige Gesprächsfaden nicht vollends abriss. Man dankte es ihm.
Insbesondere seiner Vision ein zusammenhängendes, vom Deutschen Orden kontrolliertes Territorium einzunehmen, standen Papst und Kaiser jedenfalls nicht ablehnend gegenüber. Dass er dieses noch zu erwerbende oder zu erobernde Gebiet idealerweise in Europa und eben nicht in Anlehnung an bestehende oder vormals existente Kreuzfahrerstaaten in Outremer, dem Nahen Osten, klar verortet hat, mag mit seiner hervorragenden Kenntnis der politischen wie der demographischen Lage im Heiligen Land zusammenhängen, darin ihre Begründung finden. Denn von Salza hat Kaiser Friedrich II. zwar auf dem mittlerweile 5. (nach einer alternativen Zählweise dem 6.) Kreuzzug persönlich begleitet, ihn bei der auf diplomatischem Wege ausgehandelten friedlichen Übergabe der Stadt Salomos unterstützt, was zweifellos ein bedeutender Erfolg nebst dem Vertrag von Jaffa 1229 war, doch hat er dabei sehr wahrscheinlich auch feststellen müssen, dass auf lange Sicht die Situation hier vor Ort nicht mehr zu bewältigen war. In diesem Sinne lässt sich der 5. Kreuzzug als die längst überfällige Einlösung eines vor langer Zeit abgegebenen kaiserlichen Versprechens deuten. Darauf reduzieren. Der endgültige Fall Akkons 1291 – der letzten Bastion der Kreuzfahrer – schließlich als Bestätigung der hier unterstellten Perspektive Hermann von Salzas auf das Geschehen.

Der Ordensstaat
Zunächst galt es in Ungarn einen empfindlichen Rückschlag hinzunehmen, bevor der Deutsche Orden 1228 dazu bereit war, ein Hilfsersuchen des Herzogs Konrad von Masowien zu akzeptieren. Konkret ging es um den seit geraumer Zeit tobenden Kampf gegen einen baltischen, irrtümlicherweise bisweilen als slawisch bezeichneten, zwischen Weichsel und Memel siedelnden Volksstamm: die heidnischen Prußen. Sie bildeten eine unwillkommene beständige Gefahr für die Unversehrtheit polnischen Territoriums. Ein auch päpstlicher- und kaiserlicherseits – in kaum zufälliger Analogie zur auf der iberischen Halbinsel seit Covadonga ein halbes Jahrtausend zuvor sich gegen die Mauren richtenden Reconquista – gern gesehener Kreuzzug der Ordensritter mit dem Ziel die europäische Peripherie nahe der südöstlichen Ostseeküste für den christlichen Glauben zu erschließen, schaffte schließlich Abhilfe. Das an die 5000 Quadratkilometer umfassende Kulmerland (s. Abb. 7) wurde dafür dem Deutschen Orden überlassen, der hier keiner weltlichen Macht lehenspflichtig und nur der Kirche unterstehen sollte, wie Papst Gregor IX. 1234 in der Bulle von Rieti festgestellt hat. Damit war der Ausgangspunkt für den ein Musterbeispiel an zeitgenössischer Modernität widerspiegelnden Ordensstaat geschaffen.


8. Der Grundrissplan von Kulm (poln. Chelmno) lässt nach dem Hippodamischen Prinzip ein System sich rechtwinklig schneidender Straßen erkennen, wobei im Bereich der im 13./14. Jahrhundert aus Ziegelsteinen errichteten Stadtmauer deren Verlauf zweckmäßigerweise bei der Straßenführung berücksichtigt wurde. Kulm und Thorn waren die ersten Siedlungen im Kulmerland, die durch die sogenannte Kulmer Handfeste vom 28. Dezember 1233 zu Städten erhoben wurden. Die in diesem Dokument enthaltenen Rechtsnormen entfalteten eine Vorbildfunktion für das gesamte Ordensgebiet.
Bau und Anlage früher Städte wie Kulm (s. Abb. 8) und Thorn nebst Verleihung erforderlicher Rechtstitel, wobei das Magdeburger und Lübische Recht zumeist eine gewichtige Rolle gespielt haben, gingen Hand in Hand mit einer Zunahme und Intensivierung von Siedlungsaktivitäten. Am Mühlenbau sichtbarer technischer Fortschritt, die Einführung der bodenschonenderen Dreifelderwirtschaft sowie die Landwirtschaft in dafür bislang unzugänglichen Regionen ermöglichende Mittelalterliche Warmzeit hatten damals insgesamt in der Folge für ein rasantes Bevölkerungswachstum in Europa geführt. Was für die Einwohnerzahlen hierzulande eine Zunahme von vier Millionen auf zwölf Millionen Menschen vom 11. bis zum 13. Jahrhundert bedeutete, bevor die als Schwarzer Tod bekannte Große Pest ab den späten 1340er Jahren dem ein vorläufiges Ende bereitet hat. Hierin erfährt ganz eindeutig die von mobilen Neusiedlern aus westlichen Gebieten des Heiligen Römischen Reiches gespeiste, bis ins Ordensgebiet reichende Hochmittelalterliche Ostsiedlung ihre überzeugende Begründung. Getreide wurde nicht nur zu Zwecken der Selbstversorgung angebaut, sondern bildete zusammen mit Holz eine attraktive Handelsware, die per Schiff über die Ostsee gen Westen verbracht worden ist. Orte wie Kulm, Thorn, Danzig, Elbing, Königsberg, Braunsberg, Dorpat, Riga und Reval und weitere mehr waren geschätzte Mitglieder der Hanse, während der das Bernsteinmonopol beanspruchende Deutsche Orden selbst ihr als einzige nichtstädtische Organisation überhaupt ebenfalls angehörte.
Von wehrhaften Mauern umgürtete Städte boten den Menschen Raum für ein von als misslich empfundenen feudalen Zwängen unabhängigeres Leben („Stadtluft macht frei!“). Und nahmen überdies eine Schutzfunktion für von außerhalb drohendes Ungemach, was in Zeiten zunehmender Expansion nach Osten bis ins Baltikum weit über die engen Grenzen des Kulmerlandes hinaus nicht ausbleiben konnte, wahr. Für Schutz standen ebenso die übers Land verstreuten Burgen des Deutschen Ordens.




Die Niederlage von Tannenberg 1410 bedeutete kurzfristig für das Prestige der von einer Aura wie die Spartaner umgebenen Ordensritter und langfristig für die Existenz des von ihnen gelenkten Staates eine erhebliche Zäsur. Sein unwiederbringliches Ende wird 1560/61 durch den Zerfall des livländischen Ordensstaates in die weltlichen protestantischen Herzogtümer Livland und Kurland-Semgallen, die sich der Lehenshoheit Polen-Litauens unterstellten – markiert, während ganz im Norden Schwedisch-Estland entstand.
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