Einleitung
Heute gilt nach allgemeiner Auffassung der im 16. Jahrhundert lebende, in Arezzo gebürtige Architekt, Maler und Künstlerbiograph Giorgio Vasari als derjenige, der zuerst mit dem Begriff „rinascità“ eine – nach eigenen Worten – die „Barbarei der Goten“ ablösende Wiedergeburt der Künste erkannt hat. In der oftmals abgekürzt als „Le vite“ zuerst 1550 in Florenz erschienenen zweibändigen, insgesamt 133 Lebensbeschreibungen verdienstvoller Kreativer enthaltenen Ausgabe seines literarischen Hauptwerks ist unter anderem davon die Rede, dass der Maler und Mosaikkünstler Cimabue mit einer neuen Art des Zeichnens und Malens („nuovo modo di disegnare e dipingere“) als erster aufgefallen sei. Die Zeit vom 14. bis zum 16. Jahrhundert (Trecento, Quattrocento, Cinquecento) wird dabei vom als Vater der Kunstgeschichtsschreibung geltenden Vasari als in unterschiedliche Abschnitte zerlegbare, letzten Endes aber zusammengehörige Einheit aufgefasst.
Was neu war, was vor allem das Verhältnis der eigenen Zeit gegenüber der Kunst des Altertums bestimmt hat, ist vom italienischen Gelehrten und Humanisten Giovanni de’ Dondi, dem Entwickler einer astronomischen Uhr namens Astrarium, in der zweiten Hälfte des Trecento (= 14. Jahrhundert) – lange vor Vasari – mit Verweis auf eine persönliche Begegnung auf den Punkt gebracht worden: „Nur wenige der von den genialen Meistern der Antike hervorgebrachten Kunstwerke sind erhalten, die übriggebliebenen aber sind begehrt, werden von Leuten, die ein Gefühl dafür haben, eifrig aufgesucht, besichtigt und hoch bezahlt. Und wenn man mit ihnen vergleicht, was heute geschaffen wird, dann wird deutlich, dass ihre Schöpfer an natürlicher Begabung überlegen waren und ihre Kunst besser anzuwenden wussten. Die Künstler unserer Zeit sind erstaunt, wenn sie alte Bauwerke, Statuen, Reliefs oder ähnliches betrachten. Ich kannte einst einen Marmorbildhauer, der wegen seiner Kunst, besonders seiner Figuren, berühmt war hierzulande. Ich habe ihn oft sich über die Statuen und Reliefs, die er in Rom gesehen hatte, mit solcher Bewunderung und Verehrung äußern hören, dass er beim bloßen Erzählen außer sich vor Begeisterung zu geraten schien (…) Er pflegte dann mit der Feststellung zu schließen, dass – so seine Worte – fehlte diesen Bildwerken nicht der Lebensatem, sie Lebewesen überlegen wären, als ob er sagen wollte, die Natur sei hier vom Genius jener großen Künstler weniger nachgeahmt als überwunden.“
Ob Überlegungen zur wirklichkeitsgetreuen Darstellung von Kunstwerken – vor allem in der Plastik, wie wir vermuten dürfen -, ihrer vorzugsweise durch römische Repliken der griechischen Klassik und dem Hellenismus zugehöriger Statuen vermittelten idealisierenden Überhöhung und Ästhetisierung zwangsläufig dazu geführt haben, über das Wesen des Menschen an sich nachzudenken, lässt sich nicht mit Bestimmtheit sagen. Naheliegend ist es allemal. In diesem Sinne hat sich jedenfalls mit langanhaltender Folgewirkung nachdrücklich der Philosoph Pico della Mirandola in einem auch von Jacob Burckhardt hochgeschätzten, vermutlich im Jahr 1486 entstandenen Text „Über die Würde des Menschen“ (De hominis dignitate) geäußert. Pico lässt hier Gott zum Adamsssohn sagen: „Ich habe dich mitten in die Welt gesetzt, damit du um so leichter zu erblicken vermögest, was darin ist. Weder zum himmlischen noch zum irdischen, weder zum sterblichen noch zum unsterblichen Wesen habe ich dich geschaffen, so dass du als dein eigener Bildhauer dir selber deine Züge meißeln kannst. Du kannst zum Tier entarten; aber du kannst dich auch aus dem freien Willen deines Geistes zum gottähnlichen Wesen wiedergebären.“

Bevor der eingangs erwähnte, auf Giorgio Vasari zurückzuführende Begriff der „rinascità“ in einer die ursprüngliche Grundbedeutung hin zu unserem gegenwärtigen Verständnis – dem der Erneuerung der eigenen Kultur im Geist der Antike – erweiternden Übertragung schließlich Eingang in einen allgemeineren europäischen Kontext, gemeint ist, in die französische Sprache gefunden hat, ist viel Zeit verstrichen. Einem namhaften Historiker des 19. Jahrhunderts, Jules Michelet, blieb es vorbehalten im Rahmen der von ihm publizierten vielbändigen „Histoire de France“ mit dem als „Renaissance“ betitelten siebten Band 1855 eine kulturgeschichtlich orientierte und damit bis dato fremdartige Periodisierung vorzunehmen. Darauf terminologisch aufbauend, hat der Schweizer Jacob Burckhardt in der 1860 veröffentlichten ersten Auflage von „Die Kultur der Renaissance in Italien“ – das darf man ohne Übertreibung sagen – mit der von ihm vorgelegten epochalen, deren Grundlagen, Merkmalen und Anfängen zwischen Spätmittelalter und Früher Neuzeit auf der Apenninenhalbinsel gewidmeten innovativen Kulturgeschichte die traditionellen Argumentationsräume der allseits gewohnten Politik-, Staaten- und Diplomatiegeschichte verlassen, indem er – gegen alle anfängliche Kritik – inspirierendes Neuland in der Geschichtsschreibung betreten hat. Und auf diese Weise wie kein anderer unsere in wesentlichen Grundzügen immer noch gültige Vorstellungswelt von den Entstehungs- und Rahmenbedingungen der Renaissance an ihrer italienischen Quelle entscheidend mitgeformt, beeinflusst.
Burckhardts Kulturgeschichte
Was Burckhardts mehr von einem intuitiven Zugang her und keineswegs von penibler Arbeit mit alten, bisweilen verstaubten Akten und/oder Dokumenten in abgelegenen Archiven geprägte Leistung ausmacht, wird deutlicher bei hinreichender Berücksichtigung, dass es sich dabei noch nicht um die seit den 1980ern favorisierte, auf dem cultural turn basierende Neue Kulturgeschichte handelt. Deren maßgeblich auf anthropologische und ethnologische Erkenntnisse zurückzuführenden Einsichten haben zu einer nachhaltigen Abkehr vom lange vorherrschenden Verständnis von Kultur als nahezu exklusiver Hochkultur der vorherrschenden Eliten geführt. Darin einbegriffen eine entschiedene Aufwertung all jener mit dem Etikett „Volkskultur“ versehenen Lebensbereiche. In Anlehnung an den viktorianischen Anthropologen Edward Tylor sieht man gegenwärtig eher „jenes komplexe Ganze, das Wissen, Glauben, Kunst, Moral, Recht, Brauchtum und alle übrigen Fähigkeiten umfasst, die der Mensch als Mitglied der Gesellschaft benötigt.“ Mithin können somit auch Themen der Alltagsgeschichte und Populärkultur von der Neuen Kulturgeschichte in den Blick genommen werden. Oder wie es der Literat und Kritiker T. S. Eliot schon 1948 in seinen „Beiträgen zum Begriff der Kultur“ (Notes Towards the Definition of Culture) spöttisch vereinfachend dahingehend formuliert hat, die europäische Kultur umfasse neben anderen Elementen „Derby (…), das Wurfpfeilspiel (…), Kohl, im ganzen gekocht und dann in Scheiben geschnitten, rote Rüben in Essig, gotische Kirchen aus dem neunzehnten Jahrhundert und die Musik von Elgar.“
Die Schaffenszeit Burckhardts war gewiss noch von anders gelagerten Schwerpunkten bestimmt. Man konzentrierte sich vorwiegend und mit Vorliebe auf als klassisch empfundene Meisterwerke in der Literatur, Philosophie, Kunst, Architektur und Musik. Einen Kanon. Und im Unterschied zu reinen Fachwissenschaftlern wie z.B. den Literaturhistorikern ist es den Kulturhistorikern darum gegangen, Verbindungen zwischen den Disziplinen, deren Zusammenhänge, zu erkennen und zu beschreiben. Oder um es frei nach Hegel zu sagen: Den Zeitgeist zu ergründen, den in der Geschichte sich entfaltenden Geist aufzuspüren.
So lässt sich wohl zutreffend der Ansatz des 1818 in eine Baseler Pfarrersfamilie hineingeborenen Jacob Burckhardt beschreiben, der nach einem Studienfachwechsel von der Theologie hin zur Geschichte, Kunstgeschichte und Philologie und dem darin enthaltenen Besuch einschlägiger Vorlesungen an der Berliner Universität bei Autoritäten wie Leopold von Ranke, Johann Gustav Droysen, August Boeckh und Jacob Grimm, den Berufsweg einer akademischen Karriere eingeschlagen hat.


Worum geht es also konkret in „Die Kultur der Renaissance in Italien“? Aufgegliedert in sechs als Abschnitte bezeichnete Oberkapitel wird ein Panorama der seinerzeitigen italienischen Gesellschaft unter besonderer Berücksichtigung des den Zwängen und Beschränktheiten der mittelalterlichen Welt entronnenen, sich des eigenen Selbst mehr und mehr bewusster werdenden und entsprechend agierenden Individuums – vorzugsweise innerhalb eines urbanen Kontextes – entworfen. Sofern die damit verbundene Kontrastierung eines zurückliegenden allzu finsteren Mittelalters und einer in allzu goldenen Farben gemalten neuen Ära als zu pointiert und scharf empfunden wurde, ist gegenüber dieser grundlegenden Konzeption durchaus auch Kritik formuliert worden, wie durch den niederländischen Kulturhistoriker Johan Huizinga geschehen: „Starrend in den grellen Sonnenschein des italienischen Quattrocento (=15. Jahrhunderts) hatte er zu mangelhaft wahrnehmen können, was außerhalb lag. Der Schleier, den er über den Geist des Mittelalters gebreitet sah, war zum teil durch einen Fehler seiner eigenen Kamera verursacht. Er hatte den Gegensatz zwischen dem spätmittelalterlichen Leben in Italien und demjenigen außerhalb dieses Landes allzu groß gesehen.“
Selbst wenn man sich Huizingas wohl nicht gänzlich ungerechtfertigten Vorwurf zu Herzen nimmt, selbst wenn man die anderenorts geäußerte Kritik, wirtschaftsgeschichtliche Aspekte würden bei Burckhardt überhaupt keine Beachtung finden, nachzuvollziehen bereit ist, so gibt es auch für die Leserschaft des 21. Jahrhunderts mannigfache Gelegenheiten bei der Lektüre der „Kultur der Renaissance in Italien“ tiefe, durch meisterhafte Kennerschaft des Autors gewonnene Einsichten etwa bezüglich des Themas „Die Vollendung der Persönlichkeit“ (2. Abschnitt, 2, S. 111 f.) zu teilen: „Wenn nun dieser Antrieb zur höchsten Ausbildung der Persönlichkeit zusammentraf mit einer wirklich mächtigen und dabei vielseitigen Natur, welche sich zugleich aller Elemente der damaligen Bildung bemeisterte, dann entstand der „allseitige Mensch“, l’uomo universale, welcher ausschließlich Italien angehört. Menschen von enzyklopädischem Wissen gab es durch das ganze Mittelalter in verschiedenen Ländern, weil dieses Wissen nahe beisammen war; ebenso kommen noch bis ins 12. Jahrhundert allseitige Künstler vor, weil die Probleme der Architektur relativ einfach und gleichartig waren und in Skulptur und Malerei die darzustellende Sache über die Form vorherrschte. In dem Italien der Renaissance treffen wir einzelne Künstler, welche in allen Gebieten zugleich lauter Neues und in seiner Art Vollendetes schaffen und dabei noch als Menschen den größten Eindruck machen. Andere sind allseitig, außerhalb der ausübenden Kunst, ebenfalls in einem ungeheuer weiten Kreise des Geistigen.“
Von da aus war es naturgemäß nicht sehr weit, dass sich ein anderes, unserer Gegenwart nur allzu vertrautes Phänomen herauszubilden begann. Burckhardt weiß uns zum Thema „Der moderne Ruhm“ (2. Abschnitt, 3, S.115) folgendes mitzuteilen: „Der bisher geschilderten Entwicklung des Individuums entspricht auch eine neue Art von Geltung nach außen: der moderne Ruhm. Außerhalb Italiens lebten die einzelnen Stände jeder für sich mit seiner einzelnen mittelalterlichen Standesehre. Der Dichterruhm der Troubadours und Minnesänger z. B. existiert nur für den Ritterstand. In Italien dagegen ist Gleichheit der Stände vor der Tyrannis oder vor der Demokratie eingetreten; auch zeigen sich bereits Anfänge einer allgemeinen Gesellschaft, die ihren Anhalt an der italienischen und lateinischen Literatur hat, wie hier in vorgreifender Weise bemerkt werden muss; dieses Bodens aber bedurfte es, um jenes neue Element im Leben zum Keimen zu bringen. Dazu kam, dass die römischen Autoren, welche man emsig zu studieren begann, von dem Begriff des Ruhmes erfüllt und getränkt sind, und dass schon ihr Sachinhalt – das Bild der römischen Weltherrschaft – sich dem italienischen Dasein als dauernde Parallele aufdrängte. Fortan ist alles Wollen und Vollbringen der Italiener von einer sittlichen Voraussetzung beherrscht, die das übrige Abendland noch nicht kennt.“
Fazit: Wer sich 2025 oder in der Folgezeit ernsthaft und intensiv mit der Renaissance in Italien bzw. auch im nördlichen Europa auseinanderzusetzen gedenkt, kommt an Jacob Burckhardts Kulturgeschichte als Referenzpunkt eigentlich nicht vorbei.
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