Architektur der Frührenaissance in Florenz

Zu Beginn des 15. Jahrhunderts, des Quattrocento, war Florenz kurzzeitig zusammen mit Bologna in einer gegen die territorialen Ambitionen Mailands gerichteten Allianz verbündet. Trotzdem konnte man die Einnahme Bolognas durch die Truppen Gian Galeazzo Viscontis, des mächtigen Herzogs von Mailand, im Sommer 1402 nicht verhindern. Der republikanisch verfassten Arnostadt, in der Mitglieder der neun wichtigsten Zünfte die politische als „Signoria“ bezeichnete kommunale Herrschaft ausübten, drohte das gleiche missliche Schicksal bevorzustehen. Doch die launische Fortuna hatte ein Einsehen mit den Florentinern. Der Herzog von Mailand wurde von einer grassierenden Epidemie dahingerafft. Florenz konnte folglich die liebgewonnene, hochgeschätzte Freiheit und Unabhängigkeit weiter genießen, bewahren. Und selbst expandieren. Die Einnahme Pisas im Oktober 1406 nach halbjähriger Belagerung wie diejenige Livornos 1420 bedeutete nicht nur ein machtpolitisches Signal an konkurrierende Städte in Nord- und Mittelitalien, sondern beinhaltete gleichfalls eine handfeste ökonomische Komponente: Man verfügte nämlich nunmehr über einen großen Seehafen am Tyrrhenischen Meer, was zukünftig für die weitgespannten eigenen Handelsaktivitäten eine neue Dynamik entfachen sollte.

Verständlich werden die beschriebenen Aktivitäten lokaler einheimischer Fürsten und auffallend selbständig agierender freier Städte freilich nur vor dem Hintergrund einer – seit dem Tod des energisch über weite Teile der Apenninenhalbinsel die Oberherrschaft ausübenden römisch-deutschen Kaisers Friedrich II. im Jahr 1250 – zusehends verblassenden, immer kraftloser wirkenden politischen Zentralgewalt.

Das höchste Amt in der Stadt Florenz mit Kommandogewalt über die Streitkräfte bekleidete seit 1293 der durch Los, nicht durch Wahl bestimmte „Gonfaloniere di Giustizia“. Ein Bannerträger der Gerechtigkeit also. Mit zu seinen Aufgaben wie zu denen der aus den mittleren und größeren Zünften stammenden acht Prioren zählte das Suchen und Finden eines Interessenausgleichs zwischen den Angehörigen der einfachen Bevölkerung und den reichen Kaufleuten bzw. Adeligen. In der italienischen Sprache ist in diesem Zusammenhang von „popolo grasso“ und „popolo minuto“ die Rede. Mehrmals im Jahr wurde eine neue personelle Zusammensetzung der nicht mit der eine Form der Tyrannis widerspiegelnden „Signorie“ zu verwechselnden mehr eine Art Stadtrat repräsentierenden „Signoria“ angestrebt, so dass eine allzu nachhaltige Machtkonzentration in einer Hand oder Familie vermieden werden sollte. Das diesem Gedanken zugrunde liegende Konzept einer Übertragung politischer Autorität auf Zeit ist indes bereits aus der römischen Republik wohlbekannt (Annuität).

Dennoch stachen eifersüchtig potentielle Konkurrenten beäugende Dynastien wie die Albizzi hervor. Ihnen gelang es 1433 maßgeblich für die Verbannung Cosimo de‘ Medicis, eines aufstrebenden Sterns, nach Padua zu sorgen. Dessen Vater Giovanni di Bicci hatte es vom einfachen Geldverleiher zum Gründer der sogar zeitweise mit der lukrativen päpstlichen Finanzverwaltung betrauten Medici-Bank geschafft. Die Verbannung Cosimos war jedoch nur ein Intermezzo. Schon im Herbst des Folgejahres 1434 kehrte er wieder zurück. Neben seinen Bankgeschäften ist er für die kommenden dreißig Jahre bis zu seinem Tod 1464 als großzügiger Mäzen von Kunst und kulturellen Projekten sowie als umtriebiger Förderer von begnadeten Talenten wie beispielsweise des gelernten Goldschmieds und späteren Architekten Filippo Brunelleschi nahezu unablässig in Erscheinung getreten. Die fürs honorige Engagement eingestrichene Dividende des nach allgemeiner Anerkennung Strebenden hat ihren sinnfälligen Ausdruck in einer bemerkenswerten, dauerhaften Erhöhung des Sozialprestiges der Familie gefunden.

Ospedale degli Innocenti

Als eines der ersten zwischen 1419 und 1445 realisierten Bauwerke, in denen gegenüber der sonst in Europa seinerzeit bevorzugt anzutreffenden Gotik mit ihrer Vorliebe für Kreuzrippengewölbe, Spitz- und Strebebögen ein gänzlich neuartiges Bewusstsein zum Ausdruck gekommen ist, gilt das unter bauplanerischer Federführung Brunelleschis (s. o.) entstandene Ospedale degli Innocenti in Florenz. Eine soziale Einrichtung für Waisen und Findelkinder mithin, deren Hauptanliegen darin bestand, gerade den jüngsten und schwächsten Bewohnern des Ortes eine vorübergehende Heimstatt und Bleibe zu gewähren. In einer Stadt mit damals schon über 50.000 Einwohnern, einem der zehn bevölkerungsreichsten Orte des Kontinents, war das Wohlstandsgefälle zwischen reichen Bankiers und darbenden Tagelöhnern am anderen Ende der sozialen Hierarchie naturgemäß beträchtlich. Die Not vielfach mit Händen zu greifen.

1. Fassade des ab 1419 auf Mitinitiative der Seidenmacherzunft erbaute Ospedale degli Innocenti mit Säulenhalle und vorgelagerter Freitreppe. Die Loggia stellt an sich keinen neuen Bautyp dar, in Kombination mit dem ursprünglich sieben Stufen aufweisenden Unterbau, der die zu einer Seite offene Vorhalle recht deutlich über das Niveau der Piazza Santissima Annunziata erhebt, findet sich im Mittelalter dennoch nichts Gleichartiges. Vorbildwirkung wird daher der auf etruskische Ursprünge zurückgehende römische Podiumstempel als wesentliches Element der antiken italischen Sakralarchitektur ausgeübt haben.
2. Ein genauer Blick auf den Grundrissplan des Ospedale lässt die offensichtliche Wirksamkeit eines weiteren Grundprinzips antiker römischer Architektur erkennen: Axialität. Die mittig durch das fünfte Joch der Loggia verlaufende Achse erstreckt sich in ganzer Länge durch das Gebäude, indem nacheinander Eingangsflur, säulenumstandener quadratischer Zentralhof und hinterer Flur passiert werden. Symmetrisch angelegte Zugänge zu den seitlich davon befindlichen Raumgruppen (Kirche, Hospital) verstärken den Eindruck eines insgesamt geordneten Aufbaus.
3. Ein exakter Halbkreis wird von jedem durch zwei Säulen mit antikisierendem Kompositkapitell gestützten Arkadenbogen am Rande der Eingangsloggia (s. Abb. 1) beschrieben. Baumaterial wie beim darüber lastenden Architrav ist stets der lokal gewonnene graue, als pietra serena bekannte Sandstein gewesen.
4. Blick in den quadratischen Innenhof des Ospedale degli Innocenti. Eine ebenfalls Schutz vor Wind und Wetter bietende, mit säulenumstandener Loggia versehene Anlage – vom römischen Architekten und Architekturtheoretiker Vitruv als korinthisches Atrium (atrium corinthicum) bezeichnet -, finden wir beim Palazzo Medici (s. u.) wieder.

Palazzo Medici

Ob der in den Jahren 1444 bis 1460 an der Ecke der heutigen Via Cavour und Via de’ Gori errichtete Palazzo Medici (s. Abb. 5) ebenso auf einen Entwurf Brunelleschis zurückgeführt werden kann, ist zwar bisweilen von einigen vermutet, gegenwärtig aber von den meisten Bau- und Kunsthistorikern als unwahrscheinlich verworfen worden. Vielmehr wird heute zumeist der Bildhauer und Architekt Michelozzo als kreativer Urheber namhaft gemacht.

5. Blick von Süden auf den in den 40er und 50er Jahren des Quattrocento erbauten Palazzo Medici. Die äußerliche festungsartig-wehrhafte Anmutung ist eindeutig auf ein gesteigertes Schutzbedürfnis der darin Lebenden zu werten. Vor der beträchtlichen Erweiterung des Gebäudes nach Norden im 17. Jahrhundert ist von einem annähernd quadratischen Grundriss auszugehen; eine Form der innerhalb ein Hof mit umgebender Säulenloggia entsprochen hat.
6. Als ob es des wenig subtilen Hinweises, wer denn hier in einem vornehmen Palast am Schnittpunkt der damaligen Via Larga und Via de‘ Gori leben würde, unbedingt bedurft hätte. Das vielerorts in Florenz präsente und gewiss allen Einheimischen wohlvertraute Wappen der Medici (vergleichbar dem Mercedes-Stern oder Apple-Logo in der Gegenwart) mit dem ausschließlich in der italienischen Heraldik vorkommenden Rossstirnschild als Wappengrund. Diese sehr spezielle Schildform soll dem Stirn- oder Kopfschutz des Prunkharnisches eines Pferdes nachempfunden sein. Die hingegen mutmaßlich an die Ursprünge der Familie als Apotheker oder Ärzte bzw. Geldwechsler erinnernden sieben Bälle oder Kugeln sind erst seit 1465, dem Jahr einer Privilegierung durch den französischen König, in ihrer Gesamtzahl auf sechs begrenzt worden. Zuvor variierte ihre Anzahl wischen drei und elf.
7. Blick von unten auf das stark vorkragende antikisierende Kranzgesims (=Konsolgesims) des Palazzo Medici. Als horizontales, im Sinne eines oberen Abschlusses aus einer Fassade hervorragendes Bauteil dient ein Gesims durch oftmals anzutreffende Verzierungen ästhetischen wie gleichermaßen praktischen Zwecken als wirksamer Schutz vor Witterungseinflüssen.
8. Was den antikisierenden Aspekt beim Gesims des Palazzo Medici betrifft, so könnte sehr wohl das ursprünglich vom Augustusfreund Agrippa begonnene um 125 zur Zeit von Kaiser Hadrian fertiggestellte und zu allen Zeiten sichtbare Pantheon in Rom eine entscheidende Vorbildwirkung entfaltet haben.
9. Wobei die Formensprache des Konsolgesimses selbst dem Augusteischer Zeit angehörenden Concordia-Tempel auf dem Forum Romanum einiges zu verdanken haben wird.
10. Natürlich war der von Mauern umschlossene Garten an der Westseite des Stadtpalastes nicht für die Allgemeinheit zugänglich. Eine willkommene Neuerung für Bewohner und deren Gäste auf der Suche nach Zerstreuung und Entspannung nach den Härten des Alltags darstellend, bildete der kunstvoll ausgestaltete, zum unbeschwerten Lustwandeln einladende Garten fortan einen festen Bestandteil von Renaissancepalästen.

Domkuppel und Basilica di San Lorenzo

Natürlich fällt das Augenmerk, sobald Sakralarchitektur toskanischer Provenienz – florentinischer zumal – in der Frührenaissance auf jede nur erdenkliche Weise thematisiert wird, zunächst auf Brunelleschis Kuppel des Doms Santa Maria del Fiore (s. Abb. 11). Gilt sie doch mit ihrer neuartigen Doppelschalenkonstruktion geradezu als ikonisches Wahrzeichen sowohl der Stadt als auch der Ära. Was gänzlich unbestritten ist. Bringt man gleichwohl die angewandten innovativen Bautechniken in Abzug und vergegenwärtigt sich, dass seit 1368 nach einem nicht mehr erhaltenen Modell gebaut wurde, dem zufolge sowohl die Höhe der Kuppel mit 144 bracce (=84m) als auch die auf einem gotischen Spitzbogen basierende Form für alle Zukunft dauerhaft festgelegt waren, so ergibt sich für das Jahr 1418, als ein Wettbewerb nach einem halben Jahrhundert mangelnden Baufortschritts ausgeschrieben wurde: Es ging allein um die technische Bewältigung und erfolgreiche Lösung einer nach wie vor den Geist der Gotik atmenden unendlich schwierigen Aufgabe. Seitdem Papst Eugen IV. am 24. März 1436 den Dom von Florenz mit nunmehr vollendeter Kuppel feierlich einweihen konnte, verneigt sich die Welt – im Grunde genommen bis heute – respektvoll vor Brunelleschis ingeniöser, die unterschiedlichsten Talente eines wahren Renaissancemenschen in sich vereinigenden Könnerschaft. Um den Lobpreis eines stilistisch bzw. formensprachlich der Frührenaissance zuzuordnenden Sakralbaus geht es dabei indes weniger.

11. Bis 1436, dem Jahr der Fertigstellung von Brunelleschis gewagt konstruierter Kuppel, musste bis zur festlichen Einweihung des Doms Santa Maria del Fiore durch den Papst gewartet werden.

Daher lohnt ein Blick auf die Basilica di San Lorenzo. Hier sind es die Alte Sakristei, der Erste Kreuzgang sowie das eigentliche Kirchengebäude der Basilika selbst, die nicht nur von der Zeitstellung her gesehen, sondern auch formensprachlich der Frührenaissance zuzurechnen sind. Darin nicht eingeschlossen sind die auf Entwürfen Michelangelos beruhende Neue Sakristei und Biblioteca Laurenziana sowie die prachtvolle Fürstenkapelle vom Beginn des 17. Jahrhunderts.

12. Im Inneren des wie viele altchristliche Kirchengebäude als dreischiffige Basilika von 1421 bis 1482 errichteten und dem heiligen Laurentius von Rom geweihten Sakralbaus. Dem der mittelalterlichen Gotik innewohnenden Prinzip des unbedingten Strebens in die Höhe (Amiens, Beauvais) mit ambitioniert konstruierten Kreuzrippengewölben als oberem Abschluss ist man in San Lorenzo als klarem Gegenentwurf mit einer die Horizontale betonenden Kassettendecke begegnet. Mit dem über den Arkaden des Mittelschiffs und über den Pilastern der Seitenschiffe regelmäßig verlaufenden Gebälk wird die Waagerechte im Sinne einer maßhaltenden harmonischen Proportionierung noch einmal hervorgehoben. Berücksichtigt man zudem, dass die Relation 4:2:1 sich im Verhältnis des inneren zu den beiden äußeren Längsschiffen wie zur Kapellentiefe widerspiegelt, wird die mathematische Exaktheit der zugrunde liegenden, die Gesetzmäßigkeiten der Linearperspektive zudem zur Anwendung bringenden Bauplanung deutlich.
13. Auffallend schlicht kommt dagegen das Äußere von San Lorenzo daher, was in erster Linie auf Geldmangel zurückgeführt wird. Zu farbenprächtigen, aufwendigen Verblendungen in Form von Marmorinkrustationen wie bei so manchem anderen Sakralbau der Proto- und Frührenaissance ist es ergo nicht gekommen.
14. Noch einmal San Lorenzo: jetzt in Richtung Altar aufgenommen. Die Säulen sind zwar mit antikisierendem Kapitell versehen, ihre Schäfte weisen jedoch keine Schwellung (Entasis) auf.
15. Die Alte Sakristei von San Lorenzo in Florenz wurde von 1422 bis 1428 in Zusammenarbeit von Brunelleschi und Donatello, der danach noch weitere fünfzehn Jahre mit wesentlichen Ausstattungsdetails beschäftigt war, erbaut. Der erste überkuppelte Zentralraum der Renaissance ist mit ihr erschaffen worden. Basierend auf den geometrischen Grundformen Kreis und Quadrat, deren vorbildhaftes Ideal der Gleichmäßigkeit später von Alberti in Mitte des 15. Jahrhunderts veröffentlichten Überlegungen zur Architekturtheorie wissenschaftlich begründet wurde. Die Innenraumgliederung wird von Rundbögen und kannelierten Pilastern sowie dem darüber verlaufenden Gebälk übernommen. Teilweise wurde bei den Wandflächen auf jedwede Verzierung oder Dekoration verzichtet. Der horror vacui war den Gestaltern offenbar fremd.

Der kommende Beitrag wird sich noch einmal der Frührenaissance in Florenz zuwenden. Es wird dabei allerdings nicht um Architektur gehen, sondern um die Bilderwelt des Malers Sandro Botticelli.

Bildnachweis© 1 Gryffindor, Roland Geider (Ogre), CC CC BY 3.0 3.0, unverändert; 2 Die Architektur der Renaissance in Toskana (Band 1): Filippo di Ser Brunellesco, S.9, gemeinfrei, unverändert; 3 Giacomo Augusto, CC BY-SA 3.0, unverändert; 4 I, Sailko, CC BY 2.5, unverändert; 5 I, Sailko, CC BY 2.5, unverändert; 6 Giacomo Augusto, CC BY-SA 3.0, unverändert; 7 John Samuel, CC BY-SA 4.0, unverändert; 8 SkylinesBuilder, CC BY-SA 4.0, unverändert; 9 José Luiz Bernardes Ribeiro, CC BY-SA 4.0, unverändert; 10 Robert Scarth, CC BY-SA 2.0, unverändert; 11 Fczarnowski, CC BY-SA 4.0, unverändert; 12 Zairon, CC BY 4.0, unverändert; 13. Zairon, CC BY 4.0, unverändert; 14 Zairon, CC BY 4.0, unverändert; 15 Sailko, CC BY 3.0, unverändert;

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