Venezianische Malerei in der Früh- und Hochrenaissance: Eine (subjektive) Auswahl der bedeutendsten Werke der großen Meister

Ein paar Bemerkungen vorab

Wohl niemand würde ernsthaft behaupten wollen, die Epoche der Renaissance wäre im gewöhnlichen Alltagsgeschehen unserer Gegenwart so etwas wie omnipräsent. Weit gefehlt, da zu entlegen, zeitlich mit rund einem halben Jahrtausend Abstand nicht mehr nahe genug! Und doch rufen nahezu alljährlich publikumswirksame Kunstausstellungen, spannende Buchveröffentlichungen oder runde Jubiläen das ca. von 1400 bis 1600 währende Zeitalter der „Wiedergeburt der Antike“ stets aufs Neue anlassbezogen in Erinnerung.

Allerdings fällt einem bei allem in der jüngeren Vergangenheit von renommierten Autoren wie Volker Reinhardt, Bernd Roeck, Carlo Ginzburg, Peter Burke oder auch Stephen Greenblatt zweifelsohne erzielten beträchtlichen Erkenntnisgewinn dann doch das ihren ganz unterschiedlichen Denkansätzen zugrunde liegende Bestreben neuartige Aspekte einem in seinen Fundamenten scheinbar zementierten Themenkomplex hinzuzufügen auf. Was einerseits naturgemäß zu den legitimen selbstverständlichen Aufgaben von Geschichtsschreibung zählt, andererseits Hinweise auf den immer noch wirkmächtigen Schattenwurf eines epochemachenden Werkes enthält. „Die Kultur der Renaissance in Italien“ lautet der Titel jener bescheiden mit „Ein Versuch“ bezeichneten wegweisenden, 1860 vor bald 170 Jahren erstmals veröffentlichten Arbeit des bis dato bedeutendsten Schweizer Historikers Jacob Burckhardt. So wie Burckhardt sich jene Zeit mit dem zwischen Tyrannis und Republik pendelnden Staat als Kunstwerk, mit dem Beginn der menschlichen Individualisierung sowie mit dem Primat von Kunst und Kultur dachte, so folgen und imaginieren wir Nachgeborenen im Regelfall in diesem Sinne bereitwillig. Mit der nicht von der Hand zu weisenden Ausnahme dortselbst gänzlich fehlender Ausformulierung ökonomischer Rahmenbedingungen und Sachzwänge.

Verengt, beschränkt man den allumfassenden Blick auf das Geburtsland der Renaissance indes auf ein bestimmtes Gebiet der bildenden Kunst, dasjenige der Malerei, so geraten mutmaßlich selbst vorurteilsfreie, unvoreingenommene Geister erneut unter den schier übermächtigen Einfluss einer unbestrittenen Autorität: derjenigen Giorgio Vasaris. Der 1511 in Arezzo in der Toskana geborene Vasari war ein wahres Multitalent, das nicht allein als Architekt und Maler beruflich tätig gewesen ist, sondern gleichermaßen als Künstlerbiograph und Kunsttheoretiker ein hohes Maß an Anerkennung erworben hat. Vielen gilt er heute als „Vater der Kunstgeschichte“. In seinem Hauptwerk, den 1550 erstmals veröffentlichten „Viten“ hat Vasari hervorgehoben, dass der eigentliche geistige Rang eines Bildes im „disegno“ liege. Also in einer grundlegenden, sich in der perfekten Umsetzung der Zeichnung äußernden Idee, einem intellektuellen Entwurf wie er insbesondere in der florentinischen Kunst vorbildhaft zu finden sei. Demgegenüber würde die venezianische Schule mit ihrem Faible für sinnliche Farbgebung, von Vasari als „colore“ bezeichnet, weil zu oberflächlich qualitativ nicht den ersten Rang beanspruchen dürfen.

Ein für wohl alle sich mit italienischer Kunstgeschichte des Quattrocento und Cinquecento Beschäftigenden wohlvertrautes, wenig schmeichelhaftes Verdikt. Und allemal Grund genug um mit nachfolgender Bilderstrecke die besondere Ästhetik und Qualität venezianischer Kunstproduktion jener Zeit in einer beispielhaften zusammenfassenden Übersicht zur Diskussion zu stellen, zu würdigen.

Früh- und Hochrenaissance (1400 – 1520)

a.) Gentile Bellini

Als ältester Sohn des Malers Jacopo Bellini 1429 in Venedig zur Welt gekommen, hat es der acht Jahre ältere Bruder von Giovanni schon zu Lebzeiten geschafft, Ruhm und Anerkennung zu ernten, was für einen bildenden Künstler der Frührenaissance beileibe keine Selbstverständlichkeit bedeutete. Im Gegenteil! 1479 war das große Jahr für den seinerzeit Fünfzigjährigen. Der Kaiser des Römischen Reiches, Friedrich III., erhob ihn in den Adelsstand, und die Republik Venedig entsandte Gentile Bellini in offizieller Mission als Könner aus der Lagunenstadt an den Hof des Sultans von Konstantinopel. Zu diesem Zeitpunkt war es gerade einmal 26 Jahre her, dass die Osmanen der Herrschaft der kläglichen Reste des Byzantinischen Reiches am Bosporus den Garaus gemacht hatten, was im Ergebnis durch den Exodus von Gelehrten samt der Mitnahme ganzer Bibliotheken einen erheblichen Schub für den Fortgang der Renaissance in Italien bedeutete. Insbesondere auch, was die Grundlegung bzw. Verbesserung der vor Ort vorhandenen Griechischkenntnisse betraf.

1. Gentile Bellini, Federzeichnung mit schwarzer Tinte, 1479 – 1481. Dem Aufenthalt an der Schnittstelle zwischen Europa und Asien ist die 21,5 x 17,7 cm große Arbeit, die sich heute im British Museum befindet, zu danken. Die nach links gewendete sitzende Türkin mit konischem Hut und kreisrundem Objekt zwischen den feingliedrigen Fingern mag als Gegenentwurf zu Vasaris kritischer Einschätzung (s. o.) herhalten.
2. Gentile Bellini, Porträt Sultan Mehmet II. Die 70 x 52cm große Arbeit in Öl auf Leinwand – heute im Victoria and Albert Museum in London beheimatet – ist als weitere Frucht der Reise des Künstlers in den ostmediterranen Raum zu werten. Das um 1480 entstandene Porträt des osmanischen Herrschers ist zudem einer der nunmehr vermehrt auftretenden Belege dafür, dass neben der sakralen Kunst zunehmend weltliche Themen ihren Platz in der Frührenaissance gefunden und behauptet haben.
3. In strenger Profilansicht und nicht leicht nach vorn geneigt wie Sultan Mehmet II. (s. Abb. 2) ist Gentile Bellinis 63 x 46cm großes, in Tempera auf Holz kreiertes Werk des 72. Dogen, Giovanni Mocenigo, gehalten. Als Nachfolger von Andrea Vendramin im Mai 1478 ins Amt gekommen, gelang es ihm, einen Friedensschluss mit dem Osmanischen Reich nach mehr als anderthalb Jahrzehnten Kriegsgeschehen zu erreichen. Teile Albaniens und Griechenlands gingen dabei für Venedig auf Dauer verloren. Was als offizielles politisches Kunstwerk par excellence daherkommt, nimmt – bei aller damaligen Modernität – mit seinem golden schimmernden Hintergrund bei in der Lagunenstadt immer noch wirksamen altehrwürdigen byzantinischen Traditionen offensichtliche Anleihen.
4. Die farbenprächtige Mitte der 1490er in Tempera auf Leinwand entstandene Prozession auf dem Markusplatz mit ihren Maßen von 745 x 367cm bietet einen lebendigen Eindruck vom geordneten, einer gestrengen Disziplin unterworfenen Leben in der Lagunenstadt zum Ende des Spätmittelalters hin. Das monumentale Werk, eine Auftragsarbeit der Scuola di S. Giovanni Evangelista, zeigt Mitglieder ebendieser Bruderschaft im Bildvordergrund. Ein tragbarer Baldachin (Himmel) überspannt eine für Gläubige kostbare Reliquie des Kreuzes Christi. Das beeindruckende Talent Gentile Bellinis für die überzeugende, weil wirklichkeitsnahe Organisation einer Vielzahl von Personen im Bildraum ist deutlich sichtbar.
5. Das Kreuzeswunder auf der Brücke von San Lorenzo. Es heißt, das während einer der oben geschilderten Prozessionen (s. Abb. 4) die Reliquie vom Heiligen Kreuz in den Kanal fiel, aber nicht untergegangen ist, sondern bis zur Rettung durch ein hochstehendes Mitglied der Bruderschaft aus der Familie Vendramin (s. o.) magisch über dem Wasser schwebte. Wiederum bietet uns Gentile Bellini ein farbenprächtiges, detailreiches Panorama mit Menschen unterschiedlichen Standes. Einschließlich einer Privat- bzw. Geschäftshausarchitekur wie sie noch in der Gegenwart die Kanäle säumt. Die Brückenkonstruktion unterscheidet sorgfältig und penibel Ziegelstein von Ziegelstein.

b.) Giovanni Bellini

1437 wie der acht Jahre ältere Bruder Gentile ebenfalls in Venedig geboren, waren Giovannis frühe Jahre als Maler von der Tätigkeit in der Familienwerkstatt bestimmt. Der beiden gemeinsame Status, als die eigentlichen Begründer der venezianischen Malerschule der Frührenaissance zu gelten, ist nicht ohne äußere Einflüsse glaubhaft zu denken. Vor allem der mit einer Schwester des Brüderpaares verheiratete Andrea Mantegna und der zeitweise in der Lagunenstadt lebende, vorzugsweise als Bildhauer Berühmtheit erlangende Donatello haben tiefen Eindruck bei ihnen hinterlassen. Für Albrecht Dürer (1506) war der fast siebzigjährige Giovanni Bellini immer noch der beste Maler.

6. Mitte der 1460er Jahre ist die 81 x 127cm große Arbeit „Christus am Ölberg“ in Tempera auf Holz entstanden. Ein ganz entscheidender Moment im Leben von Jesus, wie er in den Evangelien von Matthäus, Markus und Lukas überliefert wird, ist hier wiedergegeben. Eingebettet in eine friedvolle landschaftliche Szenerie mit drei voneinander unabhängigen Siedlungen ist Jesus am frühen Morgen – die rosafarbene Dämmerung zeichnet sich noch am fernen Horizont ab – in ein intensives Gebet versunken. Drei schlaftrunkene, naturalistisch lebensnah komponierte Gestalten, seine Jünger, kauern ein paar Meter abseits. Drohendes Unheil jenseits einer ein Flüsschen überspannenden Brücke naht.
7. Vergrößerter Ausschnitt aus „Christus am Ölberg“. Mit dem Verräter Judas an der Spitze nähern sich die römischen Soldaten um der Person von Jesus habhaft zu werden.
8. Die New Yorker Frick Collection darf sich glücklich schätzen Giovanni Bellinis um 1480 entstandenes Meisterwerk „Heiliger Franziskus in der Einöde“ zu den eigenen Beständen zählen zu dürfen. Die dem 1181/82 in Assisi geborenen Begründer des Franziskanerordens und Schutzpatrons der Tiere gewidmete Arbeit wartet mit einem überbordendem Detailreichtum auf. Der aufrecht stehende, sich nach hinten streckende Franziskus ist in eine schlichte braune Kutte mit um die Taille gebundenen groben Seil gekleidet. Dessen drei Knoten symbolisieren die Tugenden Gehorsam, Keuschheit und Armut. Hinter dem Heiligen befindet sich ein durch ein Steinmäuerchen eingefasster Kräutergarten mit Heilpflanzen wie Königskerze und Wacholder. Rechts unten davor ein Krug zum Bewässern des Grüns. Die mit einem Gitter aus Stangen verschiedener Holzarten versehene Hütte ist handgefertigt und vermittelt den Eindruck einer äußerst bescheidenen Lebensführung. Einzig ein auf einem Pult befindliches Buch in rotem Einband repräsentiert einen größeren materiellen Wert. Anders als heute waren Bücher seinerzeit – rund dreißig Jahre nach Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern – keine Massenware. Der Mensch hat, die Landschaft kultivierend, auch durch den Bau und die Anlage befestigter Siedlungen seine Spuren hinterlassen. Tiere bevölkern die Szenerie. Von links oben kommend, erhellt transzendentales Licht die Felsformation, erwärmt den Heiligen, was seine nach hinten gestreckte Körperhaltung erklären würde und biegt durch seine Kraft sogar den grünen Lorbeerbaum. An mehreren Stellen sind durch die Textur der Farbe Fingerabdruckmuster zu erkennen. Unvergängliche Hinweise auf den Urheber.
9. Die „Heilige Allegorie“ oder „Allegoria sacra“ Giovanni Bellinis ist um 1500 entstanden und bis heute rätseln Fachleute über die zutreffende Erklärung des Dargestellten, so dass es im Grunde genommen immer noch an einer wirklich überzeugenden Deutung mangelt. Das wird im Umfeld des humanistisch gebildeten Auftraggebers mit Sicherheit anders gewesen sein, wo eine Vorliebe für antike Themen und Mythen (vgl. z. B. die in weiße griechische Gewänder gekleideten aufrechten Personen am der Terrasse gegenüberliegenden Gewässerufer) wie für christliche Symbolik geherrscht hat. Wie auch immer: Der mit einer Balustrade umgebenden Terrasse im Vordergrund der 73 x 119cm großen Arbeit in Öl auf Holz mit ihrem Bodenbelag aus weißem, schwarzem und farbigem Marmor kommt aufgrund der hier versammelten Personen eine besondere Bedeutung zu. Neben unbekleideten spielenden Knaben im Zentrum können die Heiligen Petrus, Paulus und Sebastian sowie die auf einem antikisierenden Thron sitzende Jungfrau Maria identifiziert werden.
10. Spezifischer auf seine Heimatstadt ausgerichtet und ganz explizit offizielle Staatskunst wie beim brüderlichen Porträt von Giovanni Mocenigo verkörpernd (s. Abb. 3), kommt Giovanni Bellinis Bildnis des 75. Dogen Leonardo Loredan im Dreiviertelprofil daher. 1501 entstanden ist es rund zwanzig Jahre jünger als die vorgenannte Arbeit. Gut zu erkennen ist die eigentümlich steife Kappe in Form eines Horns, der Corno Ducale, eine mit republikanischen Traditionen und Gepflogenheiten zu vereinbarende Kopfbedeckung, die nichtsdestotrotz einer Krone gleichkommt. Und die exponierte, alle anderen Bewohner der Serenissima überragende Stellung des Dargestellten für jede(n) sichtbar dokumentiert. Der Doge ist in Damaststoff gekleidet, ein in aufwendiger Technik hegestelltes Gewebe, bei dem sich kett- und schusssichtige Partien abwechseln, so dass figürliche Muster, wie auf dem Bild zu sehen, entstehen können. Zuerst in China hergestellt, sind die Kenntnisse zur Fertigung von Damast auf der Seidenstraße nach Westen gelangt.
11. Ein Besuch in Venedigs Frari Kirche bringt Kunstbegeisterte nicht nur mit der Kunst Tizians in Kontakt („Assunta“, Aufnahme Mariens in den Himmel), sondern auch mit einem ins Jahr 1488 datierten Triptychon Giovanni Bellinis. Eingerahmt von den heiligen Petrus, Nikolaus, Markus und Benedikt wird das Bildzentrum von der in einen blauen Mantel über rotem Kleid eingehüllten Maria mit dem Knaben Jesus auf dem Knie bestimmt. Fast scheint es, Maria würde sich vom Hintergrund und der halbrunden Nische loslösen. Der Künstler erreicht diesen perspektivischen Effekt durch Konstruktion eines von den Engeln an der Basis ausgehenden bis zum Kopf der Mutter Gottes reichenden gleichschenkligen Dreiecks, wohingegen der umgebende bräunlich-goldene hölzerne Rahmen ins Innere des Bildes weiterverläuft und den eine halbrunde Nische formierenden Raum in diese Richtung zu verlängern scheint.

c.) Vittore Carpaccio

Über das Leben des 1465 auch in Venedig geborenen Vittore Carpaccio sind wir in Ermangelung aussagekräftiger Details nur in gröbsten Zügen unterrichtet. Seine Vorfahren stammten nicht aus Venetien, sondern aus dem albanischen Raum, den sie aufgrund der expandierenden Osmanen zugunsten erwartbar günstigerer Lebensbedingungen in der Markusrepublik verlassen haben. Stilistische Überlegungen haben Kunsthistoriker dazu bewogen, die Anfänge Carpaccios beruflichen Werdegangs im Umfeld der Bellini-Werkstatt anzusiedeln. Wäre denn ein Werk der offiziellen Staatskunst wie das Porträt des Dogen Leonardo Loredan (s. Abb. 10) einschließlich weiterer Umsetzungen nicht auch viel eher einem einzelnen beauftragten Kontext zuzuweisen als glaubhaft anzunehmen, freiwillig konkurrierende Arbeiten verschiedener Werkstätten hätten die Runde gemacht? Jedenfalls verfügen wir über ein zweites ebensolches, zwischen 1501 und 1503 in Öl auf Holz entstandenes Bildnis von der Hand Carpaccios (s. Abb. 12).

12. Obwohl nicht im Dreiviertel-, sondern im Rechtsprofil dargestellt, ist die lebensnahe Übereinstimmung der Gesichtszüge von Leonardo Loredan (vgl. Abb. 10) nicht von der Hand zu weisen. Typisch für Carpaccio ist die Vorliebe für eine ganze Palette von Rottönen und die Einbeziehung von landschaftlichen Elementen.
13. Dass es in der Frührenaissance thematisch nicht nur um die Darstellung von Staatsmännern und Herrschern gegangen ist, belegt eindeutig Vittore Carpaccios „Porträt einer jungen Frau“ („Ritratto di una giovane donna“) aus der Zeit um 1500. Der Künstler schafft es ein Gefühl von Bewegung und Dynamik zu vermitteln, indem die junge Frau in einem leicht geneigten Winkel gezeigt wird. Der auf den Betrachter gerichtete Blick stellt eine visuelle Verbindung zu ebendiesem her. Die verwendeten Farben erzeugen eine ruhige Bildatmosphäre, wobei das blassrosa-dunkelrote Kleid der jungen Frau ihre helle Haut ästhetisch ansprechend kontrastiert. Die weiße Perlenkette mit Anhänger verweist auf eine Angehörige des Patriziats.
14. Der Neigung des Künstlers das gewöhnliche Alltagsgeschehen der Menschen malerisch zu erfassen, entspricht z. B. die um 1490 entstandene Arbeit „Jagd in der Lagune“. Auffallend ist die zwischen ganz dunklen und sehr hellen Tönen gehaltene Farbgebung des Wassers.
15. Das 274 x 267cm messende, in Öl auf Leinwand erschaffene Gemälde Vittore Carpaccios trägt den Titel „Traum der heiligen Ursula“, gehört einem neunteiligen in der Galerie dell‘ Accademia in Venedig befindlichen Bilderzyklus an und ist um das Jahr 1495 entstanden. Von der Bruderschaft „Scuola di Sant‘ Orsola“ in Auftrag gegeben, markiert der sogenannte Ursula-Zyklus das Hauptwerk des Künstlers. Mit der Ausnahme der auf den hohen gesellschaftlichen Status der Schlafenden, einer britannischen Königstochter, verweisenden Krone am Fußende des Bettes dürfte so manches Schlafzimmer des Quattrocento ähnlich ausgestattet gewesen sein. Himmelbett, Höckerchen, Tisch und Bücherregal sind die nicht gerade unbescheiden anmutenden Ausstattungsdetails, die gleichwohl ein wenig Wohlstand offenbaren. Auf der Wallfahrt nach Rom soll der Legende nach der Prinzessin im Traum ein ihr das bevorstehende Martyrium verkündender Engel erschienen sein. Just dieser Moment ist erfasst. Die bernsteinfarben-rötliche Farbtönung ist von Kunsthistorikern als Hommage Carpaccios an die spezifischen, in der „Serenissima“ wirksamen Lichtverhältnisse interpretiert worden.
16. „Die Ankunft der Pilger in Köln“ gehört ebenfalls dem Ursula-Zyklus an und bezeichnet nach schwerem Sturm auf der Nordsee den Moment des Eintreffens der britannischen Königstochter Ursula. In Begleitung von 11.000 Jungfrauen. Hier in der römischen Kolonie wurde in den frühen 380er Jahren – inmitten der mehr und mehr um sich greifenden Wirren der Völkerwanderungszeit – Zwischenstation auf der Wallfahrt nach Rom gemacht. Die spätmittelalterlich anmutenden Befestigungsanlagen und Türme dürften indes mehr die Gegenwart des Künstlers repräsentieren, als dass sie geeignet wären historische Authentizität beanspruchen zu dürfen. Selbiges gilt für die weiß-roten Fahnen in den klassischen Farben der Hanse.

d.) Giorgione

Da zeitgenössische Quellen über Giorgione kaum etwas auszusagen wissen, gilt er mit einigem Recht als eine der rätselhaftesten Erscheinungen der gesamten Kunstgeschichte überhaupt. Schemenhaft zeichnen sich wenigstens ein paar allgemeine biographische Daten ab. Um 1478 in Castelfranco Veneto gut 40 Kilometer Luftlinie von Venedig zur Welt gekommen, ist er bereits mit Anfang Dreißig an den Folgen der Pest 1510 in der Lagunenstadt verstorben. Mehrere Jahrzehnte danach wusste Giorgio Vasari (s. o.) über ihn zu berichten: „Er genoss ohne Unterlass die Freuden der Liebe und spielte gern und hervorragend Laute. Er musizierte und sang derart betörend, dass er oftmals in den Kreis patrizischer Familien zu gemeinsamer Kurzweil geladen wurde.“ Ob er tatsächlich gemeinsam mit Tizian in der Werkstatt Giovanni Bellinis (s. o.) gelernt hat, ist zwar ungewiss, gleichwohl nicht völlig ausgeschlossen. Das Innovative, das Besondere in der Kunst Giorgiones liegt in dem Zurücktreten des Zeichnerischen, man könnte auch von einem weitgehenden Verzicht auf Umrisslinien zugunsten einer lichterfüllten, lockeren Malweise sprechen. Mit weitreichenden Impulsen für ihm nachfolgende Generationen.

17. Beim 1508 in Öl auf Leinwand fertiggestellten Gemälde „Das Gewitter“ („La Tempesta“), Giorgiones zweifelsohne berühmtestem Werk, handelt es sich trotz weniger den Bildraum bevölkernder Personen ähnlich wie bei der acht Jahre jüngeren Arbeit „Allegoria sacra“ Giovanni Bellinis (s. Abb. 9) um ein intellektuelles Rätsel. Eines, das humanistisch geneigten und gebildeten Zeitgenossen des frühen Cinquecento sehr viel leichter zu entschlüsseln war, als es uns heute mit einem halben Jahrtausend Distanz möglich ist. Deshalb machen aktuell nach wie vor dutzendfache miteinander konkurrierende Deutungen die Runde. Was wir jedoch klar vor einer von einem hell zuckenden Blitz erleuchteten spätmittelalterlichen Stadtsilhouette zu erkennen vermögen, ist ein aufrecht stehender junger Mann mit einem Hirtenstab in der Hand am linken Bildrand. Und eine nur mit einem weißen Tuch auf den Schultern, ansonsten unbekleidete junge Frau mit einem Säugling an der Brust am rechten Bildrand kauernd. Eine irgendwie geartete Kommunikation oder Interaktion zwischen Mann und Frau ist nicht vorhanden. Die Frau blickt uns Betrachter an, der Mann teilnahmslos an ihr vorbei. Durch die Positionierung der Menschen an der Peripherie des Bildes gewinnt die nicht mehr nur den Rang von schmückendem Beiwerk einnehmende Landschaft an Bedeutung. Sie bestimmt nunmehr Atmosphäre und Ausstrahlung des Bildes. Es herrschen tiefe Farbtöne von leuchtendem Blau und Grün in mehreren Abstufungen vor, mit denen Giorgione eine Bildwirkung von Ruhe und Stille erzeugt, die zum fernen Gewitter am Horizont in Kontrast steht.
18. Nur noch fragmentarisch erhalten und überliefert, verkörpert Giorgiones freistehendes Fresko „Nuda“ mit seinen enormen Ausmaßen von 250 x 140cm die nur noch ansatzweise rekonstruierbare Bandbreite der künstlerischen Begabung des großen Meisters. Der unmittelbare Anlass für dieses Kunstwerk war in der durch ein gewaltiges Feuer verursachten Zerstörung der Holzkonstruktion des Fondaco dei Tedeschi, des deutsche Handelszentrums in der „Serenissima“, bis auf die Grundmauern gegeben. Die einzige ästhetische Konzession, die der Senat für den Neubau des Gebäudes genehmigte, war ein enormer die Fassaden schmückender Bilderzyklus, Fresken eben, die im Jahr 1508 bei den beiden neuen Stars am venezianischen Kunsthimmel in Auftrag gegeben worden sind: Bei Giorgione und bei Tizian. Das Honorar dafür wurde am 11. Dezember 1508 festgelegt: 150 Dukaten. 130 davon gingen an Giorgione.
19. Mit der 125 x 146cm großen Arbeit in Öl auf Leinwand „Die drei Philosophen“ verfügt das Kunsthistorische Museum in Wien über einen wahren Schatz voller gelehrter Anspielungen und gelehrter Implikationen. Im Bildhintergrund ist eine hügelige Landschaft zu sehen, in die einige wenige Häuser eingefügt sind. Im Vordergrund auf einem steinernen Plateau am Rande eines Felsblocks drei offensichtlich gelehrte Männer unterschiedlichen Lebensalters. Mit gutem Grund ist für sie angenommen worden, zu Lebzeiten Giorgiones relevante philosophische Systeme zu repräsentieren. So könnte man im sitzenden jungen Mann, der mit einem Winkeleisen mutmaßlich gerade Berechnungen anstellt, einen Vertreter der Naturphilosophie in der Nachfolge der frühesten Weisen, der Vorsokratiker, vermuten. Also ein Reflex auf die zu neuem Ansehen, zu neuer Geltung gelangten Antike, wie sie in der Renaissance ihre Wiedergeburt erfahren hat. Der mit einem Turban als Kopfbedeckung aus östlichem Kontext stammende, aufrecht stehende Mann könnte als Vertreter von Averroes, eines arabischen Philosophen, aufgefasst werden. Und der bärtige Alte am Rande wäre dann mit dem sich seinem Ende zuneigenden Mittelalter in Übereinstimmung zu bringen. Als Nachfolger der von Thomas von Aquin inspirierten Denkschule etwa. Eine solche Interpretation stützt sich auf Überlegungen der Philosophin Agnes Heller.
20. So hat sich der Künstler selbst gesehen: Giorgione als David. Die Farbwahl ist von dunklen Brauntönen, aber auch Ocker und Siena zur Darstellung der Haut bestimmt.
21. Von Giorgione begonnen, soll schließlich Tizian das Bildnis „Schlummernde Venus“ 1510 fertiggestellt haben. Damit wurde erstmalig eine nackte Venus in dieser Bildgröße dargestellt und eine überzeitlich wirksame Vorlage für viele spätere Darstellungen liegender nackter Frauen geschaffen.

Soweit zur Bilderwelt der venezianischen Früh- und Hochrenaissance. Mit meinem kommenden Beitrag werde ich Italien verlassen und mich dem nordalpinen Raum in Form der Anfänge des Buchdrucks mit beweglichen Lettern zuwenden.

Bildnachweis© 1 Gentile Bellini, gemeinfrei, unverändert; 2 Gentile Bellini -The Yorck Project (2002) 10.000 Meisterwerke der Malerei (DVD-ROM), distributed by DIRECTMEDIA Publishing GmbH. ISBN: 3936122202, unverändert; 3 Sailko, CC BY 3.0, unverändert; 4 Gentile Bellini – Self-photographed Didier Descouens Taken on 4 November 2016, gemeinfrei, unverändert; 5 <a href=“//commons.wikimedia.org/wiki/User:Archaeodontosaurus“ title=“User:Archaeodontosaurus“>Didier Descouens</a> and <a class=“mw-mmv-more-authors“ href=“https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Accademia_ _Miracolo_della_reliquia_della_Croce_al_ponte_di_San_Lorenzo_-_Gentile_Bellini_-_cat.568.jpg“>one more author</a> – Own work, Attribution-Share Alike 4.0 International license, unvewrändert; 6 Giovanni Bellini – The Yorck Project (2002) 10.000 Meisterwerke der Malerei (DVD-ROM), distributed by DIRECTMEDIA Publishing GmbH. ISBN: 3936122202, gemeinfrei, unverändert; 7 Sailko, CC BY 3.0, unverändert; 8 Giovanni Bellini – Google Arts & Culture – egGQB5gOZujX4g, gemeinfrei, unverändert; 9 Giovanni Bellini – Google Arts & Culture – PwG90gj_NinyZw, gemeinfrei, unverändert; 10 Giovanni Bellini – National Gallery, London, gemeinfrei, unverändert; 11 Giovanni Bellini – Own Work,CC BY-SA 4.0, unverändert; 12 Attributed to Vittore Carpaccio, gemeinfrei, unverändert; 13 Vittore Carpaccio – This file was derived from: Vittore Carpaccio – Ritratto femminile – Collezione privata.jpg:, gemeinfrei, unverändert; 14 Vittore Carpaccio – Google Arts & Culture – tQHyOayJNOupaw, gemeinfrei, unverändert; 15 Vittore Carpaccio – The Yorck Project (2002) 10.000 Meisterwerke der Malerei (DVD-ROM), distributed by DIRECTMEDIA Publishing GmbH. ISBN: 3936122202, gemeinfrei, unverändert; 16 Vittore Carpaccio – https://www.gallerieaccademia.it/arrivo-colonia#&gid=1&pid=1, gemeinfrei, unverändert; 17 <a href=“//commons.wikimedia.org/wiki/User:Ismoon“ title=“User:Ismoon“>Ismoon</a> and <a class=“mw-mmv-more-authors“ href=“https://commons.wikimedia.org/wiki/File:6,99Mo-Giorgione_019.jpg“>one more author</a> – Own work, gemeinfrei, unverändert; 18 Giorgione – Giorgione, de Enrico Maria Dal Pozzolo, traduit de l’italien par Anne Guglielmetti, Arles : Actes Sud, 2009, p. 23. ISBN 9782742784486, gemeinfrei, unverändert; 19 Giorgione – BgHUbgqFqlwtjA at Google Cultural Institute, gemeinfrei, unverändert; 20 Giorgione – The Yorck Project (2002) 10.000 Meisterwerke der Malerei (DVD-ROM), distributed by DIRECTMEDIA Publishing GmbH. ISBN: 3936122202, gemeinfrei. unverändert; 21 Titian / Giorgione – Google Art Project: Home, gemeinfrei, unverändert;



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