Kalkriese im Sommer 1987
Alles schien perfekt zu passen! Scheint perfekt zu passen!? Als ein unermüdlicher britischer Offizier und Hobbyarchäologe, Major Tony Clunn, in den späten 1980er Jahren keine 20 Kilometer nördlich von Osnabrück in einem weit außerhalb des Zentrums von Bramsche liegenden Ortsteil namens Kalkriese mit seinem Fisher-Metalldetektor unterwegs war, vernahm er unversehens ein akustisches Signal in Form eines hellen Piepsen. Römische Münzen aus augusteischer Zeit kamen an jenem denkwürdigen Julitag vor dreieinhalb Jahrzehnten zum Vorschein, mehr als 100 Denare aus Silber. Sie können heute im vor Ort befindlichen Museum von den Besucher*innen in Augenschein genommen werden.

1. Tony Clunns erster bedeutender Fund in Kalkriese
Im Jahr darauf konnten dann drei antike Wurfgeschosse, sogenannte Schleuderbleie über deren Verwendung wir durch bildliche Darstellungen auf der Trajanssäule in Rom informiert sind, in der am westlichen Nordrand des Wiehengebirges gelegenen Kalkrieser-Niewedder Senke ganz in der Nähe des hier verlaufenden Mittellandkanals zu Tage befördert werden. Nachdem 1990 bei Ausgrabungen schließlich noch Reste einer Wallanlage freigelegt wurden, lag es nahe aufgrund der Funde und Befunde einen vorhandenen militärischen Kontext in der Art eines Kampfplatzes, eines Schlachtfeldes zu vermuten.
Die 400m lange, aus Rasensoden und weiteren organischen Materialien von hier siedelnden Germanen errichtete und ursprünglich wohl um die 2m hohe Wallanlage war hervorragend geeignet, um aus einem Hinterhalt eine vorbeiziehende römische Marschkolonne anzugreifen. Militärexperten sprechen in einem solchen Zusammenhang von einer Defilee-Schlacht. Der mit dem bereits vorgestellten Clunn eng kooperierende Prähistoriker Wolfgang Schlüter hat das Gelände in einem Fachbeitrag 2001 wie folgt charakterisiert: „…ein etwa 6 km langer und an der schmalsten Stelle rund 1 km breiter Engpass zwischen dem Großen Moor im Norden und dem Kalkrieser Berg, der dem Wiehengebirge vorgelagert ist, im Süden.“

2. Die Fundregion Kalkriese nördlich von Osnabrück und Wiehengebirge.

3. Römisches Schleuderblei aus augusteischer Zeit.

4. Rekonstruierte Wallanlage in Kalkriese.
Schon der bedeutende Althistoriker Theodor Mommsen hat im 19. Jahrhundert bei Kalkriese die dramatischen Ereignisse lokalisieren wollen, die wir mit dem Begriff „Varusschlacht“ in Verbindung bringen. Nur haben Mommsen bei seiner Hypothese eben die einschlägigen Beweise gefehlt. Nun liegen sie also vor. Oder etwa doch nicht?
Anderslautende Vermutungen
Ein konkretes historisches Ereignis mit einem bestimmten Ort, demjenigen an dem es sich zweifelsfrei zugetragen hat, zu verbinden, ist für alle an historischer Wahrheit Interessierten und weit darüber hinaus ein existenzielles, weil identitätsstiftendes Anliegen. Der Mecklenburger Kaufmann und Autodidakt Heinrich Schliemann war bekanntermaßen felsenfest davon überzeugt, dass der in Homers Ilias thematisierte Krieg um Troja kein der literarischen Phantasie eines begabten Dichters entsprungenes Luftschloss gewesen sei. Vielmehr müsse man Troja irgendwo lokalisieren können. Was Schliemann in den Augen sowohl einer breiten Öffentlichkeit als auch der meisten Fachgelehrten mit den von ihm und seinen Mitarbeitern in den 1870er Jahren durchgeführten archäologischen Ausgrabungen bronzezeitlicher Siedlungsreste im Nordwesten der heutigen Türkei im Bereich des Hügels Hisarlik gegen alle Widerstände gelungen ist.
Das Bemühen den Ort zu finden, wo die Cherusker unter Arminius den römischen Statthalter in Germanien, den legatus Augusti pro praetore Publius Quinctilius Varus im Jahr 9 n. Chr. mitsamt der von ihm kommandierten XVII, XVIII und XIX Legion einschließlich Auxiliareinheiten und Tross vernichtend geschlagen haben, ist indes sehr viel älter als es Heinrich Schliemanns Ideen waren. Schon im Mittelalter war der Bischof Otto von Freising auf der Grundlage einer in Süddeutschland verbreiteten Legende in seiner in den 1140er Jahren verfassten Chronik der Meinung, dieses Ereignis müsse sich in der Nähe von Augsburg zugetragen haben. Seitdem sind mehr als 700 Theorien entwickelt worden. Zumeist haben sie ihren Referenzpunkt in einer erst 1507 wiederentdeckten Schrift des römischen Historikers Tacitus: den Annalen. Den Annalen zufolge liegt der gesuchte Unglücksort im saltus Teutoburgiensis, dem Teutoburger Wald, nicht weit entfernt vom zwischen Ems und Lippe gelegenen Siedlungsgebiet des germanischen Stammes der Brukterer. Dabei gilt es allerdings zu berücksichtigen: Die Gegend, die wir heute ganz selbstverständlich als Teutoburger Wald kennen, hieß bis zur unter dem Eindruck des taciteischen Werkes erfolgenden Umbenennung durch den Geografen und Historiker Philipp Clüver im Jahr 1616 Osning. Das im südlichen Teutoburger Wald, dem vormaligen Osning, bei Detmold im Jahr 1875 nach Plänen von Ernst von Bandel eingeweihte Hermannsdenkmal, das Arminius mit erhobenem Schwert und nach Westen – der seinerzeitigen politischen Großwetterlage entsprechend – nach Frankreich gerichtetem Blick in heroischer Pose zeigt, ist übrigens rund 100 Kilometer von Kalkriese entfernt. Mit dem von Kalkriese so vehement und nachhaltig erhobenen Anspruch der wahre Schauplatz der Varusschlacht zu sein, ist man, so heißt es, in der Region Detmold nicht wirklich glücklich gewesen.

5. Mittelgebirgslandschaften im Dreiländereck Nordrhein-Westfalen, Hessen und Niedersachsen.

6. Das an den Cherusker Arminius erinnernde Hermannsdenkmal bei Detmold.
Die schriftliche Überlieferung
Ein Ereignis von so enormer Bedeutung, wie es die Varusschlacht war, hat naturgemäß vielfältigen Widerhall in der Literatur der frühen und hohen römischen Kaiserzeit gefunden. Zeitgenössische Dichter wie Ovid, der Philosoph Seneca der Jüngere, der Geograph und Geschichtsschreiber Strabon oder der Tiberius auf seinen Germanienfeldzügen begleitende Historiker Velleius Paterculus: Sie alle und viele mehr haben unmittelbar auf das Ereignis in ihren Werken reagiert. Selbst wenn man nicht geneigt ist, so weit zu gehen, wie es Theodor Mommsen getan hat, als er von einem „Wendepunkt der Weltgeschichte“ gesprochen hat, so kommt man kaum umhin, einen Wendepunkt der römischen Germanienpolitik im Ergebnis festzustellen. Ernstzunehmende Versuche das weitläufige Gebiet zwischen Rhein und Elbe als Provinz zu vereinnahmen, sind nach dem Jahr 9 unterblieben. Darüber täuschen weder die Feldzüge des Germanicus noch eine anderslautende kaiserliche Rhetorik hinweg.
„Die Barbaren kämpfen in Sümpfen, unzugänglichen Wäldern und Einöden unter Ausnutzung des Geländes, indem sie bewirken, das diejenigen, die es nicht kennen, selbst kurze Entfernungen als eine weite Strecke ansehen, und indem sie ihre Gegner in Unkenntnis über die Wege und Nachschubmöglichkeiten für Proviant und andere Dinge halten,“ hat Strabon die Probleme für die römische Kriegsmaschinerie in Germanien auf einen allgemeinen Nenner gebracht. Den ausführlichsten Bericht über die konkreten Ereignisse rund um Varus und seinen cheruskischen Gegenspieler Arminius hat der Historiker Cassius Dio abgefasst, jedoch erst zweihundert Jahre später. Dennoch gilt er als überaus glaubwürdig. Zu beachten ist, dass Arminius als Geisel in Rom aufgewachsen ist, eine römische Soldatenlaufbahn absolviert hat und als Truppenkommandeur einer Reitereinheit Varus eigentlich Unterstützung und Hilfe hätte leisten sollen. Bekanntlich kam es anders. Cassius Dio schreibt: „Zuerst begleiteten ihn die Verschworenen auf dem Marsch, und als sie dann entlassen worden waren, um die verbündeten Kontingente zu mobilisieren und ihm damit rasch zur Hilfe zu kommen, übernahmen sie die Führung der schon bereitstehenden Truppen und griffen, nachdem man überall die dort befindlichen, zuvor erbetenen Garnisonen niedergemacht hatte, den Feldherrn selber an, der sich mittlerweile bereits inmitten undurchdringlicher Wälder befand. Dort erschienen die vermeintlichen Untertanen plötzlich als Feinde und richteten viele schreckliche Verheerungen an.“ Der ebenfalls mit erheblichem zeitlichen Abstand schreibende Historiker Tacitus bezieht sich in den Annalen auf den sechs Jahre nach dem Untergang der Legionen des Varus erfolgenden Besuch des Schlachtfeldes durch Germanicus: „Im ersten Lager des Varus wurde durch seinen weiten Umfang und die Absteckung des Feldherrnplatzes die Arbeit von drei Legionen sichtbar; darauf erkannte man an dem halbverfallenen Wall, an dem flachen Graben, dass dort schon zusammengeschmolzene Reste gelagert hatten. Mitten auf dem Feld bleichende Knochen, zerstreut oder in Haufen, je nachdem ob die Soldaten die Flucht ergriffen oder Widerstand geleistet hatten. Daneben lagen zerbrochene Waffen und Pferdegerippe, zugleich sah man an den Baumstümpfen vorn angenagelte Menschenschädel. In den benachbarten Hainen standen die Altäre der Barbaren, an denen sie die Tribunen und Zenturionen ersten Ranges geschlachtet hatten. Und Überlebende dieser Niederlage, der Schlacht oder der Gefangenschaft entronnen, erzählten, hier seien die Legaten gefallen, dort die Adler geraubt worden…“ Zusammenfassend lässt sich zur antiken Überlieferung sagen, dass sie den Eindruck vermittelt, es habe an wechselnden Schauplätzen ein mehrtägiges Gemetzel stattgefunden, in dem die Römer zu keinem Zeitpunkt in der Lage waren, ihre sonst so gefürchteten, mit täglichem Drill eingeübten Formationen wirkungsvoll in einer offenen Landschaft zu entfalten.

7. Kalkriese, römische Gesichtsmaske.

8. Der Grabstein des Marcus Caelius ist einem Zenturio der XVIII. Legion gewidmet, der bei der Varusschlacht gefallen ist.
Deutungsprobleme
Fraglos ist es in der Kalkrieser-Niewedder Senke zu einer Konfrontation römischer und germanischer Verbände gekommen. Da die jüngsten vor Ort gefundenen Münzen aus Edelmetall in den Jahren 2 und 1 v. Chr. geprägt worden sind, ist es nicht möglich, dass besagte Konfrontation davor stattgefunden hat. Andererseits weisen die Gegenstempel mehrerer Münzen die Kürzel VAR und C.VAL auf, womit direkte Hinweise auf die beiden in den Jahren zwischen 7 und 9 n. Chr. kommandierenden Heerführer P. Qunictilius VAR(us) und den Legaten C. Numonius VAL(a) gegeben sind. Dadurch wird die Zeitspanne der Ereignisse zeitlich noch weiter eingeengt, und zwar in Richtung erhöhter Plausibilität der Theorie, dass Kalkriese der reale Ort der Varusschlacht gewesen ist.
Und dennoch trübt ein Wermutstropfen das so klar gewonnene Bild. Eingangs meines Beitrags ist die Länge des gesamten Engpasses mit rund 6 Kilometern Länge beziffert worden. Der namhafte Experimentalarchäologe Marcus Junkelmann schätzt die Länge einer einzelnen Legion auf dem Marsch einschließlich Tross auf mehr als vier Kilometer. Varus hatte drei Legionen und zusätzliche Auxiliareinheiten unter seinem Oberkommando. Zudem hat der Althistoriker Reinhard Wolters in seiner lesenswerten, hervorragenden Monographie „Die Schlacht im Teutoburger Wald“ angemerkt, dass besagter Engpass schon in der Antike Teil eines bedeutenden Ost-West-Verkehrsweges war, der den Römern im Rahmen ihrer raumgreifenden Okkupationsbestrebungen zwischen Rhein und Elbe kaum unbekannt geblieben sein dürfte.
Resümierend möchte ich dann doch fragen: Wie wahrscheinlich ist es, dass eine bis zu 20.000 Soldaten umfassende Marschkolonne aus disziplinierten, gut ausgebildeten Legionären, die bei unterstellten Ortskenntnissen vom Anfang bis zum Ende den Kalkrieser Engpass in der gesamten Länge eher zwei- als einmal hätte ausfüllen können, von ihrem einmal begonnenen, als falsch erkanntem fatalen Tun einfach nicht abgelassen hat und nicht dazu in der Lage gewesen sein soll, eine notwendige Unterbrechung und/oder wegetechnische Umorganisation herbeizuführen?
Am Status von Kalkriese als dem wahrscheinlichsten Ort, an dem die Varusschlacht stattgefunden hat, ändern kritische Bemerkungen natürlich vorläufig nichts, es sei denn, es würde ein Ort gefunden werden, dessen archäologische Funde und Befunde noch besser mit der antiken schriftlichen Überlieferung in Übereinstimmung zu bringen wären. Das mag zukünftig passieren, vielleicht aber auch nie!
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