Eine Römerstadt am Niederrhein: Die Colonia Ulpia Traiana

In Xanten

Wer heute das Zentrum der knapp mehr als 20.000 Einwohner*innen zählenden Stadt Xanten besucht, kann immer noch den Geist längst vergangener Epochen, den einige der vorhandenen alten Bauwerke bisweilen ausstrahlen, verspüren. Der mit über 70 Meter hohen Türmen versehene, weithin sichtbare Dom St. Viktor etwa (s. Abb. 2), dessen Grundsteinlegung 1263 erfolgte, ist seinerseits auf dem Gelände einer ein halbes Jahrtausend zuvor errichteten Kirche Karolingischer Zeit erbaut worden. Hier vor Ort am Niederrhein soll der drachenbezwingende Held des Nibelungenliedes, Siegfried, der nordischen Sage nach, deren Ursprünge bis in die Völkerwanderungszeit zurückreichen, geboren worden sein.

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1. Der Niederrhein bei Xanten (im Hintergrund links) auf Höhe der Bislicher Insel im April 2020.

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2. Die auch als Dom bekannte Xantener Stifts- und Pfarrkirche St. Viktor.

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3. Der um die Mitte des 15. Jahrhunderts entstandene Kreuzgang von St. Viktor.

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4. Das Gotische Haus am Xantener Marktplatz mit seinem charakteristischen mit Fialen besetzten Treppengiebel.

Doch was mag die Römer lange zuvor in genau diese Gegend gezogen haben, um mit der Colonia Ulpia Traiana die nach der Colonia Claudia Ara Agrippinensium (Köln) zweitgrößte Stadt der Provinz Niedergermanien anzulegen? Was waren die Gründe dafür? Die ästhetischen Reize einer intakten Flusslandschaft (s. Abb. 1) werden es mit Sicherheit nicht gewesen sein, wenn es nach den Erkenntnissen, den analysierten Funden und Befunden der seit vielen Jahrzehnten mit beeindruckender Akribie hierzulande wie auch in den Niederlanden forschend tätigen Vertreter*innen der Provinzialrömischen Archäologie geht.

Römische Expansionspolitik in der späten Republik

Es ist nicht übertrieben, allenfalls etwas überspitzt formuliert, wenn man davon spricht, dass die römische Republik am Ende des Tages an ihren eigenen militärischen Erfolgen und der damit eng verknüpften territorialen Expansionspolitik zugrunde gegangen ist. Bedeutende Individuen wie die Feldherren Lucius Cornelius Sulla und danach Gaius Iulius Caesar haben sich in offenen Gegensatz zu den seit alters her gepflegten politischen Traditionen begeben, wollten sich – gestützt auf die Macht der ihnen treu ergebenen Legionen – nicht mehr von den geradezu geheiligten Prinzipien der Kollegialität (Verteilung der Amtsgewalt auf zwei oder noch mehr Personen) und Annuität (Begrenzung der Amtsdauer auf ein Jahr) einhegen, in ihrem unermesslichen Ehrgeiz von einem kontrollierenden Senat beschränken lassen. Die anlässlich zahlloser Widrigkeiten über Jahrhunderte bewährten Strukturen eines sich selbst verwaltenden Stadtstaates erschienen nicht mehr allen hinreichend bzw. geeignet genug, um den Erfordernissen eines sich stetig vergrößernden Imperiums gerecht zu werden.

Der Beginn des Zeitalters der Bürgerkriege, die ein gleichermaßen erschreckendes wie markantes Kennzeichen der späten im Unterschied zur mittleren römischen Republik waren, wird allgemein um das Jahr 133 v. Chr. herum verortet. Sich im Kern um Fragen der Landverteilung an verdiente Veteranen und/oder landlose Proletarier drehend, sind die Gracchischen Reformen anfangs der unmittelbare Auslöser der für die kommenden einhundert Jahre anhaltenden sozialen und politischen Verwerfungen gewesen. Doch welche Regionen waren zu diesem frühen Zeitpunkt überhaupt schon römische Provinz? Wobei der Begriff provincia (Provinz) sich zunächst nur auf den inhaltlichen bzw. sachlichen Geltungsbereich der Kompetenzen eines Magistrats bezog, der uns geläufige, eigentlich selbstverständlich erscheinende räumliche Aspekt kam erst später hinzu.

Die großen Inseln im zentralen Mittelmeer, in römischer Diktion dem mare nostrum, haben den Anfang gemacht. Zunächst das kornreiche Sizilien 227 v. Chr., wenig später zusammengefasst Sardinien und Korsika. Konsequenterweise geriet danach 203 v. Chr. ebenso der äußerste Norden der italischen Halbinsel selbst in den Fokus. In der Benennung als Gallia Cisalpina spiegelt sich die Erinnerung an die seit dem 5. Jahrhundert v. Chr. vor Ort siedelnden keltischen Stämme wider. Ganz im Westen wurden bald darauf nach Ende des 2. Punischen Krieges im Jahr 197 v. Chr. mit Hispania Citerior und Hispania Ulterior gleich zwei Provinzen auf der Iberischen Halbinsel eingerichtet, die aber geographisch nur den erweiterten nordöstlichen und südöstlichen Küstenstreifen umfasst haben. 170 Jahre zähen weiteren Ringens mit den unbeugsamen, sich fremder Oberhoheit konsequent verweigernden Bergvölkern des Landesinneren folgten, bis unter Augustus das ganze Land im Wesentlichen unter Kontrolle gebracht worden war und eine provinziale Neugliederung in Hispania Tarraconesis, Baetica und Lusitania möglich wurde. Mit Illyricum geriet an der östlichen Adria die sechste Provinz schließlich 168 v. Chr. unter direkte römische Herrschaft

Recht früh gelangte 146 v. Chr. auch ein Teil Nordafrikas unter römische Kuratel, namentlich als Africa ein Gebiet, das grob dem modernen Nationalstaat Tunesien mitsamt Teilen der westlibyschen Küstenlinie entspricht, das in der Antike jedoch dem dortigen ehemaligen festländischen Machtbereich Karthagos gleichzusetzen war. Doch die mächtige im 9. oder 8. Jahrhundert v. Chr. von aus der Levante stammenden Phöniziern gegründete Handelsmetropole und ewige Rivalin Roms um die Vorherrschaft im Mittelmeerraum ist im selben Jahr wie Korinth ultimativ zerstört und dem Erdboden gleichgemacht worden. In jenem schicksalhaften Jahr 146 v. Chr. übte Rom zwar eigentlich erst seit zwei Jahren im nördlichen Griechenland, in Macedonia, formal die Herrschaft aus, jedoch war indirekt bereits jetzt das übrige Griechenland darin eingeschlossen. Allerdings vergingen noch weitere 119 Jahre, bis die Installation der senatorischen Provinz Achaea diesem Umstand auch de iure Rechnung getragen hat.

Damit noch nicht genug. Als Attalos III. von Pergamon im Westen Kleinasiens im Jahr des Beginns der Gracchischen Reformbestrebungen 133 v. Chr. verstarb, war er ohne Nachkommen. Nachgerade eigentümlich mutet es an, dass er sein prosperierendes Königreich kurzerhand per Testament an die Römer vererbte. Wenig später ist dieses Erbe in die Provinz Asia umgewandelt worden.

Dass die Strukturen eines Stadtstaates, wie weiter oben angedeutet, mit der sachgerechten Verwaltung eines sich stetig weiter vergrößernden Imperiums überfordert werden könnten, schien sich abzuzeichnen.

Caesar betritt in Gallien die Bühne der Weltpolitik

Ab 125 v. Chr. ist westlich der Alpen die synonym als Gallia Narbonensis oder Gallia Ulterior bekannte Provinz Gallia Transalpina, nicht zuletzt um die Landbrücke nach Spanien zu schließen, eingerichtet worden. Sie umfasste grob die heutigen Regionen Provence und Languedoc-Rousillon, eine Gegend mithin, die im heutigen französischen Sprachgebrauch nicht immer nur wohlmeinend als Midi méditerranéen abgetan wird. Neben Illyricum (s. o.) und der Gallia Cisalpina (=Norditalien; s.o.) ist die Gallia Transalpina die dritte Provinz, die Caesar nach seinem Konsulat 59 v. Chr. als Statthalter im Range eines Proconsul für die ungewöhnlich lange Dauer von fünf Jahren zugewiesen bekam. Von hier aus startete er seinen raumgreifenden Gallienfeldzug von 58 bis 51 v. Chr., um es dem zuvor im Osten des Mittelmeerraumes so erfolgreich erobernden Gnaeus Pompeius wenigstens gleichzutun, ihn in Übereinstimmung mit dem Wettbewerbsethos der stadtrömischen Oberschichten nach Möglichkeit zu übertreffen. Über dazu eigentlich erforderliche Befugnisse oder Vollmachten gegen die hier weitgehend friedlich siedelnden, auf einem zivilisatorisch überaus hohen Niveau befindlichen keltischen Stämme mit militärischen Mitteln vorzugehen, verfügte er hingegen nicht.

Bekanntermaßen ist Caesar die Eroberung ganz Galliens geglückt. Der endlich bei Alesia mit dem Sieg über den hartnäckigen Widersacher Vercingetorix errungene Ruhm verstellt jedoch leicht den Blick dafür, dass Caesar weitaus umfassendere Pläne verfolgt haben könnte. Die zwei in den Jahren 55 und 54 v. Chr. durchgeführten Expeditionen nach Britannien liefern dafür einen ernstzunehmenden Hinweis. Ebenso die 55 und 53 v. Chr. unternommenen Rheinquerungen in Germanien auf zu diesem Zweck eigens errichteten Holzbrücken. Wo das genau in dem laut Tacitus „im allgemeinen mit unwirtlichen Wäldern oder mit wüsten Sümpfen bedeckten“ Land gewesen ist, darüber diskutieren die Fachleute. Favorisiert wird das Neuwieder Becken zwischen Koblenz und Bonn. Dass es sich bei allen vier tief in geographisch unbekanntes Terrain hineingetragenen Aktionen nicht um bloße Kommando- oder Fernspähunternehmen gehandelt haben kann, dafür dürfte die als notwendig erachtete hohe Truppenkonzentration sprechen. Stets waren nach Caesars eigenen Worten in „De Bello Gallico“ mehrere Legionen beteiligt, bei der zweiten Überfahrt nach Britannien sogar fünf, was zusammen mit den üblicherweise mitgeführten Auxiliarkontingenten auf eine Gesamtzahl von über 30.000 Soldaten hindeutet.

In diesem Kontext, und dabei handelt es sich um gerade einmal seit den 2010er Jahren neu gewonnene und seitdem sich verdichtende archäologische Erkenntnisse, sind mit dem ersten von gleich zwei temporären Römerlagern in Limburg an der Lahn die früheste fortifikatorische rechtsrheinische Existenz der Römer in Germanien überhaupt und mit dem rund 20 Hektar großen festen Militärlager Hermeskeil im linksrheinischen Hunsrück die ältesten Nachweise nicht nur ephemerer römischer Präsenz auf deutschem Boden gelungen. Und zwar nicht in die Regierungszeit des Augustus (31 v. Chr. bis 14 n. Chr.) datierend, wie es bis vor zwanzig Jahren vorherrschende Forschungsmeinung war, sondern schon zu Caesars Zeiten. Insofern muss die römische Frühgeschichte Germaniens zukünftig umgeschrieben werden.

Römisches Germanien in der frühen Kaiserzeit

Über den Rhein auf gallisches Gebiet überraschend immer mal wieder in Scharen westwärts vorrückende germanische Stämme (Sugambrer, Tenkterer, Usipeten) stellten in den kommenden Jahrzehnten ein erhebliches Gefährdungspotenzial dar. Sie waren imstande den Römern empfindliche Niederlagen beizubringen (Clades Lolliana im Jahr 16 v. Chr.) und störten in ihrem wilden Drang Beute zu machen den nachhaltigen Erfolg der sich sukzessive unter den keltischen Stämmen entfaltenden Romanisierungsbestrebungen. Im Rahmen der Augusteischen Germanenkriege gingen die Römer folgerichtig ihrerseits in die Offensive. Die Bemühungen wurden zunächst in der Hauptsache von den kaiserlichen Stiefsöhnen Drusus und Tiberius, dem nachmaligen Kaiser, getragen. Erst jetzt um das Jahr 15 v. Chr. herum, also bald 40 Jahre nach Caesars Rheinübergängen, ist es zur verbreiteten Anlage fester Militärlager mit den typischen streng rechtwinklig voneinander abgegrenzten Straßen- und Wegesystemen (s. Abb. 5) an Rhein und Lippe gekommen: Den Anfang scheint das um 19 v. Chr. errichtete Legionslager Hunnerberg nahe dem späteren Munizipium Colonia Ulpia Noviomagus (Nijmegen) gemacht zu haben, dem sich 16 v. Chr. Novaesium (Neuss) mit einer ähnlichen Anlage angeschlossen hat. Dass zeitgleich in Bonna (Bonn) die Präsenz einer kleineren Militäreinheit festgestellt werden konnte, sollte den Blick nicht davor verstellen, dass ein Kastell erst um 30 n. Chr. errichtet worden ist. Mogontiacum (Mainz), Asciburgium (Moers-Asberg) gegenüber der Ruhrmündung und Vetera I (Xanten) stehen für diese erste Phase linksrheinisch allesamt in den Jahren 13/12 v. Chr. erbauter Kastelle. Sie waren entweder im Bau oder wie das Legionslager Hunnerberg (s.o.) mutmaßlich vollständig hergerichtet, als Drusus seine von 12 bis 9 v. Chr. andauernden Germanienfeldzüge, welche ihn und seine Legionäre bis an die Nordseeküste zu den hier siedelnden Friesen brachten, startete. 9 v. Chr. verstarb er an den Folgen eines Sturzes vom Pferd. Tiberius hat seine Rolle danach übernommen.

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5. Grundriss des Legionslagers Novaesium (Neuss). Plan von 1904.

Vetera I ist in diesem Zusammenhang von besonderem Interesse. Zum einen ist das in den Jahren 13/12 v. Chr. errichtete und 70 n. Chr. während des Bataveraufstandes zerstörte Kastell in unmittelbarer Nachbarschaft der späteren Colonia Ulpia Traiana entstanden. Zum anderen war seine Lage nur wenig nördlich der Mündung der Lippe in den Rhein strategisch von enormer Bedeutung. Von hier aus galt es zu den frühesten lippeaufwärts um 11 v. Chr. entstehenden Kastellen Oberaden und Beckinghausen, einige Jahre später Haltern und Anreppen, Verbindung zu halten und logistische Unterstützung zu gewähren.

Insgesamt wird dadurch der Eindruck einer äußerst militarisierten Grenzregion vermittelt: Der Niederrhein als nasser Limes mit einer Kette diese Grenze absichernder linksrheinischer Kastelle am anderen Ufer.

Doch verfügen wir mit der um 7 v. Chr. gegründeten Siedlung von Waldgirmes in der Nähe von Wetzlar ebenfalls über einen zivilen Gegenentwurf zu diesem etwas einseitigen Bild, und zwar lange bevor die Nähe zum obergermanisch-rätischen Limes in der ersten Ausbaustufe einen gewissen Schutz hätte gewähren können. Rund einhundert Kilometer östlich von Koblenz am Rhein gelegen, war Waldgirmes über den Nebenfluss Lahn gut schiffbar zu erreichen. In friedlicher Koexistenz haben Römer und Germanen hier offensichtlich gehandelt und weitere Geschäfte in Werkstätten und Ladenlokalen zu beiderseitigem Nutzen umgesetzt. Der Althistoriker Michael Sommer hat von einer nach römischem Modell geplanten Siedlung gesprochen, in der Einheimische gemeinsam mit aus dem Imperium Zugewanderten ihren wirtschaftlichen Aktivitäten nachgegangen seien.

Warum haben die hier vor Ort erfahrbaren Schritte in Richtung einer gelungenen Provinzialisierung dann aber keinen dauerhaften Erfolg gehabt? Weshalb ist es zwanzig Jahre später zur Varusschlacht im Teutoburger Wald (Kalkriese) gekommen? Nach meinen bisherigen Erörterungen zur frühen römischen Militär- und Besiedelungsgeschichte in Niedergermanien werde ich diesem Generationen von Hobbyarchäologen und Fans des römischen Altertums den Schlaf raubenden wichtigen Thema ganz gezielt erst in einem nächsten eigenen Blogbeitrag nachgehen. Doch zuvor zurück zum eigentlichen Kern dieses Textes: der Colonia Ulpia Traiana.

Die Colonia Ulpia Traiana

Die Colonia Ulpia Traiana hat von ihrer Lage her gesehen viel der unmittelbaren Nachbarschaft zum Legionslager Vetera II, das bald nach dem im Bataveraufstand 70 n. Chr. zerstörten Vetera I entstanden ist, zu verdanken. Aber auch einer bereits genau dort befindlichen ebenfalls im Bataveraufstand zerstörten zivilen Siedlung, die sich seit Beginn der christlichen Zeitrechnung – die verschiedenen Datierungsvorschläge, die dazu vorgenommen wurden, schwanken ein wenig – durch eine Umsiedlungsaktion zehntausender Angehöriger rechtsrheinischer germanischer Stämme, namentlich der zu den Sugambrern gehörigen Cugerni/Ciberni, entwickelt hat. Bis auf das Fragment eines Weihesteins haben wir allerdings keinerlei Schriftzeugnisse, durch die mehr über diese frühe Siedlung zu erfahren wäre, so dass archäologische Spuren wie die Existenz von Bruchstücken der sogenannten Halterner Kochtöpfe, einer speziellen Form handgemachter und nicht auf der Töpferscheibe hergestellter Keramik, heranzuziehen sind, um das Auftauchen von Neuankömmlingen aus dem Rechtsrheinischen zu untermauern. Zerstörungshorizonte weisen auf das Ende der Siedlung, eines möglicherweise wegen der Flussnähe prosperierenden Handelsplatzes, hin.

Die bald wieder aufgebaute zivile Siedlung ist dann von Kaiser Trajan um das Jahr 100 n. Chr. in den Stand der Colonia Ulpia Traiana erhoben worden. Bei weitem nicht jede x-beliebige römische Siedlung durfte sich den Namen einer Colonia verleihen, denn damit war ein überaus qualifizierter rechtlicher Status verbunden. Erst jetzt wurde damit begonnen das 73 Hektar große Stadtgebiet, das Platz zum Leben und Arbeiten für um die 10.000 Menschen bot, mit einer mächtigen Stadtmauer aus Tuffstein aus dem Brohltal in der Eifel zu umgeben. Romanisierte Gallier, umgesiedelte Germanen und römische Veteranen, die sich hier nach dem Ende ihrer zwanzigjährigen gefahrvollen Dienstzeit niedergelassen haben, stehen für die vorhandene Bevölkerungsvielfalt.

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6. Grundrissplan der Colonia Ulpia Traiana im heutigen Archäologischen Park Xanten. Im Stadtzentrum befinden sich Forum, Capitol und die Großen Thermen.

Der Grundrissplan (s. Abb. 6) lässt deutlich erkennen, in welch hohem Maße das ummauerte Stadtgebiet planvoll durchorganisiert war. Die einzelnen Blöcke der Wohnbebauung, in römischer Diktion der insulae, waren wie mit dem Lineal gezogen rechtwinklig voneinander abgetrennt. Dazwischen das zur Erschließung der Häuser und zur Passage des Verkehrs dienende Straßensystem mit der in westöstlicher Richtung verlaufenden Hauptachse des decumanus maximus und des die nordsüdliche Richtung markierenden Pendants des cardo maximus. Während Axialität und Frontalität anerkanntermaßen geradezu als Grundpfeiler der römischen Architektur überhaupt gelten, ist ein weiteres urbanistisches Prinzip, das gleichfalls bei der Anlage der Colonia Ulpia Traiana ausgemacht  werden kann, noch älteren Ursprungs.

Die Lehre vom regelhaften Städtebau, wie sie die Römer schließlich bei den von ihnen geplanten Städten und Militärlagern, aber eben nicht bei einem natürlich gewachsenen Ort wie Rom, unentwegt berücksichtigt haben, fußt auf sehr viel älteren Erfahrungen. Denen, die die Griechen in Person des Hippodamos von Milet schon im 5. Jahrhundert v. Chr. bei der Neuanlage des von den Persern zerstörten Milet an der kleinasiatischen Westküste oder auch beim Bau des Piräus, des Hafens von Athen, gemacht haben. Hier sind die vom rationalen Denken der ionischen Naturphilosophen beeinflussten Grundlagen der der Vernunft bzw. wohlausgewogenen Ordnung verpflichteten Prinzipien des Baus von geplanten Städten zu sehen. Platz für öffentliche Bauten aussparen, ein rechtwinkliges Straßen- und Wegenetz, all das wurde von den Griechen schon Jahrhunderte früher verwirklicht.

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7. So könnte es in der Colonia Ulpia Traiana im 2. Jahrhundert n. Chr. ausgesehen haben.

Selbstverständlich war in der Colonia Ulpia Traiana auch hinreichend Sorge für religiöse bzw. kultische Belange getragen worden. Mit dem eher im Zentrum gelegenen Matronentempel, dem der Verehrung der Hauptgottheiten Iuppiter, Iuno und Minerva gewidmeten Capitol (Insula 26) und dem näher am Rhein zu lokalisierenden Hafentempel gleich in mehrfacher Hinsicht. Der Hafentempel ist ein typisch römischer Podiumstempel, ein ursprünglich in der etruskischen Kultur verbreiteter Bautyp. Die optische Wirkung war klar auf Vorderansichtigkeit, die weiter oben angesprochene Frontalität, hin ausgerichtet. Dafür sorgte vor allem die Freitreppe (s. Abb. 8), während das Podium die gewünschte Erhabenheit des Sakralbaus bewirkt hat.

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8. Der Hafentempel.

Mit dem Forum, dem Gladiatorenspielen und allseits beliebten Tierhetzen dienenden Amphitheater an der Peripherie, Anlagen zur Wasserver- und Wasserentsorgung, Streifenhäusern zu Wohnzwecken, Handwerkerwerkstätten nebst einem kleinen Hafen war alles da, was eine funktionierende prosperierende Stadt ausmacht. Stadttore regelten den Zugang, Thermen dienten der Hygiene und Körperpflege. Es ließ sich gut leben in der Colonia Ulpia Traiana.

Colonia Ulpia Traiana - Ausgrabung Große Thermen

9. Die archäologische Ausgrabung der Großen Thermen.

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10. Römischer Abwasserkanal in der Colonia Ulpia Traiana.

Jedenfalls für die 175 Jahre die die Stadt in der beschriebenen Form existieren durfte. Um das Jahr 275 n. Chr. herum nahmen die Raubzüge kriegerischer Franken mutmaßlich derart überhand, dass eine rigorose Verkleinerung des besiedelten Areals ins Auge gefasst werden musste. Drei Insulae in der Länge und drei Insulae in der Breite im Zentrum (s. Abb. 6) der Colonia Ulpia Traiana wurden stark befestigt, der Rest des Stadtgebietes war inzwischen verlassen worden. Unter dem Namen  Tricensimae ging es für die Befestigung noch fünfzig Jahre weiter, bis die Stürme der Völkerwanderungszeit auch dem ein Ende gesetzt haben. Unwiederbringlich!

Bildnachweis© 1 Federal Waterways Engineering and Research Institute, CC BY 2.0, unverändert; 2 Milagros aal, CC BY-SA 4.0, unverändert; 3 Zairon, CC BY-SA 3.0, unverändert; 4 Ad Meskens, CC BY-SA 4.0, unverändert; 5 Constantin Koenen; 6 Thomas Römer / OpenStreetMap data, CC BY-3.0, unverändert; 7 Didi 43, CC BY-SA 4.0, unverändert; 8 Steffen Schmitz (Carschten), CC BY-SA 4.0, unverändert; 9 Raimond Spekking, CC BY-SA 4.0, unverändert; 10 Steffen Schmitz (Carschten), CC BY-SA 4.0, unverändert;

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