Anfänge
Nicht wenige der ganz frühen griechischen Philosophen wirkten – anders als wir es vielleicht erwarten würden – nicht im Zentrum des zerklüfteten, gebirgigen Landes im Südosten Europas, sondern an der Peripherie des Kulturraums. Naturphilosophen wie Thales von Milet, Anaximander oder Anaximenes waren an der kleinasiatischen Westküste, in Ionien, zu Hause, weshalb sie ihrer Herkunft nach auch als die ionischen Naturphilosophen angesprochen werden. Der Ursprung aller Dinge, der Anfang, war ein sie besonders bewegendes Thema. Für Thales beispielsweise lag dieser Ursprung im Element Wasser begründet, da das Universum aus ihm, ob nun im festen oder flüssigen Zustand, bestehe. Heraklit („Der Krieg ist der Vater aller Dinge.“, „Alles fließt!“) stammte aus dem nicht weit von Milet entfernten Ephesos. Auf die mittelmeerische Kolonisationstätigkeit weiter westlich – ganz Süditalien mitsamt Sizilien galt als „Magna Graecia“, als Großgriechenland – verweist dagegen die Präsenz eines Parmenides in Elea oder des um 570 v. Chr. auf der Insel Samos geborenen Pythagoras, dessen einflussreiche Schulgründung im kalabrischen Kroton erfolgte, bevor er nach Metapont am Golf von Tarent übergesiedelt ist. Eine weitere Gemeinsamkeit eint diese zusammenfassend auch als Vorsokratiker bekannt gewordenen Autoritäten zudem: Obwohl sie über die früheste abendländische Alphabetschrift verfügten, ist uns leider kein komplettes Werk von ihnen überliefert, sondern nur Fragmente.
In Athen
Athen gerät verglichen damit erst relativ spät in den Mittelpunkt des Geschehens. Im fünften vorchristlichen Jahrhundert machten wandernde Lehrer, Sophisten genannt, auf sich aufmerksam, die in Athen und anderenorts die Jugend gegen Bezahlung in Disziplinen wie Geometrie, Mathematik, Rhetorik und Philosophie unterwiesen haben. Gebiete mithin, deren Beherrschung einem aufstrebenden jungen Menschen durchaus dienlich sein konnte, um sich im öffentlichen Raum etwa bei einer politischen Versammlung zu behaupten, um den demokratischen Diskurs mitzugestalten und ein gutes Bild von sich abzugeben. Ihrem Zeitgenossen Sokrates dagegen, dem es vor allem um das moralisch richtige Tun im Verein mit der peinlich genauen Beachtung der geltenden Gesetze ging, war die „Erfolgsformel“ der Sophisten nebst ihrem Materialismus höchst suspekt. 399 v. Chr. ging er für seine Überzeugungen schließlich in den Tod, wobei er den Griff zum Schierlingsbecher durch diplomatischeres Agieren durchaus hätte abwenden können.
Während man bei den Sophisten jedoch von keiner philosophischen Schule im eigentlichen Sinn sprechen kann, änderte sich das im darauffolgenden 4. Jahrhundert v. Chr. Mit der Gründung der Platonischen Akademie, auf die mit einigem zeitlichen Abstand der Peripatos des Aristoteles auf dem Gelände des Lykeion folgte, verfügte Athen über feste Lehreinrichtungen, deren internationaler Ruf in der Antike unübertroffen war, die noch den Renaissancekünstler Raffael 1510/11 zu seinem großformatigen Fresko „Die Schule von Athen“ in der Stanza della Signatura im Vatikan inspirierten.
Die Epikureer schließlich nannten eine Institution namens krepos, den Garten, ihr eigen, wo Schüler und Lehrer sich nicht nur gewissenhaft ihren Studien widmeten – anders als es der sie diskreditierende Vorwurf der Vergnügungssucht, dem Hedonismus, das Wort zu reden, nahelegt -, sondern ebenso in Gemeinschaft lebten. Philosophische Lehre an eigens dafür bestimmten Orten war inzwischen fest etabliert. Um 300 v. Chr. wurde eine neue, eine vierte Facette hinzugefügt, indem eine öffentlich zugängliche Säulenhalle, die Stoa Poikile, von einer neuartigen philosophischen Strömung als Treffpunkt auserkoren worden ist. Inmitten des bunten, geschäftigen Treibens auf der funktional einem römischen Forum entsprechenden griechischen Agora, einer Art von Markt- und ursprünglichem Versammlungsplatz für politische, militärische und gerichtliche Angelegenheiten, versammelten sich die Anhänger Zenons von Kition, eines gebürtigen Zyprers. Die Zeit der Stoa war angebrochen.

1. Grundriss der Stoa Poikile, des heute nicht mehr erhaltenen Versammlungsortes der ersten Stoiker am Nordwestrand der Agora.

2. Die ebenfalls an der Agora gelegene zweistöckige Stoa des Attalos stammt zwar aus dem 2. Jahrhundert v. Chr., sie vermittelt in ihrer Rekonstruktion aus den 1950er Jahren aber einen ungefähren Eindruck davon, wie es im frühhellenistischen Athen ausgesehen haben mag.

3. Auf die Geschäftigkeit der damaligen Zeit verweisen die kleinen Läden, die sich an der geschlossenen Rückfront der nach vorne offenen Säulenhalle befunden haben.
Ältere, mittlere und jüngere Stoa
Es ist der jahrhundertelangen Relevanz und Bedeutung der Stoa geschuldet, dass sie aus Gründen der besseren Systematisierung üblicherweise in eine ältere, mittlere und jüngere Periode eingeteilt wird. Ältere und mittlere Stoa werden von Vertretern des griechischen Kulturraums wie Zenon, Kleanthes, Chrysippos, Panaitios oder Poseidonios repräsentiert, während die jüngere Periode in den Römern Seneca und Marc Aurel sowie dem aus Kleinasien stammenden Epiktet ihre wohl wichtigsten Denker gefunden hat. Dabei ist die bloße Anzahl an vollständig überlieferten Originalexten überschaubar. Fragmente, Paraphrasen und Zusammenfassungen in Sekundärquellen bestimmen weitgehend die Szenerie. Im zweiten und dritten nachchristlichen Jahrhundert müssen jedoch die wichtigsten Schriften noch weit verbreitet gewesen sein, da sie zu dieser Zeit mehrfacher Kritik ausgesetzt gewesen sind. Andererseits verfügen wir über Nachrichten aus den 6. Jahrhundert, aus denen hervorgeht, dass die meisten Bücher der Stoiker bereits verloren gegangen waren. Warum das so war, darüber lassen sich nur Vermutungen anstellen. Weil aber die stoische Physik von der Vorstellung beherrscht wurde, dass nur Körper existieren würden und es somit keine unsterbliche immaterielle menschliche Seele gebe, befand man sich damit in krassem Gegensatz zur im 4. Jahrhundert nach langen Wirren und Auseinandersetzungen zur Staatsreligion erhobenen christlichen Glaubenslehre. Christliche Kopisten werden damals bei der als notwendig erachteten Übertragung von Texten von Papyrus auf Pergament möglicherweise Autoren, die aus ihrer Sicht Vertreter einer Irrlehre waren, nicht die Beachtung geschenkt haben, die sie verdient hätten.

4. Der im Jahr 333 v. Chr. geborene Begründer der Stoa: Zenon von Kition.
Dennoch zeichnen sich klar und deutlich drei organisch miteinander verwobene Hauptbereiche der stoischen Philosophie ab.
Logik
Die Logik wird in Rhetorik und Dialektik unterteilt. Während die Rhetorik sich mit Themen wie Aufbau, Gestalt und argumentativer Überzeugungskraft von Reden beschäftigt sowie mit der Kunst politischer Beratung, umfasst die Dialektik neben formaler Logik, Grammatik, Linguistik, Sprachphilosophie auch Erkenntnistheorie, also ein ganzes Bündel heutzutage separiert auftretender Wissenschaftszweige.
Um eine Vorstellung der unserer heutigen Aussagenlogik ähnelnden stoischen Logik zu vermitteln, ist es von Nutzen zu schauen, was der zeitlich frühere Aristoteles in der „Topik“ zum Thema geschrieben hat: „Eine Deduktion (syllogismos) ist also ein Argument, in welchem sich, wenn etwas gesetzt wurde, etwas anderes als das Gesetzte mit Notwendigkeit durch das Gesetzte ergibt.“ Ganz grundsätzlich geht es also darum die Struktur von Argumenten im Hinblick auf ihre Gültigkeit zu untersuchen, unabhängig vom Inhalt der Aussagen.
Wenn es Nacht ist, ist es dunkel.
Nun aber ist es nicht dunkel.
Also ist es nicht Nacht.
Die formale Untersuchung derartiger Aussagen wurde bei den Stoikern von dem Ansatz bestimmt, Begrifflichkeiten mittels numerischer Identifikationseinheiten zu ersetzen. Die Ordnungsnummer 1. steht also für die Aussage „Es ist Nacht“, während die Ordnungsnummer 2. für die Aussage „Es ist dunkel“ steht. So gelangten die Stoiker zu folgendem Argument:
Wenn das 1., dann das 2.
Nun aber nicht das 1.
Also nicht das 2.
Davon einmal abgesehen wird dem Menschen in der stoischen Philosophie ein hohes Maß an Entscheidungsfreiheit zugesprochen. Mindestens erwachsene Menschen seien in der Lage frei darüber zu entscheiden, ob sie einer Vorstellung von etwas ihre Zustimmung erteilen oder eben nicht. In den „Diatriben“ des Epiktet heißt es dazu: „Kann irgendeiner verhindern, dass du etwas Wahrem zustimmst? Niemand. Kann dich irgendeiner zwingen, etwas Falsches anzunehmen? Keiner. Siehst du nicht, dass du in diesem Bereich die Fähigkeit zur Entscheidung hast, die unbeschränkt, ohne Zwang und ungehindert ist?“
Doch sind die menschlichen Entscheidungsspielräume tatsächlich immer so eindeutig?
Physik
Die stoische Physik ist durch einen umfassenderen Ansatz als die heutige Physik gekennzeichnet. Nicht allein um das zutreffende Weltverständnis geht es ihr, sondern eine zusätzliche Komponente kommt ins Spiel: Wie ist der Platz des Menschen in dieser Welt beschaffen?
Es wurde schon darauf hingewiesen, welch wichtige Bedeutung Körper für das Weltverständnis der Stoiker besessen haben. Um besser einschätzen zu können, was damit gemeint ist, habe ich zwei Zitate von Diogenes Laertius angefügt. „Wie Apollodor in seiner Physik sagt, ist ein Körper das dreifach Ausgedehnte, in Länge, Breite und die Tiefe; dies nennt man auch einen festen Körper.“ Im Gegensatz zu den Atomisten und Epikureern, die der Auffassung waren, dass jeder Einzelkörper aus kleinsten, nicht weiter teilbaren Körpern, eben den Atomen, bestehen würde, gingen die Stoiker von unendlicher Teilbarkeit aus. Dieser Umstand hätte zur Folge gehabt, dass Körper sich nicht nur an den Oberflächen berührten, sondern zu einer vollständigen Verschmelzung in der Lage wären. Körper könnten entstehen und vergehen, wohingegen die zugrunde liegenden Prinzipien, ein aktives und ein passives, ewig da wären, trotz ihrer Eigenschaft als Körper. „Sie (die Stoiker) sind der Ansicht, dass das Universum zwei Prinzipien habe, das Tätige und das, worauf eingewirkt wird. Dasjenige, worauf eingewirkt wird, sei die nicht eigenschaftsmäßig bestimmte Substanz, das heißt die Materie; das Tätige sei die Vernunft in ihr, das heißt Gott. Da sie nämlich ewig sei, schafft sie jeden einzelnen Gegenstand im gesamten Bereich der Materie. (…) Sie sagen, zwischen Prinzipien und Elementen bestehe ein Unterschied; erstere nämlich seien ungeworden und unvergänglich, während die Elemente beim Weltbrand zugrunde gingen. Außerdem seien die Prinzipien auch Körper und hätten keine Form, während die Elemente mit einer Form ausgestattet seien.“
Davon ausgehend ist es nicht mehr allzu weit bis zu der Einsicht, dass der ganze Kosmos von göttlicher Vernunft, dem aktiven Prinzip, gestaltet und geordnet ist. Dagegen sei nichts durch die willkürliche bzw. zufällige Anordnung von Atomen im leeren Raum entstanden.
Ethik
Der dritte große Themenkreis der Stoiker, die Ethik, setzt sich mit grundsätzlichen Fragestellungen des menschlichen Lebens auseinander. Die Tugend wird als entscheidende Eigenschaft für ein glückliches Leben angesehen. Zwar werden einige altbekannte Einzeltugenden von ihnen durchaus anerkannt und gewürdigt. Dazu zählen etwa Gerechtigkeit, Besonnenheit und Tapferkeit. Doch geht ihr Tugendbegriff weit darüber hinaus. Der Erwerb von Wissen ist schließlich die zentrale Größe für den wahrhaft Tugendhaften, denn Wissen verändere den Charakter und das Leben. Dabei geht es weniger um das Gewinnen einzelner Erkenntnisse. Man sollte vielmehr über wahre, miteinander im Einklang befindliche Überzeugungen verfügen. Erst dann liegt Wissen im Sinne eines Wissens über die Welt vor. Der römische Stoiker Seneca, der unter anderem als Autor eines mehrbändigen Werkes zu naturphilosophischen Fragen hervorgetreten ist, den „Naturales quaestiones“, ist davon ausgegangen, dass ein wirkliches Verständnis von Naturphänomenen dem Menschen gleich mehrfach hilfreich ist. Einerseits hilft es bei der Überwindung von Ängsten, andererseits ist es dadurch möglich den eigenen Standort im Weltgeschehen zu verstehen und anzunehmen.
Dies ist wichtig, da nach stoischer Vorstellung das menschliche Lebensziel darin besteht im Einklang mit der Natur zu leben. Ein verblüffend moderner Gedanke. Dazu noch einmal Diogenes Laertius unter Berufung auf Chrysipp: „Ferner ist das Leben gemäß der Tugend dasselbe wie das Leben in Übereinstimmung mit unserer Erfahrung dessen, was von Natur aus geschieht, wie Chrysipp in „Über die Ziele“, Buch 1 schreibt: Unsere Naturen sind nämlich Teile des Ganzen. Aus diesem Grund besteht das Ziel darin, in Übereinstimmung mit der Natur zu leben, das heißt in Übereinstimmung mit der eigenen Natur und der des Universums, indem man nichts tut, was durch das allgemeine Gesetz verboten ist. Dies ist die richtige Vernunft, die alle Dinge durchzieht und identisch ist mit Zeus, dem Anführer und Verwalter aller Dinge.“
Im heutigen Sprachgebrauch begegnet bisweilen, wenn von einem Menschen die Rede ist, der den Eindruck von Unerschütterlichkeit erweckt, der Begriff der stoischen Ruhe. Was hat es damit auf sich? Wir beziehen uns damit tatsächlich auf eine stoische Idealvorstellung, nämlich die der Freiheit von Affekten. Emotionen wie Neid, Hass, Eifersucht, Zorn, Ekel, aber auch Trauer sind danach unangemessene und daher korrekturbedürftige Gefühle. Das heißt in der Konsequenz, dass wir ihnen nicht bedingungslos ausgeliefert sind. Im Gegenteil: Wir können sie steuern und uns von ihnen befreien. Ob das beispielsweise bei einem familiären Trauerfall überhaupt ein wünschenswertes Reaktionsmuster darstellen würde, mag dahingestellt bleiben. Ein erhöhtes Maß an Selbstkontrolle zu erlangen, ein durchgängig positives mindset zu entwickeln und dann tagtäglich zu praktizieren kann hingegen als überaus wünschenswert erachtet werden.
Wie der römische Kaiser Marc Aurel, ein bekennender Stoiker, bei all den Herausforderungen, die ihm in seinem ereignisreichen Leben begegnet sind, Ideal und Realität in Übereinstimmung zu bringen vermocht hat, davon handelt der kommende Beitrag!
Bildnachweis© 1 George E. Koronaios; 2. Pedro P. Palazzo, CC BY-SA 4.0, unverändert; w.Massimo Pigliucci, CC BY 4.0, unverändert; 4 Jeremy Weate, CC BY 2.0, unverändert;