Einleitung
Migration in all ihren Facetten – von den auslösenden Ursachen bis hin zu den Aufnahmekapazitäten möglicher Gastländer – ist ein den politischen und gesellschaftlichen Diskurs mitbestimmendes Thema der Gegenwart. Ob man will oder nicht. Der Blick in die weit zurückliegende Vergangenheit der Spätantike zeigt jedoch, dass Wanderungsbewegungen nicht nur von Individuen oder Kleinfamilien, sondern vielköpfiger Stammesverbände schon immer die Menschheitsgeschichte geprägt, sie entscheidend mitgeformt haben.

1. Schematische Darstellung von Wanderungsbewegungen in Europa, Kleinasien und Nordafrika vom 2. Jahrhundert n. Chr. an.
Die obige Karte (s. Abb. 1) verschafft uns einen Eindruck davon, welche namentlich bekannten Stammesverbände – bis auf die Hunnen allesamt germanischen Ursprungs – in hoher Kaiserzeit und Spätantike inner- und außerhalb des Imperium Romanum auf Wanderschaft waren. Die farbigen Richtungspfeile suggerieren dabei zur besseren Veranschaulichung eindeutig fassbare Bewegungsmuster. Offenbar waren Stammesverbände mit klaren Zielvorstellungen, wohin die Reise denn gehen sollte, unterwegs. Doch nur allzu oft sind die sich damals abspielenden Vorgänge für uns in der Rückschau vom dichten Nebel der Intransparenz verhüllt. Wir wissen im Einzelfall eben nicht, ob sich ganze Stammesverbände auf den Weg von A nach B im Rahmen eines einmaligen Vorgangs oder alternativ dazu in mehreren Wellen in Bewegung gesetzt haben. Oder ob sich durch unterwegs hinzugekommene Kriegergruppen einschließlich Anhang aus zunächst nur locker verknüpften Menschenhaufen ein präzise benennbarer Stamm erst bei Erreichen des Zieles bzw. nach längerem Verweilen in der neuen Heimat gebildet hat.
Wer sich durch einen Blick auf die Karte darüber informieren möchte, wo der Ausgangspunkt für die Goten bei ihrer Wanderschaft in die Region nördlich und westlich des Schwarzen Meeres gelegen hat, wird durch die rote Linie (s. Abb. 1) auf das südliche Skandinavien verwiesen. Schließlich hat der Verfasser der um die Mitte des 6. Jahrhunderts veröffentlichten Getica, ein gewisser Jordanes, hier ihren Ursprung verortet. Da archäologisch bisher keinerlei Bestätigung für eine derartige Annahme gefunden worden ist, bestehen in der Forschung erhebliche Zweifel am Wahrheitsgehalt dieser These. Nicht wenige der mit dem Thema der Völkerwanderung befassten Spezialisten aus dem Kreis von Althistorikern und Mediävisten lokalisieren daher den am südlichen Rand der Ostsee gelegenen Raum zwischen Oder und Weichsel als Ursprungsheimat der Goten. Demnach dürfte die rote Linie auf der Karte erst 2 Zentimeter weiter unten beginnen.
Damit soll keineswegs ketzerisch in Frage gestellt werden, was an Wissen und Erkenntnissen über die Zeit der Völkerwanderung, deren Beginn um das Jahr 375 verortet wird, vorliegt. Vielmehr möchte ich gleich zu Anfang dieses Beitrags auf die dürftige, fast nur durch römische Literatur, Inschriften und Münzen gespeiste Quellenlage hinweisen. Bei aller Bedeutung, die daneben archäologischen Funden und Befunden, die genetischen Analysen in diesem Kontext zukommen kann, vermitteln uns die Quellen also vorrangig die römische Sicht der Dinge auf die Ereignisse. Bei den von den Römern als Barbaren angesehenen Eindringlingen steckten Nutzung und Gebrauch der Schrift noch im Anfangsstadium, von einer weit verbreiteten Schriftkultur kann überhaupt nicht die Rede sein. Als ältestes germanisches Schriftdenkmal gilt heute der auf die Zeit um 150/160 datierte Kamm von Vimose. Es handelt sich dabei um eine 2,9 cm lange Runenritzung mit der rechtsläufigen Inschrift „harja„, gefunden auf der dänischen Insel Fünen. Das gotische Alphabet schließlich ist von Bischof Wulfila im 4. Jahrhundert zum Zweck der Übersetzung des Neuen Testaments in die gotische Sprache entwickelt worden.

2. Gotisches Langhaus in Maslomecz, Woiwodschaft Lublin im Osten Polens. Rekonstruktion aufgrund archäologischer Befunde und Erkenntnisse.

3. Kunstvoll verzierte gotische Fibeln, einer Art von dekorativen Sicherheitsnadeln zum Zusammenhalten von Kleidung, im Archäologischen Museum Mailand.

4. Vandalischer Schildbuckel aus vergoldeter Bronze (3./4. Jahrhundert). Grabbeigabe aus Herpalypuzta. Heute im Ungarischen Nationalmuseum Budapest.

5. Blick ins Innere der um 760 in Benevent, Italien, errichteten langobardischen Kirche Santa Sofia. Es handelt sich um einen Rundbau mit einem Durchmesser von 28 Metern.
Die Katastrophe von Adrianopel
Um das Jahr 375 rückten die Hunnen, ein gefürchteter zentralasiatischer Reiterstamm, ausgestattet mit Kompositbögen von enormer Durchschlagskraft und hoher Reichweite, weiter nach Westen vor, was als Reaktion eilends Fluchtbewegungen germanischer und sarmatischer Stammesverbände auslöste. Davon betroffen waren ebenfalls die im Gebiet nördlich der unteren Donau siedelnden Terwingen, aus denen später die auch als Visigothen bekannten Westgoten hervorgehen sollten. Ihr Anführer Fritigern erbat vom in Konstantinopel residierenden, die östliche Reichshälfte des Imperium Romanum kontrollierenden Kaiser Valens die Erlaubnis, die Donau zu überschreiten, um sich in der römischen Provinz Thrakien ansiedeln zu dürfen. Die Erlaubnis wurde zwar gewährt, doch die Dinge gerieten zunehmend außer Kontrolle. Raub und Plünderungen lasteten auf dem örtlichen Amtsbereich von Valens, erhöhten seinen Handlungsdruck so sehr, dass er sich zum militärischen Eingreifen gezwungen sah. Verstärkungen aus dem Westen seitens des Mitkaisers Gratian wurden angefordert. In demselben Jahr 378 hatte sich derselbe Gratian zuvor in der Schlacht von Argentovaria bei Colmar im Elsass erfolgreich gegen die Alamannen behauptet. Sein in diesem Zusammenhang erfolgter Rheinübergang sollte der letzte eines römischen Kaisers bleiben. Wollte Valens sich nun unbedingt ebenfalls exklusiven militärischen Ruhm auf die Fahnen schreiben lassen? Jedenfalls wartete er die zugesagten und bereits auf dem Balkan in Eilmärschen vorwärts stürmenden Verstärkungen nicht ab. Stattdessen suchte Valens am 9. August 378 in der Nähe von Adrianopel (Hadrianopolis, Edirne) hastig die Entscheidungsschlacht, und zwar nach einem 17 Kilometer langen Marsch der zur Verfügung stehenden Truppenkontingente in brütender Sonnenhitze. Gegen ausgeruhte Gegner. Die Aufklärung hatte zu allem Überfluss falsche Ergebnisse über die tatsächliche Stärke der vor Ort lagernden gotischen Terwingen geliefert. Ein Großteil des römischen Heeres fiel im Kampf. Kaiser Valens ebenfalls. Der Historiker Ammianus Marcellinus sah darin die schwerste römische Niederlage seit Cannae. Und Cannae hatte sich 216 v. Chr zur Zeit der mittleren Republik ereignet, lag also sechshundert Jahre zurück.
Die Rheingrenze fällt
Ortswechsel. Am letzten Tag des Jahres 406, es muss bitterkalt gewesen sein, stand die zweite neuralgische Flussgrenze inmitten Europas im Blickpunkt des Geschehens. In der Silvesternacht überschritten aus Vandalen, Sueben und dem sarmatischen Reitervolk der Alanen bestehende Stammesverbände den zugefrorenen Rhein zwischen Mainz und Worms. Welche Gründe sie dazu brachten, ob es wiederum darum ging, sich den weiter nach Westen vorrückenden Hunnen zu entziehen, ob Nahrungsmittel knapp waren oder ob man schlicht bessere Lebenschancen in den noch immer blühenden, prosperierenden Provinzen des Imperium Romanum wahrnehmen wollte, lässt sich nicht exakt beantworten. Möglicherweise kommt eine Kombination der drei Faktoren der Wahrheit am nächsten. Mit Sicherheit werden sie davon gewusst haben, dass zum selben Zeitpunkt römische Truppen in großer Zahl von der Rheingrenze abgezogen waren, um unter dem Oberkommando des Heermeisters Stilicho inzwischen in Italien marodierende Goten unter ihrem König Radagais erfolgreich zu bekämpfen. Einstweilen wurde der römische Grenzschutz am Rhein hauptsächlich den verbündeten Franken überlassen. In diesem Fall erfolglos.
Mogontiacum (Mainz), Borbetomagus (Worms), Durocortorum (Reims), Augusta Treverorum (Trier) und weitere Städte wurden von den barbarischen Invasoren eingenommen, die Bewohner beraubt und drangsaliert, wenn ihnen nicht Schlimmeres widerfahren ist.
Die Fallhöhe der romanisierten Provinzialen war beträchtlich. Um wenigstens im Ansatz zu verdeutlichen, wie angenehm das Leben bis dahin in den gallischen, belgischen und germanischen Provinzen sein konnte, zitiere ich eine Passage aus der in den 370er Jahren entstandenen Reisebeschreibung Mosella von Ausonius, dem Lehrer und Erzieher des bereits erwähnten Kaisers Gratian (s. o.).
„Diese nun oder doch Künstler wie sie – so dürfen wir glauben –
Schufen im Lande der Belgen die schmuckvoll strebenden Bauten,
Wirkten die Zierde des Stroms, Landhäuser mit ragenden Giebeln.
Dieses erscheint, von Natur schon hoch, auf dem Damme des Felsens,
Dies ist erbaut an der Senke des weitvorspringenden Ufers;
Wieder zurück tritt jenes und wahrt sich den Fluss in der Einbucht.
Das auf der Höhe des Hügels, der mächtig sich über den Strom hebt,
Eignet auf Bauland sich und auf Wald weitreichenden Blick zu,
Und wie des eigenen Besitzes erfreut sich die köstliche Umschau.
Und dann dieses im Thale erbaut auf bewässerten Wiesen
Gleicht des erhabenen Bergs natürliche Schenkung durch Kunst aus:
Strebend erhebt mit dem ragenden Dach es sich kühn in die Lüfte,
Hochauf steigt ihm der Turm, ein zweiter memphitischer Pharus.
Dem ists eigen, die Fische, gebannt in umhegtes Gewässer,
Zwischen dem anbaulosen, besonnten Gesteine zu fangen.
Auf dem Gebirgskamm stützt hier dieses sich, und von der Höhe
Schaut es mit schwindelndem Blicke die tief hingleitenden Fluten.
Soll ich die Hallen noch preisen, an grünenden Wiesen gelegen,
Alle die Dächer dazu, die von zahllosen Säulen gestützt sind, –
Oder die rauchenden, dicht an dem Rande des Flusses erbauten
Bäder, in denen das Feuer, geschöpft im geschlossenen Heizraum,
Zugige Flammen erzeugt und in hohlen Verschlüssen sie hinwälzt,
Dass durch die strömende Glut die gefangenen Dämpfe sich ballen?
Manche erschaute ich schon, die von reichlichem Schweisse des Bades
Matt Kühlwannen verschmähten und frostiges Fischteichwasser,
Um sich des fliessenden Wassers zu freuen, und bald von dem Flussbad
Wohlig die kältlichen Fluten mit plätscherndem Schwimmen zerteilten.
Käme ein Fremder hierher vom Gestade bei Kumä: er müsste
Glauben, es habe verkleinert sein Bild das euböische Bajä
Hier an die Stätte gezaubert: die herrliche Zierde und Schönheit
Heimelt uns an, doch nimmer erzeugt das Vergnügen Genusssucht.
Doch wann ende ich wohl, deine bläulichen Fluten zu singen
Und dich dem Meer als Genossin zur Seite zu stellen, Mosella (…)
Einordnung
Den thematisierten frühen entscheidenden Ereignissen der Völkerwanderung wie der Schlacht von Adrianopel 378 und dem Rheinübergang 406 könnte man ergänzend die vom 24. August bis 27. August 410 währende dreitägige Einnahme und Plünderung Roms durch die Westgoten unter Alarich ergänzend an die Seite stellen. Doch wird gerade jene Besetzung Roms heutzutage eher als Aktion einer meuternden Söldnerarmee im Zusammenhang eines Bürgerkriegs denn als bloße barbarische Invasion verstanden.
Was zu der Frage führt, warum Rom in früheren Zeiten offenbar besser dazu in der Lage war, gefährliche in Stammesverbänden agierende Eindringlinge abzuwehren? So wie es gegen Ende des zweiten vorchristlichen Jahrhunderts während der späten Republik geschehen ist, als Marius die Kimbern und Teutonen vernichtend besiegte. Vorausgegangen war eine Militärreform bei der das traditionell gültige Milizsystem in eine permanent verfügbare Berufsarmee umgewandelt worden war. In der hohen Kaiserzeit schließlich wusste sich der mehr in Heerlagern an der Donau als in Rom aufhaltende Marc Aurel (161 – 180) der Markomannen, Jazygen und Quaden zu erwehren und größeres Unheil auf der italischen Halbinsel zu verhindern.
Eine Antwort auf die Frage wird man am ehesten in einer zunehmenden inneren Uneinigkeit, dem Auseinanderdriften einer einst vorhandenen gemeinsamen Geisteshaltung, dem verhängnisvollen Drang zum Bürgerkrieg und einem allmählich wachsenden Gegensatz zwischen lateinisch geprägtem Westen und griechisch beeinflusstem Osten sehen müssen. Rom am Tiber und das neue Rom am Bosporus, Konstantinopel, verkörperten diesen Antagonismus. Die Reichsteilung 395 in ein West- und ein Oströmisches Reich machte ihn sinnfällig. Der bei Amtsantritt von Diokletian 284 implementierte Grundgedanke einer Verteilung der Lasten und Aufgaben auf mehrere Schultern – im Fall der Tetrarchie waren es sogar vier – hatte sich offensichtlich überlebt. Und war dem Ansturm der vitalen Kräfte aus dem Norden nur noch unzureichend gewachsen. Durch die Absetzung des letzten weströmischen Kaisers Romulus Augustulus 476 wurde formal der letzte Akt des Schauspiels vollzogen. Der Vorhang fiel.
Doch es gab nicht nur Untergang und Zerstörung. Mit Begriffen wie Metamorphose und Transformation werden die Neigungen so mancher völkerwandernden germanischen Stämme umschrieben, weiterhin an der römischen Kultur teilzuhaben, an ihren Errungenschaften zu partizipieren. Der US-amerikanische Mediävist Patrick Geary ist daher zu der pointierten Bewertung, „Die germanische Welt war vielleicht die großartigste und dauerhafteste Schöpfung des militärischen und politischen Genies der Römer“, gelangt.
Mit dem Vandalenreich in Nordafrika, dem Westgotenreich in Spanien, dem der Ostgoten in Italien und Illyrien, dem der Burgunder im südöstlichen Gallien sind germanische Reichsgründungen in diesem Sinne zunächst an die Stelle der alten Ordnungsmacht auf dem westlichen Territorium des Imperium Romanum getreten. Weitere sollten nachfolgen.
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