Johannes Gutenbergs Vermächtnis

Angesichts nur spärlich vorhandener Quellen werden sehr wahrscheinlich nicht wenige das Leben Gutenbergs (s. Abb. 1) plastisch erhellende Details für immer im Verborgenen verharren. Was nicht heißen soll, wir wüssten nichts über ihn. Doch der Informationsfluss zur Biographie des um das Jahr 1400 in Mainz geborenen Erfinders des seriellen Buchdrucks mit beweglichen Lettern ist ein dünnes Rinnsal, so dass es – mehr als sonst bei historischen Persönlichkeiten derartigen Ranges üblich – notwendig ist, gesicherte Fakten von bloßen Vermutungen und spekulativen Thesen sorgfältig zu trennen.

Keineswegs bloße Vermutung oder steile Hypothese ist indes der Stellenwert, der international den experimentell gewonnenen Erkenntnissen, den emsigen Tüfteleien und real vorgenommenen technischen Verbesserungen, ja der Person des gebürtigen Mainzers selbst beigemessen wird. In diesem Sinne hat das in den USA ansässige Nachrichtenmagazin „Time“ 1997 den Gutenbergschen Buchdruck zur bedeutendsten Erfindung des zweiten Jahrtausends gewählt, während das dortige „A&E Network“ kurz danach in ihm sogar den Mann des Jahrtausends gesehen haben will. In diesem Kontext darf natürlich der Hinweis auf den bedeutenden kanadischen Kommunikationstheoretiker und Philosophen Marshall McLuhan („Das Medium ist die Botschaft“) und seine Schrift „The Gutenberg Galaxy“ aus dem Jahr 1962, wo es mit Verweis darauf, dass das System der Skriptorien nunmehr abgelöst worden wäre, heißt, „Der Buchdruck neigte dazu, die Sprache von einem Mittel der Wahrnehmung zu einer tragbaren Ware zu verändern. Der Buchdruck ist nicht nur eine Technologie, sondern selbst ein natürliches Vorkommen oder Rohmaterial wie Baumwolle oder Holz oder das Radio; und wie jedes Rohmaterial formt es nicht nur die persönlichen Sinnesverhältnisse, sondern auch die Muster gemeinschaftlicher Wechselwirkung.“, nicht fehlen.

Trotz aller Rasanz des damaligen Wandels, wie er ab der Fertigstellung der „Sibyllenweissagung“, einem mit der Donat-Kalender-Type um 1447/48 in Gutenbergs Mainzer Werkstatt erstmals seriell mit Maschinenkraft gedrucktem zusammenhängenden längeren Text, fraglos beobachtet werden kann, wäre es dennoch falsch zu glauben, die seit dem Frühmittelalter, insbesondere seit den Tagen Karls des Großen, gleichermaßen europaweit verwurzelten wie in deutschen Landen altvertrauten Skriptorien wären damit plötzlich von einem Tag zum anderen verschwunden. Zwar können wir das Vorhandensein von neuartigen Druckereien bereits 1457 in Bamberg (Albrecht Pfister), 1460 in Straßburg, 1465 in Köln, 1468 in Augsburg, 1469 in Nürnberg und jenseits der Alpen 1465 in Subiaco, 1467 in Rom, 1469 in Venedig und 1470 in Neapel feststellen, womit den Skriptorien allmählich die auskömmliche Geschäftsgrundlage immer mehr entzogen worden ist, doch vorerst bestanden etliche von ihnen weiter. Für die bis 1500 andauernde Inkunabelzeit, die Ära der Wiegendrucke, als immerhin schon etwa 270 spezialisierte derartige Werkstätten in Europa verbreitet waren, lässt sich demnach ein paralleles Sein beider Produktionsweisen, der handschriftlichen und der maschinengestützten, belegen. Wobei man sich hüten sollte allein in weltabgewandten Klöstern in den dortigen Skriptorien arbeitende Kleriker an wertvollen Prachthandschriften wirken sehen zu wollen. Das würde den Blick dafür verstellen, dass auch und gerade in den ab 1348 mit Prag (dann Wien, Heidelberg, Köln und Erfurt) neu entstehenden vorwiegend deutschsprachigen Universitätsstädten der Bedarf an durch händisches Kopieren verfertigten Büchern enorm gewachsen war. In den studentischen Milieus einerseits, zum anderen aber auch zunehmend in den oberen Bevölkerungsschichten überall dort, wo man den vom Renaissance-Humanismus gepriesenen Bildungsidealen mit offenem Herzen gegenübertrat. Erwerbsmäßige, also gewerbliche weltliche Schreibstuben (Skriptorien) entstanden in der Folge, wo arbeitsteilig von Kopisten, Rubrikatoren, Illuminatoren an der Produktion von Büchern gearbeitet wurde. Auch Gutenberg mag in einem solchen Umfeld während seiner Erfurter Studentenzeit einschlägige berufliche Erfahrungen gesammelt haben. Sie sollten ihm später von erheblichem Nutzen sein.

1. Erst nach seinem Tod entstandenes Bildnis Johannes Gutenbergs, eigentlich Johannes (Henne) Gensfleich zur Laden, eines standesbewussten Patriziersohnes, dessen Herkunft mütterlicherseits nach traditionellen Begriffen des Spätmittelalters gleichwohl nicht gänzlich frei von Makel war. Denn die Mutter Else, eine geborene Wirich, stammte zwar von allseits respektierten Kaufleuten mit profunden Kenntnissen in Finanzgeschäften ab, zählte dadurch allerdings zu den Zünftlern, nicht zu den Patriziern. Wodurch dem jungen Johannes die Möglichkeit der Mitgliedschaft in der Münzer-Hausgenossenschaft, einem exklusiven, den lukrativen Edelmetallhandel in Mainz monopolisierenden Zirkel, versagt war und blieb.

Von Mainz nach Straßburg und retour

Mainz, in römischer Zeit als Mogontiacum die Hauptstadt der Provinz Obergermanien (Germania superior), hatte seine große Zeit als Ort, in dem Handel und Gewerbe während des Hoch- und frühen Spätmittelalters prosperierten, um 1400 – zur Zeit von Gutenbergs Geburt – unlängst hinter sich gelassen. Die Einwohnerzahl war im Zeichen eines allmählichen Niedergangs nicht nur als Folge der Pest oder der übermächtigen Konkurrenz des benachbarten Frankfurt am Main beträchtlich geschrumpft; durch allzu generöse Praktiken bei der Auszahlung von Leibrenten vorwiegend an Angehörige höherer Stände bedingte finanzielle Schwierigkeiten machten dem Stadtsäckel erheblich zu schaffen. Gewiss konnte man sich etwas auf den herausgehobenen Status als „Freie Stadt“ zu gute halten, doch was war es wirklich wert angesichts von lähmenden, sich an der personellen Zusammensetzung des Stadtrates entzündenden Streitigkeiten zwischen Patriziern und Zünftlern.

Wenig überraschend also, dass Johannes Gutenberg glaubte anderenorts, im elsässischen Straßburg, ein besseres berufliches Fortkommen zu finden. Eine städtische Urkunde im Zusammenhang mit dem Eintreiben von finanziellen Forderungen aus dem Jahr 1434 bezeugt eindeutig seine Anwesenheit. Unterrichte im „Polieren“ von Steinen soll er zunächst erteilt haben. Was profunde Kenntnisse der Struktur und Beschaffenheit von Edel- und Halbedelsteinen sowie Mineralien und im Glätten von Gesteinsoberflächen mit erst gröberen, dann immer feineren Schleifmitteln voraussetzt. Der spätere Geschäftspartner Andreas Dritzehn hat neben anderen zu den zahlenden Schülern gehört. Im Laufe der Zeit wurde das unternehmerische Rad, an dem Gutenberg gedreht hat, größer, was mit gestiegenen geschäftlichen Risiken einherging. Die alle sieben Jahre stattfindende Aachener Heiligtumsfahrt, bei der sich Tausende von Pilgern auf den Weg zum wichtigsten heimischen Wallfahrtsort gemacht haben, hatte es unserem Protagonisten angetan.

Um aus heutiger Sicht verstehen zu können, zu welchem Zweck Gutenberg gemeinsam mit Andreas Dritzehn, Andreas Heilmann und weiteren Geschäftspartnern eine Finanzierungsgesellschaft, in die je nach Vermögenslage einzuzahlen war, gegründet hat, ist es hilfreich, einen Blick auf die religiösen Befindlichkeiten der Menschen im Spätmittelalter zu werfen. Besagte Aachener Heiligtumsfahrt (s. o.) wurde vor allem unternommen, um vier wichtige Reliquien zu sehen und nach Möglichkeit zu berühren: 1. das Kleid Mariens; 2. die Windeln Jesu; 3. das Lendentuch Jesu; 4. das Enthauptungstuch Johannes der Täufers. Als sich nach Abertausenden Berührungen mit dem Pilgerzeichen (s. Abb. 2) zwangsläufig ein gewisser Abnutzungseffekt einstellte, entschied der Klerus, dass zukünftig nur noch ein Bestaunen und Bewundern aus der Ferne möglich sein sollte. Wie nun in den Besitz der unheilabwehrenden und mit Heilkräften versehenen Energie, die man den Reliquien zuschrieb, gelangen, war die naheliegende Frage, die sich unweigerlich stellte? Gutenberg wusste Abhilfe zu schaffen, und zwar durch die Produktion von Pilgerspiegeln. Bleche wurden zwischen zwei Formen, die Matrize und Patrize gelegt und durch Druck entstand der gewünschte Gegenstand, und zwar sogleich in hoher Stückzahl. Händisch musste noch ein kleines Metallplättchen mit konvexer Oberfläche eingepasst und befestigt werden, so dass möglichst viel an segensreicher Strahlung in Aachen eingefangen werden konnte. Eine brillante Idee. Matrize und Patrize sollten zudem bei der späteren Erfindung des Handgießinstruments zur Herstellung der Lettern von entscheidender Bedeutung werden.

2. Leider sind keine Gutenbergschen Pilgerspiegel überliefert worden. Daher hier ein aus Santiago de Compostela als Endstation des Jakobswegs bekanntes Pilgerzeichen aus dem 15. Jahrhundert.

Als Gutenberg zwischen 1444 und 1448 – eine exaktere Zeitbestimmung lassen die Quellen nicht zu – nach Mainz zurückgekehrt war, verfügte er bereits über ein erhebliches Spektrum an beruflichen Erfahrungen. Sowohl die Bedingungen und Verfahrensweisen in einer gewerblichen Schreibwerkstatt waren ihm mutmaßlich aus der Erfurter Studentenzeit vertraut als auch die maschinengestützte serielle Produktion von Metallgegenständen (Pilgerspiegel) aus der Straßburger Phase. Zudem war unternehmerisches Denken einschließlich des Organisierens von benötigten Geldern im Rahmen eines ordentlichen Handwerks- bzw. Geschäftsbetriebs für ihn kein Fremdwort, sondern wohlvertrautes Terrain. Der allgemein stark ansteigende Bedarf an kopierten Büchern wird ihm kaum verborgen geblieben sein. Lag es da für einen kreativen Geist gedanklich noch so fern über neuartige Lösungen nachzudenken?

Es stellt sich die Frage, welches die Haupthindernisse waren, um Papier- oder Pergamentseiten zu vertretbaren Kosten in möglichst hoher Stückzahl zu drucken? Es galt im Wesentlichen vier gravierende Probleme zu lösen: 1. die kostengünstige Herstellung teurer Letternalphabete; 2. das Zusammenfügen von Lettern zu Seiten, womit der Satz gemeint ist; 3. der zweiseitige Druck der Seiten als weitere technische Herausforderung; 4. die Entwicklung drucktauglicher Tinte (s. Abb. 4).

Traditionell wurde im Mittelalter bevorzugt Pergament als dauerhafter und haltbarer Beschreibstoff eingesetzt. Es besaß gegenüber dem in der Antike verwendeten Papyrus enorme Vorteile, da bei weitem nicht so anfällig für Zerfall und Verrottung. Zwar hat Gutenberg rund 30 von 180 Exemplaren seiner berühmten, vom Druckbild qualitativ überaus hochwertigen Bibel auf Pergament drucken lassen, doch gerade der serielle Druck ist durch die Vielzahl an benötigten Tierhäuten an seine praktischen Grenzen gestoßen. Papier, das in Europa erstmals Mitte des 12. Jahrhunderts auf der Iberischen Halbinsel produziert wurde, war der weitaus besser geeignete Beschreibstoff der Zukunft. Ist es bis heute geblieben. Vermutlich über die Seidenstraße ist es aus China westwärts gelangt, bis gegen Ende des 14. Jahrhunderts nahe Nürnberg erstmals auch im Heiligen Römischen Reich mit Maschinenkraft produziert werden konnte (s. Abb. 3). Das Problem der Verfügbarkeit großer Mengen eines geeigneten Beschreibstoffes war somit gerade erst rund ein halbes Jahrhundert gelöst, bevor Gutenberg sich an den wegweisenden Druck seines Meisterwerks gewagt hat (s. Abb. 5).

3. Ohne hauptsächlich aus Zellulosefasern bestehendes Papier als Beschreibstoff, eine chinesische Erfindung, wäre es nicht zur Gutenberg-Revolution gekommen, so der Historiker Bernd Roeck. Hier ist das Wasserrad der ältesten noch funktionstüchtigen Papiermühle hierzulande im sächsischen Niederzwönitz aus dem Jahr 1568 zu sehen. Die erste heimische historische Papiermühle kann hingegen schon für das Jahr 1390 in Gleismühl bei Nürnberg festgestellt werden.
4. Eine auch als Offizin bezeichnete Buchdruckerwerkstatt um 1580 ist hier vom Kupferstecher Philipp Galle nach einer Vorlage von Johannes Stradanus bildlich wiedergegeben. Die eigentliche Druckerpresse (Spindelpresse) ist am rechten Bildrand zu sehen; darüber ist Papier zum Trocknen auf eine Leine gehängt worden. Links sind berufsmäßige Setzer dabei händisch rechteckige Setzkästen mit zahlreichen Typen als Vorlage für den Druckvorgang vorzubereiten. Im Hintergrund wird mit Druckballen vor allem aus Leinölfirnis, Ruß, Terpentin, Harzpech, schwarzem Pech, Schwefelkies, Zinnober, Harz, Galläpfel, Vitriol und Schellack bestehende hinreichend zähflüssige Druckerschwärze, eine von Gutenberg persönlich experimentell erstellte Mixtur, eine Letternform sorgfältig bestrichen.
5. Anfang des Buchs Genesis (Schöpfungsbericht) in der 42-zeiligen gedruckten Gutenberg-Bibel des illuminierten und was den Reichtum der bildlichen Darstellung betrifft noch ganz in der Tradition mittelalterlicher Prachthandschriften stehenden Exemplars der Staatsbibliothek Berlin.

Als alle technischen Herausforderungen gemeistert, die notwendigen finanziellen Mittel bereitgestellt, fachkundige Mitarbeiter eingestellt waren, standen dem erwartbar lukrativen Druck der Bibel keine Hindernisse mehr im Weg. Es galt abschließend allein nur noch darum den eigenen ästhetischen und qualitativen Maßstäben gerecht zu werden. In dieser Hinsicht nicht zu versagen.

Es ist wohl nicht übertrieben davon zu sprechen, dass der geniale Erfinder Johannes Gutenberg sich mit den erzielten Ergebnissen selbst übertroffen hat!

Bildnachweis © 1 http://www.sru.edu/depts/cisba/compsci/dailey/217students/sgm8660/Final/, gemeinfrei, unverändert; 2 Metropolitan Museum of Art, CCO, unverändert; 3 Aagnverglaser, CC BY 4.0, unverändert; 4 After: Jan van der Straet Published by: Philips Galle – https://www.britishmuseum.org/collection/object/P_1948-0410-4-194, gemeinfrei, unverändert; 5 artwork:Gutenberg; picture: Staatsbibliothek Berlin – http://staatsbibliothek-berlin.de/fileadmin/user_upload/zentrale_Seiten/handschriftenabteilung/bilder/Gutenberg-Bibel_Bd1_005_r_Genesis.jpg, gemeinfrei, unverändert;

Hinterlasse einen Kommentar