Die Zeit der Verfolgungen
Ausdrucksvoll sind antike Berichte, in denen beschrieben wird, wie Angehörige der christlichen Religion von manchen, jedoch bei weitem nicht allen römischen Kaisern gezielter Verfolgung ausgesetzt waren. Nero, selbst ein Hauptverdächtiger in der Schuldfrage, wer denn den großen Brand Roms im Jahr 64 verursacht hat, sah in den nur einen einzigen Gott verehrenden Gläubigen willkommene Sündenböcke. In den zwischen 110 und 120 veröffentlichten Annalen des Historikers Tacitus erfahren wir: „Weder durch menschliche Hilfe und durch Schenkungen Neros noch durch Sühneopfer an die Götter ließ sich das schimpfliche Gerücht bannen, die Feuersbrunst sei auf Befehl angelegt worden. Um ihm daher ein Ende zu bereiten, schob der Kaiser die Schuld auf jene von Schandtaten verhassten Menschen, die das Volk Christen nannte und strafte sie unter ausgesuchten Martern. (…) Man ergriff daher zuerst solche, die sich offen als Christen bekannten, und auf ihre Anzeige hin eine ungeheure Menge von Leuten. Man überführte sie zwar nicht der Brandstiftung, wohl aber des allgemeinen Menschenhasses. Bei ihrer Hinrichtung trieb man auch noch Spott mit ihnen. Man steckte sie in Tierhäute und ließ sie entweder durch Hunde zerfleischen oder heftete sie ans Kreuz oder zündete sie nach Eintritt der Dunkelheit an, damit sie als Fackeln dienten. (…) Infolgedessen regte sich das Mitleid – obwohl sie schuldig waren und die härtesten Strafen verdienten -, weil sie nicht dem Allgemeinwohl, sondern der Grausamkeit eines Einzelnen zum Opfer fielen.“

1. Dieses dekorative Element aus der Neronischen Domus Transitoria hat den Brand Roms 64 im Gegensatz zu vielen zu Unrecht Verfolgten relativ unbeschadet überstanden.
Wohl ist es schon zuvor unter Claudius (41 – 54) und später dann unter dem letzten Flavier Domitian (81 – 96) zu vereinzelten Strafaktionen gegen sie gekommen, doch etwas Neuartiges war in der Welt. Gekommen, um zu bleiben. Auch Trajan (98 – 117), unter dem das Römische Reich den Zenit seiner geographischen Ausdehnung erreicht hat, musste sich der dadurch geschaffenen Problemlage annehmen. Und problematisch für das traditionsbewusste römische Selbstverständnis war konkret die Weigerung der Christen, den althergebrachten Staatsgöttern mit den an der Spitze der kapitolinischen Trias stehenden Iuppiter, Iuno und Minerva zu opfern. Ebenso deren Weigerung im Rahmen des Kaiserkults das Standbild des Kaisers als Gottheit zu verehren. Wobei es freilich nicht darum ging, den Grad der individuellen Glaubenstiefe auf irgendeine Weise zu messen. Glaubenstiefe war in der römischen Religion kein Kriterium, um sie ging es nicht, vielmehr stand der formal korrekte Vollzug von Kulthandlungen wie der Opferung von Tieren an eigens dafür vorgesehenen Altären zur Besänftigung womöglich missgelaunter Götter im Mittelpunkt des Geschehens. Gemäß dem Motto „Ich gebe, damit Du gibst.“ („Do, ut des.“) durfte dafür im Gegenzug ein den eigenen Zwecken förderliches Verhalten bzw. Tun erwartet werden.
Zahlreiche Römer*innen wie auch Provinzbewohner*innen mögen das in ihrem Innersten als nicht hinreichend, als zu oberflächlich empfunden haben. Wie sonst wollte man den Zulauf erklären, den ursprünglich aus dem ostmediterranen Raum stammende Mysterienreligionen an den Ufern des Tiber schon seit republikanischer Zeit erhalten haben. Hier ist unter anderem an den bei Legionären so beliebten Mithras- oder den in zahlreichen Städten verbreiteten Isiskult zu denken. Der im zweiten nachchristlichen Jahrhundert lebende Apuleius vermittelt uns noch heute etwas von den dort wirkenden Energien und Kräften, von den eine Wiedergeburt symbolisierenden geheimnisumwobenen Einweihungsriten in seinem auch als „Metamorphosen“ bekannten Roman „Der goldenen Esel“: „Im Namen des Gottes, der die Erde vom Himmel geschieden hat, das Licht von der Finsternis, den Tag von der Nacht, die Welt vom Chaos, das Leben vom Tod, das Werden vom Vergehen, schwöre ich (…), die Mysterien geheim zu halten (…), und ich schwöre auch, dass mich Strafe treffen möge, wenn ich zum Verräter werde.“

2. Römisches Fresko aus dem Tempel der Isis in Pompeji.
In unruhiger werdenden Zeiten, in denen sich der als Pax Romana bekannte Augusteische Frieden zunehmend zu verflüchtigen schien, fiel die christliche Religion mit ihrer ans Jenseits gerichteten Heilsbotschaft für die menschliche Seele auf immer fruchtbareren Boden. Der im kleinasiatischen Bithynien als Statthalter tätige Plinius, ein Neffe des gleichnamigen, beim Vesuvausbruch 79 n. Chr. ums Leben gekommenen Verfassers der hochberühmten 37 Bände umfassenden Naturgeschichte, wollte deshalb sein Vorgehen mit dem Kaiser Trajan (s. o.) abstimmen, wie aus nachfolgendem Briefauszug deutlich wird: „Einstweilen bin ich mit denen, die mir als Christen angezeigt wurden, folgendermaßen verfahren: ich habe sie gefragt, ob sie Christen seien. Die Geständigen habe ich unter Androhung der Todesstrafe ein zweites und drittes Mal gefragt, ob sie Christen seien. Die dabei blieben, ließ ich abführen. Denn ich war der Überzeugung, was auch immer es sei, was sie damit eingestanden, dass auf alle Fälle ihr Eigensinn und ihre unbeugsame Halsstarrigkeit bestraft werden müsse. Es gab auch noch andere mit ähnlichem Wahn, die ich, weil sie römische Bürger waren, zur Überstellung nach Rom vorgemerkt habe. (…) Diejenigen, die bestritten, Christen zu sein oder gewesen zu sein, glaubte ich freilassen zu müssen, da sie mir mit einer von mir vorgesprochenen Formel die Götter anriefen und vor Deinem Bild, das ich zu diesem Zwecke zusammen mit den Bildern der Götter herbeibringen ließ, mit Weihrauch und Wein opferten und außerdem Christus schmähten, Dinge, zu denen wirkliche Christen, wie man sagt, nicht gezwungen werden können.“ Als Ausweg aus dem Dilemma bot sich für die Beschuldigten also eine Opferhandlung vor den traditionellen Staatsgöttern und dem Kaiserbildnis als ultima ratio an. Kaiser Trajan hat dem ratsuchenden Plinius wie folgt geantwortet: „Sie aufspüren soll man nicht. Wenn sie angezeigt und überführt werden, müssen sie bestraft werden. (…) Klageschriften ohne Autor dürfen bei keiner Straftat Platz haben. Denn das wäre ein sehr schlechtes Beispiel und passt nicht zu unserem Zeitalter.“
Zu vereinzelten Nachstellungen ist es in der Zeit danach wiederholt gekommen, von wirklich systematischen Verfolgungen kann man gleichwohl erst ab der Mitte des 3. Jahrhunderts, in der Forschung ist oft vom Jahrhundert der Reichskrise die Rede, sprechen. An Rhein und Donau sowie am Euphrat im Osten des Imperiums haben sich seinerzeit erhebliche Herausforderungen, verursacht von auswärtigen Feinden wie den Sassaniden oder den Alamannen, für das durch Bürgerkriege im Inneren und zahlreiche Usurpationsversuche in seiner Stabilität geschwächte römische Staatswesen ergeben. Die sich in rascher Folge abwechselnden sogenannten Soldatenkaiser versuchten zunächst wenig erfolgreich, der angespannten Lage Herr zu werden. Unter den Kaisern Decius (249 – 251) und Valerian (253 – 260) sind dabei reichsweite Verfolgungsmaßnahmen initiiert worden, welche in einem allgemeinen Versammlungsverbot für Christen, einer deren Bischöfe betreffenden Verhaftungswelle mit anschließender Hinrichtung, der Kreuzigung zahlreicher Gläubiger sowie dem Gang Vieler in die Arena, um sich dort von wilden Tieren zerreißen zu lassen, ihren traurigen Höhepunkt gefunden haben.

3. Das Martyrium des heiligen Erasmus von Antiochia in Gegenwart des Kaisers Diokletian. Fresko aus der Zeit um 750 in der Kirche Santa Maria in Via Lata, Rom.

4. Gräbernischen in der Calixtus-Katakombe an der Via Appia außerhalb Roms.

5. Der Querschnitt und Grundrissplan machen die Weitverzweigtheit der unterirdischen Grabanlage deutlich.
In der Spätantike
Damit war es immer noch nicht genug! Zu Beginn der Spätantike während der Herrschaft Diokletians (284 – 305) ist es schließlich zu massiveren Maßnahmen gekommen, als sie bis dato erlebt wurden. Vergegenwärtigt man sich die im Rahmen der reichsweiten Christenverfolgung ab 303 eingeleiteten Schritte, muss man wohl davonausgehen, dass es dem Kaiser um eine endgültige Zerschlagung der Kirche als solcher zu tun war. Wie sonst sollte die Verbrennung christlicher Schriften, die Inhaftierung von christlichen Staatsbeamten, das Verbot von Gottesdiensten nebst der Zerstörung von Kirchen interpretiert werden?
Der Umschlag des Pendels
Nicht sehr lange danach war es jedoch mit den Restriktionen vorbei. Insbesondere zwei Texte sind in diesem Zusammenhang von herausragender Bedeutung. Der erste ist das von Kaiser Galerius 311 auf dem Sterbebett verfügte Toleranzedikt von Nikomedia, in dem es heißt: „Unter allen Überlegungen, welche wir zum Wohle und Erfolg der Republik zu tätigen gewohnt sind, hatten wir vormals auch entschieden, alle Dinge in Übereinstimmung mit den überlieferten Gesetzen und der Ordnung Roms zu regeln, und bestimmt, dass sogar die Christen, welche den Glauben ihrer Väter verlassen haben, zur Vernunft gebracht werden sollten; da in der Tat die Christen selbst, aus irgendeinem Grund, einer Laune folgten und der Torheit verfielen, nicht die altgedienten Sitten zu befolgen, welche womöglich noch von ihren Vätern herrührten; aber nach ihrem Willen und Gutdünken wollen sie Gesetze für sich selbst schaffen, welche sie befolgen sollen, und wollen verschiedenstes Volk an verschiedenen Orten in Gemeinden sammeln. Schlussendlich, als unser Gesetz mit dem Zweck verkündet wurde, sie sollen den altgedienten Sitten folgen, unterwarfen sich viele aus Angst vor der Gefahr, viele erduldeten jedoch den Tod. Und dennoch verharrten die meisten in ihrer Entscheidung. Als wir nun sahen, dass sie den Göttern weder die Verehrung und schuldige Ehrfurcht noch Anbetung des Gottes der Christen zollten, gedachten wir angesichts unserer höchsten gnädigen Milde und der regelmäßigen Angewohnheit. bei welcher wir gewohnt sind, allen Nachsicht zu gewähren, dass wir auch diesen unverzüglich Nachsicht gewähren, auf dass sie wieder Christen sein können und ihre Versammlungen abhalten mögen, vorausgesetzt, dass sie nicht entgegen der Zucht handeln. Aber wir erklären den Richtern in einem anderen Schreiben, was sie tun sollen. Aufgrund unserer Nachsicht sollen sie zu ihrem Gott für unsere Sicherheit, für die der Republik und für ihre eigene beten, auf dass die Republik weiterhin unbeschadet bleibt und sie sicher in ihren Häusern leben können.“
Auf die euphemistische Verhüllung einer, wenn auch auf mehrere Schultern verteilten de facto Militärmonarchie als Republik braucht hier nicht weiter eingegangen werden, stattdessen soll mit der Mailänder Vereinbarung des Jahres 313 wenigstens auszugsweise der Geist der sich anbahnenden Veränderungen eingefangen werden: „Nachdem wir beide, Kaiser Konstantin und Kaiser Licinius, durch glückliche Fügung bei Mailand zusammenkamen, um zum Wohle aller (…) zu regeln (…) sowohl den Christen als auch allen Menschen freie Vollmacht zu gewähren (…) ihre Religion zu wählen (…) damit die himmlische Gottheit uns und allen (…) gnädig und gewogen bleiben kann. (…) Wir sind seit langem der Ansicht, dass Freiheit des Glaubens nicht verweigert werden sollte. Vielmehr sollten jedermann seine Gedanken und Wünsche gewährt werden, so dass er in der Lage ist, geistliche Dinge so anzusehen, wie er selbst es will. Darum haben wir befohlen, dass es jedermann erlaubt ist, seinen Glauben zu haben und zu praktizieren, wie er will.“
Die Gläubigen
Wissen wir etwas über die Gläubigen des 4. Jahrhunderts? War Konstantin, bekannt als der Große, ein gläubiger Christ? Um mit der Beantwortung der zweiten Frage zu beginnen, muss vorausgeschickt werden, dass wir es nicht ganz genau sagen können. Zwar hatte Konstantin sein persönliches Erweckungserlebnis 312 bei der Schlacht an der Milvischen Brücke, als ihm die Vision des Christusmonogramms – wahrscheinlich eine Luftspiegelung -, bestehend aus den griechischen Buchstaben CHI (Χ) und Rho (Ρ) erschienen ist und er darauf hin, seine Legionäre angewiesen hat, dass sie ihre Schilde mit dieser Kombination aus Schriftzeichen bemalen sollten. Da sie siegreich waren, durfte sich Konstantin immerhin als unter dem Schutz dieses einen Gottes stehend wähnen. Vielleicht hat er eine Idee davon gehabt, dass dem Christentum die Zukunft gehöre. Jedenfalls stattete er die Bischöfe und Kleriker dieser Glaubensgemeinschaft mit einigen Privilegien aus wie beispielsweise der Befreiung von bestimmtem Formen persönlicher Besteuerung oder öffentlichen Dienstpflichten.
Der bedeutende britische Althistoriker Arnold Hugh Martin Jones ist schon 1958 zu der immer noch zutreffenden Einschätzung gelangt, das „die Hauptstärke des Christentums in den unteren und mittleren Schichten der Städte, bei den Handwerkern und kleinen Angestellten, den Ladenbesitzern und Kaufleuten lag.“

6. Das norditalische Aquileia in römischer Zeit.

7. Mosaikfußboden im Mittelschiff der Basilika von Aquileia. Mit mehreren hundert Quadratmetern Fläche ist es das eindrucksvollste Beispiel dieser Kunstform im lateinischsprachigen Westen des römischen Imperiums. Entstanden nach der Konstantinischen Bekehrung 312.

8. Der gesellschaftliche Status der hier porträtierten mutmaßlichen Spenderin des Mosaikbodens kann kein ganz geringer gewesen sein.
Ergänzend ist jedoch hinzuzufügen, dass Mosaiken wie das hier abgebildete in der Basilika von Aquileia, weil zu aufwendig, weil zu teuer, wohl kaum von armen Schluckern gespendet worden sein können. Darin dürfte sich vielmehr das Selbstverständnis einer davon abgehobenen lokalen Elite ausdrücken, die in früheren Zeiten ihre Geldmittel zum Wohle der Gemeinschaft in Zirkusspiele und den Bau von Thermen oder Tempeln investiert hat. Nunmehr wurden diese Gelder von wohlhabenderen Angehörigen des neuen Glaubens in den Bau von Kirchen und deren qualitätvolle Ausschmückung umgeleitet.
Oder wie es der Bischof von Barcelona um 380 in einer Predigt, in der es darum ging das Verlangen nach Buße und Selbstkasteiung in der Fastenzeit zu wecken, formuliert hat: „Es ist gut, dass wir mittelmäßige Leute sind. Es ist nicht gut für uns, in marmorverkleideten Häusern zu leben, von Gold niedergedrückt zu werden und uns in wallende Seidengewänder und hellen Purpur zu kleiden. Aber trotzdem haben wir unsere kleinen Rückzugsorte in Gärten und am Meer. Wie verfügen über ausgezeichneten Wein, halten nette kleine Bankette ab und haben alles, was zu einem rüstigen Alter gehört.“
Bildnachweis © 1 Carole Raddato, CC BY-SA 2.0, unverändert; 2 Wolfgang Rieger – Filippo Coarelli (ed.): Pompeji, gemeinfrei; 3 Marie-Lan Nguyen; 4 GerardM, CC BY-SA 3.0, unverändert; 5 Jchancerel, CC BY-SA 4.0, unverändert; 6 Cristiano64, CC BY-SA 3.0, unverändert; 7 Carole Raddato, CC BY-SA 2.0, unverändert; 8 Moleskine, CC BY-SA 4.0, unverändert.