Die Weltwirtschaftskrise 1929 bis 1939

Einleitung

Unterschiede in der Beurteilung ihrer Gründe und Ursachen und in der Art und Weise, wie sie am zweckmäßigsten zu bekämpfen gewesen wäre, hat es immer gegeben, wird es wohl auch zukünftig geben. Eine maßgebliche Erklärung dafür bieten die bisweilen fundamental voneinander abweichenden Lehrmeinungen ökonomischer Schulen mit den sie jeweils bestimmenden Traditionen und Denkmustern. Der von 1929 bis 1933 amtierende US-Präsident Herbert C. Hoover, ursprünglich ein Geologe, der es als Bergbauingenieur zu beachtlichem Wohlstand gebracht hatte, beklagte in diesem Sinn nachdrücklich in seinen zwanzig Jahre nach dem Ausscheiden aus dem Amt veröffentlichten Memoiren, zu sehr den auf Nichteinmischung des Staates setzenden Theorien der Österreichischen Schule gefolgt zu sein. Joseph Schumpeter und Friedrich August von Hayek etwa standen für eine Denkrichtung, die die Wirtschaftskrise Krise sein ließ, das heißt sie würde, jedenfalls der Theorie nach, irgendwann an ihr natürliches Ende gelangt sein. Einstweilen sollte man auf eine Verringerung des Geldangebots setzen, um eine vorherige Fehlallokation von Kapital in den Griff zu bekommen. Volkswirte sprechen in diesem Zusammenhang von einer kontraktiven Geldpolitik. Vielen Millionen US-Amerikanern und Präsident Hoover selbst, der zeitweise als eine Art Dickens’scher Geizhals im Stil von Ebenezer Scrooge verunglimpft worden ist, ist die verordnete Therapie des Aussitzens überhaupt nicht bekommen, viel Zeit stattdessen ungenutzt verstrichen, Millionen Jobs verloren gegangen. Wo in größeren und kleineren Städten verwahrloste Elendsviertel entstanden, machte zügig der Begriff Hooverville die Runde. Heutzutage würde man vieles wohl anders machen, manchmal genau das Gegenteil von dem, was damals geschehen ist.

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1. Der 31. Präsident der USA: Herbert C. Hoover. Heute wird er deutlich positiver beurteilt als während der frühen 1930er Jahre.

Trotz aller zweifelsohne bestehenden Theorielastigkeit ist gleichwohl ein allgemein akzeptiertes Gerüst an Daten und Fakten vorhanden, deren Stichhaltigkeit und Überzeugungskraft sehr wohl geeignet sind, die historische Wahrheit rund um die von 1929 bis 1939 andauernde Weltwirtschaftskrise abzubilden.

Wer die Frage nach dem auslösenden Moment für die bisher schwerwiegendste und folgenreichste ökonomische Krise der Menschheitsgeschichte stellt, kommt nicht umhin die im Oktober 1929 an der New Yorker Börse platzende Spekulationsblase am Aktienmarkt dafür verantwortlich zu machen. Das bedeutet nicht, dass ein linear und blitzschnell verlaufender Absturz des Dow-Jones-Index ins Bodenlose passiert wäre, da das sich seinerzeit entfaltende – für viele Investoren und Spekulanten finanziell katastrophale – Geschehen sich trotz gelegentlicher irrlichternder Aufwärtsbewegungen der Kurse in Zickzackbewegung bis zum Tiefpunkt der Baisse im Sommer 1932 hinzog. Also fast drei Jahre lang, ein Zeitraum, in dem immer mal wieder trügerische Hoffnung aufkeimte, teilweise von Finanzfachleuten nicht ganz uneigennützig gezielt geschürt wurde, nur um sich im nächsten Augenblick wieder in Luft aufzulösen. Die Kurshöchststände vom Herbst 1929 sind jedenfalls erst ein Vierteljahrhundert später 1954 erneut erreicht worden, was die Nachhaltigkeit der Störung im Wirtschaftsgetriebe deutlich werden lässt.

Absinken der Industrieproduktion und Anstieg der Arbeitslosigkeit 

Zwar war die ganze Welt betroffen, doch die Auswirkungen konnten von Land zu Land stark voneinander abweichen. In den USA, Kanada, dem Deutschen Reich, Polen und der Tschechoslowakei war auf dem Höhepunkt der Krise ein Rückgang der Industrieproduktion von über 40 Prozent zu verzeichnen, in Ländern wie den Niederlanden, Belgien, Frankreich und Italien jeweils über 30 Prozent. Lediglich im einstelligen Prozentbereich bewegte sich der Einbruch in überseeischen Ländern wie Brasilien und Japan.

Das hatte naturgemäß beträchtliche Konsequenzen für die Arbeitsmärkte und die nationalen Erwerbslosenquoten zur Folge. Um nur zwei Länder in den Blick zu nehmen: Die Zahl der Arbeitslosen in der Weimarer Republik stieg von 1,5 Millionen Leidtragenden 1927 auf über 5,6 Millionen im Jahr 1932 an. Zwar war von der Regierung 1926 und 1927 ein komplexes System der Arbeitslosenversicherung eingeführt worden, das in seinen Grundzügen mit den von Arbeitnehmern und Arbeitgebern in gleicher Höhe zu entrichtenden Beiträgen demjenigen der Gegenwart sehr nahe kam, zwar war sogar ein staatlicher Krisenfonds für den Fall einer zu großen, den Rahmen sprengenden Zahl von Erwerbslosen vorgesehen, doch auch diese Annahme erwies sich als zu optimistisch. In der zweiten Hälfte des Jahres 1932 bezogen 618.000 Menschen Leistungen aus der eigentlichen Arbeitslosenversicherung, 1.230.000 Menschen bekamen Arbeitslosenhilfe, 2.500.000 waren auf Wohlfahrtsunterstützung angewiesen und über 1.000.000 Menschen waren wegen zu langer Bezugsdauer durchs Rost gefallen und verfügten über gar keine Einkünfte mehr. Wem würden sie bei den nächsten anstehenden Wahlen wohl ihre Stimme geben?

In den USA stieg die Arbeitslosenquote zwischen 1929 und 1933 von 3,2 Prozent auf erschreckend hohe 24,9 Prozent an. Damit waren annähernd 15 Millionen Personen ohne Arbeit und ohne regelmäßige Einkünfte. Es bedurfte eines Präsidentenwechsels von Herbert C. Hoover hin zu Franklin D. Roosevelt bis 1935 eine landesweit Gültigkeit beanspruchende Arbeitslosenversicherung eingeführt wurde. Die Unemployment Insurance wurde gemeinsam von Bundesregierung und Bundesstaaten getragen und bildete einen wesentlichen Baustein des Social Security Act im Rahmen des New Deal.

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2. Im Jahr 1938 in einem State Employment Service Office in San Francisco.

Doch Statistik ist abstrakt, sie vermag menschliches Schicksal nicht so abzubilden, wie Literatur es im besten Fall kann. Dem in späteren Jahren mit dem Nobelpreis ausgezeichneten John Steinbeck ist 1939 mit „Früchte des Zorns“ (engl. Orig. „The grapes of wrath“) ein solcher großer Wurf gelungen. Eine wirkungsvolle Dekonstruktion des amerikanischen Traums, die dem Autor zunächst heftige Feindseligkeit seitens Politik und Kirche entgegenbrachte. Angeblich sei nicht wahr gewesen, was Steinbeck über die Zeit der großen Depression zu erzählen wusste. Angeblich. Steinbeck widmet sich in „Früchte des Zorns“ dem Schicksal der fiktiven Farmerfamilie Joad aus Oklahoma. Wie viele zehntausend Farmer in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft und weiteren Umgebung müssen sie ihr Land verlassen, da ausbleibende Regenfälle das eigentlich zu bebauende Land der an mächtigen, lebensfeindlichen Staubstürmen sichtbar werdenden Bodenerosion preisgegeben haben. Die landwirtschaftlichen Erträge, die dennoch gemacht werden, geben nicht mehr so viel her, als dass weiter Pachtzinsen gezahlt und Bankkredite bedient werden könnten. Auf einem schäbigen Lastwagen geht es daher ins vermeintliche gelobte Land nach Westen, nach Kalifornien. Dort werden die Wanderarbeiter wenig gastfreundlich aufgenommen, unverhohlener Fremdenhass schlägt ihnen entgegen, die Einheimischen, Amerikaner wie sie selbst, bezeichnen sie als Okies. Arbeit gibt es kaum, wenn doch, dann auf den großen Obstplantagen, wo Großgrundbesitzer und Banken die Regeln bestimmen und die Löhne drücken. Die Familie Joad zerfällt unter diesen Bedingungen immer mehr, bis zuletzt von der Mutter aufopferungsvoll zusammengehalten. 

In Kalifornien war der Roman übrigens zeitweise verboten. Wie um Steinbeck zu bestätigen, hat der Wirtschaftswissenschaftler Charles Kindleberger die Schwierigkeiten kleiner und mittelgroßer Farmbetriebe rund um fallende Agrarpreise in seinem 1973 erschienen Klassiker „Die Weltwirtschaftskrise 1929 – 1939“ mit einer bedenklichen Zunahme der Verschuldung erklärt. Die gesamten Hypotheken auf Farmen in den USA waren Kindleberger zufolge von 3,3 Milliarden Dollar 1910 auf 6,7 Milliarden Dollar 1920 und 9,4 Milliarden Dollar 1925 angestiegen. In einigen Staaten seien sogar 85 Prozent der Farmen belastet gewesen. 

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3. Wanderarbeiter an kalifornischer Straße, 1935.

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4. Pea Picker’s Camp, Kalifornien. Wanderarbeiterfamilie im Jahr 1936.

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5. Dieselbe Familie.

Die Aushöhlung des demokratischen Fundaments

Neben einer darbenden Industrieproduktion, dem Rückgang des Außenhandels, der weiter schwelenden Diskussion hinsichtlich alliierter Reparationsforderungen und dem Phänomen der Massenarbeitslosigkeit gab es mit der Bankenkrise einen weiteren wichtigen Faktor nebst dem kurzfristigen Abzug der vor allem von den USA gegenüber dem Deutschen Reich gewährten Auslandskredite, der nach und nach die Demokratietreue selbst der überzeugtesten Republikaner hierzulande auf eine ungewisse Probe stellte. Die Deflationspolitik der vom Zentrumspolitiker Heinrich Brüning zweimal angeführten Regierungen, vom 31. März 1930 bis zum 9. Oktober 1931 und vom 9. Oktober 1931 bis zum 30. Mai 1932 tat ein übriges, um dem Zukunftsoptimismus allzu vieler den Garaus zu bereiten. Die auf der Grundlage des berüchtigten Artikels 48 der Weimarer Reichsverfassung vom Reichspräsidenten Hindenburg erlassenen Notverordnungen lassen Brünings Regierung zunächst als verdecktes, später als offenes Präsidialkabinett erscheinen. Das Parlament befand sich zunehmend in einer nachgeordneten Rolle, was unter den Amtsnachfolgern von Papen und von Schleicher mitnichten besser wurde. Paul von Hindenburg, zeitlebens ein reaktionärer Monarchist, der am 18. November 1919 wider besseren Wissens im parlamentarischen Untersuchungsausschuss für die Schuldfragen des 1. Weltkriegs erklärt hatte, die deutsche Armee sei von hinten erdolcht worden, ist damit nicht allein ein wichtiger Stichwortgeber für völkische und nationalistische Umtriebe geworden. Am Ende des Tages ist der vielbewunderte Held von Tannenberg der entscheidende Sargträger der deutschen Demokratie gewesen. 

Die Wähler begannen inzwischen, sich den extremen Rändern zuzuwenden. Die bürgerliche Mitte, von liberalen Grundhaltungen fast zu schweigen, erodierte zusehends. Die Stunde der Krawallmacher war gekommen. Bei den Reichstagswahlen vom 14. September 1930 waren die KPD mit 2,5% und die NSDAP mit 15,5% Plus die eigentlichen Gewinner, die Braunhemden hatten von etwas über 800.000 Stimmen im Mai 1928 auf 6,4 Millionen zugelegt. Ein Trend, der sich bei den nächsten Wahlen am 31. Juli 1932 noch verstärkte. Die demokratischen Parteien besaßen keine parlamentarische Mehrheit mehr. Zwar brachten die schon bald darauf folgenden nächsten Reichstagswahlen vom 6. November 1932 den Aufstieg der NSDAP in der Wähler*innengunst mit 4,2% Verlusten auf nunmehr 33,1% Stimmanteile zu einem vorläufigen Ende. Jedoch: Der Weg führte unaufhaltsam in den unverblümten Autoritarismus, der mit der Übernahme der Kanzlerschaft Adolf Hitlers am 30. Januar 1933 zwölf Jahre diktatorischer Herrschaft mit den bekannten Konsequenzen bedeutete. 

Der renommierte britische Historiker Ian Kershaw hat im 2016 erschienen „Höllensturz“ darauf verwiesen, dass sich im Verlauf der Weltwirtschaftskrise in Europa insgesamt politische Bruchlinien geöffnet hätten. Die Demokratie hat eigentlich außer in Nordwesteuropa nur noch in Finnland überlebt. Ansonsten hat überall ein mehr oder minder stark ausgeprägter Autoritarismus, wenn nicht die Diktatur in Reinform das Heft des politischen Handelns in die Hand genommen. 

Wie die US-amerikanische Demokratie und die deutsche Diktatur den ökonomischen Herausforderungen, die zu bewältigen waren, begegnet sind, ist die nächste Frage, die zu beantworten ist? 

New Deal und Kriegswirtschaft zu Friedenszeiten

Es ist einigermaßen verwunderlich, dass der New Deal, dessen schwerlich weg zu diskutierende Erfolge in einer ganzen Reihe von Bereichen sichtbar geworden sind und der für sich in Anspruch nehmen darf, mit dem Social Security Act von 1935 den US-amerikanischen Sozialstaat erst begründet zu haben, bis heute nicht nur Fürsprecher, sondern ebenso ganz entschiedene Widersacher mit einer ihn ablehnenden Grundhaltung gefunden hat. Die Gründe dafür sind vielschichtig und haben zum einen damit zu tun, dass man die politische Überzeugung des Initiators Präsident Franklin D. Roosevelt, eines progressiven Demokraten, schlichtweg abgelehnt hat bzw. immer noch ablehnt. In diesem Sinn hat der Oberste Gerichtshof in den 1930er Jahren, der Supreme Court, der von den „Four Horsemen of Reaction“ dominiert wurde, erzkonservativen Richtern, es geschafft, eine Anzahl von New-Deal-Gesetzen für verfassungswidrig zu erklären. So ist es beispielsweise im Mai 1935 der nach gesellschaftlichem Konsens strebenden Arbeit der National Recovery Administration widerfahren. Diese 1933 im Angesicht der immer weitere Kreise ziehenden Krise gegründete Organisation hat in Kooperation mit Vertretern aus der Wirtschaft spezifische Verhaltensregeln für einen angemesseneren Umgang miteinander aufgestellt. Freiwillig bekannten sich Unternehmen in der Folge unter anderem dazu, auf unfairen (Preis-)Wettbewerb verzichten zu wollen. Mindestpreise, Mindestlöhne, die Einführung der 40-Stunden-Woche und Gewerkschaften wurden gemeinsam verabredet. Damit wollte man Preise und Löhne stabilisieren und die Deflation eindämmen. Glücklicherweise wurde die mangelnde Verfassungskonformität des auf zwei Jahre befristeten Vorhabens erst kurz vor dem Auslaufen festgestellt. 

Der New Deal, was als Neuverteilung der Karten übersetzt werden kann, beinhaltete ganz allgemein ein überaus umfangreiches Programm an Wirtschafts- und Sozialreformen, deren einzelne Maßnahmen zunächst in solche unterschieden werden können, die kurzfristig schlimmste Not und grassierendes Elend vermindern sollten, die mittelfristig die Wirtschaft mit Impulsen versehen und beleben sollten und diejenigen, die langfristig reformerisch wirksam würden. Die Fähigkeit und der Wille zum Konsens über Parteigrenzen und ideologische Gegensätze hinweg waren trotz oben erwähnter Kritik entschieden ausgeprägter als es in der Gegenwart der Fall ist. 

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Die Finanzmärkte zu beruhigen, die beängstigende Bankenkrise zu entschärfen und wieder Vertrauen in das grundsätzliche Funktionieren des in Mitleidenschaft geratenen Systems einzuflößen, all dem galt die Aufmerksamkeit der Regierung Roosevelts. In diesem Sinne wurde das Trennbankensystem eingeführt, das normalen Geschäftsbanken das allzu spekulative Wertpapiergeschäft verbot – bis 1999 übrigens – und exklusiv den Investmentbanken überließ. Sollte dennoch eine Geschäftsbank den Betrieb aufgeben müssen, sprang der mit dem Glass-Steagall Act von 1933 gegründete Einlagensicherungsfonds, die Federal Deposit Insurance Corporation, den davon betroffenen Bankkunden schützend zur Seite. Kurz darauf ergänzte 1934 die Schaffung einer Börsenaufsichtsbehörde, der heute noch gegen unseriösen Wildwuchs im Wertpapierhandel tätigen SEC, das bis dato getroffene Maßnahmenpaket.

Als ähnlich effektiv erwiesen sich ebenso die Pläne zur Verringerung der Arbeitslosigkeit, auch wenn man von Vollbeschäftigung erst mit der boomenden Rüstungskonjunktur seit dem Kriegseintritt der USA 1941 sprechen kann. Einstweilen wurden mehr als eine Million Kilometer Autobahnen und Straßen gebaut. Fast 80.000 Brücken wurden konstruiert oder die Arbeit an der Fertigstellung öffentlicher Gebäude wie Rathäusern oder Bibliotheken sorgte dafür, dass bisher Erwerbslose wieder in Lohn und Brot standen. 

Der New Deal sorgte im Ergebnis für neue Stabilität im Leben der Menschen, er sorgte auch für die Stabilität des politischen, des demokratischen Miteinander.  

Die USA und das Deutsche Reich wie auch zahlreiche andere Staaten (z.B. Schweiz, Großbritannien, Australien, Niederlande, Südafrika) hatten sich währungstechnisch nach den Verheerungen des 1. Weltkriegs in den 1920er Jahren wieder an den Goldstandard gebunden. Abseits der Tatsache, dass es mehrere denkbare Varianten der tatsächlichen Bindung gibt, besteht eine allgemeine Grundüberzeugung: Es darf von den Notenbanken nicht mehr Geld gedruckt und (noch viel wichtiger) in Umlauf gebracht werden, als etwa für den Fall der USA in den Depots der Federal Reserve wertmäßig und physisch in Goldbarren thesauriert wird. Die umlaufenden Banknoten haben also einen greifbaren edelmetallischen Gegenwert. Diese Bindung an den Goldstandard wurde in den USA 1933 und in Deutschland schon im Sommer 1931 aufgegeben. Damit konnte theoretisch die Politik des knappen Geldes, die eingangs erwähnte kontraktive Geldpolitik beendet werden. Ab jetzt konnte der Staat über die Aufnahme von Schulden mehr finanzielle Mittel für wirtschaftsunterstützende oder sozialpolitische Programme zur Verfügung stellen.

So hätte man in Deutschland gewiss auch agieren können, doch was getan wurde, hat der Ökonom und Wirtschaftshistoriker Knut Borchardt einst prägnant mit dem Begriff Kriegswirtschaft zu Friedenszeiten erklärt. Borchardt hat eindringlich davor gewarnt, dass die nationalsozialistische Wirtschaftspolitik eben keine Geld- oder Konjunkturpolitik gewesen sei, die als Resultat einen selbsttragenden Aufschwung hätte herbeiführen sollen, sondern was ökonomisch in die Wege geleitet wurde, hatte stets einen militärstrategischen Hintergrund, war also darauf ausgerichtet Krieg führen zu wollen. Wie aus den Akten der Reichskanzlei hervorgeht, hat Adolf Hitler seine eigentlichen Ziele bereits am 8. Februar 1933 wenige Tage nach der Übernahme der Reichskanzlerschaft vor dem Kabinett erläutert: „Die nächsten 5 Jahre in Deutschland müßten der Wiederwehrhaftmachung des deutschen Volkes gewidmet sein. Jede öffentlich geforderte Arbeitsbeschaffungsmaßnahme müsse unter dem Gesichtspunkt beurteilt werden, ob sie notwendig sei vom Gesichtspunkt der Wiederwehrhaftmachung des deutschen Volkes. Dieser Gedanke müsse immer und überall im Vordergrund stehen (…) Deutschlands Stellung in der Welt werde auschlaggebend bedingt durch die deutsche Wehrmachtstellung. Davon hänge auch die Stellung der deutschen Wirtschaft in der Welt ab.“

Die amtliche Statistik des nationalsozialistischen Deutschland wies für 1935 2,2 Millionen und für 1937 nur noch rund 1 Million Erwerbslose aus. Die Gründe dafür, dass die „Arbeitsschlacht“, um einmal einen Terminus aus der NS-Propaganda zu verwenden, gewonnen wurde, sind vielschichtig und für jeden Einzelfall zu betrachten. Während gemäß Versailler Friedensvertrag die personelle Stärke von Reichswehr zuzüglich des eingeräumten Marinekontingents rund 115.000 Soldaten betrug, veränderte die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht im Mai 1935 die Verhältnisse grundlegend. Für den Juni 1936 schätzte der Generalstab die Gesamtstärke der neuen Wehrmacht auf mehr als 790.000 Soldaten. 

Eine weitere Maßnahme bestand darin, Beschäftigte vom Arbeitsmarkt zu nehmen, da es für die Statistik Sinn ergab die Zahl der Erwerbstätigen, die die Grundlage für die Berechnung der Arbeitslosenquote stellten, zu senken. Die Vergabe von Ehestandsdarlehen, die von Neuverheirateten von 1934 bis 1936 in bald 570.000 Fällen in Anspruch genommen wurden, gibt ein anschauliches Beispiel dafür. Die Ehefrauen mussten nämlich am Tag der Eheschließung ihre Arbeitsstelle aufgeben. Sie durften sich erst wieder eine neue Tätigkeit suchen, wenn das gewährte Darlehen zurückgezahlt war. Die Tilgung des Darlehens betrug 1% pro Monat, so dass die Rückzahlung sich über einen Zeitraum von achteinhalb Jahren erstreckte, was gut für die Statistik im Sinne einer reduzierten Anzahl von Erwerbstätigen war. 

Wie in den USA banden auch im Deutschen Reich Infrastrukturvorhaben insbesondere im Straßenbau viele Arbeitskräfte. Im Juni 1935 arbeiteten rund 125.000 Personen auf allen einschlägigen Baustellen. Bereits zwei Jahre zuvor war das Gesetz über die Errichtung eines Unternehmens „Reichsautobahnen“ in Kraft getreten. Wie Hitler seinerzeit erklärt hat, bestimme sich die Lebenshöhe von Völkern zukünftig an der Kilometerzahl der für den Kraftverkehr geeigneten Straßen. Bis 1938 waren 3.500 Kilometer Strecke an Autobahnen fertiggestellt. Dass sie keineswegs vorrangig der bequemeren Fortbewegung der normalen Bevölkerung dienen sollten, sondern ein klarer weiterer Beleg für Knut Borchardts These einer Kriegswirtschaft zu Friedenszeiten sind, belegen letztlich in der Praxis nicht durchführbare Ideen, sie mit einem Dach aus Stahlbeton vor feindlichen Luftangriffen zu schützen, während sich darunter gepanzerte Fahrzeuge den diversen Frontabschnitten näherten. 

Ein demokratischer New Deal wäre dem Land sicher besser bekommen!

Bildnachweis©1-15 unsplash.

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