Vorab
Sollte man die Auswirkungen des Megatrends Globalisierung nun als segensreich oder schädlich, als Fluch oder Segen begreifen? Sind durch sie nicht etwa auch bei uns in Westeuropa gesellschaftliche Ungleichheiten erst recht befördert worden? In diese seit vielen Jahren in unregelmäßigen Abständen stets von neuem entfachte Debatte, in der momentan eher die Problematik von Lieferketten, Fragen des wirtschaftlichen Protektionismus oder allgemeine geopolitische Risiken stärker als früher betont werden, was angesichts politischer Spannungen zwischen den USA und China in der Taiwan-Frage oder der irrlichternden Zoll- und Handelspolitik der Trump-Administration, nicht weiter verwunderlich, sondern naheliegend ist, wird in meinem Beitrag nicht weiter eingegangen.
Stattdessen zunächst einmal ein Blick darauf, was einer gängigen Definition zufolge Globalisierung ganz grundsätzlich bedeutet, nämlich „die zunehmende Internationalisierung des Handels, der Kapital- sowie der Produkt- und Dienstleistungsmärkte und die internationale Verflechtung der Volkswirtschaften. Der Globalisierungsprozess der Märkte wird vor allem durch neue Technologien im Kommunikations-, Informations- und Transportwesen sowie neue Organisationsformen der betrieblichen Produktionsprozesse vorangetrieben. (…) Hauptakteure der Globalisierung sind multinationale Unternehmen, die mit ihren Investitions-, Produktions- und Produktstrategien zunehmend Charakter und Formen des internationalen Handels und der Investitionen bestimmen.“
Entdeckungen
Beim Stichwort „zunehmende Internationalisierung des Handels“ fällt auf, sobald man die Frühphase des zunächst exklusiv von den portugiesischen und spanischen Herrschern initiierten Zeitalters der Entdeckungen (15./16. Jahrhundert) eingehender betrachtet, dass bereits seinerzeit eigentlich die ganze Erde – wenigstens vorläufig – annähernd paritätisch in zwei Machtblöcke aufgeteilt war. Durch den von Papst Alexander VI. vermittelten Vertrag von Tordesillas vom 7. Juni 1494 wurde die Welt entlang eines Längengrades 370 Meilen (ca. 1770 Kilometer) westlich der Kapverden in eine spanische (westlich davon) und eine portugiesische (östlich davon) Sphäre aufgeteilt (s. Abb. 1). Was erst die noch heute durch Südamerika verlaufende Sprachgrenze erklärt. 1529 – nur einige Jahre nach der Rückkehr des letzten, die Kugelgestalt unseres Planeten empirisch beweisenden Schiffes der Expeditionsfahrt Ferdinand Magellans (s. Abb. 2) – wurde von denselben Vertragspartnern diesmal ohne päpstliche Mitwirkung mit dem Vertrag von Saragossa auch der Pazifik in eine östliche und westliche Sphäre geteilt. Die rund 300 Meilen östlich der Molukken verlaufende Trennlinie bewirkte das in Lissabon sehnlichst gewünschte Verbleiben der als Gewürzinseln (Muskatnuss, Nelken, Zimt) bekannten Molukken im Herrschaftsbereich der portugiesischen Krone.


Qualitativ und quantitativ hatte sich damit gegenüber dem zwar auch weiträumigen interkontinentalen Warenaustausch von Europa nach Asien und vice versa über die Seidenstraße pflegenden Hochmittelalter etwas Grundlegendes verändert. Zum einen ist erstmals der amerikanische Doppelkontinent samt der für agrarwirtschaftliche Nutzung überwiegend interessanten karibischen Inselwelt neu in den Fokus gerückt, zum anderen waren Schiffstypen wie die von Magellan (s. o.) verwendete Nao, ein von der Form her der Kogge oder Karavelle ähnelnder, jedoch größerer und schwerer Zwei- oder Dreimaster, imstande eine Nutzlast von bis zu 500 Tonnen über weite Strecken zu transportieren. Was im Vergleich zum Transport auf dem Landweg per Kamel (Trampeltier, Dromedar) bei einer angenommenen tagtäglich zu tragenden Last von rund 200 Kilogramm auf das 2500fache hinausläuft. Eine Kamelkarawane von 2500 Tieren ist demnach auf ein ähnliches Lastvolumen wie eine einzige Nao (s. Abb. 3) gekommen. Dabei hat es Karawanen (s. Abb. 4) in dieser Größenordnung und noch weit darüber hinaus insbesondere im Transsaharahandel und auch auf der Seidenstraße durchaus gegeben. Doch gerade die Seidenstraße war seit der immer weiter ausgreifenden osmanischen Expansion für die Westeuropäer wirtschaftlich nicht mehr so interessant wie ehedem. Zwar ist es nie zu einer vollständigen Blockade des schon seit der Antike genutzten Handelsweges – da es mehrere Routen in west-östlicher Richtung gab, müsste man eigentlich korrekterweise im Plural von Seidenstraßen sprechen – durch die Osmanen gekommen, aber die von diesen erhobenen Zölle, Gebühren und sonstigen Abgaben haben die begehrten Luxuswaren/exotischen Gewürze aus dem fernen Osten binnen kurzer Frist enorm verteuert. Die Eroberung von Byzanz 1453 sowie die damit verbundene Kontrolle des Bosporus hat die für genuesische und venezianische Händler so wichtige Durchfahrt ins Schwarze Meer zu den dort gelegenen Handelshäfen zudem nur schwer kalkulierbaren Risiken ausgesetzt.
Wollte man sich besagter Kostenfaktoren, wie sie vergleichbar belastend, von den mehr an der Levanteküste bzw. in Ägypten ansässigen arabischen Zwischenhändlern verursacht, ins Kalkül zu ziehen waren, vollständig entledigen, galt es eben von Europa aus direkt in Beziehungen zum indischen Subkontinent, dem chinesischen Kaiserreich und der an natürlichen Rohstoffen so reichen südostasiatischen Inselwelt zu treten. Das war der allen Entdeckungsfahrten von Kolumbus 1492, Vasco da Gama 1498 bis hin zu Magellan (s. o.) zugrunde liegende Masterplan. Und im übrigen der Beginn der aus der Nutzung verbesserter hochseefähiger, mit Metallgeschützen versehener Schiffstypen, die mit Hilfe innovativer nautischer Instrumente (Nutzung von Trockenem Kompass und Jakobsstab im Abendland seit dem 13, Jahrhundert) und aussagekräftigem Kartenmaterial, den Portulanen, alle potentiellen Gegner in die Schranken weisend, überall dort, wo sie es für angemessen hielten, unbeirrbar ihren vorausberechneten Kurs verfolgen konnten, erwachsenden, bis weit ins 19. Jahrhundert hinein anhaltenden technologischen Überlegenheit europäischer Mächte. Der Historiker Paul Kennedy hat all diese Faktoren in den 1980ern gründlich analysiert und im „Aufstieg und Fall der großen Mächte“ überzeugend dargelegt.


Die Rolle der Fugger
Inwieweit bei den geschilderten länder- und kontinentübergreifenden Vorgängen von welthistorischer Dimension ausgerechnet eine im beschaulichen Schwaben, in Augsburg am Lech, ansässige Familie von Kaufleuten eine gewichtige Rolle eingenommen haben soll, die möglicherweise der eines „multinationale(n) Unternehmen(s), das mit seinen Investitions-, Produktions- und Produktstrategien zunehmend Charakter und Formen des internationalen Handels und der Investitionen bestimmt hat“, nahegekommen ist (s. o.), ist eine berechtigte Frage, deren weitere Klärung im Folgenden angestrebt wird.
Als Hans Fugger 1367 seine Heimat Graben im Schwäbischen verließ, um im benachbarten Augsburg ein besseres berufliches Auskommen zu finden, galt für ihn, was seinerzeit sicher für viele andere junge Burschen wichtig war: den bedrückenden feudalen Zwängen des Landlebens mit der in Stein gemeißelten, jedwede Veränderung scheuenden gesellschaftlichen Ordnung zu entkommen, um in der Stadt („Stadtluft macht frei!“) mit Anstrengung und Fleiß voranzukommen. Die Vermögenssteuer, die der gelernte Weber, bei der Ankunft dortselbst zu entrichten hatte, lässt indes darauf schließen, dass er nicht gänzlich unbegütert gewesen sein kann. Im Verlauf der Zeit brachte er es schließlich durch mehrere vorteilhafte Eheschließungen, handwerkliches Geschick und kluge kaufmännische Entscheidungen im Textilhandel zu erheblichem Wohlstand und in den Zwölferausschuss der örtlich ansässigen Weberzunft.
Die allgemeinen Rahmenbedingungen mögen nach Abflauen der verheerenden Pestepidemie kurz nach der Jahrhundertmitte im Zeichen von nicht zu unterschätzender Arbeitskräfteknappheit für eine engagierte tatkräftige Persönlichkeit, wie es Hans Fugger zweifelsohne war, recht günstig gewesen sein. Es kam ein weiteres hinzu: Temporäre Importverbote für englische Tuche im Deutschen Reich – mehrfach vom Städtebund der Hanse angestrebt und durchgesetzt – führten im 14. Jahrhundert dazu, dass die heimische Textilproduktion, vor allem bei der Herstellung von Barchent (s. Abb. 5), einem strapazierfähigen, gut wärmenden und dabei günstigen Mischgewebe aus Baumwolle und Leinen einen regelrechten Boom erlebte. Ein Allround-Stoff, dessen Herstellung und Vertrieb gerade in Oberdeutschland, insbesondere in Schwaben ansässige Handwerker und Kaufleute – eine gewisse Betriebsgröße einmal vorausgesetzt – zusehends reicher und wohlhabender werden ließ; notwendige Bedingung dafür war der Import von Baumwolle aus dem ostmediterranen Raum über die Zwischenstation Venedig, wofür man sich der Lagermöglichkeiten im Fondaco dei Tedeschi, dem dortigen deutschen Handelskontor, bediente. So manches pittoreske, von merkantiler Gediegenheit zeugende spätmittelalterliche Stadtbild hierzulande hat seine touristisch attraktive Anmutung von heute (s. Abb. 6, 7) vorrangig dem Barchent-Boom von damals zu verdanken.



Unbedingt erwähnenswert sind in diesem Zusammenhang die wichtigen internationalen Niederlassungen der Fugger in Rom, Mailand, Florenz, Venedig, Antwerpen und anderenorts. Einschließlich der damit einhergehenden Teilhabe an modernen Praktiken wie der doppelten Buchführung oder anderen Innovationen wie dem Rechnen mit arabischen Zahlen (Leonardo Fibonacci, Luca Pacioli). Ob jedoch Textilien tatsächlich diejenige Warenkategorie gebildet haben, mit der man am Lech gedachte, im Weltmaßstab erfolgreich sein zu können?
Wohl kaum! Der nicht nur lokal verwurzelte bzw. regional begrenzte, sondern groß- und weiträumig betriebene Handel mit Textilien – über einen Vertreter in Sevilla waren die Fugger in den 1540er und frühen 1550er Jahren sogar im Amerikahandel aktiv – hat vielmehr erst die Möglichkeitsräume eröffnet, um in völlig anders gelagerten Geschäftsfeldern sich bietende Chancen wahrzunehmen. Man war eben vertraut im tagtäglichen geschäftlichen Umgang mit Wechselbriefen und deren eine unbedingte Zahlungsanweisung enthaltenen Formulierungen wie mit den darin Authentizität und Echtheit verbürgenden Geheimzeichen. Frühformen des bargeldlosen Zahlungsverkehrs eben, da keine Wagenladungen voller Münzen quer durch Europa geschickt werden sollten. Viel zu viel Risiko. Ein für uns heutzutage vielleicht ungewöhnlich oder absonderlich erscheinendes Vorgehen, das aus damaliger Perspektive jedoch eine nicht von der Hand zu weisende Folgerichtigkeit besaß. Jedenfalls dann, wenn gebührend berücksichtigt wird, dass frühe vorwiegend in Florenz beheimatete italienische Bankhäuser (Medici, Peruzzi, Bardi, Alberti) ursprünglich selbst im Textil- oder Getreidehandel aktiv waren, bevor eine Neigung für bankähnliche Geldgeschäfte erwuchs.
Was Hans Fugger (s. o.) zu seinen Lebzeiten – er verstarb 1408/09 – noch nicht praktiziert hat, wie wir annehmen müssen, nämlich den Geldverleih im großen Stil, das haben seine Söhne Andreas und Jakob der Ältere bereits in der dann nachfolgenden Generation in die Tat umgesetzt. Wiederum einige Jahre später: Der stets in Geldnöten befindliche und für seine aufwendige Hofhaltung berüchtigte Erzherzog Sigismund von Tirol, genannt der „Münzreiche“, ist von der Enkelgeneration des Hans, den Brüdern Ulrich, Georg und Jakob dem Reichen (s. Abb. 8) ab 1485 mit Darlehen auf Darlehen versorgt worden. Unter anderem dafür, um in einem Akt der Hybris und Selbstüberschätzung einen Krieg mit der weit überlegenen Seerepublik Venedig vom Zaun zu brechen. Als Gegenleistung sicherten sich die Fugger das Vorkaufsrecht für das im Bergwerk Schwaz, der wohl ergiebigsten Mine des Kontinents, geförderte Silber zu einem überaus attraktiven Preis. Das war möglich, da Erzherzog Sigismund als Landesherr über das Bergregal, eine Art von herrschaftlichem Zugriffsprivileg auf Bodenschätze in seinem Amtsbereich, verfügte.

Und der Bedarf an möglichst großen Mengen des Edelmetalls Silber war riesig. Dabei ging es mitnichten um Fragen des Eigenverbrauchs der Augsburger Kaufleute. Vielmehr ging es um leidvolle Erfahrungen, die Entdecker wie Vasco da Gama (s. o.) 1498 beim erstmaligen Besuch Indiens im Kontakt mit den Einheimischen gemacht haben. Im Austausch für wertvolle exotische Gewürze hatten die Europäer nicht viel mehr als Honig oder modische Hüte zu bieten. Wofür die allen möglichen Gefahren trotzenden Abenteurer im besten Fall ausgelacht, wenn nicht sogar mit ernstlichen Konsequenzen für die körperliche Unversehrtheit bedroht worden sind. Aber, so war in Erfahrung zu bringen, es gab eine große Gier nach Edelmetallen. Nun, Gold hatte Europa im Spätmittelalter nie in nennenswerter Menge zu bieten, aber die Fugger verfügten doch über enorme, stetig anwachsende Vorräte an Silber und nahezu vergleichbar begehrtem Kupfer. Oberdeutsche Handelshäuser – neben den Fuggern auch die Welser – begannen Antwerpen, das zwischen 1507 und 1512 Venedig als Topstandort in diesem Segment abgelöst hat oder Lissabon direkt – wenigstens temporär von lästigen Zöllen befreit – mit den Objekten der Begierde zu beliefern. Schätzungen des Historikers Philipp R. Rössner zufolge sind im Zeitraum 1500 bis 1540 zwei Drittel des im Alpenraum und in Mitteldeutschland geförderten Kupfer und Silber exportiert und zumeist in den portugiesischen Überseehandel gelangt. Der Silberabfluss von Antwerpen nach Portugal wird auf alljährlich 5,5 Tonnen im ersten Viertel des 16. Jahrhunderts geschätzt.
Bis die südamerikanischen und mexikanischen Silberminen ab der Mitte des 16. Jahrhunderts ausgebeutet wurden, waren die Fugger – Jakob der Reiche (s. Abb. 8) mit weitem Abstand das wohlhabendste Individuum seiner Ära – für mehr als ein halbes Jahrhundert die mitentscheidenden Akteure im Überseehandel mit neu entdeckten Gebieten auf anderen Kontinenten. Ein eigenes firmeninternes Informationsnetz verschaffte so manches Mal einen wichtigen zeitlichen Vorsprung für wirtschaftliche Entscheidungen. Auf einer allgemeineren Ebene begann der seit der Mitte des 15. Jahrhunderts expandierende Buchdruck seinen eigenen Beitrag als neuartige Kommunikationsform zu leisten, so dass mit einigem Recht von beiden in Rede stehenden Jahrhunderten als denjenigen der Protoglobalisierung gesprochen werden darf.
Bildnachweis © 1 Koppchen, CC BY 3.0, unverändert; 2 Zeferros, CC BY-SA 4.0, unverändert; 3 Christian Ferrer, CC BY 4.0, unverändert; 4 Annemarie Schwarzenbach – https://www.helveticachives.ch/detail.aspx?ID=531556, gemeinfrei, unverändert; 5 Neitram, CC BY-SA 4.0, unverändert; 6 Diego Delso, CC BY-SA 4.0, unverändert; 7 Agentakt, CC BY-SA 4.0, unverändert; 8 Albrecht Dürer – https://www.sammlung.pinakothek.de/de/artwork/8MLv2rZLz3, CC BY-SA 4.0, unverändert;