„Fast für ganz Europa sind Ptolemäus’ Zahlen ungenau; ich habe auch eine neue Tabelle für Europa beigefügt. Ich habe sie durch das aufmerksame Studium der Beobachtungen meiner Vorgänger sowie der Itinerarien angelegt.“
Johannes Schöner, Mathematiker, Kartograf, Globenmacher und Drucker in seiner 1515 in Nürnberg erschienenen Schrift „Luculentissima quaedam terrae totius descriptio“ („Eine sehr deutliche Beschreibung der ganzen Erde.“)
Von Hochschätzung, gar kritikloser Verehrung einer antiken Autorität, in diesem Fall derjenigen des um das Jahr 100 in der römischen Provinz Ägypten geborenen Claudius Ptolemäus, ist bei Schöner wenig bis nichts mehr zu spüren. Im Gegenteil! Äußerst selbstbewusst verwirft der im Unterfränkischen gebürtige Renaissancegelehrte das Zahlenwerk des Kollegen aus dem Altertum und räumt den eigenen Ergebnissen fast wie selbstverständlich den Vorrang ein. Ein bemerkenswerter Vorgang. Denn Ptolemäus war gewiss niemand, dessen Expertenwissen etwa aufgrund fehlender Relevanz oder eher obskur anmutender Außenseiterpositionen so einfach schlankerhand vom Tisch zu fegen war. Noch galt schließlich das nach ihm benannte geozentrische Weltbild, dem die aristotelische Annahme zugrunde lag, dass Himmelskörper sich nur mit konstanter Geschwindigkeit auf perfekten Kreisbahnen bewegen könnten. Bei dieser astronomischen Vorstellung fungiert die Erde als unbewegliches Zentrum des Universums. Der als Kopernikanische Wende bezeichneten Paradigmenwechsel mit der Sonne und nicht mehr der Erde im Mittelpunkt des Kosmos stand damals ja erst knapp dreißig Jahre später ab 1543 mit der Veröffentlichung des Hauptwerkes von Nikolaus Kopernikus „De revolutionibus orbium coelestium“ zur insbesondere auch von der römisch-katholischen Kirche erbittert geführten Debatte. Damit hätten wir dann auch fast beiläufig, weil unbemerkt inzwischen die Schwelle vom Spätmittelalter zur Frühen Neuzeit endgültig überschritten.
Doch im hier vorliegenden Text steht nicht der Astronom Ptolemäus im Vordergrund, sondern der vergleichbar namhafte und talentierte Geograf. Neben dem den Phöniziern zugehörigen, die Westküste Afrikas von den Säulen des Herakles (Melqart) bis zum Golf von Guinea erkundenden Hanno dem Seefahrer oder Repräsentanten der griechisch-römischen Antike wie Anaximander, Hekataios von Milet, Herodot, Hipparchos von Nikaia, Erathostenes von Kyrene, Marinos von Tyros, Strabon, Plinius und Pomponius Mela der fraglos bedeutendste, wenn nicht vor allen anderen anzusiedelnde Vertreter dieser weit gefächerten Disziplin im Altertum. Sein einschlägiges Hauptwerk, – der historisch erste bekannte Versuch, Teile der als Kugel erkannten Erde in einer Kartenprojektion zutreffend darzustellen – die Γεωγραφικὴ Ὑφήγησις (Geographike Hyphegesis; kurz: Geographie genannt), war allerdings während des gesamten Früh- und Hochmittelalters im lateinischen Westen unauffindbar. Stand demnach für Auswertungen und Analysen nicht zur Verfügung. Wissen um die Gestalt der Erde, das bereits einmal da war, ging deswegen für etliche Jahrhunderte verloren. Erst um 1300 erfolgte die wegweisende Wiederentdeckung des Werkes in Form einer griechischen Handschrift seitens des Gelehrten Maximos Planudes im zum ehemaligen Oströmischen, nunmehr Byzantinischen Reich gehörigen Konstantinopel. Was schließlich im Ergebnis zu Beginn des 15. Jahrhunderts durch Jacopo d’Angelo da Scarperia in Italien zu einer Übersetzung ins Lateinische und damit erst einer Zugänglichmachung für die europäische Gelehrtenwelt geführt hat.

Jedwede aus heutigem Wissen resultierende Überheblichkeit gegenüber auf Ptolemäus beruhenden damaligen Weltkarten (s. Abb. 1) samt der ihnen innewohnenden Fehler und Ungenauigkeiten ist jedoch fehl am Platze, unangemessen. Zumal, wenn wir gebührend berücksichtigen, dass die arabisch-islamische Welt noch im 12./13./14. Jahrhundert mit ihren wissenschaftlich geprägten Kartenwerken (s. Abb. 2) den etwa zeitgleich eher von theologischen Standpunkten her gestalteten europäischen Pendants (s. Abb. 3) – vor der Wiedernutzbarmachung des Ptolemäischen Wissens (s. o.) – meilenweit in puncto Präzision und Realitätsnähe voraus war.
Parallel zu den mittelalterlichen Weltkarten, den „mappae mundi“ (s. Abb. 3) entstanden spezielle, zunächst vorwiegend die Verhältnisse im Mittelmeer und Schwarzem Meer widerspiegelnde Seekarten, die sogenannten Portolankarten. Ursprünglich waren Portolane regelrechte Bücher mit nautischen Angaben zur Hafenbeschaffenheit, Strömungen, Leuchttürmen, Landmarken etc., also für die Seefahrt lebensnotwendigen bzw. überlebenswichtigen Informationen. Ein wesentliches Merkmal der zumeist Pergament als widerstandsfähigem Beschreibstoff nutzenden Portolankarten (s. Abb. 4) ist das sichtbare Liniennetz, das zur Kursbestimmung mittels Kompass gedient hat. Dieses Liniennetz besteht aus verschiedenfarbigen Geraden, den Rumben- oder Windrosenlinien, die sowohl vom Zentrum der Karte als auch von 16 gleichmäßig auf einer Kreislinie verteilten Punkten ausstrahlen. Die Linien der jeweils vier Haupt- und Zwischenhimmelsrichtungen sind schwarz, die der Halb-Winde grün, die der Viertel-Winde rot eingetragen. Diese traditionelle Farbgebung wurde mehr als vier Jahrhunderte hindurch im Wesentlichen unverändert beibehalten.



Entdeckungsfahrten vermehren während der Renaissance das Wissen europäischer Gelehrter über die Beschaffenheit der Erde
Bedeutende Fortschritte hin zu einer auch gegenüber Ptolemäischen Erkenntnissen (s. o.) realistischeren Wiedergabe der Gestalt und Form der Kontinente sowie der zukünftig weitaus mehr Raum einnehmenden Ozeane bei der Erstellung kartografischer Werke im 16. Jahrhundert korrespondieren eng mit Entdeckungsfahrten, die wagemutige Kapitäne im Auftrag portugiesischer und spanischer Herrscher seinerzeit unternommen haben/hatten. Bisweilen mitfinanziert durch Augsburger Handelshäuser wie die Fugger und Welser. Auf lange Sicht hat sich dadurch (z. B.: hochseegängige Schiffstypen, mit Kanonen ausgestattete Schiffsartillerie, neuartige nautische Instrumente) die bis dato nicht von der Hand zu weisende eindeutige wissenschaftlich-technische Überlegenheit weg von der islamisch-arabischen und kaiserzeitlich chinesischen unter der seit 1368 die Yuan- ablösenden Ming-Dynastie hin zur westlichen europäischen Kultur verlagert. Ein vermeintlich unscheinbarer, aber in seinen Konsequenzen nachhaltiger Prozess von welthistorischer Dimension.
Veranschaulichen lässt sich der zeitliche Beginn, für den diese These Gültigkeit beanspruchen darf, indem man die gegenüber europäischen Entdeckungsfahrten chronologisch rund ein Dreivierteljahrhundert früheren Reisen des chinesischen Admirals Zheng He im Indischen Ozean – das indische Calicut hat er ebenso wie späterhin Vasco da Gama erreicht – weiter bis an die Ostküste Afrikas und an die Südspitze der Arabischen Halbinsel (s. Abb. 5) näher in Augenschein nimmt. Und anschließend die Frage stellt, welche wirtschaftlichen Schlussfolgerungen bzw. explorativen Ansätze man im Reich der Mitte – gemäß traditionell gültigem sinozentrischem Weltbild galt ihr Land den Chinesen als das kulturelle, politische und wirtschaftliche Zentrum der Welt – daraus gezogen hat. Die ernüchternde Antwort muss lauten: Um Einfluss und Pfründe fürchtende hohe kaiserliche Hofbeamte wussten durch Vernichtung der Unterlagen und Dokumente von Admiral Zheng He sowie durch Zerstörung der zahlreiche Schiffe umfassenden Schatzflotte ein weiteres allzu expansives Auftreten des chinesischen Kaiserreichs in der Welt zu verhindern. Isolationismus erschien deutlich attraktiver als die Chancen und Möglichkeiten des Freihandels!
Ein anderes, völlig gegensätzliches Umgehen mit den vorgefundenen Gegebenheiten lässt sich bei den Europäern beobachten. Die wichtigsten Akteure bei der Erkundung des östlichen Seeweges nach Indien mit ihren jeweiligen Expeditionen habe ich nachfolgend in einer Übersicht zusammengefasst:
- Gil Eanes: Überwand 1434 das als unpassierbar geltende Kap Bojador, was den Weg für weitere Erkundungen nach Süden freimachte.
- Diogo Cão: Erkundete in den 1480er Jahren die afrikanische Westküste, entdeckte die Mündung des Kongo und stieß bis ins heutige Namibia vor.
- Bartolomeu Dias: Umsegelte als erster Europäer 1488 das Kap der Guten Hoffnung (die Südspitze Afrikas) und wies damit den Weg in den Indischen Ozean.
- Vasco da Gama: Umsegelte 1497–1498 das Kap der Guten Hoffnung und erkundete die Ostküste Afrikas (u. a. Mosambik, Mombasa, Malindi), bevor er den Seeweg nach Indien fand.


Um einen falschen Eindruck zu vermeiden, ist relativierend hinzuzufügen, dass Entdecker wie da Gama selbstredend keinen Masterplan für das weitere Vorgehen im Gepäck hatten. Die Tauschgüter, die man zunächst bei sich hatte, waren nicht viel mehr als nutzloser, billiger Tand und konnten bei den lokalen Herrschern keinerlei Wohlgefallen erregen. Erst das von den Fuggern den Portugiesen zur Verfügung gestellte mitteleuropäische Silber änderte die Situation grundlegend, so dass diese ebenfalls eine attraktive Handelsware im Austausch gegen Gewürze oder kostbare Stoffe anzubieten hatten.
Etwas anderes ist zudem – dem Titel diese Beitrags entsprechend – bedeutsam geworden: Nämlich das auf den Fahrten über die Ozeane gewonnene geographische Wissen hat sukzessive Eingang in kartographische Werke gefunden.
Sichtbarer Fortschritt
Was in Europa an neuen Erkenntnissen gewonnen und in der Folge optisch visualisiert worden ist, ein so bisher noch nicht gekanntes Bild der Welt, ist der Reihe nach an den Arbeiten von Martin Behaim (s. Abb. 7), Martin Waldseemüller (s. Abb. 8) und Gerhard Mercator (s. Abb. 9) abzulesen.



China hatte dem – der lange Schatten der Vernichtung der Schatzflotte (s. o.) während des gesamten 16. Jahrhunderts nichts Vergleichbares entgegenzusetzen. Erst dem Jahr 1602 gehört die Weltkarte Kunyu Wanguo Quantu (s. Abb. 10) im Stil europäischer Karten an. Doch wurde sie nicht von Einheimischen konzipiert und realisiert, sondern von einem italienischen Priester namens Matteo Ricci, der im Reich der Mitte als Missionar tätig war.

Boldnachweis © 1 Donnus Nicolaus Germanus, gemeinfrei, unverändert; 2 TabulaRogeriana.jpg: Al-Idrisi (original map), Konrad Miller (current map) *derivative work:PHGCOM (talk) (rotation) – TabulaRogeriana.jpg, gemeinfrei, unverändert; 3 Unknown author – http://kulturinformatik.uni-lueneburg.de/projekte/homepage_ebskart/content/ start.html 2003-06, gemeinfrei, unverändert; 4 Anonymer, vermutlich aus Genua stammender Urheber – Library of Congress, gemeinfrei, unverändert; 5 SY, CC BY-SA 4.0, unverändert; 6 Anonymous – With the da Gamas in 1497; a story of adventure. Told from the South Africa point of view by Robinson, Edward (Edward Forbes) Publication date 1922 https://archive.org/details/withdagamasin14900robi/, gemeinfrei, unverändert; 7 Martin Behaim / Georg Glockendon, CC BY-SA 4.0, unverändert; 8 After Martin Waldseemüller – http://www.henry-davis.com/MAPS/Ren/Ren1/310.html, gemeinfrei, unverändert; 9 Gerardus Mercator, gemeinfrei, unverändert; 10 Matteo Ricci – Image Database of the Kano Collection, Tohoku University Library, gemeinfrei, unverändert;