Neuzeit

Einleitung

Neuzeit ist ein geschichtlicher Begriff, der bereits seit langer Zeit fest etabliert ist. Innerhalb des klassischen Drei-Perioden-Schemas gehen das Altertum und das Mittelalter der Neuzeit voran. Jedoch ist diese Periodisierung keineswegs global anwendbar, da ihr Bezugsrahmen ein nahezu exklusiv europäischer ist. Allenfalls geographisch benachbarte Regionen und Kulturkreise werden von ihr gleichberechtigt erfasst. Von welchem Zeitraum die Rede ist, sollen die folgenden Bemerkungen erhellen.

So unterschiedliche Epochen wie die des in seinem prachtvollen Versailler Schloss residierenden absolutistischen Königs Ludwig XIV fallen darunter wie auch die seines preußischen Pendants, Friedrich II, in der späteren aufgeklärten Variante. Doch gleichermaßen schließt Neuzeit Ereignisse des 20. Jahrhunderts wie den 1. und 2. Weltkrieg, sogar unsere Gegenwart mit ein. Bevor nun eine verständliche Ungeduld aufgrund einer vermuteten begrifflichen Unschärfe einsetzt, darf beruhigend versichert werden, dass die Geschichtswissenschaft Neuzeit weiter untergliedert hat. Bis zur Französischen Revolution spricht sie von Früher Neuzeit, an die sich die bis zum 1. Weltkrieg währende Neuere Geschichte anschließt, die wiederum von der bis in unsere Tage andauernden Neuesten Geschichte oder Zeitgeschichte abgelöst wird. Auf einer allgemeineren Ebene könnte man nun von Moderne sprechen.

In diesem Beitrag möchte ich jedoch nicht weiter der Problematik nachgehen, wie Neuzeit strukturiert wird bzw. worden ist, sondern vielmehr die Reise in die Vergangenheit mit der Frage versehen, wo ihr Anfang zu finden ist. Überaus spannungsvoll ist dabei die Beobachtung – sie kann schon an dieser Stelle vorweggenommen werden -, dass es das eine feste Datum oder fixe Ereignis nicht gibt. Vielmehr ist es eine Palette von Ereignissen, die den Abschied vom Mittelalter bedeutet haben und eine neue Ära ankündigten.

1453, der Fall von Byzanz

Mit dieser Jahreszahl verbinden wir die Eroberung der kleinasiatischen Stadt durch die belagernden Osmanen. Als die hinter hohen Mauern befindlichen Einwohner sich den Invasoren endlich ergeben mussten und die Kunde davon überall Verbreitung fand, wirkte es im europäischen Westen wie das Schlusskapitel eines Großereignisses, dessen Zeilen man selbst geschrieben hatte.

Einst hatte im vierten Jahrhundert an der Nahtstelle zwischen Orient und Okzident der römische Kaiser Konstantin ein neues, ein östliches Rom anlegen wollen, um der den Grenzen des Imperium Romanum wachsenden Bedrohung durch äußere Feinde besser Herr werden zu können. Weiter im Osten war nämlich mit dem neupersischen Reich der Sassaniden ein beachtlicher Gegenspieler römisch imperialer Ambitionen erwachsen. Doch nicht allein die neue, den Mittleren Osten dominierende  Territorialmacht der Sassaniden, sondern völkerwandernde Stämme im allgemeinen hatten sich mittlerweile zu einer die innere Stabilität gefährdenden Plage ausgebreitet. Den Pikten im Norden Britanniens wollten die Römer durch den Bau des Hadrianwalls wirksamer begegnen, den Ost- und Westgoten, Vandalen, Franken, Alamannen, Langobarden und vielen anderen in Stämmen organisierten Völkern durch die Grenzanlagen des Limes in Mitteleuropa. Seit dem Amtsantritt von Kaiser Diocletian 284 hatte Rom sogar versucht mittels Aufteilung der obersten Amtsgewalt in vier Teile, die vielfältigen Herausforderungen zu bewältigen. Damit war das System der Tetrarchie begründet, das von Konstantin nur wenige Jahrzehnte später wieder in die Herrschaftsausübung einer einzigen Person, ihm selbst, transformiert wurde.

Damit ist der Hintergrund skizziert, vor dem Konstantin sich entschloss im Jahr 324 auf dem Boden des von griechischen Kolonisten bereits im siebten vorchristlichen Jahrhundert gegründeten Byzantion seine neue Hauptresidenzstadt anzulegen. Nach sechsjähriger Bauzeit erfolgte die feierliche Einweihung im Mai 330 und später die Umbenennung in Konstantinopel. Kulturgeschichtlich zeichnen sich damit drei Tatsachen von weitreichender Bedeutung ab.

Bereits seit den Tagen Alexanders war der Osten griechisch geprägt. Sichtbaren Ausdruck fand diese Prägung in der Übernahme und Verwendung von griechischer Sprache und Schrift. Mindestens dort, wo es Städte gab. Hier kannte und las man die Schriften der Philosophen wie Platon und Aristoteles, der Historiker wie Herodot und Thukydides, der Epiker wie Homer und Hesiod, der Tragiker wie Sophokles, Euripides und Aischylos, der Lyriker wie Sappho und Simonides. In Städten wie dem ebenfalls in der heutigen Türkei gelegenen Pergamon gehörte die bauliche Anlage von Ringhallentempeln und säulengeschmückten Wandelhallen nach griechischer Manier zur selbstverständlichen architektonischen Grundausstattung. Neben dem lange verwurzelten einheimischen Götterglauben sollte die kultische Verehrung von Zeus, Apollon und Athene weite Verbreitung finden. Die mit dem Terminus Hellenismus versehene Kulturstufe wies überdies bedeutendes künstlerisches Potenzial in den Feldern Mosaikkunst und Bildhauerei auf.

Diese Art von kultureller Teilhabe darf für die Einwohner des alten griechischen Byzantion vorausgesetzt werden, als sie im vierten Jahrhundert an Bedeutsamkeit stets zunehmender Bestandteil der römischen Welt waren. Wie Rom, das über den Circus Maximus verfügte, besaß Konstantinopel eine Rennbahn, das Hippodrom, wo von Pferden gezogene Wagen miteinander wetteiferten. Hier befanden sich einst die vier lebensgroßen Bronzepferde, die heute die Basilica San Marco in Venedig schmücken. Die Bewohner der Stadt am Bosporus, sofern sie nicht das bedauernswerte Schicksal eines Sklaven zu erdulden hatten, verfügten, seitdem Kaiser Caracalla 212 die Constitutio Antoniniana erlassen hatte, über das volle römische Bürgerrecht, das sie demzufolge den Bürgern der Stadt am Tiber rechtlich gleichgestellt sah. Was eine römische Stadt ausmachte, konnte man in Konstantinopel verwirklicht sehen: Forum, Kapitol und eine zentrale Hauptverkehrsachse gehörten zum Erscheinungsbild dazu. Mit der Zweiteilung des Imperium Romanum in ein West- und Oströmisches Reich 395, dem Ende der Reichseinheit mithin, und der Absetzung des letzten weströmischen Kaisers Romulus Augustulus 476 hat sich dann die politische Bedeutung endgültig in den Osten verlagert. Ökonomisch befand man sich gegenüber dem lateinischen Westen ohnehin auf der Überholspur.

Turbulente Zeiten also, in denen die Menschen sich weit entfernt von den Idealvorstellungen des Augusteischen Friedens, der Pax Augusta, sahen. Der altvertraute griechisch-römische Götterhimmel schien zunehmend immer weniger in der Lage zu sein, für alle die richtigen Antworten parat zu haben. Sofern Fragen, die Themen wie Unsterblichkeit der Seele, Wiederauferstehung und Erlösung beinhalteten, vom bei den Legionären beliebten Mithraskult oder dem Isiskult sinnstiftender beantwortet werden konnten, wandte man sich mehr und mehr den östlichen Mysterienreligionen zu. In diesem Kontext fand auch das Christentum immer weitere Verbreitung. Obschon sich die Angehörigen gerade dieser religiösen Gemeinschaft immer wieder Nachstellungen und Leib und Leben bedrohenden Verfolgungen ausgesetzt sahen, fand ihr Glaube immer mehr Anhänger. Eine wichtige Etappe auf dem einmal eingeschlagenen Weg sollte schließlich das Glaubensfreiheit im Imperium gewährende Edikt von Mailand 313 werden. Auf dem von Kaiser Konstantin 325 nach Nicäa einberufenen bedeutenden Konzil sollten elementare theologische Fragen wie die nach der Gottgleichheit oder Gottähnlichkeit von Jesus intensiv diskutiert und im Sinne der Gottgleichheit beantwortet werden. Hierarchische Fragen standen in Nicäa auch im Mittelpunkt. Für uns heute überraschend ist die damals getroffene Feststellung, dass der Bischof von Rom, der nachmalige Papst, keineswegs eine herausgehobene Position gegenüber den Patriarchen von Konstantinopel, Antiochia und Alexandria für sich beanspruchen konnte. Siebenhundert Jahre danach war genau dieser Komplex immer noch nicht hinreichend geklärt, als es 1054 zum großen Schisma, der Aufspaltung in eine orthodoxe Ostkirche und eine katholische Westkirche, gekommen ist. Den allgemeinen Vertretungsanspruch hatten sich beide bewahrt.

Das antike griechisch-römische Erbe und die christliche Tradition sind die drei Grundtatsachen byzantinischer Geschichte. Sie gelten noch heute und sie galten auch als die für unbezwingbar gehaltenen Festungsmauern von Byzanz unter dem Eindruck der von den Osmanen aus Kanonen abgefeuerten Geschosse fielen. Der dies ermöglichende technologische Fortschritt lag in der erfolgreichen Verwendung von Schießpulver für artilleristische Zwecke begründet. Während zur Zeit von Kaiser Justinian im sechsten Jahrhundert, so wird vermutet, um die 500.000 Einwohner in der Stadt lebten und sie somit den Status einer wirklichen Weltstadt innehatte, waren es 1453 nur noch um die 40.000 Menschen. Was hat zu diesem demographischen Verlust geführt? Die starke Reduzierung der Einwohnerzahl liegt nicht zuletzt in dem Umstand begründet, dass die territoriale Ausbreitung der neuen Großmacht des Osmanischen Reiches in Wechselbeziehung zu Gebietsverlusten des Byzantinischen Reiches stand. 1453 war Byzanz machtpolitisch nur noch eine Insel inmitten einer Umgebung, die nicht wohlgesonnen war. Dass die davon Betroffenen mit Auswanderung reagierten ist nicht wirklich überraschend.

Der Prozess der Emigration währte seit vielen Jahrzehnten und führte eine Viel- und Mehrzahl der davon Betroffenen dorthin, wo es traditionell Austauschbeziehungen gab: in die italienischen Städte. Manuel Chrysoloras und Johannes Bessarion als wichtige Vertreter des brain drain waren zwei byzantinische Gelehrte, die im Zuge dieser Westwanderung nach Italien kamen. Der 1353 geborene Chrysoloras schuf die erste in Westeuropa gebräuchliche griechische Grammatik und war Inhaber eines Lehrstuhls für Griechisch in Florenz. Der zu Beginn des 15. Jahrhunderts in Trapezunt geborene Bessarion legte die bis dahin größte Sammlung griechischer Handschriften im Westen an und vermachte schließlich seine umfangreiche Bibliothek der Seerepublik Venedig. Viele der Klassiker waren bis dahin in Italien allenfalls fragmentarisch oder nur dem Namen nach bekannt. Erst durch den umfangreichen Exodus ihrer Handschriften und ein dann beginnendes textkritisches  Übersetzungswerk wurde eine der tragenden Säulen des Humanismus errichtet. Dies gilt etwa auch für eine der wichtigsten staatstheoretischen Schriften überhaupt: Platons „Der Staat“ („Politeia“). Platons Gedanken zum Thema Gerechtigkeit und ihrer Verwirklichung in einem idealen Staat bilden seit jeher den Referenzpunkt für diejenigen, die sich mit Staatstheorie auseinandersetzen. Aber: Als Volltext war „Der Staat“ jedoch bis dahin im Westen unbekannt. Durch die Ausweitung der Kunst des Buchdrucks in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts war zudem eine neuartige Möglichkeit gegeben, Texte angemessen und in größerer Zahl zu veröffentlichen. Darüber sollte jedoch nicht vergessen werden, dass auch anderenorts der Aufbau umfangreicher Bibliotheken vorgenommen wurde, da das Verfahren des Drucks mit beweglichen Lettern der chinesischen Zivilisation zu Zeiten Gutenbergs seit mehreren Jahrhunderten bekannt war

Die geistige Enge des Mittelalters jedenfalls wurde in Europa zunehmend überwunden. Humanismus und Renaissance kündigten ein neues Zeitalter an: die Neuzeit. Nicht nur Schriftgelehrte leisteten dazu ihren Beitrag, wagemutige Entdecker auch.

1492, die Entdeckung Amerikas

Der Name des Genueser Seefahrers Christoph Kolumbus, der in Diensten der kastilischen Krone Amerika entdeckt hat, ist allen geläufig. Dabei hat er zunächst karibische Inseln wie Guahani, Hispaniola und Kuba entdeckt, die er fälschlich als Teil Asiens angesehen hat. Daher rührt im englischen Sprachraum die Bezeichnung Westindies her. Derjenige, der Amerika als neuen Kontinent richtigerweise identifiziert hat, ist bekanntermaßen Amerigo Vespucci, ein in Diensten der portugiesischen Krone befindlicher Florentiner, gewesen. Die Verdienste von Kolumbus werden dadurch nicht geschmälert.

Seine Großtat bestand gleichwohl nicht darin, bei seiner mühevollen und beschwerlichen Entdeckungsfahrt, unbeirrbar im Glauben an die Kugelgestalt der Erde verharrt zu haben. Seit Aristoteles und Plinius war eigentlich allen Gebildeteten klar, dass von Kugelform auszugehen ist. Selbst die Kirche des Mittelalters hat diesen Umstand nicht ernsthaft in Frage gestellt. Es handelt sich vielmehr um einen Mythos des 19. Jahrhunderts, der in vorgeblicher Berufung auf eine antike Außenseitermeinung wie die von Lactantius propagiert hat, dass jedermann zu Zeiten von Kolumbus an die Scheibenform der Erde geglaubt hat. Mitnichten! Erathostenes hat sogar bereits im dritten vorchristlichen Jahrhundert den Erdumfang bis auf wenige hundert Kilometer Abweichung korrekt berechnet. Kolumbus berief sich jedoch nicht auf Erathostenes, sondern auf die Rechenmodelle des Florentiner Gelehrten Toscanelli, mit dem er in Briefkontakt stand. Es waren schließlich Toscanellis fehlerhafte Berechnungen in der in diesem Fall gleichfalls fehlerhaften Ptolemäischen Tradition, die Kolumbus von einem viel geringeren Erdumfang ausgehen ließen. Ein amerikanischer Kontinent war demzufolge gar nicht vorgesehen und Asien viel eher erreichbar. Also nur ein Rechenfehler!

Warum war es von solcher Wichtigkeit einen Seeweg nach Asien zu finden? Denn schon sechs Jahre nach Kolumbus machte sich der Portugiese Vasco da Gama auf, um den östlichen Seeweg nach Indien zu suchen. Er konnte auf den Vorarbeiten von Bartolomeu Diaz aufbauen, der zuvor das Kap der Guten Hoffnung an der Südspitze Afrikas umsegelt hatte. Mehrere Gründe für die Suche nach neuen Handelsrouten zur See können identifiziert werden. Einerseits erschwerten innerasiatische Querelen das Fortkommen auf den altvertrauten durch den Kontinent führenden Landwegen. Dazu kam, dass die nördlich des Schwarzen Meeres nach Osten beginnenden Routen durch die Blockade des Bosporus durch die Osmanen seit 1453 kaum noch erreichbar waren. Konstantinopel selbst als Endpunkt der Seidenstraße fiel gleichfalls aus. Desweiteren verteuerten Zölle und Zwischenhändler – den Levantehandel nach Westeuropa betrieben seit den Kreuzzügen vor allem Venedig, Pisa und Genua – die nachgefragten Luxusartikel. Seide, Damast, Brokat und Atlas waren die begehrten Stoffe, die von einer kaufkräftigen städtischen Oberschicht verlangt wurden. Dazu kamen Gewürze wie Pfeffer, Muskatnuss, Ingwer und Zimt, von denen man hoffte, sie direkt nach Portugal und Spanien, später nach Holland, England und Frankreich liefern zu können.

Technologische Fortschritte im Schiffsbau bildeten die Voraussetzung dafür. Im iberischen Raum sorgte der hochseefähige Schiffstyp der Karavelle mit fest installiertem Heckruder für eine neue Dynamik in der Schifffahrt. Neuartige nautische Instrumente wie Quadrant und Astrolabium – Kolumbus verfügte auf seinen Reisen darüber – ermöglichten eine halbwegs zuverlässige Positionsbestimmung auf dem Meer, während der Kompass Orientierung bei der Bestimmung der Himmelsrichtung gab.

Zahlreiche andere Faktoren wie privates Unternehmertum, ein sich entwickelndes Bankwesen, Kenntnisse im Fernhandel über weite Distanzen, Konkurrenz, dezentrale Entscheidungswege sollten Europa, dem gegenüber noch im 15. Jahrhundert das zentralistisch organisierte China der Ming-Dynastie die höher stehende Zivilisation darstellte, sukzessive einen Vorsprung erarbeiten lassen.

Das Mittelalter war vorbei!

 

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