Ausblick 2018

Über zukünftige Ereignisse Bescheid zu wissen bevor sie passiert sind, das hat die Menschen zu allen Zeiten fasziniert und interessiert. Dabei gab es stets unterschiedliche Vorstellungen und Modelle von Weissagungen und Prophezeiungen. Wer den alten Mythos vom Kampf um Troja kennt, weiß um die Begebenheiten um die Entführung von Helena durch den Königssohn Paris und die sich daran anschließende Belagerung Trojas durch die Griechen. Den warnenden Voraussagen des Priesters Laokoon und von Kassandra wollte man kein Gehör schenken und zog entgegen des gut gemeinten Ratschlags das Trojanische Pferd in die Stadt hinein, womit dann der eigene Untergang besiegelt war. Während es sich in diesem Fall um fehlende Glaubhaftigkeit gehandelt hat, so begegnet im Fall des Königs Krösus die fatale Mißdeutung einer in die Zukunft gerichteten Botschaft. Der mit sagenhaftem Reichtum ausgestattete Herrscher von Lydien, einem Gebiet in der heutigen westlichen Türkei, schickte Gesandtschaften an mehrere Orakelstätten, die im sechsten vorchristlichen Jahrhundert für ihre diesbezüglichen Zukunftsdeutungen bekannt und berühmt waren. Krösus war sehr daran gelegen, seine Siegchancen im Konflikt mit dem persischen Großreich auszuloten. Das Orakel von Delphi, die Pythia, ließ ihn wissen, dass er ein großes Reich zerstören werde, sofern seinerseits ein bestimmter Fluß überquert würde. Nun, der Halys wurde überquert, die Perser besiegten die Lyder, und Krösus verlor sein Reich. Er hat eben einfach nicht bedacht, dass er selbst mit dem Orakelspruch aus Delphi adressiert war.

Im alten Rom betrieb man die Ausforschung des göttlichen Willens aus Zeichen, die sogenannte Mantik, noch systematischer, so dass es außerhalb der Stadt gelegener Orakelorte im Prinzip eigentlich nicht mehr bedurfte. Einerseits konnte auf das priesterliche Kollegium der Haruspices, der Eingeweideschauer, zurückgegriffen werden, deren besondere Kompetenz in der Beurteilung von Tierlebern und ähnlichen Organen bestand. Ergänzung fanden sie in den Auguren, den Vogelschauern, die einen glücklichen oder unglücklichen zukünftigen Verlauf eines Feldzugs aus Art, Zusammensetzung und Richtung eines Vogelschwarms bestimmen konnten und sollte das noch nicht genug gewesen sein, so kam die ars fulguratoria ins Spiel. Hier tummelten sich dann Spezialisten in der Ausdeutung von Blitz und Donner. Wem darüber hinaus an einschlägigem Beratungsbedarf gelegen war, der ging eben zur Sibylle von Cumae.

Ringen der Mächte

Wenig Zukunftdeutendes, sondern vielmehr exakten kalendarischen Nachvollzug eines historisch verbürgten Datums bringen am 23. Mai 2018 alle darum kreisenden Reminiszenzen und Erinnerungen mit sich. Es wird an diesem Tag an den vierhundertsten Jahrestag des Prager Fenstersturzes erinnert. Am 23. Mai 1618 wurden nämlich seinerzeit die Vertreter des katholischen Kaisers in Wien Jaroslav Borsita Graf von Martinitz, Wilhelm Slavata und der Kanzleisekretär Philipp Fabricius aus einem Fenster der Ratskanzlei in der Prager Burg hinausgeworfen. Täter waren aufgebrachte protestantische Adelige, die um ihre vermeintlich in einem Majestätsbrief zugesicherten religiösen Freiheitsrechte bangten. Böhmen war eben schon seit den Tagen eines Jan Hus, einem frühen Vorläufer Lutherischer Obstruktion gegen den römischen Papst, der das bedauerliche Schicksal erlitten hatte, entgegen der Zusage freien Geleits auf dem Konzil von Konstanz auf dem Scheiterhaufen verbrannt worden zu sein, eine Gegend, wo man es in derartigen Dingen sehr genau nahm. Vielleicht zu genau, es wäre viel erspart geblieben!  Zwar kamen die drei Defenestrierten mit dem Leben davon – es gibt da die alte Anekdote, sie wären auf einem Misthaufen gelandet -, wohl eher waren es die geringe Größe des Fensterzuschnitts in Kombination mit der darunter befindlichen Außenwandschräge und ihre langen, schwer wallenden Mäntel, die wahrscheinlich Schlimmeres verhindert haben. Die Täter meinten jedenfalls, den unten Angekommenen noch ein paar Schüsse hinterherschicken zu müssen. Es gibt gute Gründe, beschriebenes Ereignis für eine banale Posse zu halten, wenn, ja wenn nicht damit die Ouvertüre zu jenem schrecklichen Ringen der Mächte, heute als Dreißigjähriger Krieg bekannt, angestimmt worden wäre. So mancher Landstrich im Herzen Europas sollte so gründlich verwüstet und verheert werden, dass über ein Drittel seiner vorherigen Bevölkerung verlustig ging.

War es denn ein Religionskrieg? Er war es ganz bestimmt, und er war es auch wieder nicht. Seit dem Augsburger Religionsfrieden 1555 mit seiner auskömmlichen Formel nach der der Inhaber der politischen Landeshoheit auch die Farbe der Untertanenreligion bestimmen durfte („cuius regio, eius religio“), war zum Zeitpunkt des Prager Fenstersturzes mehr als ein halbes Jahrhundert vergangen. Stillstand mag das Leben von Faultier und Chamäleon charakterisieren, nicht das menschlicher Gemeinschaften. Kurzum, die protestantischen Landeshoheiten griffen speziell im Gebiet des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation immer weiter aus, und die Kräfte der katholischen Gegenreformation, zu ihnen zählte Kaiser Ferdinand II. in Wien, sahen sich mehr oder minder gezwungen, den Entwicklungen Einhalt zu bieten.

Ebenso war der Dreißigjährige Krieg in seinem gesamten Verlauf von 1618 bis 1648 ein Machtgeschachere der Staaten. Jede Destabilisierung oder Schwächung des Kaisers Ferdinand II. bedeutete eine relative Stärkung der Position Frankreichs. Deshalb Einmischung von dieser Seite. Als schließlich Gustav II. Adolf von Schweden in den frühen 1630er Jahren zugunsten der Protestantischen Union gegen die Katholische Liga eingriff, ging es ihm da vorrangig um Befestigung gegen Rom gerichteter Glaubensinhalte oder um schwedische Hegemomie im Ostseeraum? Damit stehen Fragen im Raum, die sich eindeutiger Beantwortbarkeit durchaus entziehen. Klar ist jedoch die Antwort, die der Kaiser fand: Er schickte den kurz zuvor entlassenen, gleichwohl bedeutsamsten Strategen und Feldherrn ins Kriegstheater, Albrecht von Wallenstein, Herzog in Friedland und Sagan und seit neuestem auch Herzog von Mecklenburg. Eine Gestalt mithin, der Friedrich Schiller in seiner Dramentrilogie Wallensteins Lager, Die Piccolomini und Wallensteins Tod  ein literarisches Denkmal von immerwährender Dauer errichtet hat.

Dieser rational handelnde Kriegsunternehmer, aus bescheidenem Landadel Emporgestiegene war ebenso in anrüchige Münzpachtgeschäfte mit dem Bankier Hans de Witte verstrickt, die sicherlich nicht zum Vorteil der einfachen Bevölkerung gereichten, wie er es ebenso verstand, auf seinen Gütern gerdezu Musterwirtschaften mit einem Höchstmaß an Rechtssicherheit zu errichten. Mehrere Astrologen waren in seinen Diensten beschäftigt. Doch niemand hatte die Art von Reputation des Johannes Kepler. Kepler, aus der schwäbischen Kleinstadt Weil stammend, später Student in Tübingen, dann Assistent des dänischen Astronomen Tycho Brahe, war es, der die heliozentrischen Gedanken von Nikolaus Kopernikus, ausgehend von kreisförmigen Umlaufbahnen der Planeten um die Sonne, richtigerweise dahingehend zu modifizieren verstand, dass aus der kreisförmigen eine elliptische Umlaufbahn und somit die korrekte wurde. Keplers Planetengesetze wurden ihrerseits grundlegend für Newtons Ideen zur Gravitationslraft.

Doch zurück zum Thema Zukunftsvorstellungen, wie sie in den beiden der Antike gewidmeten einführenden Absätzen bereits formuliert wurden. Dem Wallenstein, am 24. September 1583 im Sternzeichen der Waage geboren, erstellte Kepler insgesamt zwei Horoskope, das erste im Jahr 1608. In der Ausdeutung begeben wir uns nun in die Hände des weltweit bedeutendsten Wallenstein-Biographen. Niemand könnte es besser sagen, als Golo Mann es 1971 getan hat: „Der Gedankenaustausch zeigt uns, wie absolut Wallenstein traute; so wie wir dem kundigen Lesen der Strahlen, die unseren Körper durchleuchteten. Mußte er da nicht auch dem Bilde trauen, das Kepler von seinem Charakter gezeichnet hatte, nicht introspektiv vergleichen und, je länger er es, mit schaudernder Neugier, verglich, desto wahrer finden? So daß Keplers Traktat so prägend auf ihn gewirkt hätte, wie, in Keplers Sicht, die Konstellation der Geburtsstunde auf den Geborenen? Genau so. Denn Kepler sah Prägendes und Geprägtes im Widerspiel: die Natur des werdenden Lebens kam dem Effekt der Planeten entgegen, indem sie ihn zugleich aufnahm und modifizierte, Wäre Wallenstein ein heiteres Ioviskind gewesen und nichts sonst, so hätte er die saturnische Rolle, welche die Wissenschaft ihm zuwies, nicht spielen können.“ (aus: Golo Mann, Wallenstein, Frankfurt am Main 1971, S. 95). In diesem Zusammenhang sollte der bemerkenswerte Umstand nicht unerwähnt bleiben, dass Wallenstein als Auftraggeber ebenso Horoskope verschiedener Gegenspieler erstellen ließ. Da es im Zeitalter des Barock Psychologie als Wissenschaft noch nicht gab, können wir in diesen Horoskopen so ewas wie Charakterstudien sehen, die geeignet waren, sich Aufschluss über Handlungsspielräume und Motivationen von miltärischen Gegnern zu verschaffen.

Diejenigen Leserinnen und Leser, die über eine vertiefende Lektüre zum Thema nachdenken, möchte ich auf zwei neuere Veröffentlichungen hinweisen. Endlich auch in deutscher Übersetzung ist seit 2017 das Werk des Oxforder Historikers Peter H. Wilson zugänglich (vgl. Peter H. Wilson, Der Dreißigjährige Krieg. Eine europäische Tragödie, Darmstadt 2017). Mit seinen besonderen Stärken im kulturgeschichtlichen Teil genießt die Arbeit des Berliner Politologen Herfried Münkler schließlich schon heute den Status eines Standardwerks (vgl. Herfried Münkler, Der Dreißigjährige Krieg, Berlin 2017).

Im Jahr 2018 werden auch mehrere Ausstellungen das Ereignis des Dreißigjährigen Krieges zu reflektieren versuchen. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit möchte ich auf einige von ihnen hinweisen:

  1. FRIEDEN. Wie im Himmel so auf Erden? LWL-Museum für Kunst- und Kultur Münster, 28. April 2018 bis 2. September 2018.
  2. Söldner, Seuchen, Schrecken. Franken und Böhmen im Dreißigjährigen Krieg, Fränkische Schweiz-Museum Tüchersfeld, 24. März 2018 bis 23. September 2018.
  3. Der Dreißigjährige Krieg und seine Drucksachen, Bibliotheca Albertina Leipzig, 25. Mai 2018 bis 2. September 2018.
  4. Kampf und Leid, Museum Barockschloss Delitzsch, 19. Mai 2018 bis 28. Oktober 2018.
  5. Die Schweden kommen, Stadt- und Kulturgeschichtliches Museum Torgau, 26. Mai 2018 bis 28. Oktober 2018.

 

 

 

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