Buchkritik: „Weimarer Verhältnisse?“ der Herausgeber Andreas Wirsching, Berthold Kohler und Ulrich Wilhelm

In Weimar wurde im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts die Klassik begründet. Das Zusammenwirken so unterschiedlicher schöpferischer Geister wie Johann Gottfried Herder, Christoph Martin Wieland, Friedrich von Schiller und Johann Wolfgang von Goethe führte die deutsche Literatur in Höhen, die bis dahin unerreichbar schienen. Goethes Italienreise 1786 und die bereits zuvor veröffentlichten kunsttheoretischen Schriften von Johann Joachim Winckelmann bewirkten, dass in der griechisch-römischen Antike ein beispielhaftes Vorbild gesehen wurde, dem man gerne nacheifern wollte.

Im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts war es wiederum Weimar, das im Blickpunkt der Öffentlichkeit stehen sollte. Dieses Mal sollten nicht Kunst und Kultur die Agenda bestimmen, sondern politische Ereignisse. Nun waren es keine Schönheitsideale mehr, die in der antiken Vollplastik meinten, ihren vollkommenen ästhetischen Ausdruck gefunden zu haben, sondern unmittelbare Notwendigkeiten, die sich aus einem verlorenen Weltkrieg ergaben. Man könnte es leicht überspitzt durchaus so formulieren, dass der letzte Kaiser der Hohenzollerndynastie, Wilhelm II., seinen Untertanen nichts Besseres zu hinterlassen wusste als ein staatliches Vakuum, sich gleichzeitig ins durchaus annehmbare holländische Exil auf und davon machend.

Als am 9. November 1918 die Weimarer Republik ausgerufen wurde, war damit die erste Demokratie in deutschen Landen gegeben. Sie sollte bis zum 30. Januar 1933, dem Tag der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler, Bestand haben. Hier setzt der 119 Seiten starke, im März 2018 im Reclam Verlag erschienene Band „Weimarer Verhältnisse?“ an. Als Herausgeber der acht Essays von sieben Autorinnen und Autoren zeichnen der Direktor des Instituts für Zeitgeschichte, Andreas Wirsching, der Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Berthold Kohler, und der Intendant des Bayerischen Rundfunks, Ulrich Wilhelm, verantwortlich. Zeitlich gesehen, steht nicht der Übergang von der monarchischen zur republikanischen Staatsform im Mittelpunkt der Betrachtung, es sind viel mehr die Faktoren und Ereignisse, die die Ablösung der Republik durch die Diktatur zum Ergebnis hatten, zentral. Deshalb hat das Herausgebertrio dem Untertitel „Historische Lektionen für unsere Demokratie“ den Vorzug gewährt. Um schlichtes Lernen aus der Geschichte, aus dem, wie es denn gewesen ist, geht es dennoch nicht. Vielmehr geht es um Sichtbarmachung durch Vergleichen.

Bedrohung der Demokratie durch Rechtspopulismus

Es sind gegenwärtige Erscheinungen wie die sich ganz offensichtlich fremdenfeindlich gebärdende Pegida-Bewegung und die Wahlerfolge der AfD bei zurückliegenden Landtagswahlen 2016 und 2017 wie auch bei der Bundestagswahl im vergangenen Jahr, wodurch die politischen Verhältnisse in Deutschland eine andere, nicht gerade von Optimismus getragene Perspektive eröffnen. Doch taugt allein deswegen schon der Vergleich mit der Weimarer Republik? Hier hat der Band „Weimarer Verhältnisse?“ seine wirklichen Stärken: Sie liegen zweifelsohne in der Vielfalt der auf knapp bemessenem Raum behandelten Themen und den gelungenen Bemühungen um fundierte, wohl abgewogene Beurteilungen. Die ausgewiesenen Expertinnen und Experten, die zu Wort gekommen sind, allesamt der historischen oder politikwissenschaftlichen Zunft entstammend, bedenken viel Bemerkenswertes ohne alarmistisch zu sein. Selbst in der starken argumentativen Verdichtung geht das gewählte hohe sprachliche Niveau nie zu Lasten allgemeiner Verständlichkeit.

Andreas Wirsching, in Personalunion Mitherausgeber und Autor, bietet in seinem eröffnenden Essay „Appell an die Vernunft“ eine allgemeine Standortbestimmung. Wer sich etwa fragen sollte, was am Populismus so bedenklich sei, der möge Wirschings bildhafte Deutung zur Kenntnis nehmen (S. 12f.): „Populisten lehnen die politisch-soziale Vielgestaltigkeit demokratischer Gesellschaften ab. Sie behaupten, hinter dem verfassungsmäßig zustande gekommenen politischen Willen gebe es ein anderes, ein „wahres“, „eigentliches“ und in sich einiges Volk, das sie – fälschlich – zu repräsentieren vorgeben. Ihre Sprache ist daher stets auf das Volk hin orientiert und doch pseudodemokratisch, weil sie die Legitimität anderer Meinungen, Lebensstile und demokratischer Entscheidungen leugnen. Sie lehnen es ab, die komplexe Realität zum Ausgangspunkt der Politik zu machen. Stattdessen zwängen sie die Konflikte moderner Gesellschaften in die Kategorien eines pseudomoralischen Rigorismus ein, der, konsequent zu Ende gedacht, nur Schuldige und Opfer kennt. An die Stelle eines auf Erfahrung und Vernunft gegründeten pluralistischen Weltbilds tritt ein Freund-Feind-Gegensatz.“ 

Im Anschluss an Wirsching werden von Werner Plumpe, in Frankfurt am Main lehrender Wirtschaftshistoriker, die ökonomischen Schwierigkeiten, die in den 1920er Jahren herrschten, in seinem Beitrag „Weimar: Über das Anhäufen von Problemen“ diskutiert. Ohne den verlorenen Weltkrieg und die daraus resultierenden finanziellen Verpflichtungen als schwerste Hypothek im Gepäck wäre das allermeiste für Staat und Gesellschaft beherrschbar geblieben. Zwar ist man in Deutschland aktuell angesichts von boomender Exportwirtschaft, ausgeglichenem Staatshaushalt, niedrigen Arbeitslosenquoten und gut ausgebauten sozialen Sicherungssystemen meilenweit von Phänomenen wie der seinerzeit grassierenden Hyperinflation entfernt, der warnende Hinweis Werner Plumpes (S. 35) verdeutlicht gleichwohl die Probleme: „Doch gerade in der Angst, dass die scheinbar oder wirklich ungeregelte Globalisierung den sozialen Status großer Bevölkerungsgruppen gefährdet, liegt einer der Gründe, warum (sozial)protektionistische Maßnahmen gefordert werden und nationale Handlungsfähigkeit einer internationalen Kooperation vorgezogen wird, die offenbar viele Probleme bestenfalls verwaltet, aber nicht löst.“

Kenntnisreiche Beiträge von Horst Möller (Zwischen Feinden und Freunden. Probleme des Parteiensystems), Ute Daniel (Politische Sprache und Medien), Jürgen W. Falter (Volkspartei des Protests) und Herfried Münkler (Ordnung ohne Hüter. Internationale Konfliktlagen und militärische Strategieentwicklung in der Zwischenkriegszeit) beleuchten schließlich weitere Facetten innerhalb des Systemvergleichs.

Wie aber werden die neuesten parteipolitischen Entwicklungen hierzulande im Ausland bei unseren französischen Nachbarn aufgenommen? Unter der Überschrift „Rätselhaftes Deutschland“ präsentiert die an der Pariser Sorbonne lehrende Zeithistorikerin Hélène Miard-Delacroix ihre Sicht der Dinge. Beruhigend wirkt die Versicherung von Miard-Delacroix (S. 93): „Die Frage, ob in Deutschland die Rückkehr von Weimarer Verhältnissen bevorstehe, ruft also im Ausland eher Kopfschütteln hervor.“ Mindestens als Einschränkung dieser Feststellung darf man die kurz darauf gestellten Fragen (S. 94) derselben Autorin verstehen: „Daher wirft die Frage, ob die Wiederkehr Weimars vor der Tür stehe, ein Paradox auf. Zwar spricht nichts dafür. Aber macht man sich nicht doch Sorgen, manchmal im Ausland noch mehr als in Deutschland selbst? Und woher kommt der Verdacht, dass die fest etablierte deutsche Demokratie der Versuchung autoritärer Politikentwürfe erliegen und die Bevölkerung für rechtspopulistische Strömungen empfänglich sein könnte?“ 

Diejenigen Leserinnen und Leser des Blogs, die an klugen Antworten und geistreichen Thesen zum Thema interessiert sind, sind nach Auffassung des Rezensenten bei der Lektüre der „Weimarer Verhältnisse?“ sehr gut aufgehoben. Ein empfehlenswertes Buch!

 

 

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