Empire, Das Britische Weltreich (Teil 1)

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts ist etwa ein Viertel der Landmasse der Erde Bestandteil des British Empire gewesen. Beim Blick auf Weltkarten jener Zeit zeigen die typischen rötlichen Einfärbungen das beeindruckende Ausmaß des Imperiums an.

Tordesillas

Dabei hätte es eigentlich gar nicht entstehen sollen. Dann jedenfalls nicht, wenn man die Bestimmungen des 1494 zwischen der spanischen und der portugiesischen Krone sowie Papst Alexander VI. geschlossenen Vertrags von Tordesillas zugrunde legt. Danach wurde die damals bekannte Welt in eine westliche und eine östliche Hälfte ungefähr entlang des 46sten Längengrades quer durch den Atlantik unterteilt. Der amerikanische Kontinent fiel somit hauptsächlich an Spanien, während Portugal im Ergebnis immerhin auf einen Teil des noch seiner Entdeckung durch Pedro Álvares Cabral harrenden Brasiliens und aller östlich davon befindlichen Territorien Afrikas und Asiens Anspruch erheben durfte. Die Südspitze Afrikas, das Kap der Guten Hoffnung, war bereits einige Jahre zuvor durch Bartholomeu Diaz umsegelt worden. Die Idee, den Seeweg nach Indien auf östlicher Route zu suchen, um an die sagenhafte Reichtümer aus edlen Stoffen wie Seide, Atlas, Damast oder Brokat, an seltene Gewürze oder kostbare Edelsteine zu gelangen, war in Lissabon keine Chimäre mehr.

Technologische Voraussetzung der auf den Ozeanen vorgetragenen Entdeckungsfahrten des 15. Jahrhunderts war die Entwicklung hochseefähiger Schiffstypen, wie sie beispielsweise in Form der Karavelle oder Nau zur Verfügung standen. Instrumente wie Kompass, Astrolabium und Jakobsstab ermöglichten nunmehr in Verbindung mit stetig verbessertem Kartenmaterial Positionsbestimmungen in einer Genauigkeit, die im Mittelalter einfach noch nicht möglich war. Waren zudem die heiklen Finanzierungs- und Ausrüstungsfragen geklärt, erlangte man royale Zustimmung für die eigenen Vorhaben, verfügte man über kundige Navigatoren und erfahrene Seeleute, so war es möglich ein Expeditionsgeschwader aus iberischen Häfen in die Ferne zu entsenden. Eines von ihnen unter dem Kommando des in der kleinen Ortschaft Sines gebürtigen Vasco da Gama landete im Mai 1498 in Calicut, der Seeweg nach Indien war gefunden. Erste Handelsstützpunkte konnten hier vor Ort angelegt werden, während zeitgleich die Spanier in der Karibik mit ihrer Siedlungs- und Kolonisationstätigkeit voran schritten, dabei stets im Blick die Suche nach dem sagenhaften Goldland El Dorado.

Der eingangs erwähnte Vertrag von Tordesillas wurde jedoch weder von Frankreich noch von England oder den Niederlanden anerkannt. Konkurrenz auf den Weltmeeren nur noch eine Frage der Zeit.

England um 1600

Während seit der normannischen Landnahme in der Mitte des 11. Jahrhunderts die Bevölkerungszahl drei Jahrhunderte anstieg, brachte die Pest, die die Insel ab 1348 erreichte, eine regelrechte demographische Katastrophe mit sich. Dem Jenaer Historiker Michael Maurer zufolge haben vor dem ersten Eintreffen des Schwarzen Todes etwa 6 Millionen Menschen in England und Wales gelebt. Um das Jahr 1600 waren es nur 4 Millionen, also ein Drittel weniger als 250 Jahre zuvor (s. Michael Maurer, Geschichte Englands, Stuttgart 2014, S. 84f.). Nicht anders als in unserer Gegenwart bildete London das unangefochtene urbane Zentrum des Landes mit seinerzeit ungefähr 200.000 Einwohnern. Die nächstgrößere Stadt, das ostenglische Norwich, kam nur auf einen Bruchteil dieser Zahl. Der ganz überwiegende Teil der Bevölkerung von 90 Prozent lebte auf dem Lande von den vor Ort erzielten landwirtschaftlichen Erträgen.

Aus dieser Zeit ist eine wichtige, Einblicke in imperiales Denken offenbarende Schrift überliefert, der „Discourse of Western Planting“ des Geographen Richard Hakluyt aus dem Jahr 1584. Welche Motive auswanderungswillige Engländer und Waliser zur Kolonisation Amerikas gebracht haben mögen, beschreibt Hakluyt, indem er die Wirtschaftsflaute im Mutterland und die damit zusammenhängende Arbeitslosigkeit hervorhebt. Ebenso ist von Überbevölkerung die Rede, was im Kontext der demographischen Entwicklung (s.o.) erstaunlich anmutet. Zur Beschäftigungssicherung im Königreich selbst könnte man, so der Autor, Rohstoffe aus Übersee importieren, daraus Fertigwaren herstellen, um diese dann wieder zu exportieren.

So wohl durchdacht Hakluyts Ideen und Theorien auch gewesen sind, ein Imperium erstand de facto während der Regierungszeit von Elizabeth I. damit noch nicht. Im Gegenteil: Der erste ernsthafte unter der Regie von Sir Walter Raleigh vorgetragene Kolonisationsversuch auf der dem heutigen North Carolina vorgelagerten Insel Roanoke scheiterte 1590 endgültig. Aufgrund von Versorgungsschwierigkeiten und fehlendem Nachschub wurde das Unternehmen abgebrochen. Da zudem bereits einige Jahrzehnte zuvor der letzte außerhalb der britischen Inseln befindliche Territorialbesitz mit der am Ärmelkanal gelegenen Hafenstadt Calais an Frankreich rückerstattet wurde, endete das 16. Jahrhundert in England lediglich mit ausgreifenden Ambitionen imperialer Natur. Doch würden sie sich realisieren lassen?

Das ältere Empire

Es gibt gute Gründe dafür, den Beginn des älteren Empire, des ersten Britischen Weltreichs, auf das Jahr 1607 zu datieren. Der gewichtigste ist die Anlage der Siedlung Jamestown in Virginia durch 120 Siedler, die hier auf Dauer sesshaft werden wollten. Weder die erfolgreiche zweite Weltumsegelung durch den nachmaligen Sir Francis Drake einige Jahrzehnte zuvor noch die Besiegung der spanischen Armada 1588 noch zahlreiche erfolgreiche Freibeuteraktionen auf dem Atlantik gegen iberische Schiffe noch die zahlenmäßige Erhöhung englischer Garnisonstruppen während der Tudor-Zeit in Irland scheinen eine davon abweichende Einschätzung im Sinne einer früheren Datierung nachhaltig zu erhärten.

Wie es den ersten Siedlern, darunter unter anderen ein Geistlicher, ein Arzt, dreizehn Handwerker, zwölf Arbeiter, aber auch 36 Gentlemen, denen es von ihrem Stand her verboten war, von ihrer Hände Arbeit zu leben, in Jamestown erging, beschreibt der Historiker Peter Wende, ehemaliger Direktor des Deutschen Historischen Instituts in London, anschaulich: „Offensichtlich waren Rodungsarbeiten und systematischer Landbau nicht vorgesehen. Man setzte wohl, wie schon bei früheren Unternehmungen, darauf, durch Goldfunde oder Freibeuterei zu schnellem Reichtum zu gelangen und ging im übrigen davon aus, von den einheimischen Indianern ernährt zu werden. Tatsächlich war die Region um die Chesapeake Bay für nordamerikanische Verhältnisse relativ dicht besiedelt, aber nur gelegentlich gelang es den Neuankömmlingen, zur Erntezeit von den Eingeborenen Mais und andere Lebensmittel zu erwerben. In der Hauptsache blieb man auf Lieferungen aus dem Mutterland angewiesen, die aber hingen ab vom Interesse an einer Kolonie, die auch nach zwei Jahren noch keinen Gewinn einbrachte.“ (s. Peter Wende, Das Britische Empire, München 2016, S. 39f.) Erst als es nach einiger Zeit gelang, erfolgreich Tabakanbau zu betreiben und den Tabak anschließend nach England zu exportieren, war die wirtschaftliche Tragfähigkeit der Kolonie Jamestown gesichert.

Ganz offensichtlich war die Motivlage dieser Siedler nicht religiös bestimmt. Der Wunsch, den eigenen Glauben frei von Nachstellungen in einer neuen Heimat ausüben zu können, sollte erst im weiteren Verlauf der Auswanderung bedeutsam werden. Dafür stehen sowohl die das puritanische Element verkörpernden „Pilgerväter“, die mit der „Mayflower“ in Massachusetts anlandeten, die Angehörigen des traditionellen katholischen Glaubens, die sich in Maryland niederließen, schließlich auch die Quäker, denen Pennsylvania Heimat wurde. Ihnen allen gemeinsam war, dass sie nicht konfliktfrei im übermächtigen Schatten der von Heinrich VIII. begründeten anglikanischen Staatskirche existieren konnten und wollten.

Zwei Zahlen allerdings, die der Empire-Fachmann John Darwin aus Oxford mitteilt, belegen die für das 17. Jahrhundert überraschend bestehende größere Bedeutung der Karibik gegenüber dem nordamerikanischen Festland aus der Sicht des Mutterlandes. In karibischer Randlage wurden hier vor Ort auf St. Kitts 1624 und Barbados 1627, von den Spaniern unbeachtet gelassenen Inseln, die ersten Siedlungen englischer Kolonisten errichtet. Im gesamten 17. Jahrhundert sind von den Britischen Inseln 210.000 Einwohner in die Karibik ausgewandert, während es nach Nordamerika „nur“ 175.000 waren (s. John Darwin, Das unvollendete Weltreich, Frankfurt 2013, S. 54). Ökonomische Grundlage wurde hier vor Ort aufgrund dafür günstiger klimatischer Gegebenheiten der Zuckerrohranbau. Als Arbeitskräfte wurden aus Afrika unzählige Sklaven unter menschenunwürdigen Bedingungen per Schiff gen Westen transportiert, worauf eine Säule des berüchtigten transatlantischen Dreieckshandels beruhte.

Indien

Ein ganz grundsätzlicher Unterschied zu den viele Personen umfassenden Siedlergesellschaften, die sich in der Karibik und in Nordamerika herausbilden konnten, bestand in den vorhandenen Herrschaftsstrukturen, auf die die Angehörigen der East India Company (EIC) treffen sollten. Die Kaufleute und Händler der 1600 als Aktiengesellschaft gegründeten EIC trafen in Indien auf das mächtige Reich der Mogulkaiser, von deren Wohlwollen ihre erfolgreiche Geschäftstätigkeit abhängig war.

Von den glänzenden Seiten des 1526 von Babur errichteten und von seinem Enkel Akbar ausgebauten Mogulreichs, das sich vor seiner Ausdehnung in südlicher Richtung zunächst in Nordindien von Balutschistan im Westen bis Bengalen im Osten erstreckte, kündet noch heute das zum UNESCO-Weltkulturerbe zählende Taj Mahal in Agra. Das aus verschiedenfarbigem Marmor in den Jahren 1631 bis 1648 errichtete Mausoleum, von Rabindranath Tagore in einem Gedicht als „Träne auf der Wange der Zeit“ bezeichnet, beeindruckt noch heute nicht nur als willkommenes touristisches Fotomotiv, sondern als Ausdruck architektonischen Könnens einer untergegangenen Hochkultur.

Von besagtem Agra nicht allzu weit entfernt ist mit dem westindischen Surat die erste Handelsniederlassung der East India Company entstanden. Die dazu notwendige Erlaubnis des Mogulkaisers hatte man, ebenso war man in der Lage sich der portugiesischen Konkurrenz vor Ort zu entledigen, indem ein Seegefecht um den Tiefwasserankerplatz von Surat 1612 erfolgreich bestritten wurde. Da ein königlicher Freibrief von Elizabeth I., eine sogenannte Charter, das Monopol für den direkten Handel zwischen England und dem Osten einräumte, stand einer erfolgreichen Geschäftsaufnahme nichts mehr im Wege. Mit einem derartigen Freibrief verband sich die Anerkenntnis der Entscheidungshoheit der englischen Regierung über die wirtschaftlichen Aktivitäten vor Ort. Anders ausgedrückt: Als Ausgleich für ein gewisses Maß von Verlust an ökonomischer Souveränität und der Abgabe von 20 Prozent aller Edelmetallfunde sicherten sich die Kaufleute möglicherweise notwendig werdende diplomatische, sogar militärische Hilfe des Mutterlandes.

Diese Art von public-private partnership blieb mitnichten auf den skizzierten Einzelfall beschränkt, sie fand vielmehr überall dort Anwendung, wo England, erst mit dem Act of Union 1707 und der darin vorgenommenen staatsrechtlich relevanten Vereinigung mit Schottland ist von Großbritannien im heutigen Sinn die Rede, kolonisatorisch oder durch die Anlage von Handelsstützpunkten in Übersee tätig wurde.

Es ist diese eigentümliche Verbindung merkantiler Einzelinteressen, ökonomischer Ambitionen von Aktionären börsennotierter Gesellschaften und dem staatlichen Bereich, der nicht zuletzt zu der Frage geführt hat, ob beim Aufbau des stets im Wandel befindlichen British Empire ein Masterplan bestanden hat oder auch nicht. Sie haben den Cambridge-Historiker John Robert Seeley in seinem 1883 erschienenen, viel gelesenen und vielbeachteten Werk „The Expansion of England“  zu der berühmt gewordenen Formulierung, „It seems, as it were, that we have conquered and populated half the world in a fit of absence of mind“, gebracht. Doch sollte tatsächlich alles nur in einem Anfall von Geistesabwesenheit geschehen sein?

Die Fortsetzung dieses Beitrags erfolgt sehr bald!

 

 

 

 

 

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