Charles Dickens

Literarische Qualität, um sie vermeintlich objektiv und gerecht beurteilen zu können, wird gerne mit der Frage verknüpft, ob und wann eine bestimmte Autorin oder ein bestimmter Autor den Nobelpreis für Literatur als ultimative Anerkennung diesbezüglicher Fähigkeiten verliehen bekommen hat oder eben nicht. Der erste englischsprachige Schriftsteller, dem diese Ehrung widerfahren ist, war Joseph Rudyard Kipling 1907. Kipling genießt aus diesem Grund als Verfasser von Romanen, Erzählungen, Kurzgeschichten und Gedichten ein hohes Ansehen als Literat, und doch sind viele seiner Werke mittlerweile in Vergessenheit geraten. Es gibt jedoch Ausnahmen. So dürfte die Zahl derjenigen, die noch nie von seinem 1894 entstandenen Dschungelbuch (The Jungle Book) gehört haben, nicht allzu umfangreich sein. Vielen wird auch der im Todesjahr von Queen Victoria erschienene Roman Kim ein Begriff sein. Dem in Bombay, dem heutigen Mumbai, als Sohn eines britisch-indischen Kolonialbeamten geborenen Kipling gelingt es hier die indische Perspektive, weitgehend vorurteilsfrei vermittelt durch die Augen eines perfekt an die Bedingungen seiner neuen Heimat angepassten Jugendlichen britischen Ursprungs, für die europäische Leserschaft überaus überzeugend darzustellen, und zwar lange bevor Dekolonisierung überhaupt ein Thema geworden ist. Heutzutage gilt Kim in seiner immanenten Widersprüchlichkeit als Meisterwerk des Imperialismus.

Der mehr als fünf Jahrzehnte vor Kipling im Jahr 1812 in Portsmouth, der für die Royal Navy traditionell bedeutsamen Hafenstadt, als zweites von insgesamt acht Kindern geborene Charles John Huffam Dickens kann schon von seinen Lebensdaten her nicht mehr als Repräsentant des Spätviktorianismus und des mit diesem in enger Verbindung stehenden Imperialismus angesehen werden. Da er bereits 1870 im Alter von 58 Jahren verstorben ist, blieben ihm die Ehrungen des erst dreißig Jahre später ins Leben gerufenen Nobelpreises versagt. Ob er ihn anderenfalls wohl bekommen hätte?

Trotz der respektablen Berufstätigkeit des Vaters von Charles, der als Zahlmeister der königlichen Marine für Soldzahlungen der Matrosen zuständig war, blieben ihm die Segnungen eines kontinuierlichen Schulbesuchs und eines Universitätsstudiums, was man gemeinhin als bildungsmäßige Voraussetzungen eines hochberühmten Schriftstellers erachten würde, vorenthalten. Noch schlimmer: Da der Vater seine Einkünfte mit dem finanziellen Ausgabeverhalten nicht in Übereinstimmung zu bringen wusste, landete er und mit ihm die ganze Familie im Schuldgefängnis. Der junge Charles bildete insofern die Ausnahme von den Ereignissen, die sich im Februar 1824 zutrugen, als dass er nicht auch den Weg ins Schuldgefängnis antrat, sondern als Zwölfjähriger für mehr als ein Jahr Hilfsarbeiter in einer Londoner Fabrik für Schuhpolitur wurde. Die traumatischen Erlebnisse in dieser heruntergekommenen und vor Schmutz und Dreck starrenden Bruchbude sollten später ihre Widerspiegelung in dem autobiographisch gefärbten Schlüsselroman David Copperfield finden.

David Copperfield ist vom Mai 1849 bis November 1850 in insgesamt 19 Folgen erschienen bevor der Bildungsroman aus der Perspektive eines Ich-Erzählers auch in Buchform veröffentlicht wurde. Als satirische Anspielung auf den eigenen Vater wird Mr. Wilkins Micawber folgendermaßen ins Geschehen eingeführt: „Die Comptoirglocke zeigte halb eins, und alles machte sich zum Mittagessen bereit, als Mr. Quinion ans Fenster klopfte und mich hereinrief. Ich gehorchte und fand drinnen einen starken Mann von mittlern Jahren in einem braunen Überzieher, mit schwarzen Hosen und Schuhen, mit einem Kahlkopf, der so glatt war wie ein Ei, und einem vollen breiten Gesicht. Seine Kleider waren schäbig, dafür hatte er einen ungeheuren Hemdkragen. Er trug einen ehemals glänzend gewesenen Stock mit ein paar großen, abgegriffnen, schwarzen Quasten und an der Brust eine Lorgnette. Diese, wie ich später herausfand, bloß als Schmuck, denn er sah selten hindurch und konnte nichts erkennen, wenn er sie vors Auge hielt.“ (Charles Dickens, David Copperfield, Zürich 1982, S. 145) Dieses Urbild eines nicht unsympathischen Luftikus tritt am Ende der Geschichte mit seiner Familie die Schiffspassage nach Australien an, denn dort würde man ganz bestimmt Männer mit den Fähigkeiten und Talenten eines Wilkins Micawber benötigen. Kurzum, auf Perönlichkeiten solchen Formats hat man dort bestimmt noch gewartet.

Trotz mehrerer veröffentlichter Reiseberichte wie den Notizen aus Amerika (American Notes, 1842) und den Bilder(n) aus Italien (Pictures From Italy, 1846) waren es sicherlich nicht die exotischen Schauplätze wie bei dem eingangs erwähnten Kipling, die bei Dickens dazu beigetragen haben, das Leserinteresse zu wecken. Vielmehr waren es Episoden aus dem Alltagsleben einfacher Londoner Menschen, die in humoristischem Ton aufbereitet, zum Erfolg seines Debüts als Autor unter dem Pseudonym Boz  beigetragen haben. Während es bei der eine Generation vorher wirkenden Jane Austen noch die Verwicklungen und Scharaden der in behaglichen Heimen auf dem Lande residierenden Angehörigen der upper class waren, die oft alleine durch die Einnahme von Pachtzinsen aus Grundbesitz ihr auskömmliches Leben führen konnten, hatte sich das Land und mit ihr die Gesellschaft inzwischen verändert. Dickens ist insofern innerhalb seiner Schaffenszeit der 1830er bis 1860er Jahre ein Seismograph der Veränderungen, indem er mit viel Anteilnahme und Empathie das Leben der Mühseligen und Beladenen wahrgenommen und ihm Ausdruck verliehen hat.

Allgemein können diese Jahre der sich rapide vergrößernden Städte als Zeit der Einrichtung und Ausweitung der Staatsaufsicht über Bereiche wie Strafvollzug, Erziehungswesen, Polizei, öffentliche Gesundheit und Arbeitsrechtsgesetzgebung bezeichnet werden. Teilweise fand erst jetzt eine entsprechende Institutionalisierung statt. Gegen den entschiedenen Widerstand einiger Unternehmer führte erst der Factory Act von 1833 den Zehn-Stunden-Tag für Kinder unter 18 Jahren in allen Textilfabriken ein. Davor war es schlimmer. Hinsichtlich des Armenrechts etwa wurde mit dem Poor Law Amendment Act von 1834 bewirkt, dass Unterstützung nur noch den Alten und Gebrechlichen gewährt wurde. Alle anderen waren dazu angehalten, in Arbeitshäusern (workhouses) ihren Unterhalt zu verdienen. Die Insassen der workhouses hatten zur gleichen Zeit aufzustehen, zur gleichen Zeit zu arbeiten und zur gleichen Zeit ihre Mahlzeit schweigend einzunehmen. Erst nach 1842 war es den hier einsitzenden Kindern gestattet, die Schule und Erwachsenen die Kirche zu besuchen. Eine von Dickens geschaffene Romanfigur, Oliver Twist, hatte mit der hier obwaltenden Tyrannei des Aufsichtspersonals und den sonstigen widrigen Umständen zu kämpfen. Oliver Twist, 1838 als dreibändige Buchausgabe erschienen, ist daher als klare Anprangerung zeitgenössischer sozialer Mißstände zu verstehen. Karl Marx fand seine Antwort darin, die Probleme der Industriearbeiterschaft zu adressieren, indem er seine politische und gesellschaftliche Theorie veröffentlichte, Charles Dickens seine Art, indem er seine großen Romane schuf. Am Ende des Tages konnte die Revolution auf den Britischen Inseln erfolgreich vermieden werden.

William Makepeace Thackeray, Meister der ironisch-distanzierten Perspektive und mit Jahrmarkt der Eitelkeit (Vanity Fair, 1847) selbst Autor eines der bedeutendsten englischsprachigen Romane des 19. Jahrhunderts, war ein mit Dickens zeitweise freundschaftlich verbundener Konkurrent als Literat. Nach der Lektüre von Dombey und Sohn (Dealings with the Firm of Dombey and Son, 1848) soll er einem Freund gegenüber anvertraut haben: „Es gibt kein Mittel gegen solche Sprachgewalt – man hat keine Chance!“ Möglicherweise die passendste Aussage zur eingangs gestellten Frage. In diesem Sinne haben unter Federführung der BBC im Jahr 2015 82 internationale Literaturkritiker über die Frage abgestimmt, welche britischen Romane zu den bedeutendsten zählen. Aufnahme in das Ranking der Top 100 mit jeweils vier Werken haben dabei nur drei Personen geschafft: Jane Austen, Virginia Woolf und Charles Dickens.

 

Allen Leserinnen und Lesern wünsche ich fröhliche und friedvolle Weihnachtstage!

 

 

 

 

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