Empire, Das Britische Weltreich (Teil 2)

Innerhalb des vorherigen Beitrags ist vom älteren oder auch ersten Empire die Rede gewesen. Die Anfänge dieses vorwiegend aus amerikanischen Siedlerkolonien und asiatischen Handelsstützpunkten bestehenden frühneuzeitlichen Reichs wurden im Jahr 1607 verortet. Mit dem Jahr 1783 verbinden wir die im Pariser Friedensvertrag eingeräumte Akzeptanz der Unabhängigkeit der dreizehn nordamerikanischen Kolonien durch Großbritannien, nachdem die mehrjährigen militärischen Kampfhandlungen endlich abgeschlossen waren. Damit hat das ältere Empire sein Ende gefunden, und es ist in jene Stufe, die mit den Begriffen klassisches oder zweites Empire bezeichnet wird, nahtlos übergegangen. 

Die in der begrifflichen Unterscheidung älteres und klassisches Empire enthaltene Zweiphasigkeit ist dabei sicherlich mehr als eine aus der bequemen Rückschau geborene künstliche Trennlinie. Sie ist vielmehr als Tribut an die Dauerhaftigkeit eines Imperiums zu verstehen, dessen hervorstechende Merkmale eben Wandelbarkeit der äußeren Form und Variabilität in der Ausübung von Herrschaft bildeten.

Imperien

Imperien hat es im Verlauf der Menschheitsgeschichte seit der Seßhaftwerdung im Neolithikum immer wieder gegeben. Wer sich über ihre vergangenen und gegenwärtigen Ausprägungen informieren möchte, findet in den einschlägigen Werken von Herfried Münkler, Sönke Neitzel oder John Darwin ausführlich angelegte Untersuchungen zum Thema. Dass eine gewisse Größe des beherrschten und unterworfenen geographischen Raumes dazu gehört, um imperialen Ansprüchen zu genügen, scheint auf der Hand zu liegen. Was die Dauerhaftigkeit betrifft, wie man sie eigentlich erwarten dürfte, zeigt der Gang der Geschichte: Es handelt sich nicht um eine notwendige Bedingung.

Das antike Beispiel des sich von Südosteuropa über Kleinasien bis über die Ufer des Indus hinaus ins nachmalige Britisch-Indien erstreckende Alexanderreich, dem das strategisch bedeutsame, den afrikanischen und asiatischen Kontinent verbindende Ägypten ebenfalls angegliedert war, war allzu sehr auf die Person seines Schöpfers, Alexander des Großen, bezogen, als dass es seinen frühen Tod in Babylon 323 v. Chr. lange überdauert hätte. Bereits unter seinen direkten Nachfolgern, den Diadochen, setzte der Prozess der Fragmentierung ein. Territoriale Gebilde wie etwa das Seleukidische, Pergamenische oder Ptolemäische Reich waren gewiss nicht unbedeutende Ergebnisse der Fragmentierung, das Imperium Alexanders indes bestand nicht mehr fort.

Im Gegensatz dazu gibt ein anderes Beispiel aus der Antike bezüglich des Kriteriums der Dauerhaftigkeit einen zutreffenderen Vergleichsmaßstab auf das länger als vierhundert Jahre bestehende British Empire ab: das Imperium Romanum. Roms um die sagenhaften Gestalten von Romulus und Remus kreisender Gründungsmythos und die Auseinandersetzungen mit benachbarten Städten wie Veji, in der weiteren Umgebung lebenden Stämmen wie den Samniten und anderen verweisen gleichwohl darauf, dass die imperiale Phase keineswegs bereits während des achten bis vierten vorchristlichen Jahrhunderts, sondern erst später begonnen hat. Als ein Ergebnis des Friedensvertrages, der mit Karthago am Ende des 1. Punischen Krieges 241 v. Chr. geschlossen wurde, bedeutete die Abtretung Siziliens, der sich bald darauf die Besetzung Sardiniens und Korsikas anschlossen, das römische Ausgreifen über die Appeninenhalbinsel hinaus. Die Anfänge des römischen Imperiums können somit als Schöpfung der Mittleren Republik betrachtet werden. Versteht man die Teilung in ein Weströmisches und ein Oströmisches Reich und die damit verbundene Aufhebung der Reichseinheit 395 als sein Ende, dann hatte es mehr als 630 Jahre Bestand. Stetiger Formwandel der auf Rom ausgerichteten Provinzen ließen das Römische Reich unter dem bis 117 herrschenden Cäsaren Trajan seine größte räumliche Ausdehnung erreichen. Bedrohungen der territorialen Integrität durch völkerwandernde Stämme führten schließlich zu einer Veränderung der Natur des Cäsarentums, indem das von Augustus begründete Prinzipat vom durch eine Zunahme von Zwangselementen charakterisierten Dominat gegen Ende des dritten Jahrhunderts abgelöst wurde.

Im Unterschied zum Alexanderreich haben sowohl das British Empire als auch das Imperium Romanum als Gemeinsamkeit die lange Dauer ihrer in mehrere Phasen strukturierten Existenz vorzuweisen. Wie und unter welchen Bedingungen der imperiale Aufstieg von England und Wales in der Frühen Neuzeit stattfinden konnte, wie es überhaupt möglich war, sich gegenüber den bevölkerungsreicheren „Neuen Monarchien“, vor allem dem mit dem Habsburgerreich verbundenen Spanien und Frankreich zu behaupten, ist zunächst zu klären.

Bedeutung der Ökonomie

Zwar war Philipp II. nicht mehr wie sein Vater Karl V. Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, als er ab der Mitte des 16. Jahrhunderts die Herrschaft über die Königreiche Neapel, Sizilien, Sardinien, das Herzogtum Mailand, Spanien selbst und sein Kolonialreich sowie über die Niederlande innehatte, das territoriale Portfolio mutet dennoch gewaltig an. Die offizielle spanische Staatsschuld von 20 Millionen Dukaten, die ebenfalls Bestandteil der Erbmasse waren, wird kaum Anlass zur Freude gegeben haben, doch sollte die Einverleibung Portugals und seiner kolonialen Ressourcen nach 1580 abmildernd gewirkt haben. Mehr noch: Die Ausbeutung der amerikanischen Silberminen hat dazu geführt, dass im gesamten 16. Jahrhundert einer Schätzung des Kölner Historikers Jürgen Elvert zufolge mehr als 16.000 Tonnen Silber auf spanischen Schiffen nach Europa gelangt sind (s. Jürgen Elvert, Europa, das Meer und die Welt, München 2018, S. 248). Warum ist es dennoch in Spanien 1557, 1575 und 1596 insgesamt dreimal während der Herrschaft Philipps II zum Staatsbankrott gekommen?

Es waren vorrangig die enormen Kosten von militärischen Auseinandersetzungen wie dem mit den Niederlanden von 1568 bis 1648 ausgefochtenen Achtzigjährigen Krieg, die finanziellen Aufwendungen für die Ausrüstung der gegen die Osmanen aufgebotenen Flotte in der Seeschlacht von Lepanto 1571 und zahlreichen weiteren Konflikten, die in der Summe die eigenen ökonomischen Fähigkeiten überstrapazierten. Spanien fehlte eine Zentralverwaltung und eine zentrale Legislative. Der grundbesitzende Adel Kastiliens beispielsweise bewilligte Steuern, von denen er selbst befreit war. Paul Kennedy hat weitere Hinweise auf einen in Anbetracht der vielzähligen Aufgaben und Belastungen bisweilen dysfunktional agierenden Staat gegeben: „Die alcabala (eine zehnprozentige Umsatzsteuer) und die Zölle, die zu den normalen Einkünften zählten, die servicios (Zuwendungen von den Cortes), die millones (auch eine von den Cortes bewilligte Steuer auf Lebensmittel) und die verschiedenen Kirchenabgaben, die zu den höchsten außerordentlichen Einnahmen gehörten, trafen meistens den Handel, den Warenaustausch und die Armen und verbreiteten somit Verelendung und Unzufriedenheit und entvölkerten das Land durch Emigration.“ (s. Paul Kennedy, Aufstieg und Fall der großen Mächte, Frankfurt 2000, S. 100)

Der Zenit spanischer Bedeutung war überschritten, als 1659 im Pyrenäenfrieden Gebietsabtretungen nicht unbeträchtlichen Umfangs an Frankreich akzeptiert wurden. Damit und mit dem Regierungsantritt Ludwig XIV. nach dem Tod Kardinal Mazarins zwei Jahre später kündigte sich stattdessen der Aufstieg einer neuen kontinentaleuropäischen Hegemonialmacht an, der des absolutistischen Frankreichs. Während auf einer allgemeineren Ebene das Zeitalter der von religiösen Zwistigkeiten bestimmten Glaubenskriege in der Mitte des 17. Jahrhunderts sein Ende gefunden hatte, zeichnete sich ab, dass in zukünftigen zwischenstaatlichen Auseinandersetzungen militärischer Art nationale und säkulare Interessen den Ausschlag geben würden.

Für den Aufstieg und die weitere Konsolidierung des ersten British Empire, das unter den Königen aus dem Hause Stuart nicht minder als andere Staaten in viele auswärtige Konflikte verwickelt war, wurden zu jener Zeit Umstände und Tatsachen entscheidend, die der Oxford-Historiker Peter Dickson 1967 in „The Financial Revolution in England: A Study in the Development of Public Credit 1688 – 1756″, als zukunftsweisend und maßgeblich herausgearbeitet hat.

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Union Jack, Nationalflagge des Vereinigten Königreichs seit 1801

Die seit 1651 vom englischen Parlament beschlossenen sogenannten Navigation Acts, Schifffahrtsgesetzen mithin, deren Zielsetzung darin bestand, die niederländische Konkurrenz im maritimen Zwischenhandel zu blockieren, würde man in diesem Zusammenhang wohl eher der Wirtschafts- und Handelspolitik zuordnen. Ihre nicht von der Hand zu weisende Bedeutung lag darin, dass Güter aus Kolonien des älteren Empire ausschließlich auf englischen Schiffen mit englischen Besatzungen auf die britischen Inseln verbracht werden durften. Ansonsten bewegte man sich während des 17. und 18. Jahrhunderts auf den Pfaden der allgemein anerkannten merkantilistischen Wirtschaftstheorien.

Mit finanzieller Revolution ist vielmehr die Schaffung eines organisatorischen und institutionellen Rahmens gemeint, der in konfliktreichen Zeiten geeignet war, den finanziellen Anforderungen und Begehrlichkeiten eines frühneuzeitlichen Staatswesen auf möglichst sachgerechte Weise zu begegnen. Zur ordnungsgemäßen Verwaltung und Regulierung der Staatsschulden und zur Beschaffung möglichst günstiger Kredite wurde 1694 die Bank of England gegründet. In Spanien und Frankreich sollte jeweils ein Jahrhundert vergehen, bis mit einer eigenen Zentralbank gleichgezogen wurde. Die Gründung der Banco de España 1782 ging derjenigen der Banque de France 1800 voraus. Im Ergebnis bedeutete dies für das British Empire, dass selbst nach endgültigem Verlust der nordamerikanischen Kolonien 1783 nur 3 Prozent Zinsen auf die Staatsschulden zu leisten waren, während die französischen Staatsanleihen mehr als doppelt so hoch verzinst werden mussten. Die Französische Revolution wenige Jahre später ist nicht zuletzt als Resultat zerrütteter Staatsfinanzen zu betrachten.

Damit war Frankreichs Bedeutung auf dem europäischen Kontinent nicht perdu. Indessen: Für die Rückerlangung wesentlicher kolonialer Positionen in Indien und Nordamerika, die Frankreich bis zum Ende des Siebenjährigen Krieges 1763 innehatte, fehlten die Mittel. Wie eigentlich zu allen Zeiten konnte man sich von der Richtigkeit der Aussage „pas d‘ argent, pas de Suisse“ überzeugen. Nutznießer der Malaise sollte das British Empire sein.

Fortsetzung folgt!

Bildnachweis©Pixabay

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