Buchbesprechung: „Die Briten und Europa“ von Brendan Simms

Wendungen und Volten hat es inzwischen einige gegeben, seitdem die wahlberechtigten Bürgerinnen und Bürger des Vereinigten Königreichs per Referendum im Juni 2016 ihrer Mitgliedschaft in der Europäischen Union ihr good-bye in Aussicht gestellt haben. Bis die letzten Tischtücher rechts- und regelkonform zerschnitten sein werden, wird vermutlich  noch viel Wasser die Themse hinunterfließen.

Wer abseits medienwirksamer Tagesaktualitäten geschichtlich begründete Zusammenhänge im Verhältnis zwischen den Bewohnern der Britischen Inseln und denen Kontinentaleuropas erschließen und verstehen möchte, hat seit März 2019 die Möglichkeit, die neueste Arbeit von Brendan Simms zu Rate zu ziehen. Das englischsprachige Original ist im April 2016 bei Allen Lane erschienen, die deutsche 343 Textseiten umfassende Übersetzung von Klaus-Dieter Schmidt hat nunmehr der Verlag DVA vorgelegt. Erfrischend im Ausdruck, gut lesbar und wohltuend unprätentiös wird ein zeitlicher Rahmen abgesteckt, der vom Mittelalter bis in die unmittelbare Gegenwart reicht. Der inhaltliche Schwerpunkt liegt entsprechend dem Arbeitsgebiet von Brendan Simms – er lehrt Geschichte der Internationalen Beziehungen in Cambridge – im Feld der klassischen Politik-, Verfassungs- und Rechtsgeschichte. Kultur- und sozialgeschichtliche Bezüge stehen somit nicht im Mittelpunkt der Betrachtung.

Hastings und danach

In der Person Wilhelm des Eroberers, William the Conqueror, bündeln sich bereits vor fast eintausend Jahren Wohl und Wehe des gemeinsamen europäischen Beziehungsgeflechts. Der um 1027/28 in Falaise geborene Herzog der Normandie wurde noch im Jahr seines bedeutenden Sieges bei Hastings 1066 am Weihnachtstag in der Westminster Abbey zum englischen König gekrönt. England und Frankreich waren damit durch dynastische Wechselwirkungen für die kommenden Jahrhunderte territorial miteinander verwoben. Wie dicht, das wird bei Simms anschaulich sichtbar: „In vormoderner Zeit war das Segeln die schnellste Fortbewegungsart, weshalb Frankreich und Flandern von London aus weit näher lagen als Nordengland. Der Ärmelkanal bildete keine Barriere, sondern eine Verbindung über das „Enge Meer“ hinweg. (…) Kanalhäfen wie Dover und Calais wurden deshalb als strategisch zusammengehörig betrachtet, als Bastionen gegen Europa und als Sicherheitsschleusen für den Zugang zum Kontinent. Wie eng die Beziehung war, zeigte sich darin, dass manche Hafenkapitäne der südenglischen Häfen dasselbe Amt auch in Calais innehatten.“  (s. S. 21 f.)

Es formierten sich schließlich mehrere einander überlappende englische Reiche auf französischem Boden, doch „im Lauf des 14. Jahrhunderts veränderte sich die nationale Perspektive auf die königlichen Ambitionen in Frankreich. Dies lag zum Teil an den Gelegenheiten, Ruhm und Reichtum zu erlangen. Vor allem unter Heinrich V. siedelten sich Engländer auf dem Kontinent an. Wirtschaftlich bedeutsam war insbesondere die Gascogne, wegen der riesigen Verbrauchssteuereinnahmen, die der dort erzeugte Wein der Krone einbrachte. Der Hauptgrund für das Engagement in Frankreich war jedoch die Sicherheit. (…) Um England zu Hause verteidigen zu können, so der König, benötige es eine starke Position im Ausland. Nur so sei es in der Lage, dem Feind die Stützpunkte zu versperren, von denen aus er die Süd- und Ostküste Englands angreifen könne.“ (s. S. 31)

Zwar konnte mit Calais ein letzter festländischer Außenposten bis in die Mitte des 16. Jahrhunderts gehalten werden, doch der übrige Besitz in Frankreich ging mit dem Ende des Hundertjährigen Krieges 1453 verloren. In demselben Jahr fiel mit Byzanz, dem Konstantinopel der Spätantike, der östliche Mittelpunkt christlicher Orthodoxie in osmanische Hände, gewissermaßen als Vorzeichen dafür, dass Fragen des rechten Glaubens und der richtigen Religion noch mehr ins Zentrum von Auseinandersetzungen rücken würden als sie es ohnehin schon taten. Dem allgemeinen Aufruf zum Kreuzzug von Papst Leo X. mochte König Heinrich VIII. Tudor 1518 nicht entsprechen. Vor der mit der Suprematsakte von 1534 erfolgenden Begründung der anglikanischen Staatskirche und der damit vollzogenen Abspaltung von Rom war die Beziehung zum Heiligen Stuhl dennoch intakt genug, dass englische Diplomaten mithalfen, ein gegen den Kaiser des Heiligen Römischen Reiches gerichtetes Bündnis aus Frankreich, Venedig, Mailand, Florenz und dem Papst zu schmieden: die Heilige Liga von Cognac, 1526. (s. S.49f.) In der Interpretation von  Brendan Simms heißt es dazu: Damit dürften zum ersten mal zwei Themen angesprochen worden sein, die Konstanten in der englischen und später der britischen Strategiedebatte bilden sollten: die Furcht vor der Dominanz einer einzigen Macht auf dem Kontinent und Englands Rolle als Schlichter und Vermittler. Mit anderen Worten, die Sicherheit Englands hing nicht mehr von einer Vielzahl von Beziehungen zum Kontinent ab, sondern vom Zustand Europas als Ganzem.“  (s. S. 50)

Älteres und Klassisches Empire

Verbunden mit dem Auf- und Ausbau des überseeisch neue Kontinente in den Blick nehmenden British Empire, das üblicherweise eine Einteilung in das bis zum Verlust der nordamerikanischen Kolonien datierende Ältere Empire und das sich anschließende Klassische Empire erfährt, sind charakteristische Wesensmerkmale, die Jahrhunderte überdauern sollten. Dazu gehören etwa das Suchen und Finden von Verbündeten in Europa, die mithelfen, die eigenen Interessen besser wahrnehmen zu können. Eines der bekanntesten Beispiele dafür ist der Preußenkönig Friedrich II., der während des Siebenjährigen Krieges 1756-1763 die Schlachten auf dem Kontinent gegen die eigenen, aber ebenso die britischen Feinde schlug. Durch die aus Großbritannien gewährte logistische Unterstützung und beträchtliche Finanzhilfen war es Preußen möglich, seine in der Erringung des Großmachtstatus verankerten Ziele zu verwirklichen, während Londons Emissäre, Kaufleute und Soldaten die Zeit wirkungsvoll nutzten, um die britischen kolonialen Positionen in Indien, der Karibik und Nordamerika auszubauen. Vorwiegend zu Lasten des damaligen Hauptkonkurrenten Frankreich.

Welche Perzeptionen dabei vorherrschend waren, mutet durchaus überraschend an. „Das zeitgenössische englische Vokabular spiegelte die zentrale Rolle Europas wider, am auffälligsten bei der Benutzung der Worte „empire“ und „electorate“Ihre heutige Bedeutung erhielten diese Begriffe im 19. Jahrhundert. Wenn Engländer des 18. Jahrhunderts vom „empire“ sprachen, meinten sie kein Weltreich, in dem die Sonne nicht untergeht, sondern das Heilige Römische Reich. Und mit „electorate“ war keine Wählerschaft gemeint, deren Stimmen britische Politiker gewinnen wollten, sondern das Kurfürstentum Hannover, mit dem Großbritannien dynastisch verbunden war und in das der König und „elector“ (Kurfürst) regelmäßig reiste. (…) Kurz, die britischen Staatsmänner des 18. Jahrhunderts lebten, jedenfalls vor 1760, immer noch in einer eurozentrischen Welt.“ (s. S. 87)

Bis zum Regierungsantritt Queen Victorias 1837 waren Großbritannien und Hannover schließlich in Personalunion miteinander verbunden. Das mittelalterliche normannische Beispiel war wie planvoll auch immer in ein neuzeitliches Nachfolgemodell gedeihlicher dynastischer Kooperation übergegangen, das dabei geholfen hat, die Straße von Dover ideell und praktisch zu überbrücken.

Dennoch haben seit jener Zeit zwei widerstreitende politische Prinzipien, die ihre Auswirkungen bis in unsere Gegenwart und in tagesaktuelle Diskussionen zeigen, die Agenda bestimmt. Die Befürworter der auch als „blue water policy“ bekannten „Hochsee“-Strategie wollten das Glück auf den Meeren suchen, indem sie eine Stärkung kommerzieller Interessen durch Förderung von Handelsaktivitäten vorzugsweise mit den Kolonien – heute mit den zum Commonwealth gehörenden Ländern – und einen Ausbau der Royal Navy zum Schutz derselben favorisierten. Demgegenüber standen die Stimmen, die ein aktives Eingreifen in Europa forderten, sobald das mühsam austarierte Gleichgewicht der Mächte allzu starken Schwankungen und Belastungen ausgesetzt erschien. Anders formuliert: Teilhabe, Teilnahme und Integration sind für diese Denkrichtung stets wichtiger gewesen als Verharren in Isolation.

Jüngste Vergangenheit und Gegenwart

Das siebte Kapitel von „Die Briten und Europa“ ist den Auseinandersetzungen der beiden Weltkriege des 20. Jahrhunderts gewidmet. In beiden Konflikten hat das Vereinigte Königreich seine überragenden Fähigkeiten, Verbündete zu finden und für ein gemeinsames Ziel zu aktivieren, eindrucksvoll und nachdrücklich unter Beweis gestellt. Der Autor gelangt in diesem Kontext sogar zu der Einschätzung: „Der Zweite Weltkrieg war Höhepunkt und Rechfertigung der britischen Geschichte.“ (s. S. 243)

Die Position und Bedeutung des Vereinigten Königreichs in der Welt von heute hat der Historiker Paul Kennedy mit guten Gründen, die allesamt im „Aufstieg und Fall der großen Mächte“ nachgelesen werden können, als die einer mittelgroßen Macht beschrieben. Brendan Simms gelangt zu einer eindeutig optimistischeren Einschätzung. Mit Verweis auf Frankreich, das er in den gemeinsamen Rahmen der Eurozone zu nachhaltig eingebunden sieht, verweist er darauf, dass Großbritannien immer noch ein souveräner Staat sei (s. S. 302). Für Simms handelt es sich damit im Ergebnis um die letzte europäische Großmacht.

Fazit

Sicherlich wirken einige Thesen des Buches sehr steil und gewagt. Wenn etwa auf der Grundlage des Beitrags aus The Daily Telegraph „UK Economy to Overtake Both Japan and Germany“ vom 26. Dezember 2015 prognostiziert wird, dass das Vereinigte Königreich in den nächsten zwanzig Jahren zur drittgrößten Wirtschaftsmacht der Welt aufsteigen soll (s. S. 301), dann befallen wohl nicht nur diesen Rezensenten gelinde Zweifel. Andererseits trägt gerade der vom Autor beschrittene Weg die historische Tiefendimension aufzuzeigen viel dazu bei, auf dem Kontinent ein besseres Verständnis für die Befindlichkeiten der englischsprachigen Nordseeinsulaner herzustellen. Möglicherweise das richtige Buch zur rechten Zeit!

 

 

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