Buchbesprechung: „Die Grosse Illusion“ von Eckart Conze

Einer gängigen Definition gemäß handelt es sich bei einer Illusion um eine beschönigende, dem Wunschdenken entsprechende Selbsttäuschung über einen in Wirklichkeit weniger positiven Sachverhalt. Träume gehen demnach nicht in Erfüllung, sondern enden als zerplatzte Hoffnungen.

Welche Illusionen man sich vor einhundert Jahren gemacht hat und welche Hoffnungen dabei zerplatzt sind, davon berichtet der Marburger Historiker Eckart Conze in seinem im Oktober 2018 im Siedler-Verlag erschienenen neuesten Werk. Der Untertitel „Versailles 1919 und die Neuordnung der Welt“ verweist auf die dortige Friedenskonferenz am Ende des 1. Weltkriegs als inhaltlichen Schwerpunkt.

Wege in den 1. Weltkrieg

Die  Darstellung des Verlaufs dieses Ringens der Völker und Nationen ist dabei nicht Conzes Anliegen. Wer sich in diesem Sinne umfassend informieren und weiterbilden möchte, dem sei an dieser Stelle das opus magnum von Jörn Leonhard (Die Büchse der Pandora. Geschichte des Ersten Weltkriegs, München 2014) ans Herz gelegt. So wenig jedoch die römisch-katholische Kirche das Omega ohne das Alpha denken kann, so wenig kann Eckart Conze den Friedensschluss analysieren, ohne auf die Gründe des Kriegsausbruchs einzugehen. Artikel 231 des Friedensvertrages hat dazu ja schließlich unmißverständlich festgestellt: „Die alliierten und assoziierten Regierungen erklären, und Deutschland erkannt an, daß Deutschland und seine Verbündeten als Urheber für alle Verluste und Schäden verantwortlich sind, die die alliierten und assoziierten Regierungen und ihre Staatsangehörigen infolge des ihnen durch den Angriff Deutschlands und seiner Verbündeten aufgezwungenen Krieges erlitten haben.“

Der Autor zeichnet daher die innerdeutsche um den vermeintlich ungerechtfertigten Kriegsschuldvorwurf kreisende Debatte im Zentrum nach, die erst spät in neues Fahrwasser gelangt ist und mit der sogenannten Fischer-Kontroverse die noch junge Bundesrepublik nachhaltig beschäftigen sollte. In den Worten Conzes heißt es dazu: „Das änderte sich erst in den 1960er Jahren, als Fritz Fischer die Politik des Kaiserreichs vor 1914 neu beleuchtete und den Weg in den Krieg nicht als Verkettung unglücklicher Umstände und Missverständnisse darstellte, sondern als Ergebnis einer planvollen Politik, die den Krieg wollte und suchte, um eine deutsche Hegemonie in Europa zu errichten und einen siegreichen Krieg dafür zu nutzen, das Kaiserreich autoritär zu transformieren und dadurch die traditionellen preußisch-deutschen Machteliten zu stabilisieren. Fischers Thesen lösten eine hitzige Debatte über die deutsche Kriegsschuld aus, von der auch die Bewertung des Versailler Vertrags nicht unberührt blieb. Denn wenn das Kaiserreich den Krieg gesucht und herbeigeführt hatte, musste dann nicht der Versailler Vertrag in einem anderen Lichte erscheinen? Musste man ihn dann nicht stärker als zuvor als einen Versuch verstehen, einen deutschen „Griff nach der Weltmacht“ zu verhindern und damit einen neuen Krieg?“ (s. S. 13f.)

Im scheinbaren Widerspruch dazu bewegt sich die aus den „Schlafwandlern“ bekannte Analyse Christopher Clarks aus dem Jahr 2012. In „Die Grosse Illusion“ erfährt man dazu: „Die Frage nach der Verantwortung für den Krieg und erst recht die Frage nach der Kriegsschuld hält der australische Historiker für nicht weiterführend und problematisch, weil ein „schuldorientiertes Untersuchungsmodell oft mit Vorurteilen einhergeht“. Clark kehrt deshalb zurück zu einer Interpretation, die den Beginn des Ersten Weltkriegs als Systemversagen deutet, als Resultat von Veränderungen im internationalen System der europäischen Mächte und einer politischen Komplexität, mit der die handelnden Akteure in der Situation des Juli 1914 überfordert gewesen seien. Was bedeutet eine solche Bewertung, die sich wieder der Einschätzung von David Lloyd George aus dem Jahr 1933 annähert, für unser Urteil über den Vertrag von Versailles? Folgte dem falschen Krieg der falsche Frieden?“ (s. S. 14)

Vielleicht lassen sich die Widersprüche der beiden Erklärungsmodelle weitgehend überwinden, wenn diese nicht als gegensätzlich, sondern als komplementär begriffen werden.

Wege aus dem 1. Weltkrieg

Mit der Unterzeichnung des Waffenstillstands von Compiègne am 11. November 1918 waren die Kampfhandlungen nach mehr als vier Jahren zu einem Ende gelangt. Die erfolglos verpufften deutschen Frühjahrsoffensiven und sich anschließenden Gegenangriffe der Alliierten brachten zuvor die Westfront derart ins Wanken, dass seitens der Obersten Heeresleitung (OHL) die Reichsregierung ersucht worden ist, sehr zügig entsprechende Verhandlungen in die Wege zu leiten. Waren innerhalb der deutschen Bevölkerung bestehende Hoffnungen auf einen milden oder versöhnlichen Friedensschluss, nachdem von militärischer Seite jahrelang große Siege versprochen worden waren, realistisch? Immerhin konnte auf eine „demokratische Transformation des Kaiserreichs“ (s. S. 87) verwiesen werden, der Regimewechsel von der Monarchie zur Republik war vollzogen worden. Doch deren Brüchigkeit und Fragilität waren nicht zu übersehen.

Welche geographische Perspektive hätte eine noch einzuberufende Friedenskonferenz zu entwickeln? Eine allein mitteleuropäische würde den Ereignissen globalen Ausmaßes nicht gerecht werden können. Nicht weniger als eine neue Weltordnung war zu errichten.

Völkerbund

Mit im Gepäck hatte der 28. Präsident der USA, Woodrow Wilson, als er am 13. Dezember 1918 an Bord der George Washington in der französischen Hafenstadt Brest eintraf, seine Vorstellung von einem Weltbund des Friedens: dem Völkerbund. Aufgabe der Völkerbundskommission, die erstmals am 3. Februar 1919 in Paris unter dem Vorsitz Wilsons zusammentrat, sollte die zukünftige Friedenssicherung zwischen den Staaten durch Bildung einer internationalen Organisation werden.

Gewiss ist der offiziell bis 1946 bestehende Völkerbund für eine Reihe von Erfolgen namhaft zu machen, etwa bei der internationalen Zusammenarbeit im Gesundheitswesen. Er steht jedoch ebenso für die Inthronisation des Mandatssystems. Die deutschen Kolonien in Afrika, Asien und der Südsee und die nichttürkischen Gebiete des mit den Mittelmächten verbündeten Osmanischen Reiches sollten neu verteilt werden, und zwar vor allem an die Siegermächte Frankreich, Großbritannien, Italien und Japan.

Eckart Conze weist darauf hin, dass viele Konflikte im Nahen und Mittleren Osten hier ihre Wurzeln haben (s. S. 257 ff.) und gelangt abschließend zu der Bewertung: „In ebenso genial-schöpferischer wie perfider Weise sorgte das Mandatssystem dafür, dass das insbesondere von den USA vertretene Ziel eines nichtannexionistischen Friedens nicht beschädigt wurde und doch zugleich territoriale Expansion möglich blieb. In ähnlicher Weise ließ sich der Imperativ des Selbstbestimmungsrechts der Völker aufrechterhalten, dem auf dem Papier die Mandate nicht widersprachen, im Gegenteil: Der Weg zur nationalen Selbsbestimmung, so ließ sich argumentieren, er führte über die Mandate. So rettete die Pariser Konferenz die europäischen Imperien, denen der Völkerbund gleichsam eine neue Legitimation schenkte…“ (s. S. 275)

Frieden

Einhundert Jahre zuvor war die Zeit der Napoleonischen Heimsuchungen weiter Teile Europas mit dem Wiener Kongress 1814/15 beendet worden. Selbstverständlicher Teilnehmer der Verhandlungen war der französische Staatsmann Talleyrand, dessen diplomatisches Geschick und Finesse geradezu sprichwörtlich geworden sind. Nur wenige Jahre später auf dem Aachener Kongress 1818 war Frankreich wieder im Kreis der europäischen Großmächte aufgenommen, das System des Gleichgewichts der Mächte, die Pentarchie, erfolgreich etabliert.

Eine deutsche Delegation hat an den Friedensverhandlungen von Versailles 1919 gar nicht erst teilnehmen dürfen. Zu groß waren die Verwüstungen, die in Nordfrankreich und Belgien im Zeichen eines totalen Krieges nach industriellen Maßstäben angerichtet worden sind. Zu sehr befürchteten die Alliierten Einflußnahme und Spaltungsversuche ihrer Koalition. Insofern durfte man lediglich einen Friedensvertragsentwurf am 7. Mai 1919 entgegennehmen, der ultimativ bis zum 28. Juni 1919 zu unterschreiben war.

Livius hat einst mit Blick auf die von Brennus besiegten Römer sein berühmtes „Vae victis!“ gesprochen. Der Historiker Conze beurteilt Versailles wie folgt: „Der Versailler Vertrag war zweifellos ein Diktatfrieden, die Deutschen hatten bei seiner Ausgestaltung keinerlei Mitspracherecht, aber er war kein  „karthagischer Frieden“, wie es seit 1919 im Anschluss an Jan Smuts und John Maynard Keynes immer wieder hieß. Karthago wurde in drei Kriegen vollständig zerstört, der punische Staat existierte danach nicht mehr. Davon konnte mit Blick auf Deutschland 1919 keine Rede sein. Zwar verlor das Deutsche Reich fast ein Siebtel (43000 Quadratkilometer) seines Staatsgebiets (ohne die Kolonien) und etwa zehn Prozent seiner Bevölkerung (etwa 6,5 Millionen Einwohner, einschließlich nichtdeutscher Bevölkerungsanteile), zwar büßte es rund 15 Prozent der landwirtschaftlichen Produktion, ein Drittel seiner Kohlevorkommen und mehr als die Hälfte seiner Eisenerzvorkommen ein und wurde durch die unmittelbar festgelegten Reparationsleistungen (Auslieferung fast der ganzen Handelsflotte, elf Prozent des Rinderbestandes, Kohlelieferungen an Frankreich, Belgien, Luxemburg und Italien in Höhe von 40 Millionen Tonnen pro Jahr) wirtschaftlich extrem geschwächt. Aber es blieb nicht nur als Staat, sondern als europäische Macht – ganz anders als 1945 – erhalten.“ (s. S. 378)

Fazit

Wer mehr über die Situation 1918/19 erfahren möchte, die entscheidenden politischen Akteure und die sie bestimmenden Umstände, auch innenpolitische Zwänge kennenlernen will, wird in „Die Grosse Illusion“ einen überaus sachkundigen Begleiter finden.

 

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